Kurvenfahren mit dem Motorrad: Tipps für sicheres und genussvolles Fahren

Motorradfahren und Kurven sind für viele untrennbar miteinander verbunden. Das Gefühl, im Gleichgewicht zwischen Fliehkräften und Schwerkraft schwerelos durch Wechselkurven zu schwingen, macht für viele den Reiz des Motorradfahrens aus. Um dieses fahrdynamische Erlebnis sicher zu genießen, ist es wichtig, die physikalischen Zusammenhänge zu verstehen.

Die Physik des Kurvenfahrens

Ein Motorrad verblüfft Anfänger oft dadurch, dass sich die Lenkung je nach Geschwindigkeit völlig unterschiedlich anfühlt. Hier eine kurze Erklärung der Kräfte, die beim Kurvenfahren wirken:

  • Zentrifugalkraft: Wirkt nach außen und versucht, das Motorrad aus der Kurve zu tragen.
  • Schwerkraft: Wirkt senkrecht nach unten.
  • Haftreibungskraft: Wirkt zwischen den Reifen und der Straßenoberfläche und sorgt dafür, dass das Motorrad nicht ins Rutschen gerät.
  • Zentripetalkraft: Hält das Motorrad auf einer gekrümmten Bahn und wirkt der Zentrifugalkraft entgegen.

Geradeausfahrt

Meist unbewusst erfolgt der Lenkimpuls vor einer Linkskurve zunächst nach rechts, worauf das über die Reifenseitenkraft eingeleitete Kippmoment Motorrad und Fahrer nach links kippt. Je größer der Lenkimpuls/Lenkwinkel ausfällt, desto abrupter klappt die Maschine in Schräglage.

Solange wir langsam fahren, Schrittgeschwindigkeit zum Beispiel, müssen wir der Kipp-Tendenz des Zweirads durch kleine Lenkbewegungen jeweils in die Richtung, in die das Motorrad kippen möchte, und Verlagerung des Körpergewichts in die andere Richtung entgegenwirken.

Mehr Stabilität in dieses labile Gleichgewicht holen sich Könner durch den Einsatz der Fußbremse, mit der sie die Maschine „strecken“ und mit Drehzahl etwas über Standgas gegen die schleifende Kupplung fahren. Mit etwas Übung sind zwei Stundenkilometer kein Hexenwerk. So langsam rechts herum wenden bedeutet natürlich auch, dabei nach rechts zu lenken.

Ab einer Geschwindigkeit zwischen 20 und 30 km/h reicht die Fahrstabilität, um nicht mehr balancieren zu müssen. Trotzdem fährt das Motorrad unmerkliche Schlangenlinien, verursacht oder verstärkt durch unzählige Einflüsse wie Bodenwellen, Seitenwind, Windschleppen anderer Autos, eine schräge Straße oder Längsrillen, etwa vor einer Ampel. Die kleineren korrigieren wir ständig durch mehr oder weniger unbewusste Lenkbewegungen, die größeren müssen wir bewusst durch Gegenlenken ausgleichen.

Die Lenkung fühlt sich mit zunehmendem Tempo immer sämiger an, denn dem Einleiten einer Kurvenfahrt wirken diverse Kräfte entgegen. Die Massenträgheit schiebt weiter geradeaus, die Kreiselkräfte der Räder sträuben sich gegen die gewünschte Lageveränderung, die Fliehkraft zerrt ohnehin immer zur Kurvenaußenseite und das aus dem Nachlauf resultierende Rückstellmoment des Vorderrads will auch lieber geradeaus. Dieses ist umso größer, je mehr Nachlauf das Vorderrad hat, sprich, je flacher die Gabel steht. Beispiel: der Chopper. So müssen wir die Maschine aus der Geradeausfahrt regelrecht in die Kurve zwingen. Je höher das Tempo, desto mehr Kraft benötigen wir hierzu.

