Jesus liebt Radfahrer: Fakten, Erfahrungen und Buchempfehlungen

Viele Radfahrer kennen das Gefühl: Nach einigen entspannten Kilometern mit Rückenwind ändert sich entweder die Fahrstrecke oder der Wind dreht sich und bläst einem mächtig ins Gesicht. Auch im christlichen Alltagsleben bläst uns immer wieder der Wind ins Gesicht, je nachdem, in welchem Umfeld wir leben, auf unterschiedliche Weise. Obwohl Widerstand sehr individuell empfunden wird, stellen wir doch leicht fest, dass Widerstand gegen Christen nicht nur vereinzelt passiert, sondern auch systematisch gegen Christen vollzogen wird.

Doch schnell merkt man, dass in der christlichen Welt auch nicht alles Gold ist, was glänzt. Um mit dem Bild eines Nordseedeiches über das Wort Gottes zu sprechen, können wir feststellen, dass der Deich an Höhe abgenommen hat. Teilweise sind auch Risse im Deich aufgetreten. Ein weiterer Ersatzdeich ist die Erfahrung. Im christlichen Bereich will man den vorhandenen Deich erhöhen, indem man Synodenbeschlüsse verfasst. Ändert sich die Situation, wird ein neuer Beschluss gefasst und der alte ist nicht mehr gültig. Bei genauerem Hinsehen merkt man schnell: die Ersatzdeiche halten den Lebensstürmen nicht stand. Doch ein schales Gefühl bleibt. Soll es das nun sein? Oder gibt es eine bessere Perspektive für die Zukunft? Ist unsere jetzige Situation eine Ausnahmesituation und wir müssen nur noch ein wenig ausharren bis es wieder normal wird? Gibt es für all den Gegenwind für uns Christen einen Königsweg, den wir gehen können?

Die gute Nachricht: ja, die Bibel gibt uns Antworten, die aktuell umgesetzt werden können! Ein Beispiel hierzu ist die Berufung Abrams und seinem Weg nach Kanaan (1. Mose 12,1-9). Gott rief Abram aus seiner Heimat, in der er stark verwurzelt war, heraus, um ein Fremdling in einem ganz anderen Land zu sein. Dieses neue Land versprach Gott Abrams Nachkommen als Besitz. Dort angekommen, stellte er fest, es ist bereits besiedelt. Und die Menschen hatten ihre eigene Kultur und Gotteskult. Aus Abrams Sicht hatte Gott einen Gegenwind nach dem anderen auf Abrams Gesicht geblasen. Was machte nun Abram als er sein neues Land besichtigte? Er baute Altäre für seinen Gott. Er ließ die bisherigen Bewohner, die Kanaaiter, in Ruhe und baute in Sichtweite von deren Tempeln Altäre für seinen Gott. Abram war lediglich mit seiner Familie und der Familie von seinem Neffen Lot in diesem fremden Land unterwegs. Aus Sicht der Einheimischen, den Kanaaitern, waren diese beiden Familien a) Fremdlinge, b) eine Minigruppe mit anderem Glauben, c) ohne Bürgerrechte.

Was lernen wir daraus? Der Glaubende an Jesus Christus, seinen Vater und dem heiligen Geist befindet sich in der Minderheit auf dieser Welt. Wer diesen Glauben lebt, lebt im Dissens zur Gesellschaft, im Bruch, im Riss, in Konfrontation, in einer anderen geistigen Systematik. Und dies ändert sich nicht. Die Bibel berichtet nicht davon, dass Christen jemals die Mehrheit bilden werden. Jesus-Nachfolger laufen auf dem schmalen Weg, sind die anders Denkenden, passen nicht in die geltende gesellschaftliche Norm. Wenn ich in der Spur von Jesus Christus unterwegs bin, gehören alle biblischen Prophezeiungen zu diesem Lebensweg auch zu meinem Lebensweg dazu. Und ich tue gut daran, dies als gegeben zu akzeptieren und nicht als Ausnahme einzustufen. Ich muss also nicht ständig gegen diese Widrigkeiten des Lebens ankämpfen.

