Motorrad im toten Winkel: Wie man Unfälle vermeidet

Wusstest du, dass Motorradfahrer ein vierfach höheres Unfallrisiko haben als alle anderen Verkehrsteilnehmer? Die Zahl hat uns im Team wirklich schockiert. Aber es gibt auch eine gute Nachricht: In den letzten Jahren sind die Unfallzahlen gesunken. Dennoch berichten die Medien regelmäßig über verunglückte Motorradfahrer. Das Thema Sicherheit spielt bei uns allen eine große Rolle.

Viele Verkehrsunfälle passieren an Kreuzungen. Der Grund dafür: Auto- und Lkw-Fahrer übersehen Fußgänger oder Radfahrer, die sich im toten Winkel befinden. Beim toten Winkel am Pkw, Lkw oder Bus handelt es sich um Bereiche außerhalb des Fahrzeugs, die der Fahrer trotz mehrerer Spiegel nicht einsehen kann. Diese Bereiche befinden sich direkt vor, neben und hinter dem Kfz. Wie groß diese Zonen sind, hängt von Ihrem Fahrzeugmodell ab - je größer der Wagen, umso größer ist meist auch der tote Winkel. An den Fahrzeugseiten hat der tote Winkel die Form eines spitzen Dreiecks. In diesem Bereich werden andere Verkehrsteilnehmer für den Fahrer „unsichtbar“. Je nach Größe des Fahrzeugs und Einstellung der Spiegel können gleich mehrere Personen in dem Bereich „verschwinden“. Das macht den toten Winkel so tückisch.

Gefährliche Situationen im Straßenverkehr durch den toten Winkel

Vor allem, wenn sich Fahrradfahrer rechts neben einem Lkw oder Bus befinden, kann es zu schweren Unfällen kommen. Will der Lkw-Fahrer rechts abbiegen und fährt der Radfahrer geradeaus weiter, kann es zur Kollision kommen. Rund 70 Fahrradfahrer sterben laut dem ADAC jährlich in Deutschland, weil sie von einem Lkw erfasst werden. Durchschnittlich verletzen sich bei solchen Unfällen 665 Radler pro Jahr schwer. Auch Motorradfahrer sind häufig in Abbiegeunfälle verwickelt, weil sie gar nicht oder zu spät von einem Auto oder Lkw wahrgenommen werden. Bei mehrspurigen Kolonnen auf der Autobahn passieren zum Beispiel Unfälle beim Spurwechsel. Schert ein Pkw-Fahrer links zum Überholen aus, kann er ein Motorrad, das seitlich hinter ihm fährt, leicht übersehen.

So schön die ersten Sonnenstrahlen und der Beginn der Bikersaison auch sind, jedes Jahr erhöht sich im Frühling die Anzahl schwerer Unfälle zwischen Motorrädern und Autos. Zwar haben in den letzten Jahren vor allem die Motorradhersteller viel daran gesetzt, die Fahrwerke der Maschinen zu verbessern, die Beleuchtung zu optimieren und den Bremsweg der Zweiräder zu verkürzen, trotzdem bleibt Motorrad fahren ein sehr riskantes Hobby. Nicht selten passiert es, dass ein Autofahrer ein heranbrausendes Zweirad übersieht. Manche Biker hingegen bringen sich und andere Verkehrsteilnehmer mit waghalsigen Manövern in Lebensgefahr. Dazu, dass die Begegnung zwischen Auto und Motorrad keine schwerwiegenden Folgen hat, können allerdings beide Fahrteilnehmer ihren Beitrag leisten.

Was können Auto-, Lkw- und Busfahrer beachten?

  • Kontrollieren Sie Ihre Außen- und Rückspiegel vor der Fahrt und stellen Sie sie richtig ein. Somit verkleinern Sie Ihren toten Winkel beim Auto.
  • Behalten Sie den rechten Fahrbahnrand im Blick, wenn Sie warten oder bevor Sie anfahren. Beobachten Sie, ob sich Fußgänger und Radfahrer nähern oder bereits dort aufhalten.
  • Wenn Sie am Fahrbahnrand anhalten und aus dem Auto aussteigen wollen, reicht ein Blick in den Rückspiegel nicht aus. Fußgänger oder Radfahrer können sich im toten Winkel des Autos befinden.
  • Bleiben Sie auf einer mehrspurigen Straße nicht schräg hinter einem anderen Kfz - sonst geraten Sie mit dem Motorrad leicht in den toten Winkel.
  • Bremst ein Fahrzeug vor Ihnen und wird langsamer, überholen Sie es nicht sofort.
  • Befinden Sie sich seitlich hinter einem Kfz, machen Sie sich klar: Sehen Sie den Fahrer nicht im Spiegel seines Fahrzeugs, kann er sie auch nicht wahrnehmen.
  • Denken Sie an einer Kreuzung daran: Bei langen Fahrzeugen legen die Hinterräder in einer Kurve einen kleineren Radius zurück und können dem Bordstein sehr nahekommen.

