Der tödliche Unfall von Marco Simoncelli am 23. Oktober 2011 beim MotoGP-Rennen in Sepang schockierte die Motorsportszene zutiefst. Die Verkettung unglücklicher Umstände beendete die noch junge Karriere des Gresini-Piloten im Alter von nur 24 Jahren.
Der Unfallhergang
In der zweiten Runde des Grand Prix von Malaysia rutschte Simoncelli in der nach rechts gehenden Kurve 11 das Vorderrad seiner Honda-Maschine weg. Beim Versuch, das zu korrigieren, geriet Simoncelli ins Kurveninnere, wo er der anrauschenden Konkurrenz mitten im Weg war. Álvaro Bautista wich ihm noch aus, Colin Edwards' Yamaha traf ihn dagegen mit voller Wucht im Halsbereich, Simoncelli verlor seinen Helm, Rossis Ducati überrollte das am Boden liegende Crash-Opfer.
„Simoncelli hat hinten einen Rutscher gehabt, einen High-Sider“, bewertete der 2018 ebenfalls früh verstorbene Ex-Weltmeister Ralf Waldmann bei SPORT1 damals die Szenerie: „Wäre das eine Zehntelsekunde früher oder später passiert, wären Rossi und Edwards an ihm vorbeigefahren.“ So allerdings hätte er keine Überlebenschance gehabt: „Bei einem Zusammenprall mit einem 170 Kilo schweren Motorrad, das 170 bis 180 Sachen drauf hat, hält auch der beste Gurt nicht mehr.“
Beim Abtransport fiel Simoncelli - wie der im Jahr zuvor ebenfalls tödlich verunglückte Shoya Tomizawa - den Sanitätern noch von der Trage. Nach weniger als einer Stunde starb Simoncelli, Todesursache waren die schweren Kopf-, Hals- und Brustverletzungen.
Reaktionen und Trauer
Der Unfall löste in der Motorrad-Szene tiefe Trauer aus. „Erloschen“ sei das „Licht des Motorsports“. Er habe „den letzte Menschen in einer Welt von Robotern“ verloren. Gerade auch Rossi war von der Tragödie schwer getroffen, er war mehr als nur Simoncellis Vorbild: "Er war für mich wie ein kleiner Bruder", beschrieb der Rekord-Weltmeister sein Verhältnis zum Verstorbenen. "Bastardo" nannte Rossi das Talent und "einen Verrückten". Aus Rossis Mund ein Kompliment.
Simoncelli und Rossi einte die Gabe, unbedingten Erfolgswillen mit einer charmanten Aura des Augenzwinkerns zu verbinden - die ihre Fans auch oftmals vergessen ließ, wie gefährlich das Treiben bei 300 Stundenkilometern war und ist.
Sicherheitsdiskussionen
Der Unfall von Marco Simoncelli hat die Motorsportszene geschockt. Es wurde allen Beteiligten vor Augen geführt, dass die Gefahr immer dabei ist. Es wurden auch wieder Fragen nach der Sicherheit und der Erstversorgung laut. Generell herrscht die Meinung vor, dass von der Ausrüstung her alles getan wurde. Der Unfall war eine Verkettung unglücklicher Umstände, die leider immer passieren können.
Als einzige mögliche Fehlerquelle zog Waldmann Simoncellis Helm in Erwägung, der dem Italiener bei dem Unfall vom Kopf gerissen wurde. "Möglicherweise war der Helm wegen Simoncellis Haaren zu groß", sagte Waldmann und brachte eine Wiedereinführung einer Technik-Abnahme für die Piloten ins Gespräch. "Vielleicht muss man wie früher mit der technischen Ausrüstung zu einer Abnahme gehen, wo geprüft wird, ob alles den Sicherheitsbestimmungen entspricht."
Trotz der Tragödie werden die Piloten in Valencia wieder auf ihre Motorräder steigen und wie gewohnt am Limit fahren. Deshalb wird oft gefragt, wie die Profis - auch im Automobilsport - das können? Waldmann hat hier eine klare Antwort: "Wenn man fährt, dann verdrängt man alles. Wenn man an der Strecke ist und das hautnah miterlebt, dann wird man mit der Realität konfrontiert."
Simoncellis Fahrstil und Kontroversen
Für seine etablierten Konkurrenten war der 250-ccm-Weltmeister von 2008 oft etwas zu draufgängerisch und lässig. Die Aggressivität seines Fahrstils war für seine Kritiker auch übergroß. Oft sorgte er für Crashs und Zorn bei den Fahrerkollegen.
„Vielleicht sollte ihn mal jemand verhaften. Auf seinem Kopf ist nichts außer Haar“, tobte etwa der Spanier Dani Pedrosa, der sich bei einer Kollision mit Simoncelli in Le Mans das Schlüsselbein brach, noch Wochen nach dem Vorfall.
Auch Landsmann Jorge Lorenzo lag oft mit Simoncelli im Clinch: „Ich fühle mich nicht wohl, wenn ich gegen ihn fahre“, erklärte er ein halbes Jahr vor Simoncellis Tod: „Er überholt immer im letzten Moment, wenn man es nicht erwartet. Für seine Gegner ist das sehr gefährlich.“ Simoncelli fahre „als ob er mit der Playstation spielen würde. Er ignoriert die Wirklichkeit“.
Ehrung und Andenken
Auch im Gedenken an Simoncelli drückte sich ein besonderes Verhältnis der Motorsportnation Italien zu ihrem aus dem Leben gerissenen jungen Helden aus: Simoncelli wurde in Jeans und T-Shirt beerdigt, auch die Trauergäste - unter ihnen Rossi und der im Februar 2021 selbst tragisch an Corona verstorbene Teamboss Fausto Gresini - kamen in Alltagskleidung.
Zu Simoncellis Ehren wurde die Startnummer 58 nicht mehr vergeben, die Strecke in Misano trägt inzwischen seinen Namen. Und im Ort Coriano, wo er aufgewachsen war, wurde ihm ein Denkmal in Form eines Auspuffs errichtet.
Tabelle: Todesfälle in der Motorrad-WM seit 2000
| Jahr | Fahrer |
|---|---|
| 2003 | Daijiro Kato |
| 2011 | Marco Simoncelli |
| 2016 | Luis Salom |
| 2021 | Jason Dupasquier |
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