Die Motorradsaison hat schon längst begonnen und viele sind wieder mit ihrer Maschine auf deutschen Straßen unterwegs. Beim motorisierten Hobby stehen Spaß und Freiheitsgefühl oft im Vordergrund. Dennoch ist ein gutes Maß an Gefahrenbewusstsein notwendig, um auch brenzlige Momente zu meistern.
ABS ist seit vielen Jahren Motorrädern über 125 Kubik Pflicht. Beim Kurven-ABS ist das noch nicht der Fall. Anfangs den teuersten Motorrädern vorbehalten, zeigt sich langsam ein Trend, dass auch günstigere Bikes mit diesem Feature ausgestattet werden. Denn mit immer besser werdender Technik bringen die Systeme nur mehr wenig Gewicht mit und Kunden verlangen nach dem zusätzlichen Sicherheitsnetz. Denn selbst wenn es vielleicht nur selten zum Einsatz kommt, bringt es ein enormes Plus an Schutz mit.
Für all jene, die nicht wissen, dass ABS nicht nur das englische Wort für Bauchmuskeln ist, hier eine kurze Erklärung: ABS steht für Antiblockiersystem und verhindert im Falle einer Notbremsung das Blockieren der Räder. Mit ABS bleibt das Fahrzeug kontrollierbar, wobei auch ein Ausweichmanöver noch möglich ist.
ABS-Pflicht in Europa
Seit Januar 2017 (Euro 4-Regelung) müssen neue Motorräder mit mehr als 125 Kubik Hubraum mit ABS ausgestattet sein. In der Tat sind sie seither meistens sowohl am Vorderrad als auch am Hinterrad mit ABS ausgerüstet. Dazu sind die Hersteller jedoch nicht verpflichtet. Die Verordnung Nr. 168/2013 des Europäischen Parlaments (vom 15. Januar 2013) regelt: "Neue Krafträder der Unterklassen L3e-A2 und L3e-A3, die auf dem Markt bereitgestellt, zugelassen oder in Betrieb genommen werden, sind mit einem Anti-Blockier-System auszurüsten."
Mit L3e-A2 sind Motorräder mit bis zu 35 kW (48 PS) Leistung gemeint. In die A3-Klasse fallen alle, die mehr als 35 kW leisten. Die Verordnung regelt an keiner Stelle, dass diese Motorräder an beiden Rädern mit ABS auszustatten sind. Welches der beiden Räder mit einem Anti-Blockier-System ausgestattet sein muss, konkretisiert die Regelung ebenfalls nicht.
Für die 125er-Klasse schreibt die EU Folgendes vor: "Neue Krafträder der Unterklasse L3e-A1, die auf dem Markt bereitgestellt, zugelassen oder in Betrieb genommen werden, sind nach Wahl des Herstellers entweder mit einem Anti-Blockier-System oder mit einem kombinierten Bremssystem oder beiden Typen verbesserter Bremssysteme auszurüsten."
Die Vorteile von ABS
Eine Studie zum Sicherheitsbewusstsein des Instituts für Zweiradsicherheit hat 2020 die fünf kritischsten Situationen auf dem Motorrad identifiziert. Der ACE, Europas Mobilitätsbegleiter, erläutert, wie Motorradfahrende in diesen Fällen am besten damit umgehen:
- Übersehen durch andere Verkehrsteilnehmende: Im Vergleich zum Auto haben Motorradfahrer und -fahrerinnen keine schützende Knautschzone. Autofahrende sollten sich deswegen nicht auf die Spiegel verlassen, sondern vor jedem Spurwechsel, Abbiegen oder Überholmanöver einen bewussten Blick über die Schulter werfen.
- Bremsen in Schräglage: Wer nicht über ein Motorrad mit Kurven-Antiblockiersystem (ABS) verfügt, sollte in Schräglage mit sehr viel Gefühl bremsen. Vor allem bei Motorrädern ohne ABS kann beim harten Bremsen in Schräglage der Reifen die Seitenführungskaft verlieren, sodass es zum Sturz kommt. Sinnvoll und zielführend ist ein gefühlvoller Bremskraftaufbau verbunden mit sensibilisierter Reaktion auf das sich veränderte Fahrverhalten.
