In Deutschland haftet indischen Motorradmarken oft das Image von simpel konstruierten Kleinkrafträdern an, und man neigt dazu, überheblich auf sie herunterzublicken. Doch Indien ist der größte Motorradmarkt der Welt, und die dortigen Hersteller sind Schwergewichte der Motorradindustrie.
Europäische Marken gehen mit ihnen Kooperationen ein, um überhaupt noch wachsen zu können. Indien musste 2021 wegen der Coronakrise vorübergehend den Titel "größter Motorradmarkt der Welt" an China abtreten, aber die Inder haben sich 2022 wieder an die Spitze gesetzt.
Das Land ist auf günstige Verkehrsmittel angewiesen, viele können sich kein Auto leisten, und so stellt das Kraftrad ein Massentransportmittel dar. 2022 wurden in Deutschland insgesamt 201.433 Krafträder und Roller aller Hubraumklassen neu zugelassen - so viel wie in Indien in nur viereinhalb Tagen.
Indien überholt China als bevölkerungsreichstes Land
Indien wird China bald als das bevölkerungsreichste Land ablösen: Auf dem Subkontinent leben inzwischen 1,417 Milliarden Menschen, und die Bevölkerung wächst, statt wie in China zu schrumpfen. Damit ist Indien zwar noch deutlich vom Rekordjahr 2018 entfernt, als über 20 Millionen Motorräder neu zugelassen worden waren, aber der Markt hat vergangenes Jahr um 13,2 Prozent zugelegt.
Natürlich fahren Inder überwiegend kleine Motorräder und Roller mit selten mehr als 150 cm³, die aber in gigantischen Mengen verkauft werden. Allein die größte indische Motorradmarke Hero verkaufte vergangenes Jahr rund fünf Millionen Motorräder und hat im Laufe ihrer Geschichte, die erst 1984 begann, über 100 Millionen Krafträder produziert. Das meistverkaufte Modell in Indien war 2022 die Hero Splendor Plus mit 97 cm³ und acht PS.
Royal Enfield: Eine Legende aus Indien
Die bei uns bekannteste und erfolgreichste indische Marke ist Royal Enfield. Vergangenes Jahr hat sie bis Oktober 657.846 Motorräder weltweit verkauft, eine Steigerung um 34 Prozent. Damit zählt die Marke in Indien zwar zu den eher kleineren, aber sie genießt einen exzellenten Ruf, weil sie mit der 500 Bullet das am längsten gebaute Modell aller Zeiten vorweisen kann. Sie stammte in ihren Grundzügen aus dem Jahr 1933 und wurde erst 2020 eingestellt.
Auf dem Subkontinent galt der luftgekühlte 500er-Einzylinder als Big Bike und hat bis heute einen riesigen Fankreis. Siddartha Lal führte Royal Enfield, nachdem die Marke 2000 tief in den roten Zahlen steckte, zu ungeahnten Erfolgen. Er setzte konsequent auf das legendäre Image der Bullet, modernisierte das Werk in Chennai und kurbelte die Produktion durch geschicktes Marketing mächtig an. Sogar im leistungsverliebten Deutschland schaffte die betagte 500 Bullet schließlich bemerkenswerte Absatzzahlen.
2017 brachte Royal Enfield mit der Himalayan das erste neue Modell seit Ewigkeiten heraus. Die luftgekühlte Einzylinder-Enduro mit ihren 25 PS aus 411 cm³ erwies sich als robust und fand auch außerhalb von Indien rasch viele Freunde. 2018 stellte Siddartha Lal mit den Zweizylindern Interceptor 650 und Continental GT 650 nicht nur die größten und mit 48 PS auch stärksten Modelle in der Geschichte Royal Enfields vor, sondern verkündete zudem, in der Mittelklasse langfristig zum Weltmarktführer aufsteigen zu wollen.
Royal Enfield plant noch weiter in die Zukunft: Ende 2022 ging die Konzernmutter Eicher ein Joint Venture mit dem spanischen Elektromotorrad-Hersteller Stark Future ein und investierte 50 Millionen Dollar in das vielversprechende Start-up. Damit erhielten sie einen Anteil von 10,35 Prozent und möchten von Stark Futures Entwicklungsvorsprung für eigene Elektromodelle profitieren.
Elektromobilität in Indien
Elektromobilität wird inzwischen auch in Indien immer wichtiger, denn die Luftverschmutzung ist dort ein großes Problem. Die indische Hauptstadt Neu-Delhi gilt als Stadt mit der am stärksten verschmutzten Luft der Welt mit Spitzenwerten von 1000 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft. Zum Vergleich: In der EU gilt ein Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter. Deshalb wird in Indien ab April 2025 die Neuzulassung von kleinen Verbrenner-Krafträdern bis 150 cm³ verboten.
Der italienische Elektromotorrad-Hersteller Tacita, gegründet 2009, hat im Dezember 2022 bekannt gegeben, mit dem indischen Elektrobike-Produzenten Okinawa eine Kooperation einzugehen. Den umgekehrten Weg ging der italienische Roller-Gigant Piaggio, der schon seit langem ein eigenes Werk in Indien besitzt. Als größter europäischer Kraftradhersteller musste er dafür kein Joint Venture mit einem indischen Produzenten eingehen.
TVS Motor: Auf dem Weg nach Europa
An Expansion ist auch TVS interessiert. Die zweitgrößte indische Marke sorgte bereits vor einigen Jahren in Deutschland für Aufmerksamkeit, als BMW sich entschied, kleine Modelle kostengünstig bei TVS in Indien fertigen zu lassen. 2016 erschien das Naked Bike G 310 R und wenig später das Modell BMW G 310 GS. TVS profitierte zusätzlich von dem Deal durch sein vollverkleidetes Sportmotorrad Apache RR 310 auf Basis der BMW G 310, zumal auf dem indischen Markt Sportbikes gerade sehr angesagt sind.
Laut TVS ist Indien aktuell der größte Zweiradmarkt der Welt, noch vor China. Derzeit ist man schon in über 80 Ländern weltweit aktiv, nur die Premiummärkte Europa, Australien und Amerika hatte man bisher noch nicht besetzt. Doch laut der Chefetage von TVS ist nun die richtige Zeit, um nach Europa zu kommen, 113 Jahre nach der Firmengründung.
Partnerschaft mit BMW Motorrad
Viele von uns haben schon mal ein TVS-Motorrad gesehen ohne es zu wissen. Dabei reicht es, einen Blick in den BMW Motorrad-Schauraum zu werfen, denn die BMW G 310-Modellreihe kommt zu 100 Prozent aus Indien von TVS. Seit 2013 haben BMW Motorrad und TVS eine strategische Partnerschaft, die Einzylindermodelle wurden von BMW Motorrad entwickelt, gebaut werden sie aber komplett in Indien, genau genommen im Werk in Hosur. Aber nicht nur die G 310 R und G 310 GS rollen dort vom Band, auch BMWs neuer kleiner Elektroroller CE-02 wird in Indien von TVS produziert.
Modelle für den europäischen Markt
Mit Stand Ende März sind für das Jahr 2024 nicht weniger als acht verschiedene Modelle für Europa angedacht: Apache RR 310, Apache RTR 310, Ronin, Raider, iQube, NTorq 125, Jupiter 125 und später im Jahr noch der vollelektrische Roller TVS X.
TVS Apache RR 310
Sie ist das emotionale Aushängeschild von TVS, ein Sportmotorrad auf Basis der BMW G 310. Das bedeutet: Rahmen und Motor sind ident, dann fangen die großen Unterschiede aber schon an. Die Apache RR 310 ist gerade mitten drinnen eine Überarbeitung zu erfahren, somit werden sich manche Eckpunkte bis zum Verkauf in Europa noch ändern können.
