Harley-Davidson E-Bikes im Test: Was können die Pedelecs von Serial 1?

Unter der Marke "Serial 1" baut Harley-Davidson nun auch E-Bikes. COMPUTER BILD hat das 4.699 Euro teure City-Bike Rush/Cty getestet und verrät, was die Harley für den Radweg kann. Ein E-Bike von Harley-Davidson? Klingt im ersten Moment wie eine Marketing-Aktion. Dabei meint es die Tochter Serial 1 mit dem selbst entwickelten Pedelec Rush/Cty durchaus ernst. Spätestens bei der Preisangabe von 4.699 Euro (UVP) ist der Spaß vorbei. Das ist mehr als das Doppelte des Preises der populären E-Bikes VanMoof S3 oder Cowboy. COMPUTER BILD hat das Serial 1 Rush/Cty getestet.

Serial 1 Rush/Cty: Cleane Optik, erster Eindruck

Design ist immer Geschmackssache. Mir gefällt das schwarze Serial 1 Rush/Cty, aber auch das graue Modell mit den farbigen Akzenten sieht schick aus. Hervorzuheben sind die cleane Optik mit dem Riemenantrieb, die unsichtbar im Alurahmen verlegten Züge, das beleuchtete Logo, die beiden coolen Rücklichter und der Ausblick beim Fahren, der über den breiten Lenker und den riesigen eckigen LED-Scheinwerfer bis zum fetten Vorderreifen schweift. Da kommt sogar ein wenig Harley-Feeling auf. Dazu trägt bei, dass das E-Bike von Anfang bis Ende einen soliden Eindruck macht. Das muss es bei einem Gewicht von 27 Kilogramm aber auch. Schleppen ist echt doof, aber beim Fahren stört das Gewicht nicht - solange der Akku hilft. Wenn man ganz nüchtern an die Sache herangeht, bleibt von Harley-Davidson letztlich nur der Schriftzug über der Tretkurbel am Rahmen. Die PR-Abteilung formuliert das so: "Zeitgemäßes Design wie die schlanke, integrierte Batterie, die erhöhten Kettenstreben und die massenzentrierte Motorposition kennzeichnen die Schönheit, die Handwerkskunst und die emotionale Verbindung, die von Harley-Davidson inspiriert wurden."

Komfort: Dicke Reifen statt Federung

Bei dem Preis dürfte man eigentlich eine Federung erwarten. Die ersten Kilometer vermitteln aber den Eindruck, dass es durchaus auch ohne geht. Doch die Kombination aus sportlichem Sattel, untrainiertem Hintern und Rumpelradwegen lassen dann doch zunehmend den Wunsch nach einer Federung aufkommen und schüren den Groll über den Zustand der Radwege. Nach der ersten Stunde im Sattel mahnt das Popometer nachdrücklich zur Nutzung der vergleichsweise gut ausgebauten Straße. Irgendwas stimmt da doch nicht: Der olle Fuß-/Radweg ist oft eine Mischung aus asphaltierter Eierpappe und kunstvoll gepflasterten Baumwurzeln. Die Piste für die luftgefederten SUVs ist im Vergleich dazu glatt wie ein Babypopo. Und da wundern sich die Autofahrer, dass die Radler das Risiko in Kauf nehmen und auf die Straße wechseln. Eine echte Wohltat und das Optimum an Fahrkomfort sind aufgemalte Pop-up-Radwege, die eine Autofahrbahn beanspruchen. Die 203 mm großen Scheiben der vorderen und hinteren hydraulischen Bremsen verzögern stets zuverlässig und gut dosierbar.

Antrieb und Fahrmodi

Ihre und die Kraft des Motors wird über einen wartungsarmen Carbonriemen an die elektronisch gesteuerte CVT-Hinterradnabe (Continuous Variable Transmission) weitergegeben. Das ist eine automatische, stufenlose Gangschaltung, die Ihre Tretbemühungen interpretiert und das Übersetzungsverhältnis anpasst. Das klappt auch recht gut. Ohne dass ich in die Tiefen der App für die Schaltung (Hardware am Rad gibt es dafür nicht) abgetaucht wäre, konnte ich in der von mir gewünschten Trittfrequenz fahren. Hier spielt die Auswahl des Fahrmodus eine große Rolle, der ohne Umwege über gummierte Plus-/Minus-Tasten am Tacho gewählt werden kann. ECO spart Energie und die Elektrounterstützung beschränkt sich auf ein Minimum. So wenig, dass ich eigentlich keinen Unterschied zu OFF feststellen konnte: Das Treten ist schwer. Ich quäle das Rad auf 15, 20 km/h. Mehr will und kann ich nicht, und das lieber auch nur ganz kurz. Bei TOUR kommt dann ein wenig Leben in den Antriebsstrang. Hier sind insbesondere Geschwindigkeiten unter 25 km/h gut zu halten. Mit SPORT geht es engagierter zur Sache, der Tacho zeigt ohne großen Kraftaufwand durchgehend Werte um 26 km/h. Der bequeme und untrainierte Pendler, der einfach nur möglichst fix und unangestrengt ins Büro fahren möchte, freut sich über BOOST. Nach einem Widerstand beim Anfahren checkt die Elektronik, dass es nun bitte vorwärts gehen soll. Der Brose-S-Mag-Mittelmotor wirft seine 90 Nm in die Waagschale (VanMoof S3: 59 Nm) und schiebt das Rush/Cty zügig auf Höchstgeschwindigkeit. Der Motor ist nur während der Beschleunigung akustisch wahrnehmbar.

