Hund jagt Jogger und Radfahrer: Ursachen und Lösungen

Es gibt verschiedene Situationen, in denen Tierpsychologie helfen kann, eine entspannte Beziehung zwischen dem Besitzer und seinem Tier wiederherzustellen. Bei Hunden gibt es verschiedene Auffälligkeiten im Verhalten, die erste Anzeichen für den Bedarf einer Beratung aufzeigen:

  • Dein Hund knurrt / beißt / zeigt aggressives Verhalten
  • Er jagt Jogger / Radfahrer
  • Er läuft öfter mal weg
  • Er wirkt ängstlich und hat mit der Sauberkeit ein Problem
  • Er ist ungehorsam

Für diese Auffälligkeiten gibt es allerdings verschiedene Ursachen:

  • Misshandlung
  • Traumatische Erfahrung
  • Zu frühe Trennung von der Mutter
  • Fehler in der Hundeerziehung
  • Schmerzen oder Krankheit

Deshalb ist es wichtig, sich zu Beginn ein genaues Bild vom Problem des Hundes zu machen. Das funktioniert am besten im Zuge eines Hausbesuchs. So kann man den Hund in seiner gewohnten Umgebung erleben und kennenlernen. Gemeinsam mit dem Besitzer werden dann mögliche Lösungen erarbeitet. Sehr gerne werden hierzu auch Hundetrainer und ggf. ein Tierarzt des Vertrauens einbezogen.

Ursachen für das Jagdverhalten

Hunde sind Beutegreifer. Das Jagen gehört zur Natur der Tiere. Dabei gibt es Rassen, bei denen der Jagdtrieb durch Zucht gefördert wurde, und andere, die sich kaum für die Jagd interessieren. Doch auch innerhalb der Rassen gibt es individuelle Unterschiede. Ist der Jagdtrieb beim Hund besonders ausgeprägt, sind Katzen, Wildtiere und in Einzelfällen Fahrradfahrer oder Jogger nicht mehr vor ihm sicher.

Viele sind der Meinung, dass eine Jagdmotivation vorliegt. Sehr wahrscheinlich ist also, dass der Hund auf den Bewegungsreiz reagiert und / oder eine schlechte Verknüpfung gesetzt hat. Es ist eine Art fehlgeleitetes Jagdverhalten. Viele nennen es auch Beuteverhalten. Das Hetzen löst bei dem Hund Glücksgefühle aus. Er belohnt sich durch jedes Hinterherhetzen selbst.

Ein zusätzliches Problem bei manchen Hunden ist Langeweile. Ein Hund muss nicht dauerbeschäftigt werden. Aber hast Du einen Hund, der gerne eine Aufgabe hat und Du machst gar nichts mit ihm, dann könnte er sich eine Aufgabe suchen.

Es kann verschiedene Ursachen haben, häufig spielt auch eine Veranlagung bzw. Das Hinterherhetzen ist eine Sequenz aus dem Jagen. Genauso wie das Hüten. Viele Hütehunde versuchen also auch, Radfahrer & Co zu hüten. Dabei sind sie sich auch nicht zu schade, in die Wade zu beißen (Achtung, nicht nur Hütehunde machen das!). Und wenn Du denkst: Der kneift ja nur mal kurz und beißt nicht. Kneifen ist eine Beißhandlung.

Wenn es darum geht, den Hunden einen übermäßigen Jagdtrieb abzugewöhnen, gibt es zum Trainingsbeginn immer eine große Frage: Wie viel Jagderfolg hatte der Hund schon und wie weit ist er vorangekommen in diesem jagdlichen Ablaufplan? „Das Problem ist, dass wir Menschen das Verhalten ganz unbewusst verstärken“, sagt Wischall-Wagner, Psychologin und Autorin. Denn jeder freut sich bestimmt, wenn das neue Familienmitglied verrückt auf das Quietschspielzeug ist und es fröhlich zerfetzen darf.

Gefahren und Verantwortung

Wie Du siehst, gibt es nicht nur eine physische Verletzungsgefahr, sondern auch eine psychische für die Beteiligten. Gleiches gilt natürlich auch bei Radfahrern. Und dann ist da ja auch noch der Straßenverkehr. Läuft Dein Hund einfach auf die Straße, kann es zu schweren Unfällen kommen, die nicht nur für Deinen Hund tödlich oder mit schweren Verletzungen enden können.

Du musst Dir bewusst machen, dass Du die Verantwortung für Deinen Hund trägst. Passiert ein Unfall, verletzt sich jemand aufgrund des Verhaltens Deines Hundes, wirst Du haftbar gemacht. Genauso trägst Du aber auch die Verantwortung für Deinen Hund. Ist das Verhalten Deines Hundes bereits sehr gefestigt, bedeutet das für ihn auch Stress.

