Motorrad Bremse Entlüften: Eine Detaillierte Anleitung

Arbeiten an der Bremsanlage können für die Sicherheit von entscheidender Bedeutung sein und sollten nur von erfahrenen Schraubern durchgeführt werden. Die Bremsflüssigkeit spielt eine wichtige Rolle für die einwandfreie Funktion einer Bremsanlage. Sie überträgt die Handbremskraft zum Radbremszylinder, schmiert, schützt gegen Korrosion und muss enorme Wärmemengen aufnehmen können.

Warum müssen Motorradbremsen entlüftet werden?

Generell gilt es bei Motorrädern, alle Flüssigkeiten spätestens nach Ende der zweiten Saison zu wechseln. Dabei sollte bedacht werden, dass beim Wechseln der Bremsflüssigkeit auch Luftbläschen in die Bremsanlage gelangen können. Dies geht zulasten der Bremskraft, die aufgrund der Luftzirkulation in den Schläuchen dann nicht ihre volle Wirkung entfalten kann.

Die Bedeutung des Bremsflüssigkeitswechsels

Bei den Bremsanlagen handelt es sich um ein geschlossenes System, angesichts dessen ist ein regelmäßiger Austausch der Bremsflüssigkeit unerlässlich. Unabhängig von den gefahrenen Kilometern nimmt die Bremsflüssigkeit mit zunehmendem Alter Luft und Wasser auf. Da in neuer Bremsflüssigkeit noch kein Wasser enthalten ist, weist sie einen Trockensiedepunkt aus.

Dieser variiert je nach Bremsflüssigkeit, liegt dennoch in jedem Fall bei über 200 Grad. In diesem Temperaturbereich können sich Dampfblasen bilden, welche eine Gefahr für die Bremswirkung darstellen können. Temperaturen von 150 Grad und mehr sind bereits bei längeren Fahrten oder einer Gefahrenbremsung schnell erreicht. Sollte die Bremsanlage zu stark aufheizen, kann ein Totalausfall die Folge sein.

Sobald die Flüssigkeit in der Bremsanlage zu heiß wird, kommt es zu komprimierbaren Dampfblasen. Dadurch kann die notwendige Kