Ob als Tisch, Stuhl, Trittleiter oder Montageständer - bei einem richtigen Abenteuer dürfen sich Motorrad-Koffersysteme für nichts zu schade sein. Wir haben sieben Koffersets aus Alu und Kunststoff getestet. Druck ist das Stichwort, damit müssen Alu- wie Kunststoff-Lösungen umgehen können. Überdruck, Unterdruck, Winddruck, Wasserdruck oder schlichtweg mechanische Krafteinwirkung.
Doch neben dem Schutz vor Wind, Staub, Nässe und Umfallern müssen diese Koffer noch weitere Tugenden aufweisen, über die wir bisher noch gar nicht geredet haben: Viel Stauraum bieten, wäre eine davon. Zugleich aber nicht unnötig breit zu bauen eine weitere. Zudem sollte der Schwerpunkt mit maximal beladenen Seitenkoffern und Topcase nicht zu hoch liegen. Und weil wir damit bereits beim Thema Stauraum und Beladungsmaximum sind: Was nützt es, wenn das gesamte Gepäck in die Koffer passt, diese aber nur mit fünf Kilogramm beladen werden dürfen? Oder auch andersrum: Wenn der Hersteller zwar 15 Kilo erlaubt, ein zu geringes Volumen diesen aber entgegensteht?
Erlaubte Geschwindigkeit mit beladenen Koffern
Und noch eine weitere Herstellerangabe ist für Hobby-Abenteurer nicht ganz unwichtig: die mit montiertem Gepäck erlaubte Reisegeschwindigkeit. BMW traut sich hier am meisten, lässt den Abenteuer-Reisenden mit bis zu 180 km/h von der Leine. Andere sind da restriktiver, beschränken die Höchstgeschwindigkeit auf 130 oder gar 120 km/h.
Im besten Fall geschieht dies aus reiner Vorsicht, im schlimmsten Fall wird es jenseits dieser Tempi aber gefährlich. In der Regel zeigt sich die große GS dankenswerterweise recht unbeeindruckt vom Beladungszustand. Störendes Pendeln oder sonstige Einschränkungen der Fahreigenschaften sind ihr weitgehend fremd. Dennoch sollten im vollbeladenen Zustand einige Tipps beherzigt werden (siehe unten).
Die getesteten Koffersysteme im Detail
Wir haben sieben verschiedene Koffersysteme getestet, die sowohl aus Aluminium als auch aus Kunststoff gefertigt sind. Hier eine Übersicht:
1. SW-Motech Trax ADV
- Material: Aluminium (Koffer), Stahl (Trägersystem)
- Zuladung: 10/10/10 kg
- Erlaubte Höchstgeschwindigkeit: 130 km/h
- Fahrzeugbreite mit zwei Koffern: 103 cm
- Gesamtpreis: 1560 Euro
Vorteile: Riesiger Stauraum, einfache Bedienung, sehr stabil und robust, Adventure-Helm passt in Topcase. Die Kofferträger lassen sich dank Quicklock-System einfach abnehmen.
Nachteile: Kein mitgeliefertes Gepäcknetz, etwas hoher Schwerpunkt, minimal undicht.
2. BMW Variokoffer und Vario-Topcase
- Material: Kunststoff (Koffer), Edelstahl (Trägersystem)
- Zuladung: 5/10/10 kg
- Erlaubte Höchstgeschwindigkeit: 180 km/h
- Fahrzeugbreite mit zwei Koffern: 84-95 cm
- Gesamtpreis: 1.528 Euro
Vorteile: Unauffälliges Trägersystem, sehr stabil, geringe Fahrzeugbreite, Volumen erweiterbar, tiefer Schwerpunkt, Adventure-Helm passt in Topcase.
Nachteile: Testgepäck reizt vorhandenes Volumen bereits stark aus, hohes Gewicht, Beladen etwas umständlich.
3. Hepco & Becker Xceed
- Material: Aluminium (Koffer), Stahl (Trägersystem)
- Zuladung: 5/10/10 kg
- Erlaubte Höchstgeschwindigkeit: 130 km/h
- Fahrzeugbreite mit zwei Koffern: 102 cm
- Gesamtpreis: 1632 Euro
Vorteile: Gepäcknetze in allen Kofferdeckeln, Deckel klappbar und abnehmbar, Adventure-Helm passt in Topcase, Koffer relativ leicht, feste Verbindungen, praktische Griffe, Kofferträger mit Schnellverschluss-System.
