Heinkel Perle Moped 1955: Ein Stück Deutscher Motorradgeschichte

Die Geschichte der Heinkelfahrzeuge beginnt bereits im Jahre 1908, als Ernst Heinkel begann, sich für Luftfahrzeuge zu interessieren. Im Laufe der nächsten Jahre sollte Ernst Heinkel, neben Junkers, Messerschmidt und Dornier zu einem der bedeutendsten Flugzeugkonstrukteure werden. Der verlorene Zweite Weltkrieg beendete auch die Flugzeugproduktion der Heinkelwerke.

Erst 1950 durfte Ernst Heinkel sein Werk in Stuttgart-Zuffenhausen wieder betreten. Er begann kurze Zeit später mit Lohnaufträgen und der Produktion von Einbaumotoren für Saab und den Maico-Champion. In dieser Zeit entwickelte er auch den ersten Heinkel-Roller, der jedoch nicht in Produktion ging. 1953 begann die Produktion des legendären Heinkel Tourist, der in weiterentwickelten Formen bis 1965 gebaut wurde. Neben diesem Roller produzierten die Heinkelwerke Anfang der 60er Jahre einen Zweitaktroller und bereits in den 50er Jahren die Heinkel-Kabine (Kleinwagen) und die Heinkel-Perle (Moped). Bis zu seinem Tode im Jahre 1958 bestimmte Ernst Heinkel selbst die Geschicke seiner Firma. Ab 1955 - nach Aufhebung des Alliierten-Verbotes - beschäftigte er sich auch offiziell wieder mit Flugzeugen.

Im Heinkel-Club Deutschland e.V. haben sich Liebhaber der Heinkel-Landfahrzeuge der 50er und 60er Jahre zusammengeschlossen und versuchen gemeinsam, diese Fahrzeuge zu erhalten.

Die Perle als Antwort auf die Nachkriegszeit

Die Perle als Fahrrad mit Hilfsmotor hat ihren Ursprung in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg 1945, als der Mangel an Transport- und Beförderungsmitteln ein Kernproblem waren. Ein kleiner König war, wer 1945 nach Kriegsende ein Fahrrad aus den Trümmern gerettet hatte. Autos? Motorräder? Fehlanzeige. Viele waren zerstört oder wurden während des Krieges von staatlichen Stellen eingezogen.

Da die Herstellung von Motoren über 60 cm³ aber zunächst verboten war, blieb letztlich nur die Motorisierung von Fahrrädern übrig, um die Transportprobleme der Bevölkerung etwas erträglicher zu machen. Damit begannen 1946 Firmen wie z.B. Victoria in Nürnberg, die sich auf dem zerbombten Werksgelände mit etwa 25 Mitarbeitern zunächst mit der Herstellung einfacher Geräte, wie Milchkannen und Handkarren, beschäftigt hatten. Diese Aktivitäten wurden auch dadurch erschwert, dass nicht einmal die wenigen noch vorhandenen-Maschinen vor den alliierten Demontagetrupps sicher waren. Von einer geregelten Fertigung konnte also noch keine Rede sein.

Umso beachtlicher war es, dass Viktoria es dennoch schaffte, ab 1946 einen Fahrradhilfsmotor, den FM38, herzustellen, der hauptsächlich für den Export gedacht war. Otto Normalverbraucher konnte sich so etwas noch nicht leisten. Erst nach drei Jahren im allgemeinem Elend kam am 21. Juni 1948 Erleichterung mit der Währungsreform.

Im Zeitraum von 1945 bis 1952 kamen etwa 20 Firmen auf, die Fahrradhilfsmotoren herstellten.

Vom Fahrradhilfsmotor zum Moped

Nachdem das 60 cm³-Limit der Siegermächte aufgehoben war, lockerte später auch der deutsche Gesetzgeber die Vorschriften. Musste bis 1952 ein Fahrrad mit Hilfsmotor ein normales, übliches Fahrrad sein, dem man einen Motor anschraubte, so durfte jetzt wenigstens der Rahmen modifiziert und verstärkt werden. Die 20 km/h Höchstgeschwindigkeits-Vorschrift wurde ersatzlos gestrichen, dafür das 33 kg-Limit eingeführt. Die Hersteller reagierten prompt. Die Rahmen wurden verstärkt und der Motor wanderte an eine Stelle, die vom Schwerpunkt her günstiger war.

