LKW-Unfälle mit Fahrradfahrern: Eine Statistische Analyse

Unfälle mit Radfahrern und rechtsabbiegenden LKW sind entgegen gängiger Annahmen nicht unbedingt auf besonders schnell oder rüpelhaft fahrende Radler zurückzuführen. Zu dieser Erkenntnis kommt eine Studie der Unfallforschung der Versicherer (UDV).

Statistische Erkenntnisse zu LKW-Fahrrad-Unfällen

Insgesamt kam es laut amtlicher Statistik 2015 zu 3.226 Kollisionen zwischen Radfahrern und Lkw, bei denen 72 Radler starben und 665 schwer verletzt wurden. Etwa ein Drittel der getöteten Radfahrer kamen laut UDV bei einem Abbiegeunfall ums Leben.

Bis Mitte August 2023 wurden in diesem Jahr in Deutschland bereits 12 Radfahrer*innen durch rechts abbiegende LKW getötet. Die Zahlen sind rückläufig: 2022 waren es noch 19, 2020 sogar 30, allerdings seien die Zahlen noch viel zu hoch, so der ADFC. Maßnahmen zur Vermeidung solcher Unfälle würden immer noch zu wenig genutzt.

Weitere Ergebnisse der Untersuchung:

  • Zwei Drittel der Radfahrer, die mit rechtsabbiegenden schweren Lkw kollidierten, waren Frauen.
  • 40 Prozent der beteiligten Radler waren 65 Jahre oder älter.
  • Fast alle dieser Unfälle fanden bei Tag und trockener Witterung statt.
  • Die Radler waren in der Regel weniger als 15 km/h schnell, so dass sie bei frühzeitiger Reaktion oft noch hätten stoppen können.

Die Lkw fahren zwar situationsbedingt langsam, halten aber vor dem Abbiegevorgang häufig nicht an.

Ursachen von Abbiegeunfällen

Autofahrer vergessen beim Abbiegen viel zu oft den Schulterblick oder können wegen Sichtbehinderungen und ungünstig geführter Radwege gar nichts sehen. Deshalb kommt es häufig zu schweren Unfällen mit geradeausfahrenden Radfahrern.

Diese Konfliktsituation hat die Unfallforschung der Versicherer (UDV) in einem Forschungsprojekt detailliert untersucht und die Ergebnisse jetzt vorgestellt.

Unfälle mit abbiegenden Kfz und geradeausfahrenden Radlern passierten zu zwei Drittel beim Rechtsabbiegen. In 90 Prozent der Fälle hatte der Kfz-Fahrer die Hauptschuld.

Unfallbegünstigende Faktoren: Linksfahrende Radfahrer, Radfahrer auf dem Gehweg und abschüssige Straßen.

Bei der Verhaltensbeobachtung wurde vor allem der fehlende Schulterblick festgestellt (in jedem 5. Fall). Bei Konflikten mit Radfahrern hatte sogar jeder dritte Autofahrer den Schulterblick „vergessen“.

Häufigste Fehler bei den Radlern: Fahren in falscher Richtung und queren an Fußgängerfurten.

Anders als die Gesamtzahl der Verkehrstoten, nimmt die Zahl der getöteten Radfahrenden seit Jahren nicht substanziell ab. Besonders dramatisch, weil häufig tödlich, sind die Abbiegeunfälle mit Lkw. Es trifft dabei überproportional häufig die Radfahrenden, die sich im Vertrauen auf die Ampelschaltung oder die Infrastruktur an Regeln halten und nicht schnell vorziehen können, wenn es zu kritischen Situationen kommt.

Die Rolle des Toten Winkels

Daher ist LKW-Fahrern, die aus ihrem Führerhaus heraus einfach keinen kompletten Überblick haben, bei solchen Unfällen häufig gar keine direkte Schuld zuzusprechen. Andere Verkehrsteilnehmer sollten beim Überqueren einer Straße die eingeschränkte Sicht eines LKW Fahrers bedenken.