25 km/h: Mehr geht kaum

Bei Höchstgeschwindigkeit angekommen, wird man einfach nicht mehr schneller. Die Regelung ist so abgestimmt, dass man nicht das Gefühl hat, gegen eine Wand zu fahren. Mehr ist für ein Pedelec leider nicht erlaubt. Aufgrund des stattlichen Eigengewichts von rund 27 Kilogramm, der fetten Bereifung und der Automatikschaltung blitzt zwar mal vereinzelt die 30 im Tacho auf, aber meist verharrt die Geschwindigkeitsanzeige bei 27,x km/h. Um schneller zu fahren, ist ein überproportional hoher Kraftaufwand nötig, der den eines normalen Rades übertrifft. Dafür ist das Rush/Cty nicht geeignet. Das äußerte sich bei der ersten Ausfahrt so, dass der Geschäftsmann auf seinem Retro-Rennrad mir trotz BOOST-Modus langsam davonfuhr und ich erst wieder aufschließen konnte, als es bergauf ging. Wind und Topografie relativiert das Rush/Cty. Tatsächlich kann man eine Stunde mit Höchstgeschwindigkeit herumfahren und steigt unverschwitzt ab. Perfekt für die Fahrt ins Büro. Für ein Bergab-Stück mitten in Hamburg loggt die App immerhin 38,24 km/h Topspeed.

Akku und Reichweite

Wenn der Akku mal zur Neige geht (oder man in OFF oder ECO fährt), wird es anstrengend. Laut Hersteller ist das je nach Fahrweise nach 56 bis 185 Kilometern der Fall. Im Test hatten wir kein Problem, dieses riesige Fenster zu treffen, und kamen bei rund 80 bis 90 Prozent im BOOST-Modus auf 78 Kilometer Reichweite. Die 26 Kilometer lange Strecke ins Büro hat bei geringem Kraftaufwand und hohem Tempo die Akkukapazität von 100 auf 70 Prozent dezimiert. Zwischen 23 und 0 Prozent lagen bei mir 16 Kilometer. Bei 10 Prozent Akkustand wird die Prozentanzeige im Tacho rot und der Elan lässt spürbar nach. Während man eben noch mit 27 km/h durch die Gegend gebraust ist, kommt man nun bei gleichem Krafteinsatz kaum noch an 20 km/h heran. Ab 3 Prozent wird die Unterstützung noch geringer. Dann verkehrt sich der sonst stetige elektrische Rückenwind in eine steife Brise von vorn und schon ab 15 km/h wird es anstrengend. So kann schon der letzte Kilometer eine schweißtreibende Angelegenheit werden, wenn man sich mit der Reichweite verkalkuliert. Bei der Einschätzung sollte eigentlich der Tacho helfen: Bei 98 Prozent Akkustand behauptet er bei ECO 34 Kilometer Reichweite, bei TOUR 16, bei SPORT 99 und bei BOOST 30 Kilometer. Das ist unschlüssig, da die Reichweite mit zunehmender Unterstützung abnehmen müsste. Da ist ein Update nötig.

Laden

Der Akku kommt mit stattlichen 706 Wattstunden (Wh). (Zum Vergleich: Ein VanMoof S3 kommt ohne Powerbank auf 504 Wh.) Eine komplette Ladung dauert 6,5 Stunden. 3,5 Stunden für die ersten 75 Prozent und 3 Stunden für die letzten 25 Prozent. Sie können das Rad über einen Anschluss am Unterrohr laden, oder den Akku entnehmen und dann etwa in der Wohnung laden, während das schwere Bike irgendwo parterre bleibt. Der Anschluss am Rad ist ein anderer als am Akku und Sie müssen erst mit einem Adapter rumstöpseln. Über dem Akku gibt es ein 0,62 Liter kleines verschließbares Staufach für Kleinkram. Angeblich soll dort ein Bordo, ein Faltschloss von Abus, reinpassen. Ein Handy tut es jedenfalls nicht.