Weitere Lockerungen der Vorschriften für die zunächst noch namenlosen Gefährte brachten den Wegfall des Fahrrad-Tretlagers, das jetzt von den Herstellern oft schon in die neu entwickelten Motoren integriert wurde. Ein Preisausschreiben der Zweiradhersteller brachte 1953 den neuen Namen Moped, hervorgegangen aus den Worten Motor und Pedale. Dieser Begriff hat sich fast weltweit durchgesetzt.

Manche Hersteller boten Produkte an, die noch nicht völlig zu Ende entwickelt und ausgereift waren. Daher bevorzugten die Kunden bekannte Firmen, die einen guten Ruf hatten und über technische Kompetenz verfügten. Das war eine Chance für Firmen wie z. B. Heinkel und Messerschmitt.

Heinkel und die Perle

Die Entwicklung der motorisierten Zweiräder hätte sich wohl etwas vielseitiger dargestellt, wenn Heinkel schon ab 1946 mitgemischt hätte. Doch man kämpfte zunächst mit vielerlei Problemen. Die großen Werke im Osten waren verloren. Das einzige in Westdeutschland verbliebene Werk in Stuttgart-Zuffenhausen durfte Ernst Heinkel bis 1950 nicht einmal betreten. Der Boom des jetzt motorisierten Pedals aber wurde bei Heinkel wohl etwas zu lange beobachtet.

Als man sich zum Bau eines Fahrradhilfsmotors entschloß, schrieb man bereits das Jahr 1953. Bei Heinkel stellte man daher die Entwicklung des fertigen Fahrrad-Hilfsmotors 470 ein und suchte nach einem Moped, dessen Herstellung Erfolg versprechen würde.

Heinkel stand unter Zeitdruck. Eifrig wurde das etwas grobschlächtig wirkende Fahrzeug leicht überarbeitet und als Sensation auf der IFMA 1953 vorgestellt. Heinkel aber bekam zunächst einmal Probleme mit der Umsetzung dieser genialen Konstruktion in ein Serienfahrzeug. Als Konsequenz wurde die Konstruktion immer mehr abgespeckt. Während die Testfahrer ständig im Gelände und auf Landstraßen unterwegs waren, um die alternativen Bauteile zu testen, wurde auch das Design immer mehr verbessert. Den klotzig wirkenden Motor hatte man schon in der ersten Erprobungsphase verworfen, die Neukonstruktion im „Heinkel-Tempo“ glückte auf Anhieb, immerhin hatte man ja den Hilfsmotor 470 im Regal und damit Erfahrungen sammeln können.

Gesetze und Vorschriften

Die Vorgaben des Gesetzgebers, die nach Absprache mit den Herstellern entstanden, waren allerdings recht hart: Das ganze Moped ohne Zubehör durfte nur 33 kg wiegen. Jedes Moped aus dieser Zeit musste deshalb in zentraler Lage einen Handgriff besitzen, um den Vorschriften gerecht zu werden. Heinkel und der Rest fügten sich.

Dennoch hat Heinkel unter den erwähnten strengen Vorgaben auf Anhieb Erstaunliches geleistet. Die Perle war zuverlässiger und sicherer als viele ihrer Konkurrenten (trotz Fliegengewicht).

Die rasende Perle?

Erwähnenswert ist noch die Leistung der Perle, die stets mit 1,5 PS angegeben wurde. Bei den damals üblichen Wettbewerben mit Serienfahrzeugen wurden Geschwindigkeiten erreicht, die mit den angegebenen 1,5 PS der Perle nicht möglich gewesen wären: Sowohl die Perle als auch die Vicky III liefen ca. 60 km/h.