Nachteile: Motorradheck auf der rechten Seite breiter, Seitenwände und Deckel könnten stabiler sein, Koffer nur mittelmäßig stapelbar, Form der Koffer raubt etwas Stauraum.
4. Touratech Zega Evo
- Material: Aluminium (Koffer), Edelstahl (Trägersystem)
- Zuladung: 5/15/15 kg
- Erlaubte Höchstgeschwindigkeit: 130 km/h
- Fahrzeugbreite mit zwei Koffern: 98 cm
- Gesamtpreis: 1.578 Euro
Vorteile: Sehr leichtes Trägersystem, extrem stabile Koffer aus 1,5 mm dickem Aluminiumblech, sehr wertige Verarbeitung, angenehme Tragegriffe, Einhandbedienung, Seitenkoffer beidseitig verwendbar, Adventure-Helm passt in Topcase, eloxierte Oberflächen, wasserdicht.
Nachteile: Konstruktionsbedingt brach ein Plastikteil am Verschluss während unseres Härtetests, Topcase steht etwas wackelig, kein Gepäcknetz im Deckel mitgeliefert.
5. Wunderlich Extreme
- Material: Aluminium (Koffer), Stahl (Trägersystem)
- Zuladung: 5/10/10 kg
- Erlaubte Höchstgeschwindigkeit: 130 km/h
- Fahrzeugbreite mit zwei Koffern: 101 cm
- Gesamtpreis: 1451 Euro
Vorteile: Gepäcknetze in allen Kofferdeckeln, Deckel klappbar und abnehmbar, stabiles Drahtseil hält Deckel gekippt, Adventure-Helm passt in Topcase, Verzurrösen, extrem widerstandsfähig.
Nachteile: Koffer über Rändelrad befestigt, Topcase steht uneben, Verschluss am Topcase fluchtet nicht richtig, schlecht tragbar, relativ schwer, Montage kraftaufwendig, Topcase-Halter scharfkantig.
6. Givi Trekker 33
- Material: Kunststoff (Koffer), Stahl (Trägersystem)
- Zuladung: 10/10/10 kg
- Erlaubte Höchstgeschwindigkeit: 120 km/h
- Fahrzeugbreite mit zwei Koffern: 92 cm
- Gesamtpreis: 1304 Euro
Vorteile: Stabile Kunststoffkonstruktion, Seitenkoffer komplett oder nur im oberen Drittel zu öffnen, integrierte Spanngummis, Topcase fasst zwei Helme, praktischer Griff, Topcase lässt sich unkompliziert abnehmen.
Nachteile: Blinker müssen versetzt werden, Dichtungsgummi rutscht aus Halterung, Koffer dadurch leicht undicht, überstehende Griffe erschweren das Anbringen von zusätzlichem Gepäck, mangelnde Widerstandsfähigkeit, Dellen in den Aluminiumblenden, asymmetrisches Heck, Koffer dreifach verriegelt.
7. Shad SH36
- Material: Kunststoff (Koffer), Stahl (Trägersystem)
- Zuladung: 10/10/10 kg
- Erlaubte Höchstgeschwindigkeit: 120 km/h
- Fahrzeugbreite mit zwei Koffern: 114 cm
- Gesamtpreis: 901 Euro
Vorteile: Dreistufige Volumenverstellung im Topcase, in der mittleren Stellung passt ein Adventure-Helm, in der größten Volumenerweiterung passen zwei Helme in das Topcase; trotz Kunststoffkonstruktion sehr stabil; Topcase sehr einfach zu (de-)montieren; Koffer halten sehr stabil an Kofferträgern; Integralhelm passt in Seitenkoffer.
Nachteile: Seitenkoffer minimal undicht; Koffer lassen sich mit Handschuhen nur schwer öffnen; das Volumen in den Seitenkoffern reicht nicht für das Testgepäck; Beladen der Seitenkoffer umständlich durch unebene Seiten; Seitenkoffermontage kraftaufwendig; asymmetrisches Heck.
Breite der Koffersets
So ein Boxermotor baut mit etwa 75 Zentimetern bereits vergleichsweise breit. Mit 95 Zentimetern die breiteste Stelle an de R 1250 GS ist aber der Lenker. Eben diese 95 Zentimeter fordert denn auch der von BMW angebotene Koffersatz in Sachen Baubreite - zumindest, wenn man das komplette Volumen der Vario-Koffer nutzen möchte.
