Taube Hände beim Radfahren: Ursachen und Lösungen

Viele Freizeitradfahrer kennen das Problem: Wenn man längere Zeit im Sattel sitzt, werden die Finger taub, die Hände schlafen ein. Der Grund dafür liegt in gereizten Nerven. Dabei sind sie enorm wichtig, denn sie stützen je nach Rückenneigung (sehr aufrechtes bis sehr sportliches Sitzen) und Trainingszustand des Fahrenden einen großen Teil des Oberkörpergewichts auf dem Lenker. Anders als die Beine sind die Hände bei der Fahrt auch nicht in Bewegung. Ein suboptimaler Griff kombiniert mit einer falsche Griffhaltung sorgen insgesamt für eine falsche Sitzhaltung auf dem Rad. Das wirkt sich negativ auf das Gesamtgefühl aus. Die Nerven nicht nur in den Händen werden gereizt. Schon auf kurzen Touren können als Folge Nackenverspannungen und Rückenschmerzen auftreten.

Ursachen für Taubheitsgefühle in den Händen

Die häufigste Ursache ist hoher punktueller Druck auf deine Handinnenflächen und falsche Haltung des Handgelenks, meist ausgelöst durch unergonomische Griffe oder eine falsche Sitzhaltung. Durch den Druck werden der Medianus- und Ulnarnerv geklemmt, was zu tauben Fingern führen kann. Unangenehmes Kribbeln in Daumen, Zeige- und Mittelfinger sind Folge eines zu stark abgeknickten Handgelenks, was den Karpaltunnel verengt. Auch Blutgefäße werden durch die Gewichtsbelastung komprimiert und zu eingeschlafenen Fingern führen.

Dr. med. Im Handgelenk verläuft der Ulnaris-Nerv, der für das Gefühl im kleinen und im Ringfinger zuständig ist, durch die sogenannte Loge de Guyon. Dort ist es relativ eng, weil zwei Handwurzelknochen und einige Bänder aufeinandertreffen. Wird diese Stelle noch weiter verengt, etwa durch übermäßige Belastung wie beim Radfahren, wirkt großer Druck auf den Ulnaris-Nerv und die Weiterleitung der Impulse ist gestört. Das Resultat: Kribbeln, Taubheitsgefühl und Lähmungserscheinungen in der Hand und in den Fingern. Man spricht vom Loge-de Guyoun-Syndrom. Weil dieser Nerv für die Gefühlsversorgung des kleinen und des Ringfingers verantwortlich ist, kommt es genau dort zu Kribbelerscheinungen, dem sogenannten Loge-de-Guyoun-Syndrom. Das kommt nicht nur bei Radfahrern vor, sondern zum Beispiel auch bei Schleifern, die ebenfalls viel Druck auf das Handgelenk ausüben.

„Das kann aber genauso von intern sein, dass da was reinwächst, klassisch ein Ganglion. Dabei tritt Flüssigkeit aus dem Gelenk in den Kanal ein, wie so eine Art Ballon, und verdrängt den Nerv an die Wand. Oder auch Tumore oder Brüche.

Karpaltunnelsyndrom

Hervorgerufen werden die Schmerzen meist durch ein zu starkes Abknicken des Handgelenks, was Nerven, Sehnen und Blutgefäße komprimiert. Die Folge ist ein verengter Karpaltunnel und ein beschädigter Mediannerv, was auch als Karpaltunnelsyndrom bezeichnet wird. Damit ist nicht zu spaßen: Laut den Experten der Aktion Gesunder Rücken müssen sich in Deutschland jährlich rund 300.000 Menschen deshalb einer Operation unterziehen.

Lösungen und Präventionsmaßnahmen

Um zu verhindern, dass oben genannte Probleme auftreten, ist es notwendig, den punktuellen Druck, der während des Fahrens auf die Hände ausgeübt wird, besser zu verteilen.

Ergonomische Griffe

„Eine Lösung ist der Tausch des herkömmlichen Griffs gegen einen sogenannten Flügelgriff. Dadurch wird die Auflagefläche der Hand vergrößert und der Druck besser verteilt“, weiß Lothar Schiffner von Ergon, einem Hersteller für ergonomische Fahrradkomponenten.

