Hurth Getriebe: Eine bedeutende Komponente in der Motorradgeschichte

Anlässlich der Jubiläen von OLDTIMER MARKT (40 Jahre) und OLDTIMER PRAXIS (30 Jahre) werfen wir einen Blick zurück auf die schönsten Geschichten aus beiden Magazinen.

Die Anfänge von Hurth

Im Jahr 1896 gründete Carl Hurth eine mechanische Werkstatt für die Herstellung von Zahnrädern in München. Um die Qualität zu verbessern, entwickelte Hurth auch bald seine erste eigene Zahnradfräsmaschine. Die Carl Hurth Maschinen- und Zahnradfabrik wuchs rasant und wurde zu Europas größtem Produzenten von Motorradgetrieben. Hauptkunden waren unter anderem die bekannten Hersteller Zündapp und Kreidler.

1936 wurde von Hurth die erste Schabmaschine für Kugelscheiben und konische Zahnräder auf dem europäischen Markt präsentiert. Kurze Zeit später wurde das Diagonal-Schabverfahren entwickelt und im Jahr 1950 das Quer- und Tauchschaben vorgestellt. 1958 wurde in München ein Zweigwerk für die Produktion von Werkzeugmaschinen und Getrieben eröffnet und schon in den 60er-Jahren das Produktprogramm um Automobil- und Agrargetriebe sowie hochpräzise Verzahnungen für schwere Fahrzeuge erweitert.

Im Jahr 2016 konzentrieren sich die Münchener Geschäftsaktivitäten unter dem neuen Firmennamen Gleason-Hurth Tooling GmbH auf die Entwicklung und Fertigung von Spannmitteln und Verzahnungswerkzeugen. Die Werkzeugmaschinenaktivitäten werden bei der Schwesternfirma Gleason-Pfauter in Ludwigsburg integriert.

Hurth Getriebe in klassischen Motorrädern

Hurth-Getriebe finden sich in vielen klassischen Motorrädern. Ebenfalls im Bestand fand sich ein kompaktes Hurth-Dreigang-Getriebe mit Rückwärtsgang.

Einige Beispiele, in denen Hurth-Getriebe verbaut wurden:

  • Kaiser Stromlinienwagen
  • Victoria KR 20 ZS
  • DKW ORS

Der Kaiser Stromlinienwagen

Die Antriebstechnik des Kaiser ruht in einem motorradähnlichen Rahmenteil vor dem Hinterrad. Ebenfalls im Bestand fand sich ein kompaktes Hurth-Dreigang-Getriebe mit Rückwärtsgang. Es ist unter einer nach hinten spitz zulaufenden Blechhülle verborgen, die nur leichter Richtarbeiten und einer Lackierung bedurfte. Motor und Getriebe sind übereinander angeordnet, der Einzylinder ragt nach oben heraus. Das Ganze ist an die zeppelinartige selbsttragende Karosserie montiert, die aus einem Hartholzgerippe mit Stahlrohrverstärkungen besteht.

Victoria Motorrad

Dieses Modell hatte ein Hurth-Getriebe. Da das Getriebe am Motor rein optisch, aber nicht technisch angeblockt war, bekam das Motorrad doch die Bezeichnung „ZB“, wie Zweitakt-Block.

DKW

Statt des Doppelkolbenprinzips verwendete man hier einen Motor mit Umkehrspülung und Ladepumpe, der über die Primärkette ein separates Getriebe der Firma Hurth antrieb.

BMW Classic und Hurth Getriebe

Für Besitzer motorisierter Sammlerstücke der Marke BMW ist die BMW Group Classic erster Ansprechpartner, wenn es um die Suche nach Ersatzteilen geht. Das Angebot des assoziierten BMW Classic Centers umfasst derzeit rund 40.000 Komponenten und wird permanent ausgebaut.

BMW Classic hat mit dem Automobilzulieferkonzern ZF Friedrichshafen AG einen ausgewiesenen Getriebespezialisten beauftragt, um die heikle Aufgabe zu lösen. Die größte Herausforderung bestand darin, den Status des Originals festzustellen, denn über die vergangenen 70 Jahre sind an allen noch existierenden Getrieben Veränderungen und Optimierungen unternommen worden.

Die BMW Classic hat die Nachfertigung von Getriebezahnradsätzen der originalen Hurth Getriebe für den BMW 328 in Auftrag gegeben. Damit betonen die Traditionspfleger aus München erneut ihr Ziel, dass originale Substanz in den BMW Klassikern eingesetzt werden kann und soll. Derzeit werden im BMW 328 vollsynchronisierte Getriebe oder über die Jahrzehnte immer wieder veränderte Getriebe verwendet.

Komplette Original-Getriebe waren für den BMW 328 bislang nicht lieferbar. Oftmals wurden daher Synchrongetriebe eines anderen Herstellers verbaut, die allerdings vom Hurth-Laufwerk in entscheidenden Details abwichen. Speziell die Anordnung – die Gänge eins und zwei unsynchronisiert, die Gänge drei und vier konussynchronisiert – fand sich darin nicht wieder.

In einem Gemeinschaftsprojekt der BMW Group Classic und des Automobilzulieferkonzerns ZF Friedrichshafen AG wurde jetzt Abhilfe geschaffen. So wandelten die Experten der BMW Group Classic und der ZF Tradition gleich in mehrfacher Hinsicht auf den Spuren ihrer Vorgänger von einst. Gemeinsam realisierten sie das bislang komplexeste Projekt auf dem Gebiet der Rekonstruktion von Komponenten für klassische BMW Automobile.

Originalgetriebe von Fahrzeugen aus dem Bestand der BMW Group Classic und zeitgenössische Konstruktionszeichnungen aus dem Stadtarchiv in Eisenach dienten als Vorlagen für die authentische Neuauflage des Schaltwerks. Da das ursprüngliche Getriebe mehrfach verändert wurde, mussten mehrere Varianten und Konstruktionspläne analysiert und abgeglichen werden.

Der gesamte Entwicklungs- und Herstellungsprozess erfolgte in enger Abstimmung mit dem internationalen Automobildachverband FIA und dem Weltverband der Oldtimer-Clubs, FIVA, die die Authentizität des Getriebes bestätigten. Der Segen der beiden Verbände ist insbesondere für die Zulassung der Fahrzeuge zu offiziellen Veranstaltungen von Bedeutung.

Für den Verkauf an interessierte Besitzer eines BMW 328 steht jetzt eine Auflage von 55 Exemplaren des originalgetreuen Bauteils zur Verfügung. Der Vertrieb der bei ZF gefertigten Getriebe-Nachbauten erfolgt exklusiv über das BMW Classic Center.

Insgesamt unterstreicht das Projekt nachhaltig den Anspruch der BMW Group Classic, dass originale Substanz in historischen Automobilen eingesetzt werden kann und soll. Für Liebhaber historischer Fahrzeuge hält das BMW Classic Center ein umfassendes Produkt- und Service-Angebot vom Ersatzteil bis zur Vollrestaurierung bereit.

Übernahme durch ZF Friedrichshafen AG

Die Geschäftsfelder Bahntechnik, Marine und Flurförderfahrzeuge der Hurth Gruppe wurden 1995 von der ZF Friedrichshafen AG übernommen und in den ZF Konzern eingegliedert.

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