Lösungsansätze und Training

Zunächst die schlechte Nachricht: Raus kriegt man das Jagdverhalten nie! Aber es gibt dennoch gute Nachrichten: Hundehalter können einiges tun, um den Jagdtrieb kontrollierbar zu machen. „Es ist ganz wichtig, den Tieren eine Alternative zu bieten“, rät Hundetrainerin Fruth. Diese Ersatzbeschäftigung ist ein essenzieller Bestandteil eines Antijagdtrainings. Am erfolgversprechendsten ist das, wenn damit bereits im Welpenalter angefangen wird.

Mit Training können Halter ihrem Hund übermäßigen Jagdtrieb abtrainieren. Allerdings: Einfach abschalten lässt sich solch eine Jagdbegeisterung nicht. Wer auf eine schnelle Lösung hofft, wer meint, mit Bestrafung, Gewalt oder gar Elektroschock-Halsbändern könne man etwas erreichen, liegt absolut falsch. Der Schuss könnte dabei sogar nach hinten losgehen. „Ein Hund wird auf solche Reize immer mit noch mehr Stress reagieren“, sagt Wischall-Wagner.

Entscheidend dafür, dass ein Hund von einem Jagdreiz ablässt, ist auch der Grundgehorsam, merkt Hundetrainerin Sabrina Fruth an. Hunde brauchen Führung, das gilt für den knuddeligen Welpen ebenso wie für den erwachsenen Hund aus dem Ausland. Bei allen wird im Hinblick auf Erziehung bei der Basis angefangen. „Sitz“, „Platz“ und „Bleib“ gehören ebenso wie der Rückruf zu den Grundkommandos. Bis ein Hund diese wirklich verinnerlicht hat, dauert es lange.

Beim eigentlichen Antijagdtraining setzen die beiden Verhaltenstrainerinnen Anja Fiedler und Alexandra Wischall-Wagner auf das sogenannte Kontrolltraining. Dabei sollen die Bedürfnisse ausgeglichen und der Hund artgerecht beschäftigt werden.

Wo aber setze ich dann an, um den Hund aus diesem Jagdtunnel wieder herauszubekommen? Dafür braucht es zunächst ein Ziel, sprich: Was möchte ich, dass er nicht mehr tut? Dann fängt man kleinschrittig an und sucht sich den schwächsten Auslöser aus. Sprich: Wenn mein Hund schon aufgeregt auf Enten reagiert, übe ich erst mal die Begegnung mit einer Amsel.

Wenn der Hund die Amsel sieht und kein unerwünschtes Verhalten zeigt - also ruhig steht und schaut - gibt es ein sogenanntes Marker-Signal (ein Klicker-Geräusch oder ein Wort) und es folgt eine Belohnung. Das muss nicht unbedingt ein Leckerchen sein! Sinnvoller sei es, eine Belohnung auszutüfteln, die dem Verhalten entspricht, was der Hund hätte praktizieren wollen. Daher folgt statt Leckerchen lieber ein kleines Lauer- oder Verfolgespiel.

Alexandra Wischall-Wagner geht noch einen Schritt weiter: „Mein Ansatz ist, es soll den Hunden eher egal werden, was sie sehen.“ Ganz gleich, ob es ein Kind auf dem Roller oder ein Hase sind. Das Rezept ihrer Ausbildung lautet: „Bindung, Impulskontrolle und Auslastung.“ Und das braucht Zeit und Geduld.

Für eine bessere Auslastung sorge Apportiertraining, Fährtenarbeit oder Mantrailing. Und wenn ein Hund partout auf Bälle steht, sollte man sie ihm lieber verstecken und ihn suchen lassen. Auch das Dummytraining mit der Reizangel kann ein adäquater Ersatz zum Jagen sein.

Zu viel zu schnell wollen“, formuliert Fruth den ihrer Meinung nach größten Fehler in der Hunde- und damit auch in der Anti-Jagd-Erziehung. „Ein kleinschrittiger, sehr langsamer Aufbau ist wichtig.“ Von großer Bedeutung ist auch die Belohnung durch Futter oder ein Spiel.

In der Hundeschule von Götz wird zudem früh das „Stopp“-Signal trainiert. Dabei setzt sich der Hund auf einen Pfiff oder ein Wort sofort hin und wartet, bis er von seinem Besitzer abgeholt wird. Auch das ist ein großer Schritt im Antijagdtraining, ebenso wie das Bringen und Abgeben der „Beute“, also dem Ball oder dem Dummy.

Wichtig ist auch die psychische Verfassung des Hundes. „Wenn sich der Hund unwohl fühlt, fällt uns das immer auf die Füße“, weiß Anja Fiedler. Übrigens: Mit stundenlangem Training und immer neuen Ausbildungsgruppen kann man seinen Hund auch überfordern.

