Karlheinz Weinberger (1921-2006) sagte einmal, sein Leben habe am Freitagabend begonnen und am Montagmorgen aufgehört.
Jahrzehntelang arbeitete er als Lagerist in derselben Züricher Fabrik, an den Wochenenden fotografierte er - am liebsten Männer.
Viele von Weinbergers Aufnahmen erschienen in der Homosexuellenzeitschrift "Der Kreis", unter dem Pseudonym Jim.
Karlheinz Weinberger war ein "Fotograf für das Ungewöhnliche".
Um 1958 entdeckte er bei den sogenannten Halbstarken eine neue Heimat, er dokumentierte ihre Begeisterung für James Dean und Elvis Presley, für Jeans und Rock 'n' Roll.
In diesen Kreisen stand Amerika und seine Biker-Ästhetik hoch im Kurs.
Elvis, James Dean und Marlon Brando waren die Idole, denen man nacheiferte und die man im eigenen, sehr schrägen, weil sehr provinzlerischen Styling jederzeit übertraf, wie es Karlheinz Weinberger in seiner enormen Sensibilität für dessen Details dokumentierte.
Weinberger spürte seine Protagonisten auf Festivals, Volksfesten und Rockertreffen auf und lud die Aussteiger zum Musikhören in seine Wohnung.
Hier konnte sich die Jugend treffen, laut Musik hören, unter sich sein.
Die Porträts aus dem improvisierten Studio zeigen junge Halbstarke und Mädchen, nicht immer scharf, manchmal im Lachanfall verwackelt.
Die Bilder des Fotografen zeigen Rocker, Biker, Bauarbeiter; Lederjacken und selbstgemachte Gürtelschnallen und Embleme, die man nirgendwo zuvor gesehen hat und nirgendwo jemals wieder sehen wird.
Außenseiter mit zerzaustem Haar in Leder und Denim.
Noch wichtiger aber waren das weit aufgeknöpfte Hemd und der sehnsuchtsvolle James-Dean-Blick.
Allein die Reihe mit den aberwitzig dekorierten Männerschößen ist Glamrock Pur: Wie die Protagonisten selbstbewusst mit ihren überdimensionierten, selbstgefertigten Schmuckstücken vor der Kamera stehen, handgemalter Elvis auf der Gürtelschnalle oder gar ein Hufeisen vorm Gemächt, die Hände hier und da in die Gürtelschlaufen gesteckt, ihr Schoß auf Weinbergers homoerotischen Bildern prominent in den Fokus gerückt.
Der Stil jener Halbstarken ist einer aus analogen Zeiten.
Nicht einmal Fernsehgeräte waren flächendeckend vorhanden.
Die Jugendbewegung wird in der Isolation geboren, in einer eben genuin Schweizerischen Variante.
Nostalgisch blickt der Betrachter auf Zeugnisse einer Zeit, in der Do-it-Yourself keine Attitüde, sondern eine Notwendigkeit und die passende Kleidung zum Lebensgefühl in keinem Kaufhaus zu haben war.
Die damals noch eher selten getragenen Jeans waren wichtig, die Cowboystiefel und die Gürtelschnallen ebenso.
Die Anziehungskraft von Weinbergers Aufnahmen ergibt sich aber nicht allein aus dem Kontrast von Rockern und Aussteigern auf saftigen Wiesen vor Alpenpanorama.
Vielmehr gelang es dem 2006 verstorbenen Amateurfotografen, der abgesehen von seiner Arbeit als Fotograf für die Schwulenzeitschrift "Der Kreis" keinerlei karrieretechnisch-künstlerischen Ambitionen hegte, aus seiner eigenen Faszination fürs Sujet eine universelle zu machen.
Dabei zeigt sich die Klasse von Karlheinz Weinberger als Fotograf besonders darin, dass ihm trotz des bildbeherrschenden Jugendlooks, wunderbare Porträtaufnahmen seiner Protagonisten gelangen.
Die Jungs sind Persönlichkeiten, obwohl der Blick unwillkürlich an dem pfundschweren Vorhängeschloss haften bleibt, das den Reißverschluss an der Jeans ersetzt oder am dem Hufeisen des Gürtels.
