Das Segment der Gravel Bikes hat sich in den letzten Jahren stark ausdifferenziert. Die Ansprüche, Einsatzzwecke und die Gravelbikes werden immer spezifischer: Von Modellen für den Renneinsatz, über Alltags- und Pendlerbikes bis hin zu solchen für Mehrtagestouren und Radreisen. Einige Test-Modelle erinnern von ihrer Geometrie, der Ausrichtung und der Ausstattung her an Rennräder mit breiteren Reifen beziehungsweise an Cyclocrosser - bei anderen liegt der Fokus eher auf den Parametern Fahrkomfort, Zuladung und Geländetauglichkeit.
Rahmenmaterialien im Vergleich
Angesichts des vorgegebenen Preisrahmens rollen fast ausnahmslos Räder mit Aluminiumrahmen ins Testlabor. Zwar ist die Anschaffung eines Carbonrahmens inzwischen wesentlich günstiger als noch vor einigen Jahren, nahezu jedes wettkampftaugliche Straßenrad basiert auf dem Verbundwerkstoff. Allerdings ist die Weiterverarbeitung zu einem fertigen Rahmen weiterhin aufwendiger und kostenintensiver als die eines Chassis aus Alu. Dessen Rohre werden in der Regel unter Druck in Form gebracht, dem sogenannten Hydroforming, und miteinander verschweißt.
Dank der physikalischen Eigenschaften des Leichtmetalls ist es einfacher und günstiger, fahrstabile, verwindungssteife Konstruktionen auf die Reifen zu stellen. Soll der Alu-Rahmen aber auch noch möglichst leicht sein, steigt der Aufwand wieder, und der Preisvorteil gegenüber Carbon schrumpft. Folglich behandeln fast alle namhaften Marken den Alu-Rahmenbau inzwischen eher stiefmütterlich und investieren kaum noch in Innovationen. Die günstigen Gravelbikes machen da keine Ausnahme. Voluminöse Alu-Rohre machen die Rahmen fast durchweg unerschütterlich steif und fahrstabil - aber eben recht schwer.
Dass der langlebige Werkstoff Aluminium nicht zwangsläufig hohes Gewicht zur Folge haben muss, zeigt sich andererseits am Radon. Dessen Rahmen ist vergleichsweise filigran und zählt mit rund 1800 Gramm zu den leichteren Alu-Gestellen auf dem Markt. Das neue Specialized Crux DSW ist nach unserer Kenntnis das aktuell leichteste Alu-Gravelbike (Rahmen-Set 1530 Gramm, Gesamtgewicht 9,6 Kilogramm), dafür aber teurer (2700 Euro).
Der Werkstoff Stahl kommt am Rennstahl 853 Gravel und am 8bar Tflsberg zum Einsatz. Wobei auch eine bekannte Schwäche des Materials deutlich wird: Das 8bar Tflsberg Steel V2 wiegt 11,6 Kilogramm in der Größe M - und damit 3,3 Kilogramm mehr als das leichteste Carbon-Modell dieses Testfelds: das Basic Bikes Gravelbike.
Sein Rahmenmaterial: Titan. Sein Gewicht: 9,2 Kilogramm. Der Rahmen des Kocmo besteht wie der des Falkenjagd aus Titan. Das Material überzeugt vor allem durch seine Dauerhaltbarkeit - der Werkstoff hat jedoch seinen Preis: Beide Modelle gehören mit 6700 beziehungsweise 8785 Euro zu den teuersten Rädern in diesem Vergleich.
Gewicht und Komponenten
Mit durchschnittlich fast elf Kilogramm Gesamtgewicht treten die Schotterflitzer jedenfalls nicht in der Fliegengewichts-Klasse an, im Gegenteil: Die Räder werden insgesamt immer schwerer - was auch an der Gravelbike-Evolution liegt: Immer breitere Reifen, breitere Felgen, breitere Lenker und riesige Ritzel wiegen eben auch mehr.
Neben den Rahmen-Sets haben die größtenteils einfachen Laufräder entscheidenden Anteil an den pfundigen Bikes. Die Kombi aus schlichten Alu-Felgen, breiten Stollenreifen, großer Kassette und einfachen Bremsscheiben macht bei fast allen Testrädern knapp die Hälfte des Gesamtgewichts aus. Auch innerhalb der Preisklasse eröffnen sich Qualitätsunterschiede. Hervorzuheben sind die Laufräder bei Giant und Rose, die kaum schwerer als günstige Carbonlaufräder ausfallen. Die schweren Modelle in den Bikes von Bulls, Carver oder Megamo servieren den Tuning-Tipp hingegen auf dem Silbertablett. Diese sind zwar unkaputtbar und halten ein ganzes Fahrradleben lang, machen sich aber auf der Waage und vor allem im Sattel bemerkbar.
