Kamera statt Rückspiegel beim Motorrad: Vor- und Nachteile

Anstelle herkömmlicher Innen- und Außenspiegel setzen einige Hersteller alternativ auf digitale Kamera-Display-Systeme. Beim Audi e-tron sind sie optional zu haben, der Kleinwagen Honda e hat sie sogar serienmäßig, anstelle des Innenspiegels sind sie auch bei Jaguar gegen Aufpreis zu haben: Die Rede ist von digitalen Rückspiegeln.

Wie funktionieren digitale Rückspiegel?

Es handelt sich vielmehr um eine Kombination aus an der Karosserie angebrachten und nach hinten gerichteten Kameras sowie im Innenraum des Autos platzierten Monitoren. Als Ersatz der Außenspiegel erfassen die Kameras den seitlichen und hinteren Bereich neben dem Fahrzeug. Die Bilder sieht der Autofahrer in Echtzeit auf Displays im Innenraum, die etwa im vorderen Bereich der Fronttüren (Audi e-tron) oder am äußeren Rand des Armaturenbretts (Honda e) platziert sind.

Vorteile von Kamerasystemen

  • Größerer Sichtbereich: Die Kamera kann im Gegensatz zu einem Rückspiegel einen größeren Teil des Fahrzeugumfelds erfassen und dadurch tote Winkel reduzieren.
  • Aerodynamik: Verglichen mit herkömmlichen Außenspiegeln stehen die Kameras zudem weniger großflächig im Wind, was dem Kraftstoffverbrauch etwas zugutekommen soll.
  • Anpassung an Fahrsituationen: Das Bild passt sich auf den kontraststarken OLED-Displays automatisch an drei Fahrsituationen an: Autobahn, Abbiegen und Parken.
  • Verbesserte Sicht bei schlechten Bedingungen: Der digitale Innenspiegel ersetzt den traditionellen Rückspiegel durch ein digitales Display. Das dort gezeigte Kamerabild hat vor allem Vorteile bei schlechten Lichtverhältnissen, schlechten Wetterbedingungen oder wenn die Sicht durch Insassen oder Gepäck blockiert ist.

Nachteile und Herausforderungen

  • Eingeschränkte Tiefenwahrnehmung: Die Tiefenwahrnehmung ist bei Display-Darstellungen erheblich eingeschränkt, die Entfernungseinschätzung deshalb erschwert.
  • Blickabwendung vom Verkehrsgeschehen: Größter Kritikpunkt ist die ungünstige Platzierung der Displays in der Türverkleidung, die für eine starke Blickabwendung vom Verkehrsgeschehen sorgt.
  • Fehlende Möglichkeit zur Anpassung des Sichtfelds: Aber auch die im Gegensatz zu normalen Außenspiegeln fehlende Möglichkeit, das Sichtfeld durch Verändern der Kopfposition zu verändern, ist nachteilig.
  • Eingeschränkte Sicht bei Dunkelheit: Bei Dunkelheit ist die Sicht im direkten Vergleich zu einem normalen Spiegel eingeschränkt.
  • Systemausfälle: Virtuelle Spiegel sind elektronische Systeme, die ausfallen können. Ein Kameradefekt oder ein Problem mit dem Display kann plötzlich zu einer kritischen Situation führen.
  • Wartung und Reparatur: Wartung und Reparatur von Kamerasystemen sind oft teurer und komplexer als die von herkömmlichen Spiegeln.
  • Beeinträchtigung durch Blendung: Displays können bei starker Sonneneinstrahlung spiegeln oder bei Nacht blendend wirken, was die Konzentration des Fahrers beeinträchtigen kann.
  • Probleme für Brillenträger: Brillenträger können durch Spiegelungen und Blendungen auf den Displays gestört werden.

Ergonomie und Sehschärfe

Ergonomie-Experte Rainer Grünen sieht Probleme bei der Anpassung der Sehschärfe. Beim Blick auf das Display muss der Mensch aber von 50 Meter vor dem Fahrzeug auf unter einen Meter vor dem Auge umschalten. Diese sogenannte Nahakkomodation unterschreitet in der Regel eine Armlänge. Ab einem Alter von ungefähr 45 Jahren tut sich der Mensch mit der Anpassung der Sehschärfe auf diese kurze Distanz aber extrem schwer“, sagt Grünen.

Zudem widerspricht Grünen den Herstelleraussagen, dass sich Entfernungen mit dem Display abschätzen ließen. „Beim Blick in den Spiegel erkennt der Mensch mit beiden Augen Form und Kontur eines Objektes, Texte wie von Nummernschildern, die Form im Raum sowie Distanz und Geschwindigkeit. Mit dem zweidimensionalen Bild des Displays ließen sich Geschwindigkeit und Entfernung nachfolgender Fahrzeuge aber nur schwer abschätzen.

Kamerasysteme im Detail

Rückfahrkamera

Seit 2018 sind Rückfahrkameras in den USA für alle Neuwagen gesetzlich vorgeschrieben. Die Rückfahrkamera ist in der Regel am Heck des Fahrzeugs montiert und liefert ein Videobild auf ein Display im Fahrzeuginneren. Das System aktiviert sich automatisch beim Einlegen des Rückwärtsgangs und kann oft auch bei Vorwärtsfahrt eingeschaltet werden, solange die Geschwindigkeit niedrig ist. Die Kamera bietet eine breite Sicht auf den Bereich direkt hinter dem Fahrzeug, was mit den herkömmlichen Rückspiegeln schwer zu erreichen ist.

Frontkamera

Sehr hohe oder lange Motorhauben schränken die Sicht nach vorn stark ein. Insofern sind Frontkameras hilfreich beim Einparken und Manövrieren in engen Bereichen sowie zur Erkennung von Hindernissen nah vor dem Auto.