- Kurve falsch eingeschätzt: Entscheidend für die Kurvenfahrt ist die richtige Blickführung: Es sollte immer in die Richtung geblickt werden in deren Richtung gefahren wird, bestenfalls so weit wie möglich in die Kurve hinein. Vielmehr sollte der gewünschte Lenkimpuls mit einer flüssigen, weichen und sanften Bewegung durchgeführt werden.
- Gefahrenbremsung: Bei der Gefahrenbremsung sind ABS-Motorräder im Vorteil, da das Regelsystem für ein stabiles Fahrverhalten während des Bremsens sorgt. Wichtig in diesem Fall ist eine schnelle Reaktion und ein starker Zug am Bremshebel. Um stets bremsbereit zu sein, gehören permanent zwei Finger an den vorderen Bremshebel.
- Ausweichmanöver durchführen: Moderne Motorräder mit ABS sind zu einem sicheren Ausweichmanöver auch während einer Vollbremsung fähig. Auch hier ist wieder die Blickführung maßgeblich: Die Augen sollten stets in Zielrichtung, also in Richtung der freien Gasse, und auf keinen Fall auf das Hindernis gerichtet sein.
ABS für Fahranfänger
Das erste Motorrad ist das vielleicht wichtigste Motorrad im Leben eines Fahranfängers. Es entscheidet, ob ein passionierter Biker geboren wird, oder ob das Motorradfahren doch nur ein Versuch ist, bei dem es auch bleiben wird. Die Sicherheit spielt dabei eine große Rolle.
Erfahrene Motorradfahrer benötigen diesen Schutz vielleicht nicht unbedingt, teilweise wird sogar bewusst darauf verzichtet. Für Anfänger sollte es hingegen Pflicht sein, denn in einer Notsituation führt der erste Instinkt meist dazu, mit ganzer Kraft in die Bremse zu greifen. Egal ob bei trockenen Verhältnissen, oder regennasser Fahrbahn.
Fahrzeuge mit ABS haben sich erst in den letzten 10 Jahren langsam etabliert, Systeme die man kaum merkt, gibt es erst seit kurzer Zeit. Dementsprechend sind Preise für Gebrauchtfahrzeuge noch hoch, wenn es um die persönliche Sicherheit geht, sollte aber nicht gespart werden. Denn es reicht nur ein Moment, in dem man sich wünscht, man hätte für ABS ein paar hundert Euro Aufpreis gezahlt.
Mit fortgeschrittenen Systemen wie Kurven-ABS darf nicht gerechnet werden, diese Errungenschaft bleibt den Einsteigerbikes noch vorenthalten.
Moderne Fahrhilfen sind immer aktiv
Moderne Fahrhilfen sind immer aktiv: Kurven-ABS und Traktionskontrolle regeln nicht nur wenn das Rad schon rutscht. Am Beispiel des Bosch MSC wird gezeigt, dass die Systeme schon lange und oft regeln, bevor der Fahrer es merkt.
Altes Wissen neu bewerten: Vor dem Hintergrund der Regelsysteme der ersten Generationen mit dem Feingefühl eines Presslufthammers sind diese Wahrnehmungen vielleicht noch verständlich, seitdem aber selbst Mittelklasse-Motorräder mit modernen schräglagenabhängig agierenden Systemen (unter anderem von Bosch) aufwarten, ist die Idee der selten oder nur im Notfall regelnden Systeme schlicht und einfach falsch.
Schutzengel "Kurven-ABS"
Wer sich mit seinem schräglagenabhängigen Bremssystem physisch angefreundet hat, merkt dann nur ein Pulsieren an Hand- und Fußbremshebel, das Heck zieht sich leicht in die Feder und das Mopped bewegt sich minimal um die Hochachse, manchmal sind Drehimpulse im Lenker zu spüren. Dabei verzögert das Krad recht stark und stellt sich langsam und kontrolliert auf. Das gefürchtete eindrehende Bremslenkmoment bleibt aus: also das Einklappen des Vorderrads zum Kurveninneren mit schlagartigem Aufstellen des Motorrads mit Drang in den Gegenverkehr oder gar das Wegrutschen des Rads. Lockere Sache. Meint man.
In diesem gesamten Vorgang von nur wenigen Augenblicken regelt das sogenannte Kurven-ABS nicht nur in der spürbaren Situation. Die Motorcycle Stability Control (MSC) von Bosch gleicht den geforderten Bremsdruck dauerhaft mit der maximal übertragbaren Bremsleistung ab und regelt bei Bedarf minimal nach. Der Fahrer merkt davon nichts.
Fazit ABS
Frühe ABS haben einzig Raddrehzahlen gemessen und darauf reagiert, wenn ein Rad beim Bremsen stehen bleibt. Dann wurde kurzzeitig ein Ventil im Bremskreislauf geöffnet und der Bremsdruck so lange verringert, bis das Rad sich wieder zu drehen begann. Dann wurde wieder Bremsdruck aufgebaut.
Moderne ABS bedienen sich einer Vielzahl an Parametern und arbeiten schon vor dem Erreichen der Haftgrenze des Reifens. Das macht einen Bremsvorgang besonders in Schräglage harmonischer und sicherer: In Schräglage einem rutschenden Rad wieder Haftung zu verschaffen ist schwieriger, als es erst gar nicht zum Rutschen zu bringen.
Fazit Traktionskontrolle
Bei ziemlich sportlichen 50° Grad Schräglage regelt die MTC bereits sechsmal unmerklich. Aber auch auf der Landstraße und deutlich weniger Schräglage greift die MTC hier und da schon ein, bevor der Fahrer es merkt. Doch was würde passieren, wenn die kleinen Eingriffe nicht da wären? Dann wäre das Risiko von Traktionsverlusten deutlich höher, die dann wieder hart geregelt werden müssten und starke Lastwechsel verursachen würden. Das System bringt also Ruhe in die Fahrt.
ABS - Die sichere Instanz beim Bremsen
Ein Motorrad mit ABS kann in nahezu jeder Fahr- oder Notsituation voll gebremst werden - mit sehr modernen Systemen (Stichwort „Schräglagen-ABS") auch in schnellen und sehr „schrägen“ Kurven. Das trauen sich viele Motorradfahrer und -fahrerinnen nicht, weil sie mit der Gefahr des „Überbremsens“ mit einem konventionell bremsenden Motorrads quasi aufgewachsen sind.
Bei allen mit ABS ausgestatteten Motorrädern kann zumindest bei Vollbremsungen während der Geradeausfahrt der Bremshebel vorn wie hinten voll gezogen bzw. getreten werden. Aber auch hier sollte jeder zuerst vorsichtig beginnen und innerhalb mehrmaliger Versuche die Extreme erfahren.
ABS - Die Bremserfahrung macht´s
Notbremsungen müssen geübt werden, denn im Straßenverkehr kommen sie nicht allzu häufig vor - und werden deshalb von den meisten Motorradfahrern und -fahrerinnen nicht beherrscht. Egal mit welchem Bremssystem, das Trainieren einer Notbremsung sollte also kein einmaliger Vorgang sein - insbesondere zum Saisonstart. Herantasten - im Wortsinn. Vollbremsungen bei 30, 50, 100 km/h - ohne ABS optimalerweise mit einem Instruktor im Sicherheitstraining. Eigengefährdung sowie die Gefährdung Dritter ausschließen.
ABS beim Wiederverkauf
Der Markt zeigt, dass in Deutschland Motorräder, die wahlweise mit oder ohne ABS zu haben sind, zu über 90% mit ABS gekauft werden. Wer also ein Motorrad, das es mit ABS gibt, ohne kauft, dürfte beim Wiederverkauf Schwierigkeiten haben. Das ist dann wie bei einer S-Klasse ohne Automatik.
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