Bis auf das Megamo ist an alle Räder Shimanos gravelspezifische GRX-Schaltgruppe geschraubt. Da sich hinter dem Kürzel allerdings ein Wust an Einzelteilen unterschiedlicher Qualität verbirgt, die wild kombiniert werden können, ergeben sich doch teils deutliche Unterschiede in der Performance. Einigkeit herrscht in dem Punkt, dass die Gänge mechanisch gewechselt werden. Bei Schaltwerk und Kassette dominieren aktuelle Zwölffach-Versionen; immerhin fast ein Drittel der Testräder ist aber noch mit älteren Zehn- oder Elffach-Ritzelpaketen ausgestattet; die Kurbelgarnituren sind mit einem oder zwei Kettenblättern anzutreffen und entstammen durchweg der einfachsten, dafür aber auch etwas schwereren Produktlinie.
Die Antriebe mit Zweifach-Kettenblatt bieten ein größeres Übersetzungsspektrum mit kleineren Sprüngen zwischen den Gängen. Die Übersetzungen sind an allen Rädern auch für Einsteiger und weniger trainierte Gravelbiker tauglich und bieten Reserven für steile Anstiege. Vorteil der Ein-Kettenblatt-Technik ist die einfachere Bedienung, außerdem ist sie weniger fehleranfällig und wartungsärmer als Schaltungen mit zwei Kettenblättern und Umwerfer.
Aber kein Vorteil ohne Nachteil: Riesige Mountainbike-Kassetten wie am Carver, Cube, Megamo und Radon kompensieren zwar das fehlende zweite Kettenblatt; die extreme Untersetzung im kleinsten Gang ist für typische Gravelbike-Touren aber zu krass. Hinzu kommen die teils sehr großen Sprünge von Gang zu Gang. Das führt zu großen Unterschieden in der Trittfrequenz beim Gangwechsel und kann beim gleichmäßigen Pedalieren stören.
Kritisieren darf man, dass an allen Rädern einfache Stahl-Bremsscheiben montiert sind, die bei Dauerbremsungen unter Volllast überhitzen und Leistung verlieren können. Einzig Merida und Rose ernten in dieser Disziplin dank riesiger 180-Millimeter-Scheiben am Vorderrad Top-Noten.
Fahrverhalten und Komfort
Beim Federkomfort, der als wichtigstes Gravelbike-Kriterium mit 30 Prozent in die TOUR-Note einfließt, wechseln Licht und Schatten. Auf dem Prüfstand können zwei Räder ergiebig punkten: Das Canyon profitiert von einer flexiblen Carbonsattelstütze, das Giant von einer speziellen Alu-Version mit aufwendiger Klemmung. Auf der Schotterpiste zehren die Räder von ihren hochwertigen Reifen, womit die meisten Modelle den geringen Rahmenkomfort ganz gut kompensieren können. Viele Hersteller wählen dafür vergleichsweise breite Gummis mit 45 Millimetern. Alle Räder rollen auf tubeless-fähigen Pneus, das komfortbetonte Giant kommt bereits ab Werk mit Dichtmilch. Die Reifen lassen sich dadurch mit weniger Druck fahren und bügeln Unebenheiten spürbar glatt.
Mit teils üppigen Reifenfreiheiten können die Bikes noch geländegängiger abgestimmt werden. Spitzenreiter ist das Giant, das dank eines verstellbaren Radstands Platz für bis zu 53 Millimeter breite Schlappen lässt. Das Focus geht noch ein Stück weiter, erfordert aber den Wechsel auf Laufräder im kleineren 650B-Format. Wichtig: Mit der Wahl breiterer Pneus ändert sich das Fahrverhalten, die ohnehin schon laufruhigen Graveler reagieren noch etwas träger auf Lenkbefehle.
Bei den Rahmengeometrien zeigt sich eine Zweiteilung in die eher komfortable oder relativ sportliche Richtung, wobei die Betonung einer vergleichsweise gestreckten Sitzposition im Test überwiegt. Wissen muss man: Die Geometrie von Gravelbikes fällt im Vergleich zum Straßenrenner grundsätzlich etwas gemäßigter aus. Selbst wettkampftaugliche Schotterfräsen grenzen sich zum Teil deutlich von aggressiven Straßenboliden ab. Auf den meisten - auch sportlichen - Gravelbikes in unserem Test sitzt man also wie auf einem Marathonrad, womit die Hersteller ein breites Publikum im Blick haben. Wer in der Preisklasse unter 2000 Euro hingegen einen Gravel-Racer mit tiefem Lenker sucht, wird - jedenfalls von der Stange - nichts finden.
