Die Redewendung „Hätte, hätte, Fahrradkette“ ist ein deutscher Ausdruck, der eine spekulative Diskussion über einen anderen Verlauf der Vergangenheit beendet.
„Hätte, hätte, Fahrradkette“ wird gesagt, wenn eine Was-hätte-man-besser-machen-können-Diskussion oder ein Was-wäre-wenn-Gespräch über ein vergangenes schlecht verlaufenes Ereignis oder eine vergangene schlechte Entscheidung beendet werden soll. Denn die Diskussion über eine verpasste oder schlechte Entscheidung kann sinnlos sein, da die Entscheidung nicht mehr rückgängig gemacht werden kann und die spekulative Diskussion darüber, wie die Vergangenheit bei anderer Entscheidung hätte verlaufen können, überflüssig ist.
Es ist Zeitverschwendung darüber nachzudenken, wie die Zukunft verlaufen wäre, wenn die Fehlentscheidung nicht stattgefunden oder die Chance nicht verpasst worden wäre. Denn die Fehlentscheidung lässt sich nicht mehr korrigieren oder rückgängig machen, um den eigenen Wunschvorstellungen zu entsprechen.
Wann ist die Diskussion sinnvoll?
Die Diskussion über eine verpasste Chance oder eine schlechte Entscheidung kann aber auch sinnvoll sein. Nämlich dann, wenn erörtert und herausgefunden wird, wie die schlechte Entscheidung zustande kam und warum die Chance verpasst wurde. Diese Diskussion sollte mit dem Ziel geführt werden, dass eine erneute Chance nicht verpasst wird und eine erneute schlechte Entscheidung nicht stattfindet. Ist dieses Ziel erreicht, sollte sich eine weitere Auswertung erübrigen.
Wird die Diskussion über eine schlechte Entscheidung oder verpasste Chance mit der Absicht geführt, darüber zu reden, welche Handlungsoptionen in der Vergangenheit nicht wahrgenommen wurden und welche Folgen damit nicht eingetreten sind, kann solch ein Gespräch schnell sehr abstrakt werden und als überflüssig empfunden werden.
Beispiele:
- Hätte er sich anders entschieden, dann …
- Hätte ich früher gewusst, dass … dann hätte ich.
Die Bedeutung bei „hätte, hätte, Fahrradkette“ entsteht durch den verwendeten Konjunktiv („hätte“). Das Beispiel „Hätt der Hund nicht geschissen, hätt er den Hasen gekriegt“, hat die gleiche Bedeutung wie „hätte, hätte, Fahrradkette“. Das Beispiel ist ein Konditionalsatz und zeigt die Bedeutung des Konjunktiv.
Wäre das natürliche Bedürfnis des Hundes nicht eingetreten, so hätte er das Ziel (den Hasen zu kriegen) erreicht. Der Konjunktiv wird hier verwendet, um zu zeigen, dass ein Ausgangsereignis zu einer Bedindung geführt hat, die dafür sorgte, dass die Folgen einer Handlung nicht eintreten konnten. (Weiteres Beispiel: „Wäre der Satz nicht so kompliziert, würde ich ihn leichter verstehen.“)
Die Verwendung des Wortes „Fahrradkette“ steht nicht für eine besondere Verbindung oder Vorliebe zum Fahrrad. Das Wort „Fahrradkette“ reimt sich einfach gut auf „hätte“. Daher ist der Spruch „hätte, hätte, Fahrradkette“ sehr eingängig.
(Eine Variante von „hätte, hätte, Fahrradkette“ ist „hätte, hätte, Herrentoilette“.)
Synonyme für „Hätte, hätte, Fahrradkette“:
- Hinterher ist man immer schlauer.
- Hätte der Hund nicht geschissen, hätte er den Hasen gekriegt.
- Wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wär, wär mein Vater Millionär.
Woher kommt der Spruch „Hätte, hätte, Fahrradkette“?
Die Redewendung „Hätte, hätte, Fahrradkette“ wird schon Ende der 2000er Jahre in der deutschen Serie „Stromberg“ verwendet. In der Serie sagt die Figur „Bernd Stromberg“: „Hätte, hätte Fahradkette“. Er führt aus, dass er es (eine Aufgabe) der Erika gegeben und der Dicke es verbockt hat.
SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück und „hätte, hätte, Fahrradkette“
Doch erst als der SPD-Politiker Peer Steinbrück die Redewendung „Hätte, hätte, Fahrradkette“ in einem Interview verwendete, wurde diese populär in Deutschland.
Peer Steinbrück verwendete die Redewendung „Hätte, hätte, Fahrradkette“ im Jahr 2013. Er war damals SPD-Kanzlerkandidat. Der Moderator Sven Lorig sprach damals mit Peer Steinbrück über das vermasselte SPD-Wahlkampfmotto und wollte wissen, wie es zu der Panne mit dem Wahlkampfmotto kam.
Lorig sprach Steinbrück darauf an, dass das SPD-Motto „Das Wir entscheidet“ schon von einer Zeitarbeitsfirma verwendet wird und die SPD dies per einfacher Internet-Recherche hätte herausfinden können. Lorig bezeichnete diesen Umstand als „ärgerlich“.
SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück sagte daraufhin: „Ja, Herr Lorig, hätte, hätte Fahrradkette“ und räumte das Versäumnis ein, äußerte sich aber auch, dass das Thema erledigt sei.