Schräglage

Hier eine kurze Erklärung der Schräglage beim Kurvenfahren:

Mit 30 Grad Schräglage ist man bei trockener Straße auf der sicheren Seite: Die Seitenführungskräfte reichen locker aus, um die Fliehkraft zu kompensieren. Der Reifenaufstandspunkt wandert mit steigender Schräglage über die Lauffläche weiter nach innen.

50 Grad Schräglage und mehr sind möglich, weil sich moderne Sportreifen im Asphalt verzahnen. Jetzt verringern sich Lenkwinkel und somit die Lenkkräfte, der Fahrer ist beim sogenannten kraftneutralen Kurvenfahren angelangt. Momente aus Fliehkraft und Schwerkraft halten sich die Waage.

Dass wir unser Motorrad - außer beim Wenden im Schritttempo - meist mit sehr geringen Lenkausschlägen um die Mittellage auf Kurs halten, merken wir spätestens dann, wenn das Lenkkopflager verschlissen ist und in der Mittelstellung einrastet. Dann fühlt sich das Fahren taumelnd und unsicher an. Einen ähnlichen Effekt kann ein zu stramm eingestelltes Lager oder ein zu schwergängiger Lenkungsdämpfer haben.

Lenkimpuls

Motorradfahrer geben den Lenkimpuls zum Einleiten einer Kurvenfahrt normalerweise völlig unbewusst. Ihn bewusst einzusetzen, hilft aber nicht nur bei schnellen Schräglagenwechseln, sondern auch beim Ausweichen, auch und gerade in der Kurve.

Die Gewichtsverlagerung des Fahrers wirkt dabei zwar unterstützend, doch erst der Lenkimpuls lässt das Motorrad genau dann und genau so weit in Schräglage abtauchen, wie wir wollen. Und es verschafft ein sehr souveränes Gefühl, damit das Motorrad zu beherrschen - versprochen!

Die Grafiken weitern unten verdeutlichen das anfangs verwirrende, weil inverse Lenkverhalten: Wir lenken beim Einleiten einer Kurvenfahrt quasi in die Gegenrichtung. Lenkt der Fahrer nach links, kippt das Motorrad nach rechts, und umgekehrt. Einleuchtender klingt es so: Wir schieben (oder drücken) immer das Lenkerende auf der Seite nach vorne (nicht nach unten!), in die wir fahren wollen. Faustformel: rechts drücken, rechts fahren. Natürlich kann man auch links am Lenker ziehen, um rechts abzubiegen. Aber wozu so kompliziert?

Motorradtypen im Schräglagen-Vergleich

Großen Einfluss auf die Fahreigenschaften hat auch die Höhe des Schwerpunkts. Man merkt das beim Rangieren:

Motorräder mit hohem Schwerpunkt sind schwerer auszubalancieren. Auch beim Fahren macht ein hoher Schwerpunkt die Maschine kippeliger, weil das ganze System labiler ist und schneller reagiert. Ein hoher Schwerpunkt sorgt auch dafür, dass das Motorrad beim Bremsen und Beschleunigen instabiler wird, es neigt eher zu steigendem Vorder- (Wheelie) oder Hinterrad (Stoppie). Nötig ist also ein gelungener Kompromiss zwischen Fahrstabilität und Handlichkeit.

Eine wichtige Rolle kommt den Reifen zu. Je breiter sie sind, desto mehr Schräglage braucht ein Motorrad in der Kurve, denn mit zunehmender Breite wandert die Aufstandsfläche der Reifen in Richtung Kurveninneres. In diesem Zusammenhang wird leicht nachvollziehbar, dass zu geringer Luftdruck sich insbesondere bei Kurvenfahrten negativ auswirkt. Durch das verstärkte Walken des Reifens steigt die Lenkkraft deutlich an, die Lenkpräzision verschlechtert sich und der Verschleiß nimmt zu. Deshalb sollte man den Luftdruck - der kalten Reifen - regelmäßig kontrollieren.