Einige Tipps, um mit dem Gegenwind umzugehen:

  1. Training, Training, Training.
  2. Mit anderen Jesus-Nachfolgern gemeinsam beten, gemeinsam Gottesdienste feiern, gemeinsam Leben (Dietrich Bonhoeffer hat hierzu ein sehr gutes Buch geschrieben: Gemeinsames Leben).
  3. Wenn wir vom Dauer-Gegenwind fast nicht mehr können, dann dürfen und sollen, ja müssen wir uns von Jesus ganz viel Liebe schenken lassen.
  4. Wir dürfen uns an Vorbilder orientieren. Diese Vorbilder müssen nicht perfekt sein. Wichtig ist, dass ihr Herz für Jesus schlägt.
  5. Unsere Erwartungen an das Mögliche koppeln.
  6. Wir dürfen und sollen zuversichtlich sein, denn Jesus sagte sehr oft: Fürchte dich nicht! Ja, in der Welt habt ihr Angst, doch ich habe die Welt überwunden, sagte Jesus.
  7. Gemeinschaft mit Jesus pflegen. Üben, auf seine Worte, auf seine Impulse zu hören, zu reagieren.
  8. Als Kinder Gottes haben wir stets die Hoffnung bald nach Hause zu unserem himmlischen Vater kommen zu dürfen. Nicht der Gegenwind, nicht der Widerstand ist unser Ziel, sondern ins Angesicht Gottes zu treten.

Persönliche Erfahrungen auf dem Snail-Trail

Als ich 16 war, lernte ich Jesus kennen, indem ich seine Biografie las, also die ersten vier Bücher des Neuen Testaments. Ich fragte mich oft, wie es gewesen wäre, tatsächlich mit Jesus unterwegs zu sein, seine Worte zu hören und an seinen Begegnungen mit Menschen teilzuhaben. Es wäre sicherlich eine Lebensprägende Erfahrung gewesen. Ein bisschen davon durfte ich 2023 auf dem Snail-Trail 1 erleben, als ich zu Fuß von meiner Heimat in Süddeutschland bis zu der Westküste Spaniens pilgerte, und 2024 auf dem Snail-Trail 2, als ich erneut von Deutschland und dieses Mal durch die Balkanländer nach Korinth in Griechenland wanderte. Beides waren erstaunliche Erlebnisse.

Auch wenn ich Jesus nicht sehen konnte, spürte ich seine Gegenwart, die mir Mut und Kraft für den langen Weg gab. Obwohl ich akustisch seine Stimme nicht hörte, nahm ich Lebenswahrheiten dadurch wahr, was ich auf dem Weg erlebte. Mit Jesus unterwegs zu sein, endet nicht damit, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen oder ins Rentenalter zu kommen. Der Ruf, Jesus nachzufolgen, bleibt. Der Weg geht weiter. Dieses Jahr geht es für mich Richtung Norden. Ich starte in Tallinn, Estland, und wandere dann zurück nach Süddeutschland. Meine Schritte auf dem Snail-Trail 3 führen mich durch die baltischen Länder Estland, Lettland und Litauen, dann durch Polen und Tschechien, bevor ich über den Böhmerwald und den Bayerischen Wald nach Deutschland komme. Ich rechne damit, in der letzten Septemberwoche wieder zu Hause zu sein.

An der Grenze von Litauen zu Polen werde ich einen schmalen Landkorridor durchqueren, der zwischen der russischen Exklave Kaliningrad im Westen und Weißrussland im Osten liegt. Dieser Landstreifen bezeugt die wechselvolle Geschichte der drei baltischen Staaten - Estland, Lettland und Litauen -, die von Zeiten der Unabhängigkeit, Fremdherrschaft und dem Kampf um Selbstbestimmung geprägt war. Die baltischen Staaten erlangten 1990/91 ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion und traten 2004 der EU und der NATO bei. Aktuelle politische Entwicklungen bedrohen die fragile Stabilität der Region. Der frühere Einfluss kommunistisch-atheistischen Gedankenguts hat den Nährboden für den Glauben untergraben. Estland beispielsweise gilt als das am wenigsten religiöse Land der Welt. Eine ähnliche spirituelle Herausforderung finden wir in Polen und der Tschechischen Republik, zwei ehemaligen Ländern des Warschauer Pakts, die ich durchwandern werde.

Es ist unser Gebet, dass Gottes Gnade und Güte in dieser Region Europas wirken möge.

Gebet

  • Ich schätze deine Begleitung und Unterstützung im Gebet.
  • Bete, dass Gott die Details des Tages bestimmt, für „God Appointments“ auf dem Weg, dass suchende Herzen von Gottes Herz berührt werden.
  • Bete für Gemeindegründungen im Baltikum, in Polen und Tschechien.
  • Bitte um Schutz vor wilden Tieren, Autofahrern und extremen Wetterbedingungen.
  • Bete, dass meine 68 Jahre alten Knochen und Muskeln einen weiteren Snail-Trail überstehen!

Projekte: Snail-Trail 3.0 ist auch ein Sponsorenlauf

Die Arbeit von diesen drei christlichen Werken möchte ich gerne zur Unterstützung empfehlen: VM-I, Royal Rangers und Perlentor. Eine einmalige Spende kann mit dem Vermerk „Snail-Trail“ an das entsprechende Werk überwiesen werden, oder du kannst abwarten, um zu sehen, wie weit ich es schaffe und eine Pro-Kilometer-Spende verrichten.

Einige Beispiele meiner Erlebnisse auf dem Weg:

  • In Leszno traf ich zwei junge Messdiener, Carl und Amadeus, und den Priester, Bruder Paul. Ich erzählte ihnen vom Snail-Trail und dem Jakobsweg und erzählte ihnen von meiner Geschichte, wie ich Jesus seit meinen Teenjahren nachfolge. Ich bot ihnen an, für sie und ihren Lebensweg zu beten. Nach dem Singen betete ich für die Kirchengemeinde, den Pfarrer, die Stadt Leszno und die Menschen in Polen. Ich glaube, Gott hat ihre Herzen berührt.
  • In Lubin übernachtete ich in einem Kloster. Ich nahm an der 20-Uhr-Gebetsstunde in der Klosterkirche teil. 45 Minuten lang sangen sie und lasen aus einem Gebetbuch, standen auf, setzten sich wieder und verbeugten sich mehrmals im Chor. Anscheinend tun sie das jeden Abend. Es war interessant zu beobachten, und ich respektiere ihre Gebetsdisziplin, aber das ist nicht meine Welt.
  • In Posen beherbergten mich Pastor Piotr und seine Frau Theresa für die eine Nacht. Piotr ist ein Jahr älter als ich und plant, nächstes Jahr in den Ruhestand zu gehen. Ihre Kirche befindet sich derzeit mitten in einem Bauprogramm, und Piotr leitet ein Netzwerk von Seelsorgern in Polen.
  • In Żabno erwartete mich der Priester, Bruder Andrew, mit einem anderen Mann in der Kirche. Ich fragte Bruder Andrew, ob ich mein Pilgerlied singen könnte, und erklärte, dass es ein Lied ist, das durch den Heiligen Geist gesungen wird. Das tat ich. Dann betete ich für die beiden Männer, die Kirche, die Kirchengemeinde und Polen. Es war ein besonderer Moment.
  • In Pobieziska bereitete die Hotelbesitzerin ein ausgezeichnetes Frühstück zu und sagte, ich könne mir kostenlos ein Lunchpaket zusammenstellen und sogar meine Thermoskanne kostenlos mit Mineralwasser und Apfelsaft füllen. Sie sagte, sie hätten noch nie einen Gast wie mich gehabt und sie würde mich nie vergessen.
  • Auf dem Weg nach Posen hatte ich ein Problem mit meinem Handy-Akku. Luca half mir mit einem Kabel aus. Pastor Piotr brachte mich dann zum Media Markt. Der Techniker hieß zufällig Jakub. Wir sprachen kurz über meine Reise auf dem Jakobsweg, und dann betete ich für ihn und seinen Lebensweg.
  • In Gniezno besuchte ich die St.-Antonius-Kirche. Beim Frühstück hatte ich Gelegenheit, mit einem Radfahrer aus Wien zu sprechen und zu beten. Ich ging dann zu einer kleinen Baptistenkirche, die nicht so weit entfernt war. Der Pastor bat mich darum, ein paar Worte zu sagen, was ich gerne tat, und ein junger Ukrainer übersetzte für mich. Ich aß auf dem Hauptplatz in Gniezno zu Mittag. Zwei Tische weiter saß ein weiteres Paar auf der Terrasse. Mir fiel auf, dass der Mann ein T-Shirt der Pittsburgh Steelers trug. Unsere Blicke trafen sich, und ich zeigte auf ihn und fragte: „Pittsburgh Steelers?“ An seiner Antwort, wie er Englisch sprach, erkannte ich, dass er Amerikaner war. Sein Name ist Wes und er war mit seiner Frau Catelyn dort. Beide sind beim Militär und in Polen stationiert. Ich sagte, ich sei aus Cincinnati, und Wes antwortete: „Buh!“ Nachdem ich mein Mittagessen beendet hatte, ging ich zu ihrem Tisch und wir begannen zu reden. Ich erzählte ihnen meine Geschichte und von meinem Weg auf dem Snail-Trail. Wes sagte, er sei Atheist, aber ...

