KTM Motorrad Insolvenz: Ein Neustart unter neuer Führung

Die Hiobsbotschaften von und für KTM reißen nicht ab. Europas bislang größter Motorradhersteller musste seine Leute schon wieder heimschicken. In Mattighofen standen die Bänder erneut für 3 Monate still. Das zeigte: Das Überleben der Firma war noch keineswegs gesichert.

Finanzielle Schwierigkeiten und Produktionsstopps

Im November 2024 beantragte die KTM AG, eine 100 %ige Tochter der österreichischen Pierer Mobility AG, die Eröffnung eines Sanierungsverfahrens in Eigenverwaltung. KTM gab als Finanzierungsbedarf einen hohen dreistelligen Millionenbetrag an.

Kaum war am 17. März 2025 die Produktion neuer Motorräder in Österreich neu angelaufen, standen die Bänder in Mattighofen jetzt schon wieder still. Und zwar bis Ende Juli. Das hat laut Berichten des ORF der neue KTM-Chef Gottfried Neumeister der überraschten Belegschaft am Donnerstagmorgen per Videobotschaft mitgeteilt. Als Grund nannte Neumeister fehlende Komponenten.

Nach Bekanntwerden der Insolvenz bei KTM Ende November 2024 haben etliche Zulieferer aufgehört, den zahlungsunfähigen Hersteller mit Bauteilen zu versorgen. Wo kein Geld, da keine Teile.

Als grundsätzlich notwendig für den Weg aus der Misere war bei den Verhandlungen stets der lang geplante Neustart der Produktion in Mattighofen am 17. März genannt worden. Damit dieser gelingen konnte, dafür hatte der indische KTM-Kooperationspartner und -Teilhaber Bajaj bereits 150 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Dass nun plötzlich, kaum 4 Wochen später, entscheidende Komponenten für den Motorradbau fehlen, überrascht.

Der erneute Produktionsstopp bei KTM in Mattighofen bedeutet für die rund 3.000 verbliebenen Mitarbeiter, dass sie per Betriebsvereinbarung von 1. Mai bis 31. Juli 2025 in einer Art Kurzarbeit mit 30-Stunden-Woche bei 20 Prozent weniger Gehalt sind. Für die Büro-Angestellten gilt bis dahin 4-Tage-Woche, die Arbeiter des Werks können zu Hause bleiben.

Neuer Chef, neue Perspektiven

Gottfried Neumeister übernahm von Stefan Pierer am 23. Januar 2025 den Vorsitz im Vorstand der Pierer Mobility AG und der KTM AG. Bereits ab 1. September 2024 war Neumeister Co-CEO neben Pierer. Zudem ist Gottfried Neumeister seit 1. Januar 2025 Mitglied des Vorstands der Pierer Industrie AG.

Auf Anfrage von MOTORRAD nahm Gottfried Neumeister wie folgt Stellung: "Die letzten Monate waren für unser Unternehmen sehr herausfordernd. Für uns als Vorstand hat in dieser Zeit Verantwortungsbewusstsein die höchste Priorität - dem Unternehmen, aber vor allem den Mitarbeitenden gegenüber. Das Wichtigste bei allen Entscheidungen sind daher zwei Dinge: die erfolgreiche Zukunft von KTM und die langfristige Sicherung der Arbeitsplätze. Um diese Herausforderung zu meistern, ist es notwendig, die Arbeitszeitenregelung für diesen Zeitraum anzupassen.

Durch die abrupte Insolvenz Ende letzten Jahres konnte nur noch auf Lagerbestände zurückgegriffen werden. Im Sanierungsverfahren war es dann für 90 Tage nicht möglich, neue Verpflichtungen einzugehen. Wir müssen daher die Produktion noch einmal kurzfristig herunterfahren. Wir sind allerdings zuversichtlich, dass wir im August wieder im Vollbetrieb auf vier Bändern produzieren können."

Neumeister nannte die Entwicklung "nicht überraschend", sagte zum ORF aber auch: "Es ist den Lieferanten nicht zu verübeln, dass sie in der Zeit dieser Insolvenz keine Verpflichtungen eingegangen sind, um weitere Materialien zu ordern. Jetzt müssen wir einfach warten, bis wir den nächsten Schub an Materialien bekommen."

Rettung durch Sanierungsplan und Bajaj

Der Fortbestand der orangenen Marke ist damit erst einmal gesichert. Mitte März 2025 soll die Produktion wieder starten - in Mattighofen.

Am 25. Februar 2025 stimmten die Gläubiger dem von der KTM AG vorgelegten Sanierungsplan angenommen. Dieser Sanierungsplan sieht vor, dass die Gläubiger 30 Prozent ihrer Forderungen durch eine Einmalzahlung bis Mai 2025 erhalten werden. Für die Erfüllung dieser Quote muss die KTM AG einen Betrag in Höhe von 548 Millionen Euro bis spätestens 23. Mai 2025 beim Sanierungsverwalter hinterlegen. Anschließend wird das Gericht Anfang Juni 2025 den Sanierungsplan bestätigen, und nach Eintritt der Rechtskraft ist das Sanierungsverfahren der KTM AG dann beendet.