Es wird klar: Martin Margiela hat seine überdimensionierten Gürtelschnallen diesen Jungs abgeschaut.
An Weinbergers Aufnahmen fasziniert des weiteren die seltsame Äquidistanz, in der er und seine Modelle sich bewegen: Sein Standort erscheint gleichermaßen journalistisch dokumentarisch wie intim und sexuell aufgeladen.
Seine Protagonisten zeigen sich offen und unverstellt, sie lassen Nähe zu, weil sie sich sicher sind, dass der Fotograf Distanz wahrt.
Offen und unverstellt konnte Karlheinz Weinberger seine fotografische Leidenschaft allerdings die längste Zeit seines Lebens nicht offenbaren.
Erst zu Beginn des neuen Jahrtausends, Weinberger war schon 80 Jahre alt, wurde sein Werk allmählich bekannt.
Vor den Rebellen porträtierte Karlheinz Weinberger Straßenarbeiter mit viel nackter Haut, ebenfalls reichlich homoerotisch aufgeladen.
Später bezahlte er einen drogenabhängigen Stricher, den er bei regelmäßigen Treffen in allen nur erdenklichen, oft expliziten Posen ablichtete.
Die dabei entstandenen Farbbilder dokumentieren auch den körperlichen Verfall des Mannes.
Der berichtete viele Jahre später über die anfangs merkwürdigen, dann vertrauteren Begegnungen mit Karlheinz Weinberger, dem Dokumentar seines Lebens.
Zwei bis drei Dutzend Rocker auf ihren Motorrädern füllen das Querformat über seine ganze Breite.
Die Typen stammen nicht nur aus einer fernen, fremden Zeit, den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, sie befinden sich dazu an einem äußerst befremdlichen Ort.
Wer hätte sich je vorgestellt, diese dunkle Bruderschaft inmitten saftiger Wiesen samt sanftäugigen Kühen und blau-weißem Alpenpanorama anzutreffen?
Es ist nicht nur bemerkenswert, sondern schlicht unglaublich, zu welchen enormen Dimensionen gespraytes Haar emporwachsen kann!
Man muss es sehen.
In gewisser Weise erinnert es an die damals neue Technik des Spannbetonbaus.
„Sprayen Sie Ihr Haar, damit es sich anständig benimmt“, hieß es in der Werbung.
Aber in der Galerie cubus-m, in der Pohlstraße, ist nun zu sehen, dass man auch sprayen konnte, bis es nur noch unanständig war.
Und genau das machte den anständigen Karlheinz Weinberger an.
Er soll, so wird es reportiert, ein freundlicher Herr in Flanellhose und beigem Strickjäckchen gewesen sein, der mit seiner Mutter unter einem Dach lebte, als Lagerist arbeitete und bei den anderen Anwohnern als gesprächiger, seriöser und hilfsbereiter Nachbar in hohem Ansehen stand.
Tatsächlich lebte er aber „nur für die Fotografie“, wie er selbst sagte: „Für mich war der Feierabend maßgebend, die Wochenenden und die Ferien. Wenn um 17 Uhr der Rollladen runterging, begann meine Zeit“.
In den 60er-Jahren setzt Weinberger den von George Platt-Lynes oder Herbert List gefeierten Athletenkörpern seine Burschen vom Lande entgegen.
Der jugendliche Wunsch nach Selbstinszenierung wird im Studio des Fotografen vollends fetischisiert: Serienweise lichtet Weinberger nur den Torso mit mächtiger Elvis-Gürtelschnalle und Hosenlatzschmuck ab.
Ein Rocker in Lederweste hat seinen Reißverschluss mit stählernen Containerschrauben verziert, ein anderer trägt eine faustgroße Patrone als Talisman um den Hals.
Natürlich gibt es auch Mädchen in der Welt der Motorräder, aber unter dem (eifersüchtigen?) Blick des Fotografen scheinen sie sich bloß als Trophäen der Jungs zeigen zu können.
Im Suff der 80er- und 90er-Jahre sind die Biker dann fast immer unter sich: Betrunken am Lagerfeuer oder verkatert auf dem Sessel beim Tätowierer.
