E-Bikes im Lieferdienst: Lieferando und die Rolle von Start-ups wie Gethenry

Die letzte Meile ist die Königsklasse der Lieferwelt. Sie brachte Milliarden-Start-ups wie Gorillas oder Flink auf den Plan, deren Kuriere die bestellte Ware von den Lagern innerhalb von Minuten zu den Kunden fahren. Fast 100 Kilometer legen diese am Tag zurück und setzen deshalb häufig auf E-Bikes. Aber wo kommen diese eigentlich her?

Gethenry: E-Bike-Vermietung für Lieferdienste

Zum Beispiel von Luis Orsini-Rosenberg und seinem Start-up Gethenry. Das verkauft die elektrischen Räder nicht, sondern vermietet sie. In der Regel leiht Gethenry seine E-Räder für zwölf bis 36 Monate aus. Nach diesem Zeitraum habe sich der Einkaufspreis meist wieder refinanziert, so Orsini-Rosenberg auf Nachfrage von „Gründerszene“. Gehen Komponenten kaputt, werden sie ausgetauscht: Nach drei Jahren bestehen die Räder zu 70 Prozent aus neuen Komponenten, so der Gründer. Die E-Bikes haben somit eine recht lange Lebensdauer und können weiter Mieteinnahmen generieren. Profitabel sind die Berliner bisher aber nicht.

Neben den großen 10-Minuten-Lieferern vermieten die Berliner auch an Dienste wie Just Eat Takeway.com (Lieferando) oder die Medikamenten-Versender Mayd. Zum Leistungsspektrum des Start-ups gehört nicht nur die Vermietung, sondern auch das Flottenmanagement, die Wartung und Reparatur der Räder. Dafür hat es eigene Mechaniker eingestellt.

Für die E-Bike-Vermieter aus Berlin gibt es jetzt eine Finanzspritze. In der Seed-Runde sammelte die Jungfirma insgesamt 16,5 Millionen Euro ein - zehn Millionen Euro sind dabei Eigenkapital, die restlichen 6,5 Millionen Euro sind Fremdkapital. Lead-Investor der Runde ist Local Globe, ein VC aus London, mit Investments bei den bekannten Fintechs Robinhood und Wise oder dem milliardenschweren Metaverse-Startup Improbable. Daneben sind bei Gethenry jetzt investiert: Greenpoint Partners, EnbW New Ventures, Founder Collective, Third Sphere, Visionaries Club und Angel-Investoren wie Voi-CEO Fredrik Hjelm, Ex-Tier-COO Roge Hassan und Everphone-CEO Jan Dzulko.

Eigene E-Lastenradentwicklung

Mit den frischen Millionen will Gethenry künftig auch E-Mopeds vermieten - ein Trend in der Branche - und seine Fahrzeugflotte auf 10.000 Räder erweitern. Auf Nachfrage von „Gründerszene“ zur jetzigen Größe der Flotte antwortet Gründer Luis Orsini-Rosenberg, dass diese fünfstellige Anzahl „in den nächsten Monaten“ erreicht werde. Das Start-up habe mit Lieferschwierigkeiten zu kämpfen gehabt.

Auch deshalb entwickelt das Unternehmen gerade ein eigenes E-Lastenrad, das für eine Zuladung von bis zu 180 Kilogramm ausgelegt sein soll. Es soll besonders kompakt werden, um wenig Platz im Lager der Kunden zu belegen. Ein erstes E-Bike mit höherer Belastungsgrenze von bis zu 80 Kilogramm, das ebenfalls gemeinsam mit einem externen Produktionspartner entwickelt wurde, sei bereits bei Flink und Lieferando im Einsatz, so der Gründer.

Mit den Eigenentwicklungen hat das Start-up mehr Planungssicherheit und könne die Lieferschwierigkeiten umgehen, etwa wenn dem Hersteller einzelne Komponenten fehlen und dadurch das komplette Rad nicht lieferbar ist. Stellt das Start-up die E-Räder aber selbst her, kann es Komponenten, die nicht vorrätig sind, durch lieferbare Alternativen austauschen. Zudem sind die Eigenentwicklungen besser an die Bedürfnisse der Lieferdienste angepasst.

Warum entwickeln Lieferdienste E-Bikes nicht selbst?

Warum entwickeln oder kaufen die Lieferdienste die E-Räder, die für ihr Geschäft so wichtig sind, eigentlich nicht selbst, sondern leihen sie bei Gethenry oder Konkurrenten wie Swapfiets oder Zoomo? „Als wir anfingen, war es meine größte Sorge, dass die Lieferfirmen es einfach selbst machen werden. Aber das wird nicht passieren“, so der Gründer. Warum nicht? „Weil es ein riesiger Aufwand ist. Die Firmen sehen sich als Tech-Unternehmen und weniger als Logistikbetreiber. Sie müssten ein Zweit-Business neben dem Kerngeschäft aufbauen. Und darauf haben die meisten verständlicherweise keine Lust.“

Aktuell fokussiert sich Gethenry auf die schnellen Lieferdienste. Gestartet war das Start-up aber ganz anders: als E-Scooter-Vermietung für Hotelgäste. Mit dem Pandemiebeginn im Jahr 2020 machte die ein Jahr zuvor gestartete Jungfirma den Pivot und fokussierte sich auf die E-Bike-Vermietung für Restaurants und Kuriere, später weitete es sein Angebot auf Lieferdienste aus. In der Pandemie sei das Start-up so von fünf auf fast einhundert Mitarbeiter gewachsen.