Insgesamt waren gegenüber KTM seit der Insolvenz Ende November 2024 über 2,2 Milliarden Euro an Forderungen eingegangen, davon hat der Insolvenzverwalter Peter Vogl rund 2 Milliarden anerkannt.

Damit die Produktion schrittweise ab Mitte März 2025 wieder hochgefahren werden kann, werden der KTM AG aus dem "erweiterten Aktionärskreis" finanzielle Mittel in Höhe von 50 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Mit der Zustimmung zum Sanierungsplan wird dieser Betrag nun der KTM AG zugeführt, damit die Kosten für die phasenweise Wiederaufnahme der Produktion im Monat März 2025 gedeckt werden können. Die geplante Vollauslastung der vier Produktionslinien im Einschichtbetrieb soll innerhalb von drei Monaten, also bis Juni 2025, erreicht werden.

Der indische Partner und Miteigentümer Bajaj hat KTM mit insgesamt rund 600 Millionen Euro gerettet und übernimmt künftig die Mehrheit am Unternehmen.

Ursachen der Krise

Aufgrund von Management-Fehlern unter Stefan Pierers Leitung hat der KTM-Konzern seit 2022 rund eine Viertelmillion Motorräder zu viel produziert und Schulden in Höhe von über 2 Milliarden Euro angehäuft.

Zunächst konnte man in 2020 aufgrund Lieferengpässe nicht genug Fahrzeuge produzieren, um die Nachfrage während des ersten Corona-Jahrs zu decken. Eigentlich ein Traum. Man schraubte die Produktion hoch im Drei-Schicht-System. Stefan Pierer, Geschäftsführer von KTM, verkannte allerdings bald die Marktlage und ließ auch bei sinkender Nachfrage weiter auf Volldampf produzieren. So häufte sich bis im vierten Quartal 2024 ein Überbestand von 250.000 Neufahrzeugen an.

Zusätzlich hatte sich KTM aufgrund zahlreicher Kundenreklamationen den Ruf schlechter Qualität eingehandelt. Innerhalb weniger Monate fiel der Kurs der KTM-Aktie ins Bodenlose, die Neuverschuldung stieg auf rund 1,5 Milliarden Euro und der Pierer Mobility AG ging schließlich das Geld aus.

Ausblick in die Zukunft

Nach einem sechsmonatigen Produktionsstopp läuft die Fertigung in Mattighofen seit Mitte März 2025 wieder im Einschichtbetrieb. Bis Ende Juli soll die Produktion wieder voll ausgelastet sein.

Für Kunden und Händler: Die Versorgung mit Motorrädern, Ersatzteilen und Zubehör ist gesichert. Garantien und Gewährleistungen bleiben bestehen, Händlerboni werden weiterhin gezahlt.

Durch den Einstieg von Bajaj ist die Liquidität der österreichischen Motorradschmiede KTM wieder hergestellt. In Mattighofen laufen die Bänder wieder an. Nach Monaten der Ungewissheit sind alle rund 1000 Fertigungsmitarbeiter an ihre Arbeitsplätze im KTM-Werk Mattighofen zurückgekehrt.

Die Konstruktion des Firmengeflechts rund um KTM war schon immer kompliziert und wird es auch nach der Übernahme durch Bajaj Auto zunächst noch bleiben. Bajaj Auto agiert über seine niederländische Tochtergesellschaft Bajaj Auto International Holdings BV (BAIHBV), die bislang 49,9 % an der österreichischen Pierer Bajaj AG (PBAG) hält. PBAG besitzt wiederum 75 % von Pierer Mobility AG (PMAG), dem börsengelisteten Mutterkonzern der KTM AG. Vor dem jüngsten Deal hatte Bajaj damit rund 37,0 bis 37,5 % der KTM-Gruppe kontrolliert. Durch das jüngste Investmentpaket von insgesamt ca. € 800 Mio (davon € 200 Mio bereits im Voraus, € 600 Mio weitere Mittel) strebt Bajaj Auto an, die Mehrheitskontrolle zu übernehmen - d.h. mehr als 50 % der Anteile an der PBAG zu halten und somit indirekt über die PMAG auch bei der KTM AG die Kontrolle zu übernehmen.

Rajiv Bajaj, Managing Director von Bajaj, soll nach Angaben von Insidern lediglich eine Bedingung für die Rettung von KTM gestellt haben: Stefan Pierer darf in Zukunft keine Rolle mehr bei KTM spielen. Er wird deshalb nach dem Abschluss des Sanierungsverfahrens im Juni 2025 aus dem Vorstand ausscheiden.

Es dürfte spannend werden, wie es in Zukunft bei KTM unter der Regie von Bajaj weitergeht. Die Boston Consulting Group hatte Ende letzten Jahres eine Analyse von KTM durchgeführt und gab sich zwar vorsichtig optimistisch, aber nur wenn einige drastische Einschnitte vorgenommen würden.

