Das Gravelbike glänzt immer wieder als vielseitiges Fahrrad, denn es ist für den Einsatz auf unterschiedlichsten Untergründen konzipiert. Trotz des vorgesehenen Offroad-Einsatzes kommen Gravelbikes, bis auf wenige Ausnahmen, ohne Federung. Die Dämpfung übernehmen in der Regel die volumnösen Reifen, doch diese Dämpfung kann aus verschiedenen Gründen manchmal nicht ausreichend sein.
Wer lieber auf etwas schmaleren Gravelreifen unterwegs ist, oder aus Gewichtsgründen mit mehr Luftrdruck fahren muss, kann auf groben Schotterpisten ganz schön Durchgerüttelt werden. Es gibt also genug Gründe, die für eine zusätzliche Federung am Gravelbike sprechen. Wir haben unterschiedliche Federungssysteme zum Nachrüsten getestet.
Federung am Gravelbike: Pro und Contra
Eine Federung am Gravelbike bietet einige Vorteile, insbesondere bei langen und anspruchsvollen Touren:
- Komfort: Eine zusätzliche Federung dämpft Erschütterungen und Stöße auf unebenen Straßen und im Gelände nochmal mehr ab. Das erhöht den Komfort während der Fahrt und sorgt dafür, dass der Fahrer nicht so schnell erschöpft.
- Kontrolle: Eine Federung kann die Kontrolle über das Gravelbike verbessern. Der Vorderreifen bleibt besser am Boden, was das Handling und die Traktion in den Kurven verbessert.
Allerdings gibt es auch einige Nachteile bei der Verwendung einer Federung am Gravelbike:
- Gewicht: Eine Federung erhöht das Gewicht des Fahrrads und kann somit den Transport erschweren oder die Leistung beeinträchtigen.
- Wartung: Eine Federung erfordert regelmäßige Wartung und Pflege, um einwandfrei zu funktionieren. Dies kann zusätzliche Zeit und Geld erfordern.
- Effizienz: Eine Federung kann auch die Effizienz des Fahrrads beeinträchtigen, insbesondere bei steilen Anstiegen oder in schnellen Kurven. Im Wiegetritt absorbiert sie auch Teile der Kraft, die der Fahrer ausübt, und somit geht ein Teil der Energie verloren.
Im Wald kann man mit einem Gravelbike problemlos an den meisten Mountainbikern vorbeiziehen. Dies liegt unter anderem daran, dass das Gravelbike für solche gemäßigten Strecken auf das Wesentliche reduziert wurde. Es ist eine effiziente Maschine, bei der die Arme und Beine des Fahrers die Dämpfung übernehmen, zumindest bei gröberen Unebenheiten. Die voluminösen Reifen erledigen den Rest der Arbeit.
Je nach Gelände, Fahrzeit oder individuellen Komfortvorlieben des Fahrers reicht dies jedoch nicht immer aus. Gelegentlich findet man Modelle, die wieder “echte” Federungselemente aufweisen. Dazu gehören in erster Linie Federgabeln, aber auch Dämpfer zwischen Gabel und Rahmen sowie Elastomer-Pads, die in den Hinterbau integriert werden. Man könnte sogar sagen, dass die bewusst stark flexende Sattelstütze am Rose Backroad und der “schwimmend” gelagerte Rahmenknoten am Hinterbau des Trek Checkpoint in der Carbonvariante ebenfalls eine Form der Federung darstellen.
Konzept von gefederten Gravelbikes
Wer seinem Gravelbike zusätzlichen Komfort verleihen möchte, muss sich darauf einstellen, dass es nicht einfach ist, nachträglich Änderungen vorzunehmen. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel eine gefederte Sattelstütze, vorausgesetzt die originale Stütze hat einen runden Durchmesser. Bei Modellen mit einem flachen Sitzrohrwinkel unter 73,5 Grad kann diese Anpassung gut funktionieren, allerdings spürt man das zusätzliche Gewicht in diesem Bereich des Fahrrads recht deutlich. Wer hingegen eine Federgabel nachrüsten möchte, verändert die gesamte Geometrie des Rades.
