Wenn man sich die aktuellen Fahrerfelder in diversen nationalen bzw. regionalen Enduroveranstaltungen anschaut, dann ist nach wie vor eine 300ccm Zweitakter eines der Wohl am meisten pilotierte Maschine. Auch für viele Gelegenheitsfahrer ist eine -dreihunderter- das Motorrad schlechthin. Das liegt wohl daran, das zum einen die Zweitakter ein sehr gutes Handling mit bringt und zum anderen einen drehmomentstarken Motor besitzt.
Auch die Anschaffungs- sowie die Unterhaltungskosten halten sich in Grenzen und sind Gegenüber einem Viertakt-Modell deutlich günstiger. Das diese Modelle sehr gefragt sind, sieht man auch an den aktuellen Enduro´s der Marken Beta, GasGas, Husqvarna, KTM und Sherco.
Für uns war es schon lange ein Wunsch möglichst alle aktuellen Enduromodelle mit einem 300ccm Motor in einem Vergleichtest miteinander antreten zu lassen. Gesagt ist nicht gleich getan 😉 Die Organisation war im Vorfeld sehr umfangreich und so mussten die einzelnen Motorräder geholt, die Testfahrer sowie die Fotografen engagiert, die Strecke exklusiv gemietet, eine professionelle Zeitnahme aufgebaut und die Verpflegung für Ort bestellt werden.
An einem sonnigen Sonntag war es dann soweit und der 300er Zweitakt-Vergleichstest konnte beginnen. Die Sonne schien hell und die Temperaturen waren mit ca. 19 °C angenehm, so daß wir weder frieren noch unter zu heißen Temperaturen leiden mussten;-).
Testbedingungen und Vorbereitung
Jedes Modell wurde uns im Serienzustand geliefert und wir haben im Vorfeld keine Veränderungen am Fahrwerk oder sonstige relevanten Abstimmungen verändert. Die Testfahrer haben, je nach Vorlieben, nur die Lenkerposition, den Bremshebel / Kupplungshebel und / oder den Schalthebel / Fußbremshebel eingestellt. Jedes Motorrad bekam 0,9bar Reifenluftdruck verpasst und wir sind mit der jeweiligen Serienbereifung gefahren.
Am Vormittag konnten die Testfahrer jedes einzelne Modell ausgiebig fahren und somit einen ganz persönlichen Eindruck bekommen. Das Testareal bot endurotypische Sektionen und gerade für einen 300er Vergleich durften steile und lange Auffahrten sowie Hardenduro-Passagen nicht fehlen.
Somit hat jeder Fahrer nach seinem Fahrkönnen die Strecken selbst gewählt und ist beliebig lange auf jeder 300er gefahren.
Testablauf
Nach einer Mittagspause waren alle gespannt, denn es ging auf „Zeitenjagd“. Wir hatten im Vorfeld eine abwechslungsreiche Enduro-strecke präperiert, welche alle Facetten einer Sonderprüfung / Endurotest enhielt. Dazu gehörten schnelle Vollgaspassagen, steile Auf-/Abfahrten, schmale Singletrails und arg ausgefahrene Spurillen außerdem gab es Anlieger sowie wellige Beschleunigungs -/ Anbrems-sektionen.
Jedes Modell musste von jedem Testfahrer 3x auf Zeit gefahren werden und nur die schnellste Prüfungszeit wurde verwendet.
Bewertungskriterien
Wir haben jedes Modell nach folgenden Kriterien beurteilt: Handling, Fahrwerk, Traktion, Motor, Bremsen sowie das Aussehen. Somit durften die Testfahrer einen Bewertungsbogen zu jedem Motorrad aus-füllen und eine Benotung inkl. besonders positiver bzw. besonders negativer Eigenschaft abgeben. In der Auswertungstabelle haben wir das Ergebnis im Durchschnitt erfasst und sind zu einem Gesamtergebnis pro Motorrad gekommen.
Einzelbewertungen der Modelle
Beta RR 300
Die Beta bekommt von fast allen Testfahrern eine gute Beurteilung für das Handling. Durch die neue sportlichere Sitzposition lässt sie sich noch besser über den Parcours bewegen. Mit dem Fahrwerk ist man auf der weichen Seite und somit eher nicht für den Rennsport gedacht. Hier haben die Tesfahrer ein befriedigend oder gar ein ausreichend abgegeben.
Bei der Traktion gehen die Meinungen ein wenig auseinander und somit reicht die Spanne von befriedigend bis sehr gut, was im Durchschnitt für eine gute Benotung langt. Der Motor wird fast immer mit gut und als „sanft“ bewertet. Ein einheitliches Ergebnis gab es bei der Beurteilung der Bremsen, hier gab es ein „gut“ mit dem Hinweis das die Nissin-Bremse am Vorderrad kräftig zupackt. Auch mit gut wurde das Aussehen von der Beta RR 300 bewertet.
Einige Testfahrer bemängeln die zu weite Entfernung des Schalthebels zur Fußraste, man muss teilweise den Fuß nach vorn versetzen um Schalten zu können. Insgesamt ist die Beta als „gut“ eingestuft und es ist ein Motorrad was bestens für den Hobbybereich eingesetzt werden kann.