Neben CEO Orsini-Rosenberg - der vor Gethenry als Marketing Manager bei dem Mobility-Riesen Uber beschäftigt war - gehört sein Cousin und CPO Nikodemus Seilern zum Gründerteam. Im vergangenen Jahr erschloss das Start-up nach eigenen Angaben 29 Städte in Deutschland, Österreich und Italien. Als Nächstes will das Unternehmen in Spanien, den Niederlanden und Frankreich expandieren.

Smartvélo: Robuste E-Bikes für Lieferdienste

Die ersten 180 Fährräder für Flink stellten die Gründer noch in ihrer eigenen Werkstatt her. Die Fahrräder mit dem rosa Aufkleber am Rahmen stehen zur Abholung feinsäuberlich aufgereiht. Sie kommen eben aus der Reparatur zurück - bereit für die nächsten 10.000 Kilometer, die ein Flink-Kurier zum Ausliefern von Lebensmitteln jährlich zurücklegt. Was die E-Bikes des Startups von gewöhnlichen E-Bikes im Markt abhebt, ist der robuste Akku. Nach zwei Jahren ist der hinüber“, sagt Henry Horn. „Unser Akku kann über 2.500-mal aufgeladen werden.“ Dem Gründer zufolge baue Smartvélo damit das nachhaltigste Last-Mile-Delivery-Bike.

In ihrer Halle riecht es nach Gummi, Schraubenschlüssel klirren. Gegenüber der Flink-Räder stapeln sich Kisten mit Reifen. „Die bekommen wir von einem Gefängnis aus Bautzen, die Insassen speichen dort Laufräder ein“, sagt Konrad Essers. Aus der Werkstatt dringen Männer-Stimmen herüber, es dröhnt alte Musik von Justin Bieber. Ihre Firma beschäftigt heute 30 Mitarbeiter, davon sind rund die Hälfte Fahrradmechaniker. Wie andere Handwerksbetriebe auch, ist das Startup vom Fachkräftemangel betroffen. „Gelernte Zweirad-Mechatroniker sind superschwer zu finden,“ sagt Essers nach dem Rundgang. Dem Gründer zufolge würden viele ihrer Beschäftigten ursprünglich aus dem Automobil-Bereich kommen und umsatteln. Laut dem Verbund Service und Fahrrad sind in der Branche tausende Stellen unbesetzt.

Horn und Essers sind seit ihrer Jugend miteinander befreundet. Das Gründen steckt beiden, wenn auch auf unterschiedliche Weise, in den Genen. Essers wusste bereits als Schüler, dass er ein eigenes Unternehmen führen wollte. Bei Horn begann es künstlerisch: Mit neun Jahren gründete er die Kinderband „Apollo 3“ mit und übernahm mehrere Rollen in deutschen Fernsehproduktionen wie Alarm für Cobra 11 und SOKO. Nach seiner Ausbildung bei der früheren Musikproduktionsfirma seiner Band, ging der damals Zwanzigjährige nach Berlin, wo er 2019 ein Studium an der Universität der Künste begann. Die Pandemie brachte ihn zurück nach Köln, wo er sich dem ersten Startup von Essers anschloss: „Smart Racoon“, eine mobile Waschanlage für Fahrräder.

Im Winter ließ die Nachfrage allerdings deutlich nach - die Gründer sahen fortan im Aufkommen der Schnelllieferdienste Lieferando, Flink und Gorillas eine Chance. „Wir haben angefangen, die früheren Fahrradflotten von Lieferdiensten, sozusagen die unserer Konkurrenz, zu warten“, sagt Horn. Für die intensive Nutzung durch zahlreichen Kurierfahrten waren die Bikes oft nicht gut ausgestattet. Die Gründer gaben Tipps, welche Bremsanlagen etwa verbaut werden müssen, damit weniger Reparaturen anfielen.

Mit Erfolg: Im Jahr 2021 erreichte die Kölner der erste Großauftrag. Um das zu schaffen, brauchte Smartvélo nicht nur ein größeres Handwerker-Team, sondern vor allem mehr Platz - sie zogen nach Ehrenfeld um. Dort teilten sie über Monate hinweg Tag- und Nachtschichten ein, bauten eine große Produktionsstraße auf und übernachteten in der Werkstatt. Inzwischen hat das Startup mehr als 1000 Fahrräder ausgeliefert. Dabei stellen die Kölner ihre E-Bikes mittlerweile nicht mehr selbst vor Ort her, sondern haben die Produktion nach Porto ausgelagert.