Wir starten die Hunde Verhaltenstherapie immer mit einer Bestandsaufnahme. In dieser ermitteln wir dann die Ursachen für eventuelle Probleme. Denn wir arbeiten immer an der Ursache nicht am Symptom! Darauf aufbauend erstellen wir für Dich einen individuellen Trainingsplan, der zu Euch beiden passt. Hundetherapie ist nur dann erfolgreich, wenn Du das Training auch in Deinen Alltag integrieren kannst. Dies berücksichtigen wir! In anschließenden Terminen wird der Erfolg des Trainings kontrolliert und die Übungen angepasst.

Konkrete Tipps für Hundehalter

Hier sind einige konkrete Tipps, um das Jagdverhalten Deines Hundes zu kontrollieren:

  • Nicht schreien, nicht bestrafen: Das ist kontraproduktiv.
  • Hund anleinen: Dein Hund sollte kein Erfolgserlebnis mehr haben, wodurch er sich selbst belohnen kann.
  • Alternativverhalten aufbauen: Biete Deinem Hund ein Alternativverhalten an, z.B. dass er Dich anschaut und dafür belohnt wird.
  • Verhalten umlenken: Wenn Du Dir sicher bist, dass das trainierte Alternativverhalten sicher klappt, kannst Du das Verhalten Deines Hundes in den jeweiligen Situationen umlenken.
  • Vorbeugen: Mache keine Hetz- und Wurfspiele mit Deinem Hund.
  • Ausreichend Bewegung: Biete ihm ausreichend Bewegung, aber Achtung, nicht jeder Hund braucht stundenlange Spaziergänge - vor allem dann nicht, wenn sie für ihn „langweilig sind.
  • Sicherer Rückruf: Baue einen sicheren Rückruf auf - erst, wenn dieser absolut sicher sitzt, darf abgeleint werden.
  • Frühzeitige Gewöhnung: Gewöhne Deinen Hund früh an fahrende Dinge und Jogger.
  • Verhalten trainieren: Du kannst auch sehr gut ein Verhalten trainieren, zum Beispiel, dass Dein Hund sich von alleine hinlegt oder hinsetzt, wenn jemand entgegen kommt.

Achtung: Biete Deinem Hund aber unbedingt das Alternativverhalten an, bevor er bereits in der Leine hängt.

Impulskontrolle und Frustrationstoleranz

Willst du Impulskontrolle mit deinen Vierbeinern üben, lässt du sie absitzen, wirfst die Frisbeescheibe, und beide dürfen die Frisbeescheibe erst holen, nachdem du sie mit einem Kommando wie „Apport!“ freigegeben hast. Willst du Frustrationstoleranz üben, schickst du nur einen Hund zum Apportieren der Frisbeescheibe los.

Auch die Frustrationstoleranz deines Hundes zu trainieren, ist sehr sinnvoll, besonders wenn dein Hund dazu neigt, forderndes oder aufdringliches Verhalten zu zeigen. Eine klassische Übung ist, ihn auf seinem Platz abliegen zu lassen, während du mit seinem Lieblingsspielzeug spielst. Seine Versuche mitzuspielen unterbindest du mit „Nein“ und schickst ihn auf seinen Platz zurück.

Resilienz beim Hund

Heutzutage gelten für Hunde zahlreiche Regeln, die gegen ihre Natur gerichtet sind. Jagen, Bewachen, Bellen und Beschützen waren in früheren Zeiten Verhaltensweisen, die ein Hund haben musste, wenn er etwas taugen wollte. Hinzu kommen die neuen Rollen, die wir den Tieren auferlegt haben und die schwer zu erfüllen sind: Sie sollen beste Freunde sein, unsere emotionalen Bedürfnisse stillen und dabei selbst möglichst keine Ansprüche stellen. Ein solcher Spagat ist ohne Resilienz kaum zu schaffen.

In Engelstädters Konflikttraining sind die Halter die ganze Zeit anwesend, lassen ihre Tiere aber eigene Erfahrungen machen und nehmen sich zurück. Irgendwann wird der Hund von selbst beginnen, das gruselige Objekt zu erkunden. Mit der Zeit reguliert sich sein Stresspegel von selbst, sein Körper entspannt sich. Er meistert die Situation allein, was sein Selbstvertrauen stärkt. Er lernt das so wichtige „Ich kann das“.

Sich in Konflikten zu bewähren ist das eine. Das andere ist, den Lichtkegel auf die Stärken des Hundes zu richten und nicht stets auf sein problematisches Verhalten. Was kann der Welpe gut, der so große Schwierigkeiten damit hat, allein zu sein? Ist er vielleicht sehr einfallsreich? Vanessa Engelstädter bringt ihren Kunden bei, solche findigen Tiere mit einem sogenannten Keep-Going-Signal zu unterstützen. Das kann ein Wort sein, etwa ein melodisches „Weiter so“.

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