GasGas
Bei der GasGas gab es einige unterschiedliche Meinungen zu den Bewertungenspunkten. Die Jungs mit den schnellen Sonderprüfungszeiten haben das Modell deutlich besser bewertet als die anderen Tester. In Sachen Handling bendeln die Ergebnisse zwischen befriedigend und gut, was aber insgesamt für ein „gut“ langt. Im Vergleich fühlt sich das Motorrad schwerfälliger an und lässt sich nicht so agil fahren wie manch anderes Modell.
Auch beim Fahrwerk gehen die Meinungen auseinander, „gut“ und „sehr gut“ von den schnellen Fahrern und ausreichend sowie befriedigend von den ruhigeren Fahrern. Klar ist, dass Kayaba-Fahrwerk bietet Sicherheit bei hohen Tempo und vermittelt ein gutes Gefühl zum Motorrad. Unterschiede gibt es auch bei der Punktevergabe bei der Traktion, hier reicht die Spanne zwischen ausreichend bis sehr gut und führt insgesamt zu einem guten Ergebnis.
Ganz krass gehen die Meinungen beim Motor auseinander, aber auch hier ist die Bewertung der zügigen Fahrer gut bis sehr gut und nur einer gibt dem Motor ein mangelhaft. Er burteilt seine Bewertung so, dass Motorrad läuft bei langsamer Fahrt weniger frei und überfettet im unteren Drehzahlbereich, was zu einem unangenehmen Fahren führt. Tatsächlich ist die Vergaser-Abstimmung im unteren Drehzahlbereich auf der fetten Seite, was in der Praxis wohl zu einer Anpassung der Bedüsung führen sollte.
Aber der Motor ist der einzige im Testfeld, welcher sanft und gutmüdig genug ist und den Fahrer bei schneller Fahrweise die Arme nicht zu lang werden lässt. Die Bremsen sind für alle Fahrer fast gleich „gut“ in der Bewertung. Zum Thema „Aussehen“ ist die GasGas noch das 2019 Modell und ist als Sondermodell „SixDays“ bei uns im Test. Die Bewertung ist insgesamt mit „gut“ eingestuft und als gewöhnungsbedürftig nannten einige Fahrer den Startknopf auf der linken Lenkerseite.
Insgesamt ist das Motorrad für den Sportfahrer gedacht, dank des Kayaba-Fahrwerks und der stabilen Fahrweise bei hohen Tempo.
Husqvarna TE 300i
Die Husqvarna bekommt von allen Testfahrern die höchste Note (sehr gut) beim Handling. Das Motorrad lässt sich nahezu spielerrich und kontrolliert über den Pacours bewegen. Dabei spielt es keine Rolle ob man schnell oder langsam unterwegs ist oder ein zügiger oder ruhiger Fahrer ist. Beim Fahrwerk reicht es für ein „gut“ was stark zum „sehr gut“ dentiert.
Es bietet ein sehr gutes Ansprechverhalten auf der Endurostrecke, besitzt aber nicht ausreichend Durchschlagsreserven um optimal für den Renneinsatz gewapnet zu sein. In Sachen Traktion ist die Spanne zwischen befriedigend bis sehr gut und führt insgesamt zu einem gut. Was dank gleichmäßiger Kraftentfaltung und gutem Fahrwerk gleich auf ist mit der KTM. Für den Motor mit Einspritzsystem gibt es ein klares Plus, daraus folgt ein fast perfektes Ergebnis von 4,8 (sehr gut).
Gegenüber einem Vergasermotor, gibt es keine Abstimmungsprobleme bei unterschiedlichen Temperaturen, Höhenunterschiede oder bei schneller / langsamer Fahrweise. Deutliche Unterschiede gibt es auch im Verbrauch zwischen Vergaser- und Einspritzmotor. Hier glänzt die Husqvarna mit minimalen Verbrauchs-werten. Das Magura-Bremssystem wird im Durchschnitt mit „gut“ bewertet und zeigt keine Schwächen während des Tests.
Beim Aussehen sind die Testfahrer nicht alle der selben Meinung und so gibt es eine Benotung zwischen befriedigend bis sehr gut, was zu einem „gut“ führt. Insgesamt betrachtet bietet die Husqvarna ein breites Spektrum an Performance, was für den Hobbybereich sowie auch hin zum Sportfahrer mehr als ausreichend ist.
KTM 300 EXC TPI
Kommen wir nun zur KTM, welche ebenfalls eine „sehr gute“ Bewertung für das Handling bekommt. Auch hier muss man sagen, es ist egal ob man langsam oder schnell unterwegs ist, es macht in jeder Situation Spaß dieses handliche Motorrad zu fahren. Das Fahrwerk erhält nicht so gute Werte wie bei der Husqvarna von den Testfahrern. KTM verbaut als einzigstes Enduromodell ein PDS-System womit nicht jeder Fahrer gleich gut unterwegs ist.