Der wassergekühlte Einzylindermotor leistet 34 PS bei 9.700 Umdrehungen, und 27,3 Nm bei 7.7700 Umdrehungen. Für den Grip sorgen Michelin Road 5-Reifen, an der Front werkt eine KYB-USD-Gabel, im Heck ein Monofederbein, verstellbar in der Vorspannung. Es gibt vier verschiedene Riding Modes und ein sehr ansehnliches 5-Zoll-TFT-Display im Hochformat. Ebenfalls mit dabei: Ein Ride-by-Wire-System sowie ABS und eine Anti-Hopping-Kupplung. In der Überarbeitung wird sich das Ausstattungspaket noch näher an die weiter unten beschriebene RTR 310 angleichen.
TVS Apache RTR 310
Die nackte Schwester der RR 310 heißt RTR 310. Auch hier sind Motor und Chassis praktisch ident zur BMW G 310 R, jedoch kommt die TVS-Version mit einer deutlich üppigeren Ausstattung. Von dem Nakedbike gibt es zwei Versionen: Standard und BTO. BTO steht für build to order und ist die Vollausstattung ab Werk mit vollverstellbarer KYB-USD-Gabel, verstellbarem Federbein, extrem umfangreichem Elektronikpaket mit Quickshifter, schräglagenabhängigen Fahrassistenzsystemen wie Traktionskontrolle, ABS und sogar Tempomat. Komplette LED-Beleuchtung gehört ebenso dazu wie gripreiche Michelin Road 5-Reifen, einem dynamischen Bremslicht und einem gekühlten Sitz. Ja, kein Witz, die RTR 310 bietet eine Sitzkühlung und die funktioniert auch tadellos. Ein absolut klassenuntypisches Feature.
Der wassergekühlte Einzylinder leistet 35,6 PS und 28,7 Nm, Werte, die auch die RR 310 bekommen soll. Der Topspeed liegt bei beiden Apache-Modellen bei 160 km/h.
TVS Ronin
Die TVS Ronin ist ein Nakedbike mit leichter Scrambler- und Classic-Attitüde. Sie wird von einem luftgekühlten 225 Kubik-Einzylinder angetrieben, der 20,4 PS und knapp 20 Nm Drehmoment drückt. Der Topspeed liegt bei 140 km/h, die das stabile Fahrgestell auch locker zu bändigen weiß.
TVS Raider
Das dritte Nakedbike aus dem TVS-Stall ist in Indien ein Megaseller und stellt für den europäischen Markt das Einstiegsprodukt dar. Der luftgekühlte 3-Ventil-Einzylinder leistet rund zehn PS und 11 Nm Drehmoment, der Topspeed liegt bei 99 km/h. Die Raider ist ein auf das Wichtigste reduziertes Motorrad, hat aber trotzdem LED-Beleuchtung und ein großes 5-Zoll-TFT-Display.
TVS Jupiter 125
Bei den Rollern ist der TVS Jupiter 125 das Pendant zur Raider, also das Einstiegsmodell für den europäischen Markt. Der kleine, preiswerte Roller schafft 90 km/h Topspeed, produziert knapp 8 PS und 10,5 Nm Drehmoment. Scheibenbremse vorne, 33 Liter Stauraumvolumen unter der einteiligen Sitzbank und LED...
Bajaj Auto: Ein Global Player
"Bajaj Auto" ist der größte Fahrzeughersteller in Indien und belegt weltweit Rang vier im Bereich motorisierter Zwei- und Dreiräder. Das 75 Jahre alte Unternehmen ist mit den Marken Pulsar, Boxer, Platinum und RE in mehr als 70 Ländern aktiv. Am 1. Januar 2021 betrug der Preis für eine Aktie des Konzerns Bajaj Auto 3.479 RS, was umgerechnet 39,22 Euro entspricht.