Den Gründern von Smartvélo geht es neben Qualität vor allem um Nachhaltigkeit - Räder sollen möglichst lange halten. Mit dem Kauf der E-Bikes gehen Kunden daher einen Servicevertrag ein. Je nach Kilometerzahl, die Fahrer zurücklegen, der Anzahl der Räder pro Standort, spezifischen Anpassungen für Räder und Service-Paket, zahlen Kunden unterschiedliche Preise im Monat. Zudem können Kunden bei dem Startup bestehende Fahrradflotten warten lassen. Auch für den Entsorgungskonzern Remondis sorgt Smartvélo für die Instandhaltung der Werksfahrräder.

Horn und Essers glauben, mit ihrem Startup dennoch einen Zukunftsmarkt zu bespielen: „Wir sind erstmal im Markt drin, so schnell wird uns keine Krise runterziehen“, betont Essers. Ihr Fokus sei zudem nicht nur die letzte Meile, sondern eine Palette an Fahrrädern aufzubauen. Künftig will sich das Unternehmer-Duo auch andere Geschäftsfelder ansehen, wie etwa Lastenfahrräder für den Transport von Kindern.

Smartveló stehe mit dem Gründer im Austausch, so Horn.

Risiken und Sicherheit von E-Bikes im Lieferdienst

Lieferdienste wie Lieferando, Flink, Rewe Online oder Deutsche Post / DHL setzen für die Lieferung zumindest teilweise auf E-Bikes und Elektro-Lastenräder. Dass damit auch Risiken verbunden sind, musste beispielsweise der Pizza-Lieferdienst Domino’s vor ein paar Jahren feststellen: In den Niederlanden entzündete sich der E-Bike-Akku von einem der Lieferräder. Der Brand zerstörte die Filiale komplett und beschädigte auch die Wohnungen im Haus.

Gerade Lieferdienste haben ein besonders hohes Risiko für Akku-Brände:

  • Die E-Bike-Akkus werden viel genutzt und müssen daher auch oft aufgeladen werden.
  • Die Fahrer müssen ihre E-Bikes auch im Winter nutzen und teilweise die Fahrrad-Akkus in der Sonne stehen lassen.
  • Die E-Bikes werden oft - und teilweise an ungünstigen Stellen - abgestellt. Das erhöht das Risiko von Stürzen. Leider werden die Fahrer auch in Verkehrsunfälle verwickelt.
  • E-Bike-Akkus enthalten viel Energie und brennen daher bei einem „Thermischen Durchgehen“ länger und intensiver als z.B. ein Smartphone.
  • Die Ladung der E-Bike-Akkus ist der gefährlichste Moment im Betriebszyklus. Und diese erfolgt normalerweise im Lager („Hub“) des Lieferdienstes - direkt neben anderen E-Bikes, auf die das Feuer übergreifen kann.
  • Einige Lieferdienste betreiben eigene Werkstätten, in denen auch beschädigte, aufgeblähte oder anderweitig defekte Fahrrad-Akkus ausgetauscht und entsorgt werden. Gerade beschädigte E-Bike-Akkus sind aber besonders gefährlich.

Manche Lieferdienste sind daher dazu übergegangen, für das Laden und die Lagerung von Lithium-Ionen-Akkus spezielle feuerfeste Behälter zu verwenden. Solche Brandschutzmaßnahmen schützen nicht nur die Mitarbeiter, sie können auch helfen, die Versicherungsbeiträge zu senken und bei einem Akku-Brand Schadensersatzansprüche zu vermeiden.

Vergleich von Gethenry und Smartvélo

Der Markt wird von Anbietern wie dem Berliner Startup Cycle, vormals Gethenry, das der frühere Uber-Manager Luis Orsini-Rosenberg 2019 gegründet hat, und Smartvélo geteilt. Der Unterschied: Cycle vermietet seine Fahrrad-Flotten für ein bis drei Jahre an Lieferdienste wie Gorillas, Flink und den Medikamenten-Versand Mayd, statt sie zu verkaufen.

Im Mai 2022 sammelten die Berliner rund 17 Millionen, unter anderem beim Londoner VC Local Globe, ein. Smartveló stehe mit dem Gründer im Austausch, so Horn.

Merkmal Gethenry (Cycle) Smartvélo
Geschäftsmodell Vermietung von E-Bike-Flotten Verkauf von E-Bikes mit Servicevertrag
Kunden Lieferdienste (Gorillas, Flink, Mayd, Lieferando) Lieferdienste, Entsorgungsunternehmen (Remondis)
Fokus Schnelle Lieferdienste Nachhaltigkeit, lange Lebensdauer der Räder
Produktion Eigene Entwicklung, teilweise ausgelagert Ausgelagert nach Porto

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