Autofahrer können den toten Winkel verkleinern, indem Sie Weitwinkelspiegel am Seitenspiegel anbringen. Für größere Fahrzeuge wie Lkw und Busse gibt es Aufkleber, die andere Verkehrsteilnehmer auf den toten Winkel hinweisen. Seit Anfang 2021 sind in Frankreich Warn-Aufkleber für Fahrzeuge und Anhänger ab einem Gesamtgewicht von mehr als 3,5 Tonnen Pflicht. Die Toter-Winkel-Aufkleber heißen übrigens in Frankreich „Angles Morts“. Sie sind 25 cm hoch und 17 cm breit. Auch ein Abbiegeassistent (auch: Toter-Winkel-Assistent) oder ein Spurwechselassistent helfen Fahrern, Unfälle an Kreuzungen und Ampeln zu vermeiden. Die Fahrassistenzsysteme erkennen mithilfe von Sensoren und Kameras am Fahrzeug, ob sich Fußgänger oder Radfahrer im toten Winkel befinden.

Ab Juli 2022 ist der Abbiegeassistent für neu entwickelte Busse und Lkw ab 3,5 Tonnen Gesamtgewicht in Deutschland verpflichtend - ab 2024 für alle neuen Fahrzeuge dieser Kategorie. Gut zu wissen: Der Toter-Winkel-Assistent kann in der Werkstatt noch nachträglich eingebaut werden. Das kostet etwa 900 bis 3.500 Euro. Für ältere Lkw, in die das Assistenzsystem nachträglich eingebaut wird, gibt es ein Förderprogramm der Bundesregierung. Sie erhalten einen Zuschuss über 80 Prozent der Kosten für die Anschaffung des Systems, maximal 1.500 Euro.

Grundsätzlich gilt für Autofahrer: Unterschätzen Sie niemals das Tempo eines Motorrads. Sind Sie sich nicht sicher, wie schnell das Zweirad auf Sie zukommt, bleiben Sie lieber stehen oder stellen Sie sicher, dass der Motorradfahrer genügend Spielraum zum Ausweichen hat. Passen Sie auch Ihre Fahrweise entsprechend an. Das heißt: Bei Wendemanövern oder Spurwechseln sollten Sie besonders aufmerksam sein. Verlassen Sie sich nicht ausschließlich auf Ihre Rück- und Außenspiegel. Nutzen Sie den Schulterblick, um keinen Motorradfahrer im toten Winkel zu übersehen. Besonders wichtig sind auch frühzeitige Blinkzeichen, wenn Sie abbiegen. So geben Sie den Bikern mehr Reaktionszeit und riskieren keine spontanen Überholmanöver.

Was können Motorradfahrer beachten?

  • Motorradfahrer sollten grundsätzlich nicht mit der ungeteilten Aufmerksamkeit anderer Verkehrsteilnehmer rechnen.
  • Wer weit vorausschauend fährt, kann kritische Situationen besser und schneller erfassen und im Zweifelsfall bremsbereit sein.
  • Außerdem sollten Motorradfahrer darauf achten, dass sie für Autofahrer gut sichtbar sind und Blickkontakt suchen.
  • Der ADAC empfiehlt ihnen, den toten Winkel neben dem Pkw zu meiden. Besser ist es - wenn möglich - an dem Auto vorbeizufahren oder beim geringsten Zweifel so weit zurückzubleiben, dass man bei einem Spurwechsel oder beim Abbiegen des Pkws nicht gefährdet wird.
  • Wenn ein vorausfahrendes Fahrzeug ohne ersichtlichen Grund die Geschwindigkeit verringert, sollten Motorradfahrer erst die weiteren Abläufe abschätzen und nicht überholen. Eventuell möchte der Autofahrer abbiegen.

