Leistenbruch und Radfahren: Was Sie wissen sollten

Kann ein Leistenbruch unter anderem durch zu viele Kilometer auf dem Rennrad begünstigt werden? Unser Experte Dr. Robert Eifler gibt Auskunft.

Ursachen und Risikofaktoren

Ein Leistenbruch ist eine Erweiterung des Leistenkanals, in die je nach Ausmaß des Bruchs ein mehr oder weniger großer Teil der Darmwand rutschen kann. Die häufiger auftretenden kleinen Leistenbrüche sind meist an einem kleinen, beweglichen Wulst im Leistenbereich zu erkennen. Männer sind beim Leistenbruch weitaus deutlicher betroffen als Frauen. Das Geschlechtsverhältnis Mann zu Frau beträgt ungefähr 8:1. Dies ist durch die Hodenwanderung während der Embryonalzeit zu erklären.

Auslöser für einen Leistenbruch sind in der Regel wiederholte stark erhöhte Drücke auf die Bauchhöhle, zum Beispiel beim Heben schwerer Gewichte. Zahlreiche Risikofaktoren können die Leistenbruchentstehung fördern. Ein Leistenbruch ist nicht immer vom Patienten bereits im Spiegel erkennbar.

Rennradfahren und Leistenbruch

Beim Rennradfahren ist dieser Bereich normalerweise keinem derart starken Druck ausgesetzt, es sei denn, Sie fahren eine extrem flache Sitzposition. Dann kann der untere Bauchbereich stark geknickt werden. Jedoch ist es auch dann eher unwahrscheinlich, dass alleine durch diese Belastung ein Leistenbruch entsteht. Auch das Fahren großer Gänge allein kann nicht zu einem Leistenbruch führen.

Falls in Ihrer Familie allerdings bereits häufiger Leistenbrüche vorgekommen sind, ist es möglich, dass Sie eine angeborene Neigung dazu haben. Dann sollten Sie extrem aerodynamische Sitzpositionen und langes Treten sehr dicker Gänge, wie etwa beim Sprinten oder Bergfahren, vermeiden.

Prävention

Gymnastik kann vorbeugen, kräftigen Sie dabei die gerade und schräge Bauchmuskulatur. Beim Training der Bauchmuskulatur sollte man nicht nur die Rectusgruppe (Musculus rectus abdomini, gerade Bauchmuskulatur) sondern auch die schrägen Muskelgruppen (Musculus obliquus internus und Musculus obliquus externus) gezielt trainieren. Die beste Vorsorge ist langsam aufwärmen, dann dehnen, und erst dann mit dem richtigen Trainingsprogramm zu beginnen.

Diagnose

Zusätzlich wird zur genaueren Diagnostik auch bei uns oft auch eine dynamische Ultraschalluntersuchung = Sonografie der Leistenregion durchgeführt. Diese erfolgt zumeist als dynamische Untersuchung im Stehen und Liegen unter Pressen auch im Seitenvergleich. Man unterscheidet prinzipiell je nach Lokalisation mediale = direkte und laterale = indirekte Leistenbrüche. Alle Leistenhernien werden in unserem Zentrum bereits seit langem nach Europäischen Richtlinien klassifiziert.

Behandlungsmethoden

Zur Behandlung eines Leistenbruches stehen heute viele operative Möglichkeiten zur Auswahl. Prinzipiell muss zwischen Hernienreparationen mit und ohne Kunststoffimplantaten unterschieden werden.

Offene Operationsverfahren

Bei allen offenen Operationsverfahren erfolgt die Hernienversorgung entweder mit oder auch ohne Fremdmaterial (Kunststoffnetz). Der operative Zugangsweg erfolgt dabei inzwischen über eine sehr kleine Hautinzision von 4-5 cm Länge in der queren Unterbauchfalte oder Leiste als sogenannte Mini-open-Technik. Als Anesthesieform können in der Regel alle derzeit möglichen Narkoseverfahren zur Anwendung kommen. Meist erfolgt die Operation bei uns mittels Larynxmasken-Narkose. Diese Operationsmethode ist besonders bei sogennanten “Sportlerleisten” die Methode der Wahl. Hier steht nicht die Hernie im Vordergrund sondern eher der belastungsabhängige Schmerz in der Leiste. Es handelt sich dabei häufig um eine Kompression der Nerven (Ramus genitalis des Nervus genitofemoralis und Nervus ilioinguinalis) , die durch Pressen oder Erhöhung des Bauchinnendruckes hervorgerufen werden können.

