Nachdem sich der Motorrad-Airbag im Profi-Rennsport mittlerweile etabliert hat, können nun zunehmend auch Straßenfahrer auf den Extraschutz durch einen Luftsack am Leib setzen. Allerdings handelt es sich dabei nicht um fahrzeug-, sondern fahrergebundene Systeme.
Nur Honda hat bislang versucht, einen Airbag auf dem Motorrad zu verankern. Derzeit ist das Tourenflaggschiff Gold Wing das einzige Modell, das serienmäßig mit einem Fullsize-Airbag ausgestattet wird. Alle anderen Systeme, die zur Zeit erhältlich sind, werden als Bekleidungsstück getragen und umschließen den Fahrer mit einem Luftsack, sobald die Auslösevorrichtung einen Unfall erkennt.
Im Motorrad-Straßenrennsport sind elektronisch geregelte Airbag-Systeme, die autark vom Motorrad arbeiten, mittlerweile weit verbreitet. Vorreiter war Dainese. Über Sensoren in der Lederkombi sollen Unfallszenarien erkannt werden, damit der Airbag rechtzeitig ausgelöst wird.
Wie funktionieren Motorrad-Airbag-Systeme?
Die einfachsten Airbag-Systeme sind mittlerweile 15 Jahre alt. Ausgelöst werden sie rein mechanisch über eine Reißleine. Denn die Vorspannung kostet im Crash wertvolle Zeit. Genauso wie die Befüllung über eine CO2-Kartusche, die je nach Airbag-Volumen bereits bis zu 100 Millisekunden betragen kann. Elektronisch gestützte Systeme, die über Gasgeneratoren befüllt werden, schaffen dies meist in einem Viertel der Zeit.
Die Auslösetechnik im Detail
Die Anbieter setzen entweder auf mechanische oder auf elektronische Systeme. Die Vor- und Nachteile auf einen Blick:
- Reißleine: Das günstigste Prinzip, um einen in der Bekleidung untergebrachten Airbag auszulösen. Ein Spiralkabel wird fest mit dem Motorrad verbunden. Trennt sich der Fahrer beim Unfall vom Fahrzeug, wird eine CO2-Kartusche entsichert und komprimiertes Gas strömt in die Luftkammer. Bei ADAC-Crashtest-Versuchen zeigte sich, dass durch das Straffen der Leine wertvolle Zeit verloren geht.
- Sender/Empfänger: Bei Airbags neuerer Generation wird das Motorrad mit einem Transponder verkabelt. Erkennt das Steuermodul ein Unfallszenario, wird der drahtlos mit dem System gekoppelte Airbag in der Fahrerbekleidung durch Kaltgasgeneratoren (Bering, Dainese) ausgelöst. Damit kann der Airbag auch bei Kollisionen auslösen, wo sich Fahrer und Motorrad zunächst nicht voneinander trennen. Ducati bietet die Multistrada optional auch mit dem Dainese-Airbag an.
- Integrierte Steuerung: Im Profi-Rennsport haben sich mittlerweile Airbag-Kombis von Alpinestars und Dainese etabliert, bei denen die Steuerelektronik samt pyrotechnischer Auslöseeinheit im Anzug sitzt. Diverse Sensoren und eine komplexe Software müssen sicherstellen, dass ein Unfall rechtzeitig erkannt wird.
Was sollen Airbags schützen?
Experten raten dringend zum adäquaten Schutz dieser sensiblen Zone. Über herkömmliche Protektoren ist das kaum möglich, Rallye-/Motocross-Fahrer setzen auf feste Halskrausen. Der Airbag könnte eine sinnvolle Alternative sein.
Das sind im Wesentlichen die Körperregionen, bei denen ein Airbag die Schwere der Verletzungen im Falle eines Sturzes minimieren soll. Wird von herkömmlichen Schutzsystemen bislang sträflich vernachlässigt. Die Brust-Protektorennorm (EN 1621-3) steckt momentan noch in der Pipeline.
Allerdings könnten sich im Verbund mit gut dämpfenden Protektoren neue Bestmarken für den Schutz von Knochen und Gelenken setzen lassen.
- Hals/Nacken: Experten raten dringend zum adäquaten Schutz dieser sensiblen Zone. Über herkömmliche Protektoren ist das kaum möglich, Rallye-/Motocross-Fahrer setzen auf feste Halskrausen. Der Airbag könnte eine sinnvolle Alternative sein.
- Brust, Hals, Schultern und Rücken: Das sind im Wesentlichen die Körperregionen, bei denen ein Airbag die Schwere der Verletzungen im Falle eines Sturzes minimieren soll. Gesicherte medizinische Erkenntnisse, wie ein Airbag tatsächlich hilft, gibt es aber noch nicht.