Für Motorradfahrer gilt genauso wie für Autofahrer: Fahren Sie besonders umsichtig. Vertrauen Sie niemals auf die eigene Vorfahrt, schon gar nicht, wenn die Fahrsituation unübersichtlich ist. Passen Sie daher auch immer Ihre Geschwindigkeit an und bedenken Sie den Bremsweg Ihrer Maschine. Fahren Sie vorausschauend und seien Sie jederzeit bremsbereit. Sie sollten sich außerdem immer im Klaren darüber sein, dass andere Verkehrsteilnehmer Sie schneller übersehen können. Achten Sie daher auch auf Sichthindernisse, wie Hecken oder Zäune, durch die Sie erst spät zu sehen sind. Ignorieren Sie keine Blinksignale und denken Sie beim Überholen einer Kolonne immer daran, dass jederzeit auch ein Auto aus der Mitte ausscheren könnte. Wird ein Auto langsamer oder fährt es auf eine Kreuzung zu, rechnen Sie stets damit, dass der Autofahrer auch ohne blinken abbiegen könnte. Besonders in Kurven sollten Sie ausreichend Abstand zum Mittelstreifen halten, um jederzeit genügend Zeit zum Reagieren zu haben.

Gerade zu Beginn der Motorradsaison gibt es solche gefährlichen Begegnungen besonders häufig. Und sehr oft enden sie nicht glimpflich. Eine Analyse der Verkehrsunfälle im Jahr 2021 durch ADAC Experten ergab: 16.435 Mal krachte es in der Bundesrepublik Deutschland zwischen Pkw und Motorrädern. Dabei verletzten sich fast 10.000 Motorradfahrende schwer und 529 verunglückten infolge von Verkehrsunfällen tödlich. 93 % der Unfallopfer waren Kraftradfahrende oder -mitfahrende, aber 66,4 % dieser Unfälle wurden von Pkw-Fahrenden verursacht. Warum? Weil Auto und Motorrad ungleiche Partner im Straßenverkehr sind. Basierend auf der Fahrleistung ist das Risiko eines Motorradfahrenden, an einem Unfall beteiligt zu sein, vier Mal höher als bei anderen Verkehrsbeteiligten.

Neben Alleinunfällen, bei denen Motorradfahrende von der Fahrbahn abkommen, kommt es häufig zu Kollisionen mit Pkw. Sie wirken wegen ihrer schmalen Silhouette zwar klein, haben aber ein großes Beschleunigungsvermögen und kommen oft schneller nah, als Autofahrende vermuten.

Weitere Tipps zur Unfallvermeidung

  • Schauen Sie vor einem Spurwechsel, vor einem Überholmanöver oder beim Wenden lieber zweimal in den Spiegel und über die Schulter. Ein Motorrad wird leicht übersehen.
  • Bleiben Sie gelassen, wenn ein Motorradfahrender überholt. Er braucht dafür weniger Strecke, als Sie annehmen.
  • Bringen Sie Ihr Navigationsgerät nicht mittig unten an der Frontscheibe an. Vor Kreuzungen Tempo reduzieren, bremsbereit sein, Augenkontakt suchen.
  • Vertrauen Sie grundsätzlich nicht auf die eigene Vorfahrt.
  • Fahren Sie immer so, dass Sie an Kreuzungen für wartende Autofahrende gut sichtbar sind. Halten Sie also Abstand zu größeren Autos vor Ihnen, fahren Sie gegebenenfalls "auffällig", indem Sie durch eine kurze Lenkbewegung geringfügig Ihre Fahrspur ändern.
  • Meiden Sie bei mehrspurigem Kolonnenverkehr den Bereich seitlich hinter anderen Fahrzeugen. Sie befinden sich dort im toten Winkel.
  • Vorsicht bei haltenden Pkw am Straßenrand. Blinksignale links können ein Einfädeln in die Fahrspur, aber auch ein Wendemanöver ankündigen.
  • Überholen Sie Kolonnen nur dann, wenn Sie ein Wende- oder Überholmanöver eines vor Ihnen fahrenden Autos ausschließen können.
  • Rechnen Sie auf Landstraßen mit überholenden Autos im Gegenverkehr.
  • Fahren Sie in Linkskurven nicht zu weit innen. Durch die Schräglage ragt Ihr Körper sonst in die Gegenspur.
  • Für Auto- und Motorradfahrende gilt: Fahren Sie defensiv, respektieren Sie die Verkehrsregeln. Und machen Sie sich fit für Gefahrensituationen.

Motorrad- und Autofahrende sind auf der Straße häufig auf Kollisionskurs. Was beide Gruppen tun können, um Unfälle noch besser zu vermeiden. Wichtige Tipps für mehr Sicherheit auf den Straßen.

Tabelle: Verkehrsunfälle zwischen Pkw und Motorrädern in Deutschland (2021)

Ereignis Anzahl
Unfälle zwischen Pkw und Motorrädern 16.435
Schwerverletzte Motorradfahrende ca. 10.000
Tödlich verunglückte Motorradfahrende 529

Verwandte Beiträge:

Kommentar schreiben

Kommentare: 0