Die Vorteile sind klar, man hat mehr Bodenfreiheit und besonders über Hindernisse gibt es hier kein „Hängenbleiben“. Anderseits ist das Fahrverhalten direkter, speziell am Hinterrad, was auch mal zu einem Kicken neigen kann. Insgesamt gibt es ein „gut“ in der Bewertung. Bei der Traktion spielt der gleichmäßige und gut dosierbare Injection-Motor eine wichtige Rolle, aber auch das PDS-System sorgt für den nötigen Tragktionsaufbau am Hinterrad.
Die Bewerter geben hier 4,2 im Durschnitt was „gut“ bedeutet. Gleich wie bei der Husqvarna, wird der nahezu identischer Motor mit Einspritz-System bewertet. Er bietet die selben Vorteile und auch die Performance ist sehr gut. Ein großer Vorteil, sei hier noch zu erwähnen, ist das positive Drehmoment in niedrigen Drehzahlen. Das Motorrad kann sehr langsam Auffahrten oder Trails bewältigen ohne das Traktionsverluste auftreten.
Für den Fahrer bedeutet es, mehr Kontrolle und weniger Anstrengung. Die Brembo-Bremsen bieten am Hinterrrad sowie am Vorderrad einen guten Druckpunkt und die Bremsleistung bleibt auch bei schneller Fahrweise gleichbleibend. Insgesamt liegt die KTM mit 4,2 knapp hinter der Husqvarna auf den 2.
Sherco 300 SE Factory
Sherco glänzt mit einen TOP Erscheinungsbild und alle Testfahrer bewerten das Aussehen mit „gut“ bis „sehr gut“. Fairerweise muss man sagen, das es sich hier um das „Factory“ Modell handelt und das „Standart“ Modell optisch nicht ganz mithalten kann. Beim Handling gehen die Meinungen ein wenig auseinander und so gibt es Benotungen zwischen „befriedigend“ bis „sehr gut“, insgesamt führt es zu einem „gut“ im Durchschnitt.
Die Testfahrer stellten eine sehr gute Vorderradführung fest, was aber auch zu einer leichten „Kopflastigkeit“ führt und somit die Balance zwischen Vorder- / Hinterrad nicht ganz perfekt ist. Als Fahrwerk wird in der „Factory“ Version ein Kayaba-System eingesetzt, statt eines WP-Systems in der „Standart“ Ausführung. Die Abstimmung in der Telegabel und auch im Stoßdämpfer sind für den Sportfahrer optimiert.
Der Hobbyfahrer vermisst hier den Fahrkomfort sowie ein sanftes Ansprechverhalten. Insgesamt war das Fahrwerk sehr progressiv und es fehlte etwas Schnelligkeit und Fahrsicherheit bei schnellen welligen Passagen. Das ist sicherlich eine Einstellsache und kann mit wenigen Klicks an der Druck-/Zugstufe verändert werden. Der Motor wird nach wie vor mit einem Vergaser betrieben.
Die Leistungsentfaltung, speziell gegenüber der KTM oder Husqvarna, ist weniger gleichmäßig. Die Testfahrer haben zwischen „befriedigend“ bis „sehr gut“ bewertet, was zusammen zum „gut“ in der Tabelle führt. Positiv fällt uns das Brembo-Bremssystem auf, was eine solide Brems-Performace abliefert. Die Bremsen lassen sich gut dosiert einsetzen.
Insgesamt betrachtet ist die Sherco der „Sportler“ unter den Propanten und für den Renneinsatz bestens gerüstet.
Zusammenfassung
Ein großer Test liegt hinter uns und die Eindrücke waren mehr als umfangreich für jeden Testfahrer. Insgesamt betrachtet sind alle Modelle auf einem hohen Niveau, einzig KTM und Husqvarna sind die Vorreiter in Sachen Motorentechnologie.
Mit dem Einspritzsystem hat man einige Vorteile gegenüber dem Vergaser, ganz voran die gleichmäßige Leistungs-entfaltung. Aber auch die Futures wie geringerer Benzinverbrauch oder Entfall der Vergaser-Abstimmung sind wertvolle Eigenschaften. Beim Fahren an sich, merkt man neben der Motorcharakteristik noch die Unterschiede am Fahrwerk.
Hier setzen einige Modelle eher auf ein gutes Ansprechverhalten und Fahrkomfort, wie bei Beta. Andere dagegen glänzen m...
Vergleichstabelle
| Modell | Handling | Fahrwerk | Traktion | Motor | Bremsen | Aussehen | Gesamt |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Beta RR 300 | Gut | Befriedigend | Gut | Gut | Gut | Gut | Gut |
| GasGas | Gut | Gut | Gut | Gut | Gut | Gut | Gut |
| Husqvarna TE 300i | Sehr Gut | Gut | Gut | Sehr Gut | Gut | Gut | Sehr Gut |
| KTM 300 EXC TPI | Sehr Gut | Gut | Gut | Sehr Gut | Gut | Gut | Sehr Gut |
| Sherco 300 SE Factory | Gut | Gut | Gut | Gut | Gut | Sehr Gut | Gut |
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