Einigkeit herrscht beim Fahrverhalten. Durch lange Radstände, flache Lenkwinkel und viel Gabelnachlauf grenzen sich die Räder klar vom agilen Straßenrenner ab und liegen satt auf Feld- oder Waldweg. Weniger routinierte Radler dürften das einfache Handling zu schätzen wissen. Besonders spurtreu steuert das Merida durchs Gelände, dessen Radstand schon fast dem eines Mountainbikes entspricht.
Breite Lenker mit ausgestellten Enden fördern die Kontrolle über das Rad ebenfalls. Der sogenannte Flare, der den Ausstellwinkel des Unterlenkers beschreibt, fällt mit Ausnahme des Rose Backroad (24 Grad) bei den meisten Rädern jedoch moderat aus. Klassische Ahead-Vorbauten sowie frei zugängliche Bremsleitungen und Schaltzüge erleichtern Wartungs- und Montagearbeiten und erlauben die relativ unkomplizierte Anpassung der Sitzposition. Dass man trotz des bewährten Systems nicht zwangsläufig auf eine moderne, aufgeräumte Optik verzichten muss, zeigt rund die Hälfte der Modelle. Bei Cube, Focus, Merida, Ridley, Rose und Scott werden die Kabel unter dem Vorbau ins Steuerrohr geführt, wodurch die Räder teureren Versionen mit integrierten Lenker-Vorbau-Einheiten ähnlich sehen.
Leichte Gravelbikes unter 9 Kilogramm
Ein leichteres Gravelbike ermöglicht besseren Vortrieb und eine höhere Effizienz beim Klettern. Besonders auf längeren Anstiegen und in technischem Gelände wird jedes eingesparte Kilogramm spürbar. Gleichzeitig reduziert ein geringes Gewicht die Gesamtbelastung, was vor allem bei mehrtägigen Bikepacking-Touren ein Vorteil sein kann. Auch bei Rennen oder ambitionierten Runden, bei denen jede Sekunde zählt, kann sich ein geringeres Gewicht auszahlen.
Hier ist eine Übersicht von Gravelbikes, die weniger als 9 Kilogramm wiegen:
| Modell | Gewicht (Größe M) | Antrieb | Laufräder | Preis (ca.) |
|---|---|---|---|---|
| Wilier Triestina Rave SLR ID2 | 7,85 kg | Sram Red XPLR | Miche Graff Aero 48 | 9900 Euro |
| 1OF1 Aerogravel | 8,0 kg | Shimano Dura-Ace Di2 | 1OF1 C.45 Disc SL Ceramic | 9999 Euro |
| Megamo Silk 05 AXS | 8,7 kg | Sram Apex/X1 Eagle AXS | Fulcrum Rapid Red 300 | 3999 Euro |
| Specialized Crux Expert | 8,07 kg (Größe 56) | Sram Rival XPLR eTap AXS | Roval Terra C | 6000 Euro |
| Stevens Camino AXS | 8,5 kg (Größe L) | Sram Force AXS 1x12 | Zipp 303S | 4399 Euro |
| Rose Backroad FF GRX RX825 Di2 | 8,2 kg | Shimano GRX Di2 2x12 | Rose GC50 | 4799 Euro |
| Mondraker Arid Carbon RR | 8,6 kg (Größe M/L) | Sram Force AXS 1x12 | Mavic Allroad Pro Carbon SL | 6499 Euro |
| Giant Revolt Advanced 0 | 8,3 kg | Shimano GRX820, 2x12 | Giant CXR 2 | 4499 Euro |
| Trek Checkpoint SLR 9 AXS | 8,1 kg | Sram Red AXS 1x12 | Bontrager Aeolus RSL 37V | 12.999 Euro |
| Pinarello Grevil F7 | 8,6 kg | Sram Force AXS XPLR | Most Gravel Carbon 45 | 7200 Euro |
| Cervélo Aspero-5 Ekar | 8,5 kg | Campagnolo Ekar 1x13 | Fulcrum Rapid Red 300 | 5999 Euro |
| Canyon Grail CF SLX 8 eTap | 8,14 kg | Sram Force XPLR eTap AXS | Zipp 303 Firecrest Hookless | 5299 Euro |
| Orbea Terra M21e Team 1x | 8,4 kg (Größe L) | Sram Force AXS 1x12 | Oquo RC25 | 5999 Euro |
| Cube Nuroad C:62 SLX | 8,1 kg | Sram Force AXS & XX SL Eagle 1×12 | Newman Advanced SL X.R.25 | 4299 Euro |
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