MotoGP Indien: Gründe für die Streichung und KTMs finanzielle Herausforderungen

Der Rennkalender der laufenden MotoGP-Saison 2024 hat für die zweite Saisonhälfte eine Veränderung erfahren, die sich bereits abgezeichnet hatte.

Die Premiere des Grand Prix von Kasachstan ersetzt am Wochenende 20. bis 22. September den ursprünglich für diesen Termin geplanten Grand Prix von Indien. Grund ist, dass der lokale Rennveranstalter in Indien den vertraglichen Verpflichtungen nicht nachgekommen ist.

Die letzte Deadline für noch ausstehende Zahlungen an MotoGP-Promoter Dorna Sports ist verstrichen. Seitens der Dorna wurde nun am Mittwoch offiziell mitgeteilt, dass der Indien-Grand-Prix 2024 nicht stattfindet. Der lokale Veranstalter hofft nun auf einen Termin im März 2025.

Im September 2023 hatte es in Indien auf dem Buddh International Circuit in Greater Noida bei Neu-Delhi die MotoGP-Premiere im Land gegeben. In diesem Jahr nun hätte als Beginn der Asien-Tournee im Herbst die zweite Auflage des Indien-Grand-Prix stattfinden sollen. Aber diesen Platz im MotoGP-Kalender 2024 übernimmt nun der Kasachstan-Grand-Prix, der ursprünglich für Juni angesetzt war.

Dass man nicht schon am Wochenende 14. bis 16. Juni auf dem brandneuen Sokol International Racetrack bei Almaty gastiert, ist auf die jüngsten Überschwemmungen in Kasachstan zurückzuführen. Aus diesem Grund wurde der ursprünglich vorgesehene Termin gestrichen - mit Verweis darauf, dass die MotoGP-Premiere in Kasachstan zu einem späteren Zeitpunkt in der Saison stattfinden soll.

Mit der Streichung des Indien-Grand-Prix 2024 ergibt sich für die Promoter in Kasachstan eine drei Monate längere Vorbereitungszeit auf ihr eigenes erstes Rennwochenende der Motorrad-Weltmeisterschaft mit den Klassen MotoGP, Moto2 und Moto3.

Für die laufende MotoGP-Saison 2024 wurde der Indien-Grand-Prix abgesagt. Als offizielle Begründung wurden "operative Gründe" und "ungeeignete Witterungsbedingungen" genannt. Hinter vorgehaltener Hand aber heißt es, dass der Promoter des Indien-Grand-Prix 2023 die Gebühr für die Ausrichtung des Rennens erst im Sommer 2024 an die Dorna bezahlt hat.

Stattdessen teilt Dorna-CEO Carmelo Ezpeleta mit: "Wir freuen uns sehr, diese neue Vereinbarung direkt mit der Regierung von Uttar Pradesh bekanntzugeben. Der erste Grand Prix von Indien war ein großer Erfolg und brachte sowohl für MotoGP als auch für die gastgebende Region Uttar Pradesh einen enormen Nutzen."

"Indien ist ein wichtiger MotoGP-Markt mit einem gesunden, etablierten und exponentiell wachsenden Rennsportpublikum. Zudem gibt es im Land hunderte von Millionen von Zweirädern, die tagtäglich benutzt werden.

Mit der Verlegung des Indien-Termins aus dem Herbst ins Frühjahr will man ein erneutes Hitzerennen vermeiden. Die hohen Temperaturen waren im Nachgang zum ersten Motorrad-Grand-Prix von Indien einer der wenigen Kritikpunkte gewesen.

KTM in finanziellen Schwierigkeiten

Auf der Startseite der KTM-Homepage steht in dicken Lettern „KTM is here to stay“. Es soll Zuversicht in die eigene Zukunft ausstrahlen, doch die Realität sieht eher düster aus. Seit dem 29. 11. 2024 ist KTM in der Insolvenz in Eigenverantwortung und es kommen immer mehr unerfreuliche Fakten ans Licht.