Shouldice-Technik

Diese Methode geht zurück auf den kanadischen Chirurgen Edward Earle SHOULDICE, der diese weltweit überaus erfolgreiche Technik 1944 entwickelte und 1953 erstmals publizierte. Bei dieser Operationsmethode wird jede anatomische Struktur exakt dargestellt und jede Schicht des Defektes wird getrennt mit fortlaufenden nicht resorbierbaren Nähten ohne Fremdmaterial versorgt. Diese Methode gilt als bestes Nahtverfahren mit einer vergleichbar geringen Rezidivquote (= Quote des Wiederauftretens von Brüchen nach einer Operation). Nach der Hospitation im SHOULDICE- Hospital in Toronto im September/Oktober 2013 führen wir diese Technik nach ebenso hohem Standard durch. Im SHOULDICE Hospital werden jährlich ca.

DESARDA-Methode

Diese Methode wurde erstmals im Jahre 2003 von dem Indischen Chirurgen Mohan P. DESARDA aus Pune beschrieben. Hierbei erfolgt die Stabilisierung der Leistenkanalhinterwand durch einen Faszienverschiebelappen ohne Netz. In zahlreichen randomisierten wissenschaftlichen Studien konnten mit dieser weitgehend spannungsfreien aber vor allem netzfreien Methode sehr gute Ergebnisse erreicht werden. Diese Methode ist besonders bei kleineren und mittelgroßen direkten und indirekten Brüchen ohne wesentliches Riskoprofil geeignet. Nach dem persönlichen Besuch im Mai 2012 in Pune bei Prof. Desarda besteht ein regelmäßiger wissenschaftlicher Austausch.

Hernioplastik mit Mesh Plug bzw. Perfix Light Plug nach RUTKOW

Die Plug-Technik stellt eine technisch sehr einfache Operationsmethode dar. Hervorzuheben sind dabei ein besonders geringes Gewebetrauma durch minimale Präparation und kleine Hautinzision von ca. nur 4-5 cm. Dieses Verfahren ist besonder bei kleinen bis mittelgroßen primären Leisten- oder Schenkelbrüchen mit Risikoprofil bei oder Rezidivleistenbrüchen geeignet.

Transinguinale präperitoneale Patchplastik (TIPP-Technik)

Dabei wird ein großflächiges leichtgewichtiges Netz zwischen Bauchfell und Transversalfaszie (=innerster Bauchmuskelschicht) gelegt und mit Nähten fixiert (transinguinale präperitoneale Patchplastik = TIPP- Technik) Dies hat den entscheidenden Vorteil das das Netz von der Innenseite an die Bauchdecke platziert wird und mit dem Druck der Bauchorgane an diese Bauchdecke gepresst wird. Seit der Hospitation bei Dr.

UPP-System

Diese Technik wurde 2005 von den portugiesische Chirurgen A. Lourenco und R. Soares da Costa entwickelt und erstmals 2009 vorgestellt. Nach dem internationalen OP Trainingskurs im Mai 2012 in Porto (Portugal) steht somit eine weitere OP- Methode zur Versorgung von mittelgroßen und großen Hernien in unserem Hernienzentrum zur Verfügung. Diese Technik verwendet ebenso wie beim UPP- System ein teilresorbierbares, leichtgewichtiges und großporiges Netz. Auch hier erreicht man die Bauchdeckenverstärkung vor allem von der Innenseite der Bauchdecke (posteriores Verfahren). Die Teilresorbierbarkeit des Netzes hat den Vorteil das nach einer Resorption des anfänglich stabilisierend wirkenden Netzteiles (ca. 4-6 Wochen) nur ein Minimum am Netzmaterial im Körper verbleibt. Nach einer Hospitation im Hernienzentrum in Bonheiden in Belgien bei Dr. Tim Tollens im April 2008 wird auch diese neue Technik in dafür geeigneten Fällen angewendet. Sie ist eines der favorisierten Verfahren in unserer Praxis. Zusätzlich besteht auch ein persönliche Kontakt zu Dr.