Per Handgriff im Inneren verstellbar, lassen sich diese nämlich um etwa neun Liter und fünf Zentimeter verkleinern. Dann schrumpft die Breite am BMW-Heck auf überschaubare 84 Zentimeter. Andere Testkandidaten legen auf eine derartig schlanke Linie weit weniger Wert: Mit 114 Zentimetern Spannweite halten sich die Koffer von Shad am wenigsten zurück. Dafür bieten sie mit 138 Litern aber auch das größte Stauvolumen im Test und sind mit nur knapp über 900 Euro für das komplette Set auch noch am günstigsten.
Abstriche müssen hier natürlich in Kauf genommen werden. Nicht in Sachen Komfort. Wohl aber, was das verwegene Image angeht - hier punkten die quaderförmigen Aluboxen, selbst wenn dies letztlich eine oberflächliche, rein äußerliche Bewertung ist; denn in Sachen Robustheit stecken auch die Plastikkoffer so einiges weg, in manchen Situationen sind sie insgesamt sogar die bessere Wahl.
Alukoffer oder Kunststoffkoffer?
Motorrad-Abenteurer, die in entlegenen Gegenden stürzen könnten, sind mit Alukoffern besser bedient. "Einschlägige" Erfahrungen von Weltreisenden belegen dies, wenn etwa mitten in der Wüste die zerbeulten Boxen wieder zurechtgedengelt werden mussten. Aber auch bei Normalreisenden spielt das verwegene Image und Aussehen der Alukoffer eine Rolle. Kunststoffkoffer gelten eher als bieder und weniger solide. Letzteres stimmt nicht. Kleinere Umfaller auf Sand oder Gras stecken auch Plastikkisten gut weg. Bei Stürzen auf Stein oder Asphalt ist Kunststoff allerdings bruchgefährdet und lässt sich schwierig reparieren. Oft genügt aber eine Improvisationslösung.
Alu verbiegt zunächst nur, reißt aber bei zu hoher Krafteinwirkung. Und Alu-Schweißen ist nicht überall möglich. Käufer achten also am besten nicht nur auf das Aussehen, sondern auch auf Komfort und Preis/Leistung.
Tipps für das Fahren mit Gepäck
138 Liter Volumen bietet das üppigste Gepäcksystem in unserem Test. Auch wenn ihr das nicht ausreizen und euch an die vom Hersteller vorgegebenen Beladungsgrenzen haltet, kommt schnell einiges an Mehrgewicht zusammen. Dieses wirkt vor allem auf das Hinterrad und hat Auswirkungen auf das Fahrverhalten. Das müsst ihr beim Fahren berücksichtigen. Am besten ergreift ihr aber vorher schon Gegenmaßnahmen.
Empfohlene Maßnahmen:
- Die Federvorspannung erhöhen (Heck wird dadurch angehoben) und - falls es das Federbein erlaubt - auch Druck- und Zugstufe straffer einstellen.
- Außerdem möglichst den Reifendruck anpassen (Werte sollten im Fahrerhandbuch des jeweiligen Motorrades aufgeführt sein). Vorne reichen meist plus 0,2 bis 0,3 bar aus, hinten sind rund 3 bar angemessen.
- Danach Durchhang der Antriebskette prüfen und gegebenenfalls justieren. Eine zu straffe Kette stresst den Getriebeausgang.
Tabelle: Übersicht der getesteten Koffersysteme
| Koffersystem | Material | Zuladung (kg) | Max. Geschwindigkeit (km/h) | Fahrzeugbreite (cm) | Gesamtpreis (Euro) |
|---|---|---|---|---|---|
| SW-Motech Trax ADV | Aluminium/Stahl | 10/10/10 | 130 | 103 | 1560 |
| BMW Variokoffer | Kunststoff/Edelstahl | 5/10/10 | 180 | 84-95 | 1528 |
| Hepco & Becker Xceed | Aluminium/Stahl | 5/10/10 | 130 | 102 | 1632 |
| Touratech Zega Evo | Aluminium/Edelstahl | 5/15/15 | 130 | 98 | 1578 |
| Wunderlich Extreme | Aluminium/Stahl | 5/10/10 | 130 | 101 | 1451 |
| Givi Trekker 33 | Kunststoff/Stahl | 10/10/10 | 120 | 92 | 1304 |
| Shad SH36 | Kunststoff/Stahl | 10/10/10 | 120 | 114 | 901 |
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