Ergon Griffe sind mit Flügeln versehen, welche die Auflagefläche für deine Hände vergrößern und so den Druck besser verteilen. Die Flügel sind in ihrer Größe und Form an ihren Einsatzzweck angepasst und sorgen so effektiv dafür, dass das Handgelenk nicht abknicken kann und stets eine ergonomische Haltung einnimmt, die deinen Karpaltunnel und deine Sehnen entlastet.

„Gerade auf längeren Fahrten mit zunehmender Ermüdung ist es schwierig, die ergonomisch korrekte Position der Hand zu gewährleisten. Ein korrekt eingestellter Flügelgriff kann auch hier unterstützen und das Handgelenk in der ergonomisch optimalen Position halten, ohne dass es abknickt“, sagt Schiffner.

Breitere Griffpassagen schonen empfindliche Stellen der Hand. „Die Griffe sollte man so einstellen, dass das Handgelenk nicht am Lenker abknickt, sondern in einer geraden Linie vom Handrücken zum Unterarm übergeht. Zudem sollten die Brems- und Schalthebel vom Griff aus leicht erreichbar sein“, rät Schiffner. Bei der Einstellung hilft der Fachhändler oder eine spezielle Fitting-Box.

Übrigens: Dass moderne Griffe auf den Lenker geschraubt und nicht mehr mühsam aufgestopft werden, hilft auch sehr bei der Justage. Bei eigenen Schraubaktionen muss man allerdings immer die Drehmomentangaben der Hersteller beachten, damit der Griff nicht zu stark oder zu locker angeschraubt wird. Speziell ein zu lockerer Griff ist ein Sturzrisiko, da man schnell die Kontrolle über das Rad verlieren kann.

Lenkerform und -einstellung

Dieser Knick wird meist durch einen zu geraden Lenker hervorgerufen. „Die Lösung ist ein Lenker mit einer Biegung nach hinten. Das Handgelenk wird weniger überstreckt und der Karpaltunnel entlastet. Die Versorgung der Hand wird wieder verbessert“, erklärt Stephanie Römer vom Fahrradhersteller Tout Terrain.

Die richtige Stellung deines Lenkers ist entscheidend Eine Ursache für taube Finger könnte sein, dass, verursacht durch eine falsche Stellung auf dem Lenker, das Handgelenk nach oben wegknickt. Ist dies der Fall, so kann dies dazu führen, dass deine Muskeln, welche sich an der Unterseite des Handgelenks befinden, überdehnt werden, während zudem die Blutgefäße auf der Oberseite der Hände deutlich schlechter durchblutet werden. Somit setzt bereits nach kurzer Zeit das teilweise sehr unangenehme Kribbeln ein. Nicht nur die falsche Stellung auf dem Lenker kann dies verursachen. Häufig sind solche Taubheitsgefühle auch ein Zeichen für eine falsche Lenkereinstellung.

Der Lenker sollte nicht nur einen geraden Verlauf vorweisen, sondern eine leichte Biegung nach innen haben. Als idealer Biegungswinkel des Lenkers gilt eine Einstellung zwischen 14 und 18 Grad. Bei dieser Biegung steht das Handgelenk in einer geraden Linie zum Unterarm, sodass du das Handgelenk nicht nach innen drehen musst. Wenn der Lenker ausschließlich einen geraden Verlauf hat, wird die Außenseite deines Handgelenks durch einen Druck belastet, welcher vermieden werden sollte. Wenn du regelmäßig mit tauben Fingern zu kämpfen hast, wäre es vermutlich eine sinnvolle Investition, wenn du dir einen neuen Lenker montieren lässt.

Allgemein kannst du dich daran orientieren, dass deine Hände und die Unterarme in einer geraden Linie verlaufen sollten. Auch sollte, wie bereits erwähnt, darauf geachtet werden, dass eine Abknickung im Handgelenk verhindert wird. Durch sogenannte ergonomische Griffe fällt es leichter, die richtige Körperhaltung dauerhaft einzunehmen. Diese Griffe sind innen leicht gewölbt sowie unterfüttert und gewährleisten somit die Verteilung des Körpergewichts auf die gesamte Handinnenfläche. Zudem können sogenannte Hörnchen Abhilfe schaffen, welche außen am Lenker angebracht sind.