Ein im letzten Jahr getestetes Gravelbike mit Federgabel erwies sich als äußerst nervös und schlecht ausbalanciert. Es stellte sich heraus, dass der Rahmen nicht für den Einsatz einer Federgabel konstruiert war. Neben der Reifenfreiheit führen die Federbeine nämlich zu einer Erhöhung des vorderen Rahmenteils. Um eine gute Fahreigenschaft zu gewährleisten, muss die Geometrie von Anfang an auf den Einsatz einer Federgabel abgestimmt sein.
Um den Lenker besser abzufedern, gibt es verschiedene Optionen. Eine Möglichkeit ist der gefederte Vorbau von Kinekt, der mittlere Schläge dämpft. Allerdings kann er auch zackige Lenkbefehle und harte Antritte etwas beeinträchtigen. Für mehr Komfort an den Händen bieten sich Ergon Gelpads an, die unter das Lenkerband gewickelt werden und Stöße etwas abmildern können. Eine kostengünstigere Alternative zum extra gepolsterten Lenkerband ist es, einfach zwei Lagen günstiges Band zu wickeln.
Hersteller wie Canyon, Giant, Trek, Specialized, YT oder BMC haben ihre gefederten Gravelbikes aufgrund der Nachrüstproblematik komplett neu konstruiert. Sie haben innovative und geniale Lösungen entwickelt, um den Komfort zu verbessern. Obwohl der arretierbare flache Dämpfer zwischen Gabelkrone und Steuerlager bereits in den 90er Jahren bei Straßenrennrädern eingesetzt wurde, um auf rauen Pflasterstraßen in Frankreich gute Dienste zu leisten. Dieser Dämpfer passt perfekt zum Gravelbike.
Muss man bei gefederten Gravelbikes immer Kompromisse eingehen?
Die Federung eines Fahrrads ist in der Regel ein Kompromiss. Hersteller wie Giant, Koga und Canyon haben in unserem Test gute Punkte gesammelt, indem sie bewusst etwas flexiblere Standardkomponenten verwendet haben. Diese Komponenten, wie biegsame oder geteilte Sattelstützen, extradünne Streben im Hinterbau oder weichere Lenkerbügel, beeinträchtigen das Fahrverhalten des Fahrrads kaum negativ, bieten jedoch eine gewisse Dämpfung von Bodenwellen. Auch Rahmen mit guten Komfortwerten tragen dazu bei.
Wenn echte Dämpfungselemente wie Luftbälge oder Schraubenfedern verwendet werden, ermöglicht dies größere Federwege und eine bessere Kompensation von Unebenheiten. Allerdings erhöht sich dadurch auch das Gewicht des Fahrrads, es können zusätzliche Bauteile kaputtgehen und das Handling verändert sich. Bisher gibt es noch keine Gravelbikes mit vollgefedertem Rahmen. Laut Giant sind Fullys im Leichtbau-Segment nicht mehr erhältlich, da der bewegliche Mechanismus markenübergreifend nicht die gewünschte Zuverlässigkeit aufwies.
Ob solche prominenten Federelemente am Gravelbike wirklich notwendig sind? Die Antwort ist: Es kommt darauf an! Es hängt vom Einsatzzweck ab, ob der Komfort oder die Dynamik des Fahrrads wichtiger ist. Bei den meisten Modellen wird man keine Federgabeln finden, allerdings werden sie auch selten auf anspruchsvollem Gelände eingesetzt. Jedoch können sie eine Alternative sein, wenn man Touren mit unbekanntem Terrain fährt oder ein Pendlerbike braucht. Unauffällige “Addons” wie beim BMC oder Cinelli könnten sich weiter verbreiten, da sie weder das sportliche Erscheinungsbild des Bikes verändern noch das Handling beeinträchtigen. Merke: Wenn man ständig durchgeschüttelt wird, kann dies genauso ermüdend sein wie das Pedalieren selbst.
Federung aus den 90ern
Das Specialized Diverge STR zeichnet sich durch sein konzeptionelles Design aus. Es verwendet einen Dämpfer unter dem Steuerrohr, ähnlich wie der beschriebene aus den 90er Jahren. Eine innovative Neuerung ist der auf den Sattel wirkende Dämpfer. Dieser befindet sich horizontal im Oberrohr und ist mit der extra langen Sattelstütze verbunden, die im Bereich des Tretlagers beweglich gelagert ist. Der Dämpfer kann sich bis zu zwei Zentimeter in beide Richtungen bewegen, um eine optimale Federung zu gewährleisten.