- Brust: Wird von herkömmlichen Schutzsystemen bislang sträflich vernachlässigt. Die Brust-Protektorennorm (EN 1621-3) steckt momentan noch in der Pipeline. Ob sie 2015 verabschiedet wird, ist derzeit offen. Ein gut gemachter Airbag könnte aber eine wirkungsvolle Knautschzone abgeben.
- Schultern/Rücken: Noch ist fraglich, welche entscheidenden Vorteile ein Airbag an diesen Stellen bringt. Allerdings könnten sich im Verbund mit gut dämpfenden Protektoren neue Bestmarken für den Schutz von Knochen und Gelenken setzen lassen.
Airbag-Systeme im Überblick
Hier ist eine Übersicht über einige der auf dem Markt erhältlichen Airbag-Systeme:
Alpinestars Tech-Air
- Beschreibung: Airbag-Unterziehweste mit integrierter elektronischer Steuereinheit.
- Stromversorgung: Über Lithium-Ionen-Akku mit ca. 25 Stunden Bereitschaftsdauer.
- Schutzausstattung: Airbag für Schultern, Brustkorb, Oberbauch, Rücken und Nierenbereich; Hartschalen-Rückenprotektor.
- Preise: Tech-Air-Weste 1199,95 Euro plus zweijährliche Wartungs-kosten 199,95 Euro, kombinierbar mit Textiljacken Valparaiso 649,95 Euro oder Viper 349,95 Euro.
- Fazit: Einfach zu handhaben und schnelle Reaktionszeit.
Bering Airbag
- Beschreibung: Airbag-Überziehweste mit elektronischem Steuermodul am Motorrad; Kopplung mit zweiter Airbag-Weste für den Sozius möglich.
- Stromversorgung: Der Gasgeneratoren in der Weste über Batterie mit ca. einjähriger Bereitschaftsdauer.
- Schutzausstattung: Airbag für Brustkorb, Hals/Nacken und Rücken, CE-Rückenprotektor.
- Preise: Ab 899 Euro plus Montage und Extrakosten für jährlichen Service.
- Fazit: Aufwendige Installation, soll als Komplettset aber unter 1000 Euro bleiben.
Dainese D-Air Street
- Beschreibung: Airbag-Überziehweste oder -Textiljacke mit elektronischem Steuermodul am Motorrad; Kopplung mit zweitem Airbag für den Sozius möglich.
- Stromversorgung: Mit ca. 30 Stunden Bereitschaftsdauer.
- Schutzausstattung: Airbag für Brustkorb, Schlüsselbeine und Rücken. Jacke D-Air-Street mit Gelenkprotektoren ausgestattet; CE-Rückenprotektor nachrüstbar.
- Preise: Weste D-Air Street 799 Euro, Jacke D-Air Street Gore-Tex 1599 Euro, Steuereinheit M-Kit 499 Euro.
- Fazit: Aufwendige Erstinstallation am Motorrad, teures Gesamtpaket.
Hit-Air Airbag
- Beschreibung: Airbag-Überziehweste oder Textiljacke mit Reißleinenauslösung zur Befestigung am Motorrad.
- Schutzausstattung: Airbag für Nacken/Hals, Schlüsselbeine, Brust, Rippen, Rücken, Lende und Kreuzbein; Jacke mit zusätzlichen CE-Gelenkprotektoren; CE-Rückenprotektor optional erhältlich.
- Preise: Weste 399 Euro (auch als Kindermodell für 329 Euro erhältlich), Textiljacke 499 Euro, Ersatz-CO2-Patrone 19 Euro.
- Fazit: Üppiges Luftpolster, das von der Halswirbelsäule bis zum Steißbein herunterreicht. Allerdings müssen bei dem rein mechanisch gesteuerten System deutliche Zeitabstriche in Kauf genommen werden.
Spidi Neck DPS
- Beschreibung: Airbag-Überziehweste mit Reißleinenauslösung zur Befestigung am Motorrad.
- Schutzausstattung: Airbag als Nacken-/Halskrause.
- Preis: 429,90 Euro.
- Fazit: Spidis Airbag-Weste konzentriert sich auf den Schutz bzw. die Stabilisierung des Nackens. Sie soll vor allem einem Überstrecken bzw. einer Stauchung der Halswirbelsäule entgegenwirken. Allerdings müssen auch bei dieser mechanisch gesteuerten Airbag-Einheit Zeitabstriche in Kauf genommen werden.