Auch die Höhe des Lenkers solltest du in Bezug auf das richtige Fahrrad nicht außer Acht lassen. Allgemein gilt hierbei: Umso aufrechter dein Oberkörper während des Radfahrens ist, umso weniger Druck lastet beim Abstützen auf deinen Händen. Wenn der Lenker sehr tief eingestellt ist, ist wegen der Neigung des Oberkörpers der Druck auf den Händen sowie Armen merklich höher. Ein Vorteil dieser Neigung ist, dass die Griffposition eine ergonomische Wirkung entfalten kann. Beeinflusst wird die Höhe des Lenkers durch die Anzahl der Spacer (Abstandsringe) sowie die Länge des Glasrohres und die Geometrie des Vorbaus. Heutzutage gibt es nicht nur starre Vorbauten, sondern auch welche, die eine Winkelverstellbarkeit vorweisen. Auch Vorbauverlängerungen kannst du ausprobieren. Unsere Fahrrad-Werkstatt hilft dir, deinen entsprechenden Lenker zu finden.

Barends (Lenkerhörnchen)

Als hilfreich haben sich auch Barends, also Lenkerverlängerungen, erwiesen. Die „Hörnchen“ an der Lenkeraußenseite gibt es in unterschiedlichen Größen und auch direkt in Griffe integriert. Andere Varianten lassen sich auch weiter in Richtung Lenkermitte montieren. Beide ermöglichen es, die Griffposition während der Fahrt einfach zu verändern. Beim Bergauffahren hat das Vorteile, weil dadurch die komplette Position des Oberkörpers geändert und die Muskulatur entlastet wird.

Radhandschuhe

„Gut gepolsterte Handschuhe sind für viele Radfahrer:innen angenehm. Dank der verwendeten Schaumstoff- oder Gel-Polster werden die empfindlichen Bereiche auf der Handinnenseite zusätzlich gestützt und an die Ergonomie der Griffe angepasst“, erklärt Anna Rechtern vom Outdoor-Spezialisten Vaude. Handschuhe mit einer starken Polsterung verlieren jedoch an Taktilität. Wer eine sichere Lenkerkontrolle bevorzugt, wählt eher eine dünne Innenhandpolsterung. „Das ist vor allem für sportive Fahrer im MTB- und Rennradbereich zu empfehlen“, so Rechtern.

Weitere Tipps

  • Du solltest darauf achten, dass deine Ellenbogen beim Radfahren leicht gebeugt sind, da ansonsten die Ellenbogengelenke zu stark durch dein Körpergewicht belastet werden. Durch die angewinkelte Haltung werden die Nervenbahnen entlastet, wodurch das Taubheitsgefühl vergeht.
  • Nimmst du trotzdem die ersten Anzeichen der Beschwerden wahr, kann es helfen, den Lenker loszulassen, um die Hände auszuschütteln und diese einen Augenblick hängen zu lassen.
  • Deine Sitzhaltung solltest du zudem einer Kontrolle beim Fahrradhändler unterziehen, um Fehlhaltungen ggf. korrigieren zu können.
  • Die einfachste Lösung besteht darin, dass du darauf achtest, die Halteposition während deiner Radtour häufig zu wechseln, sodass deine Hände nicht einschlafen.

Was tun, wenn die Beschwerden anhalten?

Dr. Je nach Ausprägung, je nach Stärke des Syndroms muss man den Leuten tatsächlich sagen, dass es bis zu einem halben Jahr dauern kann, bis diese Pelzigkeit in den Fingern weggeht. Dr. Bei Rainer Wingender dauerte es drei Monate, bis er seine Hand wieder benutzen konnte. Im Radlabor München hat er herausbekommen, wieso er sich den Nerv eingeklemmt hat und wie das optimale Fahrrad für ihn aussieht.

Operiert wird beim Loge-de-Guyoun-Syndrom nur in seltenen Fällen. Auch eine Kältetherapie kann helfen. Dabei wird die geschädigte Stelle oberflächlich mit Kälte behandelt, zum Beispiel mit Sprays oder Eispackungen. Dadurch wird die Aktivität von Botenstoffen verringert, die die Entzündung in Gang halten.

„Griffe sind ein wesentliches Thema beim Radfahren, die über wohl und wehe einer Tour entscheiden können. Deshalb ist es wichtig, bei Beschwerden sich Gedanken zu machen und bei Bedarf den Griff auszutauschen. Wenig Handgriffe, aber große Wirkung.“

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