LICHTENSTEIN-Technik

Dieses Verfahren ist ebenso besonders für mittelgroße und große , besonders auch kombinierte Brüche geeignet. Diese Methode wurde 1984 durch den amerikanischen Chirurgen LICHTENSTEIN entwickelt. Bei dieser LICHTENSTEIN-Technik bleibt die Leistenkanalhinterwand intakt und es wird ein großflächiges Netz spannungsfrei darübergedeckt und vernäht. Durch Parviz Amid, dem jahrelangen Direktor des Lichtenstein-Instituts wurden zahlreiche Modifikationen zur technischen Verbesserung der Operationsmethode beschrieben. Sowohl zu Dr. Parviz Amid als auch zu seinem Nachfolger Dr. Diese technisch einfache Operationsmethode eignet sich besonders für alle mittelgroßen und großen Brüche wenn eine rückseitige Verstärkung nicht möglich ist (z.B.

Endoskopische Verfahren

Bei endoskopischen Verfahren erfolgt die Hernienversogung stets mit einem Kunststoffnetz in der Regel über 3 kleine Schnitte in der Bauchdecke (meist Nabel, linker und rechter Unterbauch). Endoskopische Verfahren ohne Einsatz eines Netzimplantats gibt es für erwachsene Patienten nicht. Endoskopische Operationen erfolgen in Deutschland zumeist unter stationären Bedingungen.

Die endoskopischen Techniken transabdominell (TAPP) und total extraperitoneal (TEP) sind Operationsmethoden die mit großflächigen Kunststoffnetzen arbeiten (standardisiert ist heute eine Netzgröße von mindestens 10 x 15 cm). Diese werden analog zum TIPP - Verfahren sinnvollerweise von der Rückseite der Bauchwand eingesetzt = retromuskuläre / rückseitige Verstärkung. Beide Techniken eignen sich neben Primäreingriffen vor allem auch für Wiederholungseingriffe = Rezidiveingriffe (nach offen vor-operierten Fällen mit Netz) bzw.

Wahl der OP-Methode

Die Wahl der OP-Methode lässt sich aus der Ferne leider nicht beurteilen, da dies von der individuellen Situation abhängt. Die Operationsmethode muss individuell an den Patienten oder die Patientin sowie die jeweilige Situation angepasst werden: Je nachdem wo und wie groß der Leistenbruch ist, ob er zum ersten Mal auftritt oder als Rezidiv (erneuter Leistenbruch), wie alt und gesund der Patient oder die Patientin ist, ob Mann oder Frau betroffen ist und ob es Begleiterkrankungen gibt.

Sehr oft werden Leistenbruch-Operationen in Deutschland minimalinvasiv - also endoskopisch (laparoskopisch) - durchgeführt. Zum offenen Operationsverfahren wird geraten, wenn eine minimalinvasive Operation nicht möglich ist. Das ist der Fall bei Patienten mit einem Alter über 85 Jahren, bei sonstigen Narkoserisiken, bei einer Therapie mit Blutverdünnern und bei Verwachsungen und Voroperationen im Bauchraum. Der Eingriff kann mit lokaler Betäubung erfolgen.

Komplikationen

Obwohl die meisten Leistenbrüche ungefährlich sind, können sie jedoch jederzeit zu einer Einklemmung der Baucheingeweide führen, was eine bedrohliche Komplikation darstellt. Dies ist nicht nur äusserst schmerzhaft, sondern stellt einen Notfall dar und muss unverzüglich operiert werden! Generell sollte ein Leistenbruch operiert werden, wegen dem Risiko der Einklemmung (Ileus). Bei einer solchen Notoperation mit Darmperforation kann es dann, ähnlich wie beim Blindarmdurchbruch, aufgrund der Sepsis für den Patienten lebensbedrohlich werden. Diese Frage wird von Patienten immer wieder an mich gestellt, aber das Risiko der Einklemmung besteht auch bei kleinen Leistenbrüchen, statistisch liegt die Einklemmungsrate bei ca.

Bei etwa zehn Prozent der Patienten und Patientinnen werden die Leistenschmerzen chronisch. Sie sind dann nach drei Monaten noch immer nicht abgeklungen. Ursache ist eine Nervenreizung während der Operation oder das Netz wird nicht vertragen. Die Sorge, dass durch den Kunststoff im Netz Krebs ausgelöst werden könnte, ist unbegründet.