Das Dasein als Halbstarker ist kaum mehr als ein Zwischenstopp auf dem Weg ins Berufsleben, die Treffen im Bierzelt werden von Harley-Davidson gesponsert.
Weinberger schaut seinen Rebellen immer noch liebevoll zu.
Dass diese umfassende Dokumentation einer sonst wohl kaum gewürdigten Sub- und Jugendkultur überhaupt öffentlich geworden ist, verdankt sich vielleicht auch dem Zufall: Der hat die richtigen Menschen auf Weinberges Arbeiten aufmerksam gemacht, erst 2000, mit 79 Jahren, kam die erste große Einzelausstellung.
Wer ist dieser Mann, der seine Fotos offenbar nur aus ganz privatem Interesse, aus Faszination für jene Anderen in einer Welt aus Gleichem anfertigte?
Der bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1986 als Lagerist arbeitete und bis zum Schluss im selben Haus wohnte, in dem er schon seine Kindheit und Jugend verbracht hatte?
Der Bildband skizziert einen Fotografen, der in fremde Leben eintauchte, seinen Modellen Treffpunkt und Rückzugsort bot, dabei aber stets Außenstehender blieb.
Hardly known outside the famous images of young rebels and rockers are the sports images Karlheinz Weinberger shot starting in the 1960s.
In this 2nd book with images by the Swiss photographer, Sturm & Drang presents a lesser known but truly captivating side of Weinberger.
Working for various sports newspapers and magazines, he covered athletes and contests in Switzerland and places such as East Germany.
His fascination with the male physique was documented at bike races, wrestling matches or weight-lifting events.
Es muss 1973 gewesen sein.
Die Zeitschrift Pop veröffentlichte regelmäßig Texte von Jugendlichen, die darüber schrieben, wie ihr Leben aussah.
Einer war ein Rocker aus der Schweiz.
Seltsam klang in seiner Geschichte vor allem die Passage, wo sein kleiner Motorradclub Besuch von echten Hell’s Angels aus den USA bekam.
Der Chef-Ami-Biker soll ständig „Fuck you!“ gebrüllt haben.
Als ein zuvorkommender Schweizer daraufhin die Hosen runterließ, gab es eine Massenschlägerei.
Wenn man Karlheinz Weinbergers „Photos 1954 - 1995“ anschaut (Scalo Verlag, 228 Seiten, 78 DM), versteht man leichter, wie solche Missverständnisse zustande kamen.
Auch bei dem 1921 in Zürich geborenen Weinberger, der im Fotoklub „Naturfreunde“ debütierte, ist die Faszination an Körperlichkeit und Gewalt homoerotisch besetzt.
Stets werden die Symbole der Männlichkeit für ihn erst in der Übertragung auf rebellische Gesten erträglich - so wie sich etwa ein 1958 fotografierter Twen in äußerst knapp sitzenden Lederhosen vom glatten Schönling nur durch das Moped unterscheidet.
Weinberger lichtet Bauarbeiter mit freiem Oberkörper und bei der täglichen Arbeit ab, beispielsweise im Straßenbau der Eidgenossenschaft.
Es folgen die Jahren von 1959 bis 1960.
Starke Straßenarbeiter und tolle Tankwart geraten in den Fokus.
Von 1955 bis 1964 fällt der Blick des Betrachters auf Halbstarke.
Jugend mit Jeans.
Beinkleid waren Bastion gegen das Establishment.
Mann und Frau treffen sich auf Jahrmärkten zum Rumhängen oder zum Ringkampf in der Arena.
Von 1958 bis 1964 erfasst Weinberger mit seiner Kamera die Mode der Halbstarken in den Schweizer Straßen.
1963 und 1964 traf sich der Jugendkult auf der St. Petersinsel in der Schweiz.
Dort wurde getanzt, gezeltet und Lebensstil präsentiert.
Von 1967 bis 1989 stehen die Rocker in der Schweiz auf dem Zettel des Fotografen.
vor allem steht die Kutte auf den unentbehrlichen Ausstattungslisten der nachwachsenden Generation.
„Born to be wild“ lautet das Motto der Bilder in den Jahren von 1970 bis 1987.
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