Kooperationen mit europäischen Herstellern
Import, Export, Produktion - in diesen Bereichen ging das Unternehmen in den letzten Jahren auch Kooperationen mit europäischen Motorradherstellern ein. 2017 wurde die Zusammenarbeit von Bajaj und Triumph bekanntgegeben, wobei es hier nicht um finanzielle Beteiligungen geht, sondern um die gemeinsame Entwicklung von Motorrädern. Seit Januar 2020 ist bekannt, dass es sich um Modelle im mittleren Hubraumsegment von 200 bis 750 cm³ handelt, die von Bajaj in Indien gebaut und in ganz Asien vertrieben werden. Die Preise in Indien sollen bei unter 200.000 Rupien starten, was rund 2.500 Euro entspräche. Auch in Deutschland und anderen Märkten, in denen Triumph bereits vertreten ist, sollen die neuen Modelle der mittleren Hubraumklassen angeboten werden.
Beteiligung an KTM
Anders sieht die Basis der Zusammenarbeit mit KTM aus, denn hier ist Bajaj seit 2007 Anteilseigner und besitzt knapp die Hälfte aller KTM-Anteile. Auch in diesem Fall werden komplette Modelle in Indien produziert, wie beispielsweise die KTM Duke 200 und die Duke 390 sowie Husqvarna Svartpilen 401 und Vitpilen 401.
Die größten Motorradhersteller weltweit
In der Top-Liste der größten Motorradhersteller sind nur 3 wirklich bekannte Namen, europäische Marken finden hier nicht mal ansatzweise statt. 40 Millionen Zweiräder weltweit - diese Summe stellten die 7 größten Motorradhersteller 2023 auf die Reifen, insgesamt waren es über 60 Millionen. Unter diesen Herstellern sind nur 3 Namen, die in unseren Breitengraden wirklich bekannt sind: Honda, Yamaha und Suzuki.
Einer der größten europäischen Hersteller, die Piaggio-Gruppe, liegt mit gut 625.000 verkauften Einheiten pro Jahr nicht ansatzweise in Schlagweite der größten Hersteller.
| Platz | Hersteller | Produzierte Einheiten (2023) |
|---|---|---|
| 1 | Honda | 18,4 Millionen |
| 2 | Hero Motor | 5,6 Millionen |
| 3 | Yamaha | 4,6 Millionen |
| 4 | Bajaj Auto | 3,6 Millionen |
| 5 | TVS Motor | 3,4 Millionen |
| 6 | Yadea | 2,5 Millionen |
| 7 | Italika | 1,9 Millionen |
Die Marktmacht manch europäischer Hersteller wie BMW, Ducati, KTM und Triumph ist ein regionales Phänomen, das sich über den "Premium"-Anspruch der Marken erklärt. Die nackten Zahlen zeigen: Trotz aller Herrlichkeit sind die genannten Motorradmarken "kleine Fische".
Royal Enfield: Eine Marke mit langer Tradition
Royal Enfield ist ein indischer Motorradhersteller und zugleich die älteste noch produzierte Motorradmarke der Welt. Der Name Royal Enfield wurde erstmals 1895 in Indien als Gewehr der britischen Armee gesehen, die Indien kolonisiert hatte. Als 1947 die Unabhängigkeit nach Indien kam, war das Royal Enfield das erste Motorrad, das 1949 auf dem Markt war. Mit 80 mpg und legendärer Zuverlässigkeit unter widrigen Bedingungen hat sich Royal Enfield einen besonderen Platz in der indischen nationalen Psyche erobert.
Royal Enfield begann 1901 mit der Herstellung von Motorrädern, und sein Status als einer der ältesten Motorradmarken ist der Hauptgrund dafür, dass andere langjährige Marken alle eine Partnerschaft eingegangen sind oder von einem indischen Motorradhersteller in den letzten Jahren erworben wurden.
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