Verhalten der LKW-Fahrer

LKW Fahrer müssen besonders vorsichtig abbiegen - Fahrer, die nicht genug Sorgfalt beim Abbiegen walten lassen, können im Falle eines tödlichen Unfalls zu hohen Geldstrafen verurteilt werden. LKW-Spiegel richtig einstellen und beim Abbiegen gewissenhaft benutzen.

Technische Lösungen und Assistenzsysteme

Durch neue Abbiegeassistenten, die den Fahrradfahrer im Toten Winkel erkennen und den Lkw-Fahrer warnen, könnten laut UDV rund 60 Prozent aller schweren Lkw-Fahrrad-Unfälle vermieden werden. Mercedes bietet beim Actros neuerdings ein solches System an.

57 % der LKW-Fahrer*innen nutzen Abbiegeassistenten. Dass die Zahl im Vergleich zum Notbremsassistent (94,3 %) noch recht gering ist, liegt vor allem daran, dass diese noch weniger verbaut sind. Insgesamt werden Assistenzsysteme für mehr Sicherheit als sehr hilfreich bewertet.

Bei den Kraftfahrzeugen sollten nach Ansicht der UDV Abbiegeassistenten weiterentwickelt und die Chancen der Vehicle-to-Vehicle-Kommunikation (Informationsaustausch zwischen Fahrrad und Auto) genutzt werden.

Besonders schwierig ist die Situation jedoch, wenn sich ein Radfahrer hinter parkenden Autos befindet und sich einer Einmündung nähert. Hier können viele Abbiegeassistenzsysteme den Fahrrad-Fahrer nicht erkennen, weil er von den Autos verdeckt wird. Eine Warnung bleibt aus und wenn sich der LKW Fahrer hier auf die Technik verlässt, kommt es womöglich zum Unfall. Die Erkennung von Verkehrsteilnehmern „in der zweiten Reihe“ kann momentan nur das System von LUIS Technology leisten.

Maßnahmen zur Unfallvermeidung

Schließlich müssen die Verkehrsräume so gestaltet werden, dass im Kreuzungsbereich eine freie Sicht auf die Radfahrer gegeben ist. Der Radverkehr sollte daher auf Radwegen nahe an der Fahrbahn oder auf Radfahrstreifen auf der Fahrbahn geführt werden. Wo möglich, sollten eigene Ampelphasen für Radfahrer geschaltet werden.

An die Autofahrer appelliert Brockmann angesichts der oft unübersichtlichen Abbiegesituationen, den Schulterblick konsequent anzuwenden und im Zweifel auch mehrmals zu schauen. „Radfahrer sollten an Kreuzungen besonders aufmerksam sein und zur eigenen Sicherheit auch einmal auf ihr Vorfahrtsrecht verzichten“, rät Brockmann.

Die Rolle des ADFC

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) setzt sich mit seinen mehr als 240.000 Mitgliedern mit Nachdruck für die Verkehrswende in Deutschland ein.

Wir möchten eine sichere und komfortable Infrastruktur für den Radverkehr, damit sich junge und junggebliebene Fahrradfahrende sicher und zügig fortbewegen können.

Radfahren muss sicherer und komfortabler werden. Wir nehmen dafür - auch dank Ihrer Mitgliedschaft - nicht nur Einfluss auf Bundestagsabgeordnete, sondern setzen uns auf Landes- und Kommunalebene für die Interessen von Radfahrenden ein.

Einige Gliederungen organisieren bei tödlichen Unfällen Mahnwachen und stellen Geisterräder auf. Der Bundesverband unterstützt diese Aktionen ausdrücklich. Solche Maßnahmen helfen darauf aufmerksam zu machen, dass es um die politische Verantwortung dafür geht, wie und für wen unsere Straßen sicher geplant und gebaut werden.

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