Für Groß und Klein

Das Serial 1 Rush/Cty gibt es in vier Rahmengrößen S, M, L und XL. Bei 1,90 Meter Körpergröße habe ich mich für XL entschieden. Auf der Seite zum Rush/Cty von Serial 1 gibt es dazu einen Größenratgeber, wo man die eigenen Daten einstellen kann. Und obwohl die Daten dort für Huch Junior bei 1,62 Meter die Rahmengröße M empfehlen, klappte die Probefahrt mit XL und eingefahrenem Sattel überraschend problemlos. Natürlich ist etwas Vorsicht beim Rangieren mit dem schweren Bike geboten. Aber wer zwischen zwei Größen schwankt, kann getrost zum größeren Modell greifen.

Ausstattung

Die Ausstattung wirkt zunächst komplett. Klasse Beleuchtung, ein stabiler Ständer, klassische Klingel, schicke wirkungsvolle Schutzbleche und sogar zwei Gepäckträger (je bis 10 Kilogramm), für die man zugegebenermaßen noch Spanngummis mitbringen muss, sofern sich das Transportgut nicht von allein festhält. Sonst kann es losgehen, ohne Zubehör anschrauben zu müssen. Trotz Bluetooth und App dürfte es an der smarten Front etwas moderner zugehen. Der Name der App "enviolo" zeigt schon, dass sich hier alles in erster Linie um die Schaltung dreht. Hier können Experten die Schaltung anpassen, wobei richtige Fahrrad-Experten nach eigenem Bekunden lieber selbst schalten und die Reparaturfreundlichkeit infrage stellen. Für den Alltag wären eine Wegfahrsperre, GPS-Ortung und eine Alarmfunktion wünschenswert, die die eingangs erwähnten Bikes zum halben Preis mitbringen.

Serial 1 MOSH/CTY im Detail

Bullige Optik, lässige Sitzposition und ein starker Motor: Im Line-up von Serial 1 verkörpert das MOSH/CTY sicherlich am konsequentesten all die Eigenschaften, für die die Konzernmutter Harley-Davidson berühmt geworden ist. Zurückhaltung sieht definitiv anders aus: Mit der gut 7 cm breiten Schwalbe Super Moto-X-Bereifung, der mattschwarzen Lackierung und einem leuchtenden Serial 1-Badge an der Front sticht das MOSH/CTY deutlich aus der Masse gewöhnlicher E-Bikes heraus. Angesichts der Verwandtschaft zur Motorrad-Legende Harley-Davidson verwundert ein solch selbstbewusster Auftritt natürlich nicht wirklich - doch selbst im Vergleich zum bereits getesteten RUSH/CTY STEP THRU kommt das MOSH/CTY noch mal radikaler und eigenständiger daher. Aber nicht nur bei der Optik, sondern auch beim Antrieb setzt man auf diese Eigenständigkeit: So wird hier der 90 Nm starke Brose S Mag-Motor mit dem GATES CARBON DRIVE-Zahnriemen ganz ohne eine Getriebenabe kombiniert, was das MOSH/CTY zum Single-Speed-Bike werden lässt.

Während der Motor des Bikes recht auffällig am unteren Teil des Rahmens platziert ist, lässt Serial 1 den 529-Wh-Akku kaum sichtbar im Rahmen verschwinden. Der Rahmen des MOSH/CTY weckt in seiner Grundform durchaus Erinnerungen an ein Motorrad, die Verarbeitung mit fetten Schweißnähten unterstreicht dabei den rohen Look. Interessante Details sind die Querstrebe am Oberrohr, mit der sich das gut 21 kg schwere Bike immerhin etwas leichter anheben lässt. Zudem macht die höher gelegte Kettenstrebe eine Rahmenöffnung für den Zahnriemen überflüssig. Und wo wir schon am Heck des Bikes sind: Auf beiden Seiten des Rahmens sind eigens entwickelte Rücklichter integriert, die zudem eine Bremslichtfunktion bieten.

Dort am Lenker finden sich dann auch die beiden Bremshebel der Tektro-Bremsanlage, die mit vier Kolben arbeitet und große Bremsscheiben mit 203 mm Durchmesser verbaut hat - auch hier werden wieder Erinnerungen ans Motorrad geweckt. Komplettiert wird der Lenker von der Brose Display-Remote zur Steuerung des Antriebs. Dabei handelt es sich um einen kompakten Taster; auf ein typisches Display verzichtet Serial 1 komplett. In Summe wirkt das Cockpit dadurch sehr aufgeräumt, was durch die innen verlegten Leitungen nochmals unterstrichen wird. Die Kehrseite des puren und coolen Auftritts ist jedoch ebenso schnell ausgemacht: Eine praktische Alltagsausstattung mit Schutzblechen oder einem Gepäckträger sucht man am MOSH/CTY vergebens. Das macht das Bike zu einem eher unpraktischen Schönwetter-Bike.