Die Geschäftsführung unter dem CEO Stefan Pierer hat drei Monate Zeit, also bis Ende Februar, um einen Sanierungsplan zu erstellen, der die Gläubiger zufriedenstellt. Ein sehr schwieriges Unterfangen, doch der Schuldenberg der KTM AG beläuft sich auf rund 1,8 Milliarden Euro.

Der Hersteller benötigt dringend Geld, allein die Übernahme der Mehrheit an der italienischen Traditionsmarke MV Agusta, aus der sie inzwischen wieder ausgestiegen sind, hat etwa 220 Millionen Euro gekostet.

Drohende Zerschlagung und Investorensuche

Die Geschäftsführung von KTM hat in ihrem Sanierungsplan den Gläubigern eine Quote von 30 Prozent (das heißt, sie würden 30 Prozent ihrer Forderungen bekommen) in Aussicht gestellt, doch die Summe kann KTM aus eigener Kraft nicht aufbringen.

Allein den Banken schuldet die österreichische Firma rund 1,2 Milliarden Euro und deshalb bestehen die Gläubigerbanken auf der Rückabwicklung eines firmeninternen Immobilienverkaufs, was 35 Millionen Euro einbringen würde. Doch selbst wenn die drei Vertriebstöchter die zusätzlich erforderlichen 38 Millionen Euro an KTM überweisen, würde die Summe nur bis zum 19. Januar reichen. Sollte bis dahin kein frisches Geld aufgetrieben werden, wird die Firma KTM zerschlagen. Dann könnten die Gläubiger aber nur noch mit einer geschätzten Quote zwischen 17 und 22 Prozent rechnen.

Deshalb ist die Suche nach Investoren in vollem Gang, die ihr Angebot bis Mitte Januar abgeben müssen. Nun wurde bekannt, dass es drei Interessenten gibt, die bereit wären, Geld in die KTM AG zu pumpen.

  • Bajaj aus Indien (dort werden bereits die kleinen Duke-Modelle zwischen 125 und 390 ccm Hubraum gefertigt), einer der weltweit größten Motorradhersteller, wäre bereit, bis zu 300 Millionen Euro Eigenkapital einzuschießen. Bajaj hält seit einigen Jahren 37 Prozent am KTM-Mutterkonzern Pierer Mobility AG.
  • CFMoto aus China - seit 2018 Joint-Venture-Partner von KTM - würde mit 350 bis 700 Millionen Euro gerne die Mehrheit an der Pierer Mobility AG übernehmen. CFMoto baut die 790er-Modelle für KTM und vertreibt die österreichische Marke auf dem chinesischen Markt, umgekehrt vertreibt KTM die Motorräder von CFMoto in Europa.
  • Als dritter Interessent ist Fountainvest im Spiel, ein privater Investmentfonds aus Hongkong.

Auswirkungen auf Händler und Mitarbeiter

Leidtragende sind neben den Händlern die rund 3600 Mitarbeiter in Mattighofen. Nachdem sie schon im November keinen Lohn von ihrem Arbeitgeber bekommen haben und der österreichische Insolvenzentgeld-Fond einspringen musste, hielt sich die KTM-Geschäftsführung nicht an ihre Zusage und verweigerte den versprochenen Gehaltsvorschuss im Dezember, was die Mitarbeiter in arge finanzielle Nöte drängen dürfte. Unter ihnen herrscht zurzeit große Unsicherheit, denn es sollen weitere Leute entlassen werden, dabei traf es im Jahr 2024 schon über 500. Zudem wurde bekannt, dass manche Mitarbeiter massiv gedrängt wurden, zu kündigen.