Dainese Renn-Lederkombi
- Beschreibung: einteilige Renn-Lederkombi mit integriertem Airbag.
- Schutzausstattung: Airbag-Polster für Schultern, Schlüsselbein und oberen Brustkorb als Ergänzung zu CE-Gelenk- und Rückenprotektoren.
- Preis: 2899 Euro.
- Fazit: Auf typische Rennstürze abgestimmtes Airbag-System - ideal für Hobbysportler, aber nicht auf der Straße.
ADAC Crashtest von Airbag-Jacken für Motorradfahrer
Der ADAC hat 2020 die neueste Generation von Airbag-Jacken für Motorradfahrer im Crashtest überprüft. Im Ergebnis überzeugen alle Systeme - doch Wirkung hängt von der gefahrenen Geschwindigkeit ab.
Im Test wurden drei Produkte einem Crashtest unterzogen: Das Tech-Air Street-e System von Alpinestars, die Smart Jacket von Dainese und die eVest von HELD. Entscheidend beim Crashtest war die Interventionszeit (Dauer vom ersten Anstoß bis zum vollständigen Aufblasen des Airbags), die im Idealfall unter 120 Millisekunden betragen sollte. Dadurch ist die schützende Wirkung der integrierten Airbags bei allen Produkten bereits vor dem Anprall des Motorradfahrers am Auto gegeben.
Die ADAC Unfallforschung zeigt, dass bei über 60 % der Motorradunfälle weitere Fahrzeuge beteiligt sind. Die Hälfte dieser Unfälle wird durch ein Fehlverhalten des Fahrzeugführers ausgelöst. Häufigster Fehler ist das Missachten der Vorfahrt. Die Schutzwirkung der Kleidung wirkt im Geschwindigkeitsbereich bis ca. 50 km/h, daher wurde diese Innerorts-Unfallkonstellation gewählt.
Empfehlungen für Biker
Der ADAC empfiehlt Verbrauchern, sich ausführlich mit dem Produkt und der eigenen spezifischen Nutzung zu befassen. Der Bedienungsanleitung ist unbedingt Folge zu leisten, denn die richtige Einstellung und Wartung der Schutzwesten ist wichtig, damit sie ihr volles Schutzpotenzial erreichen.
Zusätzlich sollte man folgendes beachten:
- Den eigenen Bedarf klären: Lieber eine Airbag-Weste über der vorhandenen Motorradschutzkleidung oder eine Airbag-Weste unter neu zu beschaffender Jacke?
- Die Hersteller sehen meist zusätzlich zum Airbag-Schutz eine Ergänzung durch feste Protektoren vor.
- Soweit möglich Bedienungsanleitungen der Produkte im Internet beschaffen und vorab studieren.
- Eine ausgiebige Probefahrt mit der Airbag-Weste und der passenden Jacke durchführen. Hierbei besonders auf die Bewegungsfreiheit und das Gewicht der Kleidung achten.
- Je nach Hersteller-Vorgabe: Produkt und Nutzer registrieren und System aktiv schalten (lassen). Wenn möglich, passende App auf Smartphone oder Tablet laden.
- Regelmäßiges und rechtzeitiges Laden des Akkus nicht vergessen, ggf. Powerbank für das Aufladen unterwegs mitnehmen. Nicht während der Fahrt aufladen!
Fazit
Mit Tech-Air hat Alpinestars einen entscheidenen Schritt gemacht: Simples Handling, schneller Auslösemechanismus sprechen dafür. Dainese lockt mit einer Hightech-Airbag-Kombi für Hobbysportler.
Die größte Leistung bei der Entwicklung der modernen elektronisch gesteuerten Airbag-Bekleidungen dürfte in den hinterlegten Algorithmen stecken. Dabei ist natürlich auch zu beachten, dass mögliche Fehlauslösungen ein hohes Risiko für Fahrfehler beinhalten.
Wenn man High-Speed-Aufnahmen eines Crashtests mit seitlichem Anprall an ein Auto analysiert, wird klar, dass die ersten 100 Millisekunden entscheidend sind. Je früher die Sensoren das entsprechende Signal geben und je schneller die Elektronik einen Crash erkennt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass bereits beim ersten, aber meist heftigsten Anprall des Fahrerkörpers die volle Schutzwirkung des Airbags bereitsteht. Die Auslöse- und die Aufblaszeit müssen also möglichst kurz sein. Versuche mit Reißleinen-Systemen haben gezeigt, dass diese bezüglich der Auslösegeschwindigkeit nicht an die elektronischen Steuerungen heranreichen.
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