Weitere Bedeutung von „Hätte, hätte, Fahrradkette“
- „Hätte, hätte, Fahrradkette: Die Kunst der optimalen Entscheidung“ ist ein Buch von Florian Schroeder. Es erschien 2014.
- „Hätte, hätte, Fahrradkette: Ein Weser-Radweg-Krimi“ ist ein Buch von Martein Heinzelmann. Es erschien 2019.
- „Hätte hätte Fahrradkette“ ist ein Lied von SDP feat. Keule. Es erschien 2014 auf dem Album „Bunte Republik Deutschpunk“.
- Mit „Hätte, hätte, Fahrradkette“ bedruckte T-Shirts und Beutel finden sich auf Amazon.
Die Fahrradkette selbst
Normalerweise fällt dieser Ausspruch, um mit einer vertanen Chance abzuschließen. Die Fahrradkette kommt hier leicht herablassend und nur zugunsten des Reimes vor - und das verkennt ihre Bedeutung ganz dramatisch: Die Fahrradkette ist vielleicht das wichtigste Einzelteil, das aus dem snobistischen Sportgerät „Hochrad“ ein ein praktikables und weltumspannendes Verkehrsmittel gemacht hat.
Beim Hochrad entsprach eine Kurbelumdrehung einer Radumdrehung, weshalb die Räder immer größer wurden, um mit einigermaßen erträglicher Drehzahl voranzukommen. Die Radgrößen wuchsen bis über 1,60 Meter. Der hohe Schwerpunkt des Fahrers und das damit verbundene Sturzrisiko hätten die Fahrradentwicklung beenden können - wäre da nicht die Fahrradkette gewesen.
Sie brachte eine Übersetzung ans Fahrrad, also die Möglichkeit, das angetriebene Rad (in diesem Fall das Hinterrad) schneller zu drehen als das antreibende Rad (hier: das vordere Kettenblatt). Aus einer Übersetzung von Eins zu Eins beim Hochrad wurde so eine Übersetzung von Eins zu (fast) Beliebig. Damit konnte der Radler zwischen statt über den Rädern sitzen und endlich anhalten, ohne vom hohen Stahlroß steigen zu müssen. Außerdem wirkten dank Kette die Antriebskräfte nicht ins gelenkte Vorderrad.
England spielte am Ende des 19. Jahrhunderts die entscheidende Rolle in der Fahrradtechnik, und daher stammt ursprünglich auch unser Exponat des Deutschen Museums in München. Gebaut wurde es etwa 1889, parallel zu Hochrädern, und gleichzeitig mit dem ersten dreirädrigen Motor-Fahrrad, dem „Patentwagen“ von Carl Benz. Bearbeitungsspuren lassen vermuten, dass seine Kette mit den groben 1-Zoll-Gliedern überwiegend in Handarbeit entstand.
Nur wenige Jahre nach der 1-zölligen Blockkette verbreitete sich die bis heute übliche 1/2-Zoll-Teilung der Kette mit ihren halb so langen Kettengliedern. Diese laufen wesentlich geschmeidiger über die Ritzel als das handwerkliche Modell am „Laming“.
Fahrradhistoriker sehen als wichtigen Grund für die grobe Teilung der damaligen Blockkette übrigens weniger eine technische Überzeugung als vielmehr den Kostendruck: Obwohl die Kettenglieder überwiegend in Kinderarbeit gefertigt worden seien, hätte eine feinere Teilung einfach zu hohe Kosten verursacht. Bei der sogenannten Blockkette bestehen die kürzeren inneren Glieder aus massivem Stahl mit Bohrungen, nur außen befinden sich leicht herstellbare Laschen.
Ebenso wie die handwerklich gefeilte Kette ist auch der spektakuläre Kreuzrahmen des Rades ein Zeitzeuge der Übergangsphase zwischen Hochrad und modernem Niederrad, zwischen Manufaktur und Industrie. Weil der Luftreifen noch nicht erfunden war und die im Vergleich zum Hochrad kleineren Räder rumpeliger rollten, ist der Rahmen gefedert.
Das Gelenk liegt unmittelbar vor dem Sitzrohr, die obere Spiralfeder wird beim Einfedern zusammengedrückt, die untere gedehnt. Die dünnen, silbernen Kettenstreben können nur Zugkräfte übertragen.
Das betagte Schätzchen steht nicht für Testfahrten zur Verfügung, doch vermutlich hat die Konstruktion (abgesehen von einer geringen Seitensteifigkeit) halbwegs passabel funktioniert: Mit ähnlicher Drehpunktlage wurden in den 1990er Jahren Mountainbikes gebaut, die Konstruktion heißt „Antriebsschwinge“.
Auch Details wie die „Nackensteuerung“ zwischen Rahmen und Gabel sind überholt. Bei aktuellen Rädern führt der Gabelschaft durch das Steuerrohr. Oben und unten im Steuerrohr erleichtern große Wälzlager das Lenken. Beim Laming und etlichen Zeitgenossen dreht sich der Gabelschaft wie an einem Türscharnier vor dem zierlichen vorderen Rahmenende.
Solche Schwächen 120 Jahre später zu bemäkeln, wäre freilich sehr besserwisserisch.
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