Passend zum cruisen bei schönem Wetter verhält sich das Bike dann auch auf der Testfahrt: Die Sitzposition ist relativ aufrecht und bequem, wodurch sich das MOSH/CTY gut kontrollieren lässt. Die fetten Reifen bieten dabei viel Komfort, sorgen für Laufruhe und rollen selbst über gröbere Unebenheiten wie Kopfsteinpflaster noch passabel hinweg. Dass sich das Bike dabei aber auch recht direkt anfühlt, liegt an seiner guten Straßenlage dank tiefem Schwerpunkt und an dem recht schmalen Lenker. Er setzt schon kleine Lenkbewegungen unmittelbar um, wodurch man zügig durch die Kurven zirkeln kann.

In Summe bietet das MOSH/CTY mit diesen Eigenschaften einen guten Kompromiss aus Laufruhe und Agilität, mit dem auch Leute klarkommen, die nur zwischendurch mal Fahrrad fahren. Mit der großen Bremsanlage bietet das Bike eine hohe Standfestigkeit, zudem lässt sich die Bremse gut dosieren - und trotzdem hätten wir uns hier etwas mehr Biss gewünscht. Dass das Bike aber eher der Kategorie „Cruiser“ anstatt „Race-Bike“ angehört, liegt vor allem an der Übersetzung des Antriebs. Sie ist eher kurz gehalten, was in Kombination mit dem drehmomentstarken Motor zu einem erstaunlich großen Einsatzspektrum führt: So lassen sich mit dem MOSH/CTY auch noch Anstiege bezwingen, die für andere Single-Speed-Bikes und deren Fahrer*innen eine unbezwingbare Aufgabe darstellen. Das Bike bahnt sich dabei stoisch seinen Weg, ohne den Anschein zu machen, an die Grenzen der Motorleistung zu kommen.

Bei hohem Tempo ist mit der kurzen Übersetzung hingegen schnell Schluss, da dann die Trittfrequenz unangenehm hoch wird. Am besten funktioniert das Bike daher im Bereich bis 25 km/h, in dem man entspannt dahingleiten kann. Der Luxus, dabei nicht mal schalten zu müssen, ist ebenso angenehm wie der akustisch kaum wahrnehmbare Antrieb mit flüsterleisem Motor und Zahnriemen. Die Bedienung des elektrischen Antriebs erfolgt über die Brose Display-Remote am Lenker, mit der sich die vier gut voneinander abgegrenzten Fahrstufen ansteuern lassen. Zudem wird dort auch der verbleibende Akkustand angezeigt, und es lässt sich der Scheinwerfer darüber steuern. Insgesamt ein einfaches, aber völlig ausreichendes Bedienelement, das sich intuitiv bedienen lässt.

Alternativ hilft noch ein Blick auf den Akku, der an seiner Oberseite zusätzlich den Ladestand anzeigen kann. Neigt er sich dem Ende, lässt er sich entweder aus dem Bike herausnehmen oder direkt im Bike aufladen. Die Abdeckung der Ladebuchse ist dabei allerdings etwas fummelig im Handling. Wer das MOSH/CTY von Serial 1 auf den ersten Blick als etwas übertriebenes Poser-Bike abtut, liegt falsch: Im Test hat sich das E-Bike nämlich als wirklich gelungenes Gesamtpaket entpuppt. So richtet sich das MOSH/CTY als Schönwetter-Cruiser mit hohem Fun-Faktor zwar an eine sehr schmale Zielgruppe, bedient die allerdings sehr gut. Mit seiner Ausstattung ist es definitiv kein Bike, das man aus Gründen der Vernunft wählt - dafür aber eines, das einem ein freudiges Grinsen ins Gesicht zaubert!

Technische Daten des Serial 1 MOSH/CTY

Merkmal Wert
Motor Brose S Mag 90 Nm
Akku 529 Wh
Display Brose Display-Remote am linken Griff
Bremsen TEKTRO Vierkolben-Bremse 203/203 mm
Schaltung Singlespeed mit Gates Carbon Drive-Riemen
Reifen Schwalbe Super Moto-X 27.5 x 2.8”
Gewicht 21.4 kg
Zul. Gesamtgewicht (zGG) 125 kg
Preis 3.950 €

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