Die vier Phasen des Kurvenfahrens

Um Kurven mit dem Motorrad richtig zu fahren, sollte der Ablauf in der Straßenkrümmung perfekt verinnerlicht werden. Die vier Phasen des Kurvenfahrens sind:

  1. Anbremsen: Vor der Kurve die Geschwindigkeit reduzieren und den passenden Gang wählen.
  2. Einlenken: Blick auf den Kurvenausgang richten und das Lenkerende in die gewünschte Richtung drücken.
  3. Rollen in Schräglage: Die Reifen können hohe Seitenkräfte übertragen und eine starke Schräglage ermöglichen.
  4. Beschleunigen aus der Schräglage: Sobald das Ende der Kurve sichtbar ist, sanft beschleunigen, um das Motorrad aufzurichten.

Kurventechniken

Es gibt verschiedene Kurventechniken, die sich je nach Situation und Fahrstil eignen:

  • Drücken: Geeignet für enge und unübersichtliche Kurven. Der Fahrer bleibt aufrecht und drückt das Motorrad in die Kurve.
  • Legen: Der Klassiker, bei dem Fahrer und Maschine eine Linie in Schräglage bilden. Geeignet für alle Arten von Kurven und jedes Tempo.
  • Hängen (Hanging-off): Ursprünglich aus dem Rennsport. Der Fahrer verlagert seinen Schwerpunkt weit nach innen, um eine höhere Kurvengeschwindigkeit zu erzielen.

Kurventechnik "Drücken"

Der Fahrer bleibt dabei relativ aufrecht, das Motorrad wird mit dem Lenker nach unten gedrückt. Hüftknick (oder extrem wie oben das Rüberrutschen mit dem Gesäß) und fester Knieschluss helfen. Das funktioniert gut in engen Kurven und Serpentinen, bei schnellen Kurswechseln oder Ausweichmanövern. Für Schotterstrecken und auf losem oder rutschigem Untergrund ideal, weil der Körperschwerpunkt eher über der Reifenaufstandsfläche liegt.

Kurventechnik "Legen"

Der Klassiker: Fahrer und Maschine bilden in Schräglage eine Linie. Entweder mit festem Knieschluss oder locker-sportlich abgespreiztem Knie passt dieser Fahrstil für alle Arten von Kurven in jedem Tempo. Die Fahrt­richtung lässt sich sehr schnell korrigieren, aus dem Legen kann man in Wechselkurven nahtlos ins Drücken übergehen. Die entspannte Sitzhaltung verlangt wenig Kraft. Hier auch gut zu sehen: Der Fahrer neigt den Kopf, um seinen Blickhorizont möglichst gerade zu halten, der Blick geht Richtung Kurvenausgang. Die Schräglage ist etwas geringer als beim Drücken.

Kurventechnik "Hängen"

So praktiziert wie auf dem Bild findet dieser Fahrstil vor allem auf der Rennstrecke Anwendung, wo der weitere Streckenverlauf bekannt ist. Bei gleicher Kurvengeschwindigkeit verlangt er weniger Schräglage, dafür aber Kraft und viel Übung. Auf der Straße kann die abgeschwächte Form, das Hineinlehnen mit viel Druck aufs Vorderrad, in vielen Kurven helfen. Vor allem, wenn man in Schräglage stark bremsen muss. Auch gut zu sehen: Bei allen drei Stilen benötigen Mann und Maschine deutlich mehr Raum als in Geradeausfahrt, bei Hanging-off am meisten.

Die optimale Kurvenlinie

Auf Rennstrecken wird unter Ausnutzung der ganzen Fahrbahn die kürzestmögliche Linie mit geringstmöglicher Schräglage und höchstmöglichem Tempo gefahren, die sogenannte Ideallinie. Auf der Straße folgen wir der sogenannten Sicherheitslinie. Sie erfordert bisweilen mehr Schräglage, erleichtert aber eine optimale Blickführung und hält uns vom Gegenverkehr fern. Logisch: Je früher wir sehen können, umso früher können wir einlenken und auf flacher Linie kräftig ans Gas. Idealerweise ist das Tempo am Ausgang der Kurve ­höher als am Kurveneingang.