Der Samenleiter (Ductus deferens) liegt im OP-Gebiet, eine Durchtrennung des Samenleiters ist eher unwahrscheinlich. Die Hodenarterie (Arteria testicularis) versorgt den Hoden. Bei Durchtrennung der Hodenarterie kommt es zum Absterben des Hodens (Hodenatrophie), statistisch liegt das Risiko hier für beim Ersteingriff bei 1%. Die Hodenvenen (Plexus pampiniformis) sind bei großen Leistenbrüchen häufig erweitert, man spricht dann von einer Varikozele.

Nach der Operation

Wieder ins Radtraining einsteigen können Sie voraussichtlich nach etwa drei Wochen, beziehungsweise nach Vorgabe des operierenden Arztes. Halten Sie sich in den ersten Wochen dann an lockeres Grundlagenausdauertraining.

Was muss ich nach einer solchen Operation beachten?

Ab dem 1. Tag nach der Operation können Sie leichtverdauliche Kost essen. Grundsätzlich sollten Sie nach einem operativen Eingriff nicht rauchen, da das Rauchen einen negativen Effekt auf die Wundheilung hat und Wundheilungsstörungen vermehrt auftreten können. Insbesondere bei Bewegung oder Lagewechsel sowie beim Husten und Pressen bestehen in der Leistenregion je nach Schmerzempfindlichkeit leichte bis mittelgradige Schmerzen. Das ist im Sinne von Wundschmerzen ganz normal.

Nach der Operation kann im Bereich um die Narbe herum ein Tabheitsgefühl auftreten. Diese ist aufgrund der möglichen Verletzung von kleinen Hautnerven im Op Gebiet kaum zu vemeiden. Umschriebene Schwellungen und Blutergüsse in den operierten Körperregionen, die sich auch gelegentlich bis in die Schamregion verteilen und beim Mann ggf. Bei der Versorgung des Leistenbruches mit einem Fremdmaterial (Kunststoffnetz) entstehen Schwellungen bisweilen auch erst nach 1-2 Wochen. Bei Rötungen, Schwellungen im OP Gebiet und Fieber sollten Sie umgehend die Sprechstunde aufsuchen! Bereits 48 Stunden nach der Operation können Sie duschen.

In der Regel empfehlen wir inbesondere nach ambulanter Operation eine erste ärztliche Kontrolle am ersten oder zweiten postoperativen Tag in unserer Praxis. Dabei erfolgt ein erster Verbands- bzw. Pflasterwechsel. Bei den stationären Patienten erfolgt diese Kontrolle bzw. in den ersten 1-2 Wochen: leichte Belastungen - Heben und Tragen bis max. 10- 15 kg , radfahren, laufen, schwimmen nach ca.

Nach einer minimalinvasiven Operation muss man sich etwa zwei Wochen körperlich schonen. Man sollte so lange auf das Auto- und Radfahren verzichten. Lasten über acht Kilogramm zu heben, ist vorerst tabu. Nach einem offenen Eingriff mit Netz sollte man sich etwa drei Wochen schonen und mindestens sechs Wochen lang nur maximal acht Kilogramm Gewicht heben. Wurde kein Netz eingesetzt, beträgt die Schonzeit sogar bis zu acht Wochen. So lange darf man auch keinen Sport treiben.

Zeitlicher Ablauf nach der Operation

Abhängig von der Sportart kann nach 5-10 Tagen wieder mit dem Training begonnen werden: Gehen und Treppensteigen ist bereits am OP-Tag möglich. Leichtes Joggen, Radfahren kann nach 5 Tagen, Schwimmen, Skifahren nach 14 Tagen erfolgen.

Hier ist eine Tabelle, die die Richtlinien für die Wiederaufnahme sportlicher Aktivitäten nach einer Leistenbruchoperation zusammenfasst:

Aktivität Empfohlener Zeitpunkt nach OP
Gehen und Treppensteigen Am OP-Tag möglich
Leichtes Joggen, Radfahren Nach 5 Tagen
Schwimmen, Skifahren Nach 14 Tagen

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