Der Sattel bewegt sich auf einer kreisförmigen Bahn nach unten und hinten, während er immer die gleiche Entfernung zu den Pedalen beibehält. Dadurch geht keine Tretenergie verloren. Die Idee hinter dieser Anordnung besteht darin, dass auch Hindernisse nicht plötzlich von unten gegen das Hinterrad schlagen. Wenn beide Räder horizontal auf eine Bodenwelle, einen Bordstein oder eine Wurzel treffen, werden die Schläge in beide Richtungen abgefedert. Aktuelle Forschungen an der Sporthochschule Köln zeigen, dass dies nicht nur die Ermüdung des Fahrers verringert, sondern es auch ermöglicht Hindernisse dynamischer zu überwinden.
Gefederte Gravelbikes: Eine Übersicht
Hier eine Übersicht über einige gefederte Gravelbikes und ihre Besonderheiten:
| Modell | Preis (ca.) | Gewicht (ca.) | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| BMC Urs LT two | 6499 Euro | 9,1 kg | Micro Travel-Technologie mit Elastomer-Puffer, Coil-Feder und hydraulischer Dämpfer in der Gabel |
| Trek Checkpoint SL 5 | 3999 Euro | 9,6 kg | IsoSpeed-Modul im Rahmen für gesteigerten Sattelkomfort |
| YT Szepter Core 4 | 3999 Euro | k.A. | RockShox Rudy Ultimate-Federgabel mit 40 mm Federweg |
| Specialized Diverge STR Expert | 7000 Euro | 9,86 kg | Future-Shock 2.0 (Dämpfer im Oberrohr und Federung am Vorbau) |
| Cinelli Nemo Gravel | 5200 Euro | k.A. | Stahlrahmen mit Dämpfer unter dem Steuerrohr |
| Giant Revolt X Advanced Pro | 5999 Euro | 10,2 kg | Rockshox Rudy Ultimate-Gabel mit 40 mm Federweg, gefederte und absenkbare Sattelstütze |
Details der gefederten Gravelbikes
Das Specialized verfügt über einen Dämpfer im Oberrohr mit insgesamt 30 mm Federweg. Dieser Dämpfer wirkt aufs innere Sattelrohr und bewegt sich entlang des äußeren Rahmenrohrs. Durch den tiefen Drehpunkt, die einstellbare Dämpferhärte und die horizontale Ausrichtung soll das Fahrrad weder beim Treten wippen noch bei Bodenwellen aufschaukeln.
Einen Dämpfer zwischen Gabelkrone und Steuerrohr wie beim Cinelli Nemo hat Cannondale in den 90ern an Rennrädern schon versucht. Am Gravelbike werden sie sich wohl viel eher durchsetzen. Der hydraulische Dämpfer an der speziell entwickelten, extrasteifen HiRide Sterra-Gabel taucht bis zu 20 mm ein und ist wartungsfrei. Mehr Federweg brächte zu viel Bewegung ins System.
Klassische Federgabeln mit hydraulischen oder pneumatischen Dämpfern sieht man bisher erst an wenigen Modellen. Außerdem braucht es Rahmen mit entsprechender Geometrie und besonders leichte Gabeln mit nur 20 bis 40 mm Federweg wie die Rockshox Rudy Ultimate-Luftfedergabel am YT Szepter.
Am BMC Urs arbeitet eines der leichtesten Dämpfungskonzepte. Elastische Materialien in den Rahmen einzulassen gab‘s früher schon, Hinterbau und Sattelrohr komplett zu entkoppeln, und zwar nur dort, ist neu. Die Kettenstreben sind nicht drehbar gelagert, können dank des Elastomers aber viel freier flexen als bei starren Dreiecksformen. Führungsstäbe durch den Dämpfer verhindern seitlichen Führungsverlust.
Bei sportlichen Rädern ergeben sogenannte “Lock out”-Funktionen noch mehr Sinn als bei Geländeboliden. Mit einer Handbewegung wird die Federungsfunktion gesperrt, um auf ebenen Wegen unnötige Neigebewegungen zu verhindern. Am Specialized Diverge z. B. wird der hydraulische Dämpfer unterm Vorbau namens “Future Shock 2.0” mit einer leichten Drehung zur höher aufragenden Vorbaukappe.
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