Tipps zur richtigen Linienwahl

Fahre ich eine Kurve zu eng an, lenke also zu früh ein, sehe ich nicht nur den weiteren Verlauf und eventuellen Gegenverkehr unnötig spät, die zu flache Linie in Kombination mit hohem Tempo kann mich auch dem Gegenverkehr gefährlich nahe bringen.

Blickführung

Wichtig auf dem Motorrad beim Kurven fahren ist die Blickrichtung. Sie sollten Ihren Blick in die Richtung lenken, in die das Motorrad fahren soll. Das bedeutet, frühzeitig in die Kurve zu schauen, den Blick durch die Kurve zu führen und auf den Ausgang der Kurve zu fokussieren.

  • Einlenkpunkt
  • Scheitelpunkt
  • Kurvenausgang
  • Weiterer Straßenverlauf

Sicherheitstipps

  • Ausrüstung: Tragen Sie immer einen hochwertigen Helm und passende Motorradschutzkleidung.
  • Fahrkönnen: Bleiben Sie innerhalb Ihrer Fähigkeiten und überschreiten Sie niemals die Grenzen des Motorrads oder Ihre eigenen.
  • ABS und Traktionskontrolle: Nutzen Sie die Vorteile moderner Assistenzsysteme wie ABS und Traktionskontrolle.
  • Wetterbedingungen: Passen Sie Ihre Fahrweise an die Wetterbedingungen an. Bei Regen oder nasser Fahrbahn ist besondere Vorsicht geboten.
  • Übung: Trainieren Sie regelmäßig das Kurvenfahren, um Ihre Fähigkeiten zu verbessern und mehr Sicherheit zu gewinnen.

Besondere Herausforderungen

Enge Kurven und Spitzkehren

Bei engen Kurven und Spitzkehren ist eine starke Geschwindigkeitsreduzierung erforderlich. Wählen Sie eine möglichst enge Fahrlinie, um Kollisionen mit dem Gegenverkehr zu vermeiden. Achten Sie darauf, dass das Gepäck gleichmäßig über das Motorrad verteilt ist.

Regen und nasse Fahrbahn

Bei Regen oder nasser Fahrbahn verringert sich die Haftung der Reifen erheblich. Reduzieren Sie die Geschwindigkeit und vermeiden Sie abrupte Lenkbewegungen oder heftiges Bremsen. Aktivieren Sie, wenn vorhanden, die Traktionskontrolle oder den Regen-Modus.

Mentales Training

Jeder Motorradfahrer kennt diese Situation: Aus dem entspannten Fahren heraus wird die Verkehrs- und Risikosituation schlagartig brenzlig. Meist werden Bremse und Kupplung betätigt und ansonsten nur abgewartet.

Doch Sie können solche Situationen auch mental trainieren. Spielen Sie in vergleichsweise harmlosen Verkehrs- und Fahrsituationen im Geiste durch, welche Möglichkeiten Sie in einer tatsächlich schwierigen Situation gehabt hätten. Geben Sie nicht zu schnell auf.

Zusätzliche Tipps für sicheres Kurvenfahren

  • Konzentration: Bleiben Sie stets aufmerksam und lassen Sie sich nicht ablenken.
  • Voraussicht: Erkennen Sie Hindernisse frühzeitig und seien Sie auf unerwartete Situationen vorbereitet.
  • Flüssige Bewegungen: Führen Sie Manöver fließend und kontrolliert aus, mit sanften Bewegungen an Lenker, Bremsen und Gas.
  • Reifenzustand: Achten Sie auf den Zustand Ihrer Reifen und passen Sie den Luftdruck regelmäßig an.
  • Abstand halten: Halten Sie ausreichend Abstand zum Vordermann, um genügend Zeit zum Reagieren zu haben.

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