Die ersten Perle-Motoren hatten tatsächlich 1,75 PS. Der Gesetzgeber sah sich das nicht lange an, nach einem knappen Jahr Perle-Fertigung, am 24. Februar 1956 wurde die Höchstgeschwindigkeit für Mopeds auf 40 km/h begrenzt. Heinkel reduzierte die Leistung des bestehenden Perle-Motors auf etwa 1,4 PS und ersetzte z.T. Alubleche durch das haltbarere und preisgünstigere Stahlblech, was das Gewicht aber nur um wenige Kilogramm erhöhte.

Die Perle-Papiere wurden übrigens niemals geändert, von Anfang bis zuletzt lautete die Leistung 1,5 PS.

Zu gut für diese Welt?

Doch trotz aller Einschränkungen durch das 33 kg-Limit und den Wust der restlichen Vorschriften bleibt die technische Überlegenheit der Perle zur damaligen Zeit unbestritten. Die Perle bot 1955 immerhin schon Steckachsen, untereinander austauschbare Räder, Alurahmen und eine Kette, die in einem verschraubten Kettenkasten im Ölbad läuft.

War die Produktion unrentabel geworden? Ende 1957 wurde die Produktion eingestellt, nachdem seit Frühjahr 1955 immerhin ca. 27.000 Perlen gebaut worden waren.

Exportschlager Perle

Für einen Mopedhersteller wie Heinkel war es natürlich wichtig, auf ausländischen Märkten präsent zu sein. Dazu musste die Perle stets an die jeweiligen gesetzlichen Vorschriften des Importlandes angepasst werden.

Für einige dieser Länder wurden die Motoren in der Leistung verstärkt, um dann die entsprechende Kettenübersetzung zu bekommen wie z.B. der Motor 477M1 (USA, Marokko). Im Gegensatz dazu dürfte die Schwedenausführung 477S1 mit knapp 30 km/h wohl die langsamste Perle überhaupt gewesen sein.

Die Mär von der rasenden Perle lebt aber ungebrochen weiter, obwohl nach der Leistungs-Limitierung noch weit über ein Jahr Perlen mit abgespecktem Motor gebaut wurden.

Die Heinkel Perle lebt weiter

Eberhard Kelber hat gleich zwei Perlen, sie stehen bei ihm im Gartenhäuschen und warten darauf, ausgeführt zu werden. Kelber hatte die beiden Zweiräder vor zwölf Jahren von einem Freund bekommen und sie komplett restauriert.

Eine der beiden Perlen, die nun im Besitze Kelbers sind, ist auch ein Damen-Moped. Die Zweiräder seien im Grunde ,unkaputtbar’: „das war damals ,das’ Moped“, sagt Kelber. Der Rahmen ist komplett aus Aluminium. Ein Alu-Rahmen war zu dieser Zeit eine Ausnahme gewesen, andere Mopeds wie die berühmte Quickly hatten einen Fahrradrahmen.

Die Heinkel-Perle war seinerzeit in der technischen Ausstattung Konkurrenzmodellen voraus: „Es war das erste motorisierte Zweirad, das nur mit einer Kette auskam, die auch noch im geschlossenen Ölbad läuft“, so Kelber.

Die Luxusausstattung hatte auch einen stolzen Preis: Damals, 1957, habe die Perle neu 625 DM gekostet - ein Edelmodell.

Nur knapp 27000 Stück wurden überhaupt von der Heinkel-Perle in den Produktionsjahren 1955 bis 1957 gebaut, nicht nur in Deutschland, in ganz Europa und Nordafrika.

Beide Moped-Liebhaber sind Mitglied bei den „Ruhr-Perlen“ - eine Gruppe von rund 10 Heinkel-Perlen-Besitzern aus dem Ruhrgebiet, die sich seit zehn Jahren regelmäßig zu Ausflügen mit ihren Zweirädern treffen.

Technische Daten des Motorroller Heinkel Tourist:

Merkmal Details
Motor Luftgekühlter Einzylinder-Viertaktmotor
Hubraum 173 ccm
Leistung 9,2 bzw. 9,5 PS (je nach Typ)
Ausstattung 12-Volt-Lichtmaschine und E-Starter
Verbrauch 2,8 bis 3.0 Liter pro 100 km
Höchstgeschwindigkeit ca. 93 km/h

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