Mögliche Einschnitte im Motorsport

Das KTM-Firmenmotto lautet „Ready to Race“, doch die zukünftige Teilnahme an sportlichen Wettbewerben ist fraglich. Den Ausstieg aus der Moto3 und Moto2 hat KTM bereits zu Beginn der Insolvenz in Eigenverantwortung verkündet. Wenig später kam die Ansage, dass auch die Hard-Enduro-WM betroffen sei - was für die Serie möglicherweise das Aus bedeuten könnte, da KTM als einer der Hauptsponsoren auftrat. Auch in der Motocross-WM, einer Keimzelle des KTM-Erfolgs, könnte ein Ausstieg bevorstehen, obwohl die Geschäftsführung das bislang nicht verkündet hat.

Ein Ende seines Engagements in der MotoGP dementiert KTM und will seinen Zwei-Jahres-Vertrag mit der DORNA bis einschließlich 2026 einhalten. Allerdings hat KTM erklärt, dass die RC16 nicht mehr weiterentwickelt wird, was die Frage nach dem Sinn ihrer Teilnahme aufwirft. Vor kurzem tauchte jedoch ein Bericht des Alpenländischen Kreditorenverbands (AKV) auf, in dem es heißt: „Um Kosten zu reduzieren, ist der Ausstieg aus MotoGP, Moto3/Moto2 geplant.“ Tatsächlich ist ungeklärt, wie KTM in Anbetracht der hohen Schulden die kostenintensive MotoGP finanzieren will. Die jährlichen Einsparungen bei einem Ausstieg aus dem Straßenrennsport lägen bei 46 Millionen Euro.

Sanierungskonzept und Zukunftsaussichten

Das Sanierungskonzept von KTM sieht einige schmerzhafte Einschnitte vor: Es sollen im Januar und Februar 391 Arbeitsplätze abgebaut werden. Zudem ist die Reduzierung der Arbeitszeit auf 30 Stunden pro Woche für 83 Prozent der Belegschaft bis März vorgesehen. Der zweimonatige Produktionsstopp in Mattighofen im Januar und Februar könnte um vier Wochen verlängert werden. Mit Zulieferern soll neu über die Preise verhandelt werden, und KTM beabsichtigt vermehrt außerhalb der EU Teile einzukaufen. Allein durch die beiden letzten Maßnahmen sollen ab 2027 zwischen 61 und 77 Millionen Euro eingespart werden.

Fast schon ein wenig zynisch klingt die Vorgabe, die auf Halde stehenden Motorräder von KTM, Husqvarna und Gasgas abzuverkaufen. Dabei versuchen die Händler schon, mit irrsinnigen Rabatten, die Bestände zu reduzieren.

KTM hält daran fest, dass 2025 neue Modelle auf den Markt kommen sollen, wie die 1390 Super Adventure, 1390 Super Duke GT, 990 Duke R, gleich drei 390er-Modelle und zwei 125er. Doch wenn von Januar bis mindestens Ende Februar die Bänder in Mattighofen stillstehen und danach nur im Einschichtbetrieb produziert wird, werden zumindest die großen Modelle des 2025er-Jahrgangs ab 690 ccm (die 125er und 390er kommen aus Indien, die 790er aus China) erst spät ausgeliefert werden können.

Dabei ist der Verkauf stärkste Monat, zumindest im wichtigen deutschen Markt, traditionell der März. Zudem stehen die Händler vor dem Dilemma, dass sie versuchen müssen, ihre Altbestände mit reichlich Rabatt loszuwerden, was aber den Verkauf der 2025er-Modelle bremsen dürfte.

Dass die Marke bestehen bleibt, dürfte allerdings durch das Interesse von finanzstarken Firmen wie Bajaj und CFMoto gesichert sein. Hinter allem anderen steht aber ein Fragezeichen: Werden in Mattighofen weiterhin Motorräder gebaut oder wird die Produktion ins günstigere Ausland verlegt? Werden noch mehr KTM-Zulieferer pleitegehen? Werden die Marken Husqvarna und Gasgas liquidiert? Wird KTM weiter an der MotoGP teilnehmen?

Näheres wird sich spätestens am 19. Januar herausstellen.

Verwandte Beiträge:

Kommentar schreiben

Kommentare: 0