Surround-View- oder 360°-Kameras

Surround-View-Systeme kombinieren Bilder von mehreren Kameras, die rund um das Fahrzeug platziert sind, um eine künstliche 360-Grad-Ansicht zu erzeugen. Sie erleichtern das Einparken, insbesondere in enge Parklücken oder in belebten städtischen Umgebungen, indem sie eine Sicht auf das Fahrzeug und seine Umgebung aus der Vogelperspektive bieten.

Digitaler Innenspiegel

Der digitale Innenspiegel ersetzt den traditionellen Rückspiegel durch ein digitales Display. Das dort gezeigte Kamerabild hat vor allem Vorteile bei schlechten Lichtverhältnissen, schlechten Wetterbedingungen oder wenn die Sicht durch Insassen oder Gepäck blockiert ist. Im Gegensatz zur Rückfahrkamera ist der digitale Rückspiegel stets aktiv und befindet sich an gewohnter Stelle für den Fahrer.

Digitale Außenspiegel

Digitale Seitenspiegel werden für Pkw bisher nur sehr selten angeboten. In manchen modernen Fahrzeugen und Konzeptautos, vor allem in höherwertigen Modellen und Elektrofahrzeugen gibt es sie als Ausstattungsoption. Der virtuelle Spiegel kann eine breitere Sichtfläche und einen minimierten toten Winkel bieten, was die Sicherheit beim Spurwechsel und beim Einparken erhöht. Durch die Eliminierung physischer Spiegel wird der Luftwiderstand verringert, was zu einer besseren Energieeffizienz (Strom/Kraftstoff) führen kann.

Totwinkelkamera

Sie überwacht den toten Winkel des Fahrzeugs mit seitlichen Kameras und warnt den Fahrer visuell oder akustisch vor Fahrzeugen in dem Bereich. Darüber hinaus gibt es Fahrzeughersteller, die eine Einblendung des Kamerabilds in das digitale Tacho- oder Zentraldisplay vornehmen.

Technische Herausforderungen

  • Systemausfälle: Virtuelle Spiegel sind elektronische Systeme, die ausfallen können.
  • Wartung und Reparatur: Wartung und Reparatur von Kamerasystemen sind oft teurer und komplexer als die von herkömmlichen Spiegeln.
  • Beeinträchtigung durch Blendung: Displays können bei starker Sonneneinstrahlung spiegeln oder bei Nacht blendend wirken.
  • Probleme für Brillenträger: Brillenträger können durch Spiegelungen und Blendungen auf den Displays gestört werden.

Forderungen an die Hersteller

  • Technologische Verbesserung der Hardware: Die Hersteller sollten sicherstellen, dass die Kamerasysteme dem neuesten Stand der Technik entsprechen.
  • Erhöhung der Robustheit: Hersteller sollten Maßnahmen ergreifen, um die Kamerasysteme robuster gegenüber Umwelteinflüssen wie Steinschlägen zu machen.
  • Erhöhte Widerstandsfähigkeit gegenüber Umwelteinflüssen: Die Kameralinsen sollten effektiv vor Verschmutzung geschützt werden.
  • Verbesserte Reparaturmöglichkeiten: Die Hersteller sollten Kamerasysteme so konzipieren, dass sie leichter reparierbar sind.
  • Einfache Kalibrierung: Die Kalibrierung der Kamerasysteme sollte durch standardisierte Verfahren und Ausrüstungen erleichtert werden.
  • Transparente Informationen und Schulungen: Hersteller sollten umfassende Informationen und Schulungen zu den Kamerasystemen bereitstellen.

Empfehlung für Autokäufer

  • Probefahrt: Eine ausgiebige Probefahrt hilft, um sich mit den Kamerasystemen vertraut zu machen und deren Nutzen und Benutzerfreundlichkeit zu beurteilen.
  • Kosten-Nutzen-Analyse: Überlegen Sie, ob die zusätzlichen Kosten für Anschaffung und Wartung der Kamerasysteme durch den Mehrwert und die erhöhte Sicherheit gerechtfertigt sind.
  • Fahrerschulung: Nutzen Sie die Anleitungen des Herstellers, um die Systeme zu verstehen und optimal nutzen zu können.
  • Eingewöhnungszeit: Nehmen Sie sich Zeit, um sich an die neuen Systeme zu gewöhnen und ihre Bedienung zu erlernen.
  • Nicht allein auf Technik verlassen: Verlassen Sie sich nicht ausschließlich auf die Kamerasysteme und bleiben Sie stets aufmerksam und vorsichtig im Straßenverkehr.
  • Reinigung und Pflege: Halten Sie die Kameralinsen sauber und frei von Schmutz, um eine klare Sicht zu gewährleisten.
  • Anhängerbetrieb: An digitalen Seitenspiegeln lassen sich oft keine Spiegelerweiterungen für den Anhängerbetrieb anbringen.

Beispiele für Noten Rundumsicht im ADAC Autotest

Die Rundumsicht in modernen Autos ist mäßig bis schlecht. Von den letzten fünf Autos, die den ADAC Autotest durchlaufen haben (Stand: Mitte August 2024), hat keines in der Bewertung der Rundumsicht die Note "Sehr gut" oder "Gut" bekommen, wie es eigentlich sein müsste. Nicht mal ein "Befriedigend" ist darunter.

Modell Note Rundumsicht im ADAC Autotest
BMW 5er touring 4,4
Subaru Impreza 3,9
Opel Corsa 4,1
Porsche Taycan 4,2
XPeng G9 3,9

Notengrenze für "befriedigend": 3,5

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