So bemängelten sie, dass KTM auf zwar firmennahe, aber teure Zulieferer aus Österreich, Deutschland und der Schweiz setze, für Komponenten, die sie global deutlich günstiger erwerben könnten, was zu hohen Produktionskosten führen würde. Dieser Einschätzung dürfte sich Bajaj wohl anschließen und die Produktion der kleinen KTM-Modelle bis 399 cm3 (Duke, Enduro, Adventure) in Indien behalten und die 790er-Modelle, die bisher CFMoto in China gebaut hat, vermutlich auch nach Indien holen.

Außerdem ergäbe der Verbleib der Forschungs- und Entwicklungsabteilung in Österreich Sinn, denn die genießt einen exzellenten Ruf und ließe sich auch nicht ohne Weiteres verlegen.

Die Marktsituation für KTM ist immer noch prekär. Die Marke muss nicht nur neue Motorräder verkaufen, um wieder Geld zu verdienen, sondern auch die Massen an immer noch unverkauften Bikes aus den letzten beiden Modelljahren verhökern.

Im Vergleich zum Vorjahr ist der Verkauf von KTM in Deutschland 2025 um über 80 Prozent eingebrochen. Kaum jemand will jetzt ein 2025er-Modell kaufen, wenn es das identische Modell vom letzten Jahr immer noch erheblich günstiger gibt.

Geplante Modellneuheiten

Trotz alledem will das Unternehmen in diesem Jahr ein neues Modell präsentieren, wie das Motorrad-Magazin auf der Moto Austria 2025 erfahren hat.

Und es soll ein Motorrad der Superlative sein, denn die neue KTM 690 SMC R wird vom stärksten Serieneinzylinder der Welt angetrieben. Im Rahmen der Messe kündigte KTM offiziell 58 kW für die rund 700 cm3 große Maschine an.

Ebenfalls auf der Moto Austria wurden neue Spitzenmodelle von Husqvarna angekündigt (ebenfalls mit dem mittlerweile legendären LC4-Motor bestückt), was auch überrascht, denn Husqvarna als 100 %ige KTM-Tochter ist natürlich auch von der Insolvenz der Muttergesellschaft betroffen, die wiederum zu 100 % zu Pierer Mobility gehört.

Für KTM-Kunden dürfte die neue Situation bedeuten, dass sie auf möglicherweise erhoffte neue Motorräder wie die neue KTM 690 SMC R oder die ebenfalls neue Husqvarna 701 Supermoto wohl noch lange werden warten müssen. Weitaus schlimmer dürfte es die Händler treffen, die nun erneut vor der Ungewissheit stehen, was aus dem Hersteller und damit aus ihrem eigenen Geschäft wird.

Die Auswirkungen der Insolvenz auf den Rennsport

Nach wie vor unter dem Motto "Ready to race" kündigte KTM am 17. Dezember 2024 die traditionelle Teilnahme des Red Bull KTM Factory Racing Teams bei der Dakar Rally an. Die 3 Werksfahrer Kevin Benavides, Luciano Benavides und Daniel Sanders sollen am 3. Januar 2025 in der RallyGP-Klasse starten.

Zu den - aufwendigen und entsprechend teuren - Rennsport-Aktivitäten nahm KTM am 20. Dezember 2024 umfangreich Stellung: "Es ist kein Geheimnis, dass die KTM AG sich in einer sich verändernden Wirtschaftslandschaft bewegt. Doch wie unser Grundsatz "Ready to race" andeutet, nutzen wir diesen Moment, um uns neu auszurichten, aufzutanken und neue Kraft zu schöpfen. KTM ist weiterhin bestrebt, unseren aktuellen und zukünftigen Kunden außergewöhnliche Erlebnisse zu bieten. Wir werden weiter begeistern und wieder ganz oben auf dem Podest stehen.

Im Rennsport zeigen wir unsere Marke, unsere Technik und unsere Leidenschaft für Rennen. Im vergangenen Jahr haben unsere Motorsport-Teams weiterhin Großes geleistet. Wir sind mit sagenhaften 341 FIM-Weltmeisterschaftstiteln in die Saison gestartet. Der Rennsport-Kalender umfasste mehr als 1.480 Rennstarts und bescherte uns 246 Podestplätze und 150 GP-Siege in verschiedenen Disziplinen. Natürlich gab es auch Strapazen und Verletzungen - das hängt mit der Natur der Disziplin zusammen.

Nach Angaben des "Alpenländischen Kreditorenverbands", der einen Teil der KTM-Gläubiger rechtlich vertritt, sei der Ausstieg der Marke KTM aus MotoGP, Moto2 und Moto3 geplant. Bislang ist indes unklar, wie realistisch dieses Szenario ist.

Zahlen und Fakten

Hier ist eine Tabelle mit einigen wichtigen Daten zur KTM-Insolvenz:

Aspekt Details
Insolvenzantrag November 2024
Schulden insgesamt Über 2,2 Milliarden Euro
Anerkannte Forderungen Rund 2 Milliarden Euro
Sanierungsplanquote 30 Prozent
Sanierungsplanzahlung 548 Millionen Euro bis 23. Mai 2025
Neuer Mehrheitseigentümer Bajaj
Produktionsneustart Mitte März 2025

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