Buchempfehlungen rund ums Radfahren

Ich liebe gute Bücher über das Radfahren. Ob es wirklich gelungene Sachbücher zur Fahrrad Technik oder dem Rad als Teil der Verkehrswende sind, oder einfach nur ganz triviale Romane rund ums Thema. Leider hab ich ab und zu aber auch ins 'Dreckkasterl' gelangt und absolut enttäuschende Werke erstanden, die ich nicht einmal fertig gelesen hatte. Also, wer zu diesem Thema empfehlenswerte Lektüre hat - her damit.

Empfehlenswerte Bücher

  • Engineering for Change, Co-Autor Will Butler-Adams, CEO Brompton. Dies ist kein Brompton Technik Buch im herkömmlichen Sinne. Es geht vielmehr um die Geschichte / Historie von Brompton und wie sich dieses Unternehmen immer wieder neu aufgestellt hat.
  • "Meine Radreise um die Erde vom 02. Mai 1895 bis 16.August 1897" von Heinrich Horstmann. Kürzlich aufgetaucht sind die Aufzeichnungen von Heirich Horstmann, dem ersten Deutschen, der 1895 auf dem Fahrrad um die Welt fuhr. Nicht mal volljährig und gegen den Willen seiner Eltern schloß Horstmann eine notarielle Wette über 20.000 Mark ab: ohne einen Pfennnig starte er und käme doch vermögend wieder. Am 2.Mai 1895 begann sein waghalsiges Unterfangen mit 16 Kilogramm Gepäck - in den amerikanischen Südstaaten kamen Colts, die ,Winchester' und eine Machete hinzu. Ohne diese ,peacemaker' hätten seine Eltern ihn betimmt nicht wiedergesehen. Von seinem sensationellem Bericht, den er vor mehr als hundert Jahren selbst publizierte ist allein ein Exemplar erhalten.
  • Von Tim Moore hatte ich das Vergnügen mit der "Tour de Torture", in dem er einer TdF Strecke nachfährt. Köstlich.
  • Ich hätte auch noch eins, ebenfalls von Tim Moore: " Gironimo! Ein Mann, ein Rad und die härteste Italien-Rundfahrt aller Zeiten." Geht um das Nachfahren des Giros 1914 mit weitgehend originalem Equipment. Dieses zu organisieren nimmt - für mich zumindest - aber anfänglich einen zu grossen Teil des Buches ein.
  • "Evolution des Fahrrads" von Lessing, HE und Hadland, T, Springer 2021, auch als Taschenbuch erhältlich (Evolution des Fahrrads). Es taucht tief in die Geschichte der Entwicklung des Fahrrads und seines Zubehörs ein, beginnend noch vor der Draisschen Laufmaschine, blickt über Landes- und Themengrenzen hinaus (z.B. Grimmsches Wörterbuch "sich auf seinen Schnellfuss machen" - Veloziped), enthält viele Abbildungen und widmet sich auch Spezialthemen wie "Militärfahrräder" oder "Fahrräder mit kleinen Rädern" (dort ist das Brompton zu finden). Dass es aus dem Englischen übersetzt wurde, merkt man an der bisweilen "sperrigen" Sprache.
  • Afrika-Tour: 10000 km mit d. Fahrrad durch Wüste, Busch u.

Weniger empfehlenswert

  • Obwohl ich Katja Diehl sehr schätze, war es mir unmöglich dieses Buch zu Ende zu lesen. Ich wage mich jetzt mal auf dünnes Eis, weil das vielleicht nicht alle so sehen. Aber mit diesem Buch hat sie ihrem eigentlichen Anliegen einen Bärendienst erwiesen. Ich teile viele ihrer Analysen und auch Schlussfolgerungen. Doch der gesamte Duktus ist so dermaßen belehrend, dass selbst ich als glühender Verfechter einer Verkehrswende das einfach nicht mehr ertragen konnte. Darüber hinaus bekommt man beim lesen den Eindruck, die Verkehrswende sei im Schwerpunkt eine feministische Frage und hängt fast primär an der Neugestaltung von Inklusion. Nicht falsch verstehen, das sind zwei wichtige Aspekte, aber eben zwei von ziemlich vielen. Für mich komplett 'over the top'.

Weitere inspirierende Geschichten

Zwei Jahre lang bereisten die Claudia Hildenbrandt und Daniel Mathias auf Rädern die Welt. In ihrem nun erschienenen Buch stehen nicht die eigenen Erlebnisse im Mittelpunkt, sondern die Menschen, die ihnen begegnet sind. Schon 2021 verblüffte Rebecca Maria Salentin die Leserinnen und Leser mit dem Buch einer Wanderung, die es in sich hatte: 2.700 Kilometer war die Leipzigerin damals auf dem „Weg der Freundschaft“ von Eisenach bis nach Budapest gewandert. Und hatte da schon am eigenen Leib erfahren, dass solche ganz besonderen Wanderwege ihre Tücken haben.

Doch tapfer hielt sie durch und nahm sich dann ausgerechnet 2022 einen noch viel härteren Weg vor: den „Iron Curtain Trail“ vom Schwarzen Meer bis zur Barentssee. Auch wenn sich schon auf ihrem ersten Wegstück von Bratislava bis zum Schwarzen Meer herausstellt, dass etliche Wegstrecken überhaupt nicht für Fahrräder geeignet sind - auch wenn es im Reisehandbuch so ausgewiesen ist. Oder war. Wobei es nur zu verständlich ist, dass 32 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs (engl.: iron curtain) die ganze fast 10.000 Kilometer lange Strecke entlang der alten Trennlinie zwischen Ostblock und Westen noch nicht mit verlässlichen Radwegen ausgebaut ist.

Etliche Erinnerungsstätten an dieser heute meist grünen Grenze erinnern nicht nur an das Grenzregime, sondern auch an die vielen Menschen, die hier beim Versuch, die Grenze zu überwinden, zu Tode kamen. Aber tatsächlich erzählt Rebecca Maria Salentin eine andere, zutiefst europäische Geschichte. Denn wer den einstigen Grenzstreifen befährt, erlebt nun einmal auch die Menschen rechts und links davon, die vierzig Jahre lang durch diese scharf bewachte Grenze getrennt waren. Und wer mit dem Fahrrad unterwegs ist, kommt gar nicht umhin, diese Menschen tatsächlich kennenzulernen. Und gerade in Russland wird deutlich, dass man die Bewohner eines Landes nie mit ihren Machthabern in einen Topf schmeißen sollte. Auch dann nicht, wenn sie eingeschüchtert sind, über „die Situation“ nicht reden möchten oder gar den Propagandaparolen glauben.

Es ist auch ein Abschnitt auf dieser langen Fahrt quer durch den Sommer 2022, auf dem der unerbittlich trennende Charakter von Grenzen wieder Gesicht annimmt. Aber die Reise dieser besonderen Radfahrerin ist eben dadurch, dass sie sich auf alle diese Länder rechts und links des Weges einließ, auch eine Bekanntschaft mit einem Europa, das man - wenn man daheim in Deutschland im Sessel sitzt - nicht wirklich kennt. Denn Grenzregion zu sein, bedeutete auch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 fast immer, zur Armutsregion verdammt zu sein. Und viele dieser Regionen sind auch heute noch arm, teilweise regelrecht verlassen, weil die Bewohner zur Arbeit in den Westen und Norden Europas gegangen sind.

Wer so aufbricht und sich ganz allein so eine Strecke vornimmt, der will sich selbst begegnen. Oder - wie es Rebecca Maria Salentin tut - sich dabei auch intensiv mit der eigenen Familiengeschichte beschäftigen. Denn die Strecke berührte einige der Orte, die sich mit den Leben insbesondere der Großeltern der Autorin verbanden. Das Problem, das nicht nur Rebecca Maria Salentin hat: Diese Großelterngeneration schwieg zumeist. Die einen, weil sie unter dem Trauma von Verfolgung und Erniedrigung litten - und genauso unter der knappen Rettung. Und die anderen, weil sie mitgemacht hatten. In der Familienerinnerung haben nur knappe Daten und wenige Anekdoten überlebt. Aber was stimmt nun? Wo waren die Großeltern wirklich, als sich hier überall der Boden mit Blut tränkte? Denn dass auch die Enkelgeneration unter den unausgesprochenen und nie bewältigten Albträumen der Großeltern leidet, das war Rebecca Maria Salentin längst bewusst. Die schwierige und eher verstörende Begegnung mit ihrem leiblichen Vater kam noch hinzu. Noch so eine Geschichte des 20.

Es sind tatsächlich die alten Archive, die der Autorin dann zumindest ein paar greifbare Daten und Fakten gaben, die ihr den Zugang zu ihrer Familiengeschichte etwas öffneten. Dass aber die eigentlichen Augenzeugen, die längst verstorbenen Großeltern, fehlen, wurde ihr auf dieser Tour nur zu bewusst. Und die eigene Familie kann man sich sowieso nicht zusammenbasteln. Man muss sie nehmen, wie sie ist. Diese Beschäftigung mit ihrer eigenen Geschichte blendet Rebecca Maria Salentin immer wieder dazwischen, wenn sie auf ihrer Tour Orte passiert, die damit in gewisser Weise zu tun haben. Aber gibt das so einer Tour eigentlich einen Sinn? Weil sie das so verinnerlicht hat, dass man sich im Leben nun einmal allein durchschlagen muss. Und noch etwas schält sich heraus, das vielen Frauen nach dem Krieg die Kraft gegeben hat, durchzuhalten. Auch ohne Männer. Und von abwesenden Männern und Vätern ist ja in Salentins Geschichte genug die Rede. Auch das ist ein Erbe, das man manchmal gar nicht ausschlagen kann, auch wenn man glaubt, dass sich solche Dinge eigentlich nicht vererben.

Auf einmal hat man das Bild ganzer Generationen von Frauen vor sich, die genau so ihre Familien durch die härtesten Zeiten gebracht haben. Eiserne Frauen, wie man sie oft erlebte. Frauen, wie es sie in ganz (Ost-)Europa gab und gibt. Immer noch, wenn man an all die Dörfer denkt, durch die Rebecca Maria Salentin gerade auf der Balkanstrecke kommt, aus denen auch die Frauen zum Arbeiten in die reichen Länder im Norden und Westen gegangen sind. Es kommt einem alles nur zu vertraut vor. Und oft genug identifiziert man sich mit dieser Radfahrerin, die sich von unzumutbaren Streckenabschnitten einfach nicht von ihrem Ziel abbringen lassen will. Sie hat sich den ganzen „Iron Curtain Trail“ vorgenommen. Und den will sie auch schaffen. So gesehen wird das Ganze tatsächlich eine Reise durch die osteuropäische Geschichte. Aber eine sehr weibliche. Eine, die zeigt, warum dieses Europa nach der durch die Nazis ausgelösten Katastrophe nicht aufgegeben hat, sondern weitergemacht. Natürlich wegen der Frauen. Frauen, die ganze Familien geprägt haben, deren Erbe in ihren Töchtern lebt, die oft gar nicht wissen, woher das kommt.

Am Ende der fast 10.000 Kilometer langen Tour, nach dem durchaus beängstigenden Stück Wegs durch das kriegführende Russland, nach endlosen Kilometern durch finnische Wälder, lässt es die Radlerin dann doch einmal zu, gönnt es sich, ein hartes Wegstück eben sich nicht unbedingt mit dem eh schon knirschenden Rad fahren zu müssen, sondern sich mitnehmen zu lassen. Und am Ende einen versöhnlichen Abschluss auf einer Radtour zu finden, die sich so kaum sonst jemand zugemutet hat. Und wer ihr Buch aufschlägt, fährt die Tour tatsächlich fast plastisch mit, hat quasi den ganzen „Iron Curtain Trail“ daheim bei sich im Sessel und darf sich nicht wundern, wenn ihm dabei heiß und kalt wird. Als wäre man tatsächlich dabei wie das geschundene Mini-Me am Lenker. Es ist ein Buch geworden, mit dem die stillen Tage zum Jahresende garantiert abenteuerlich werden. Und gerade die tapferen Töchter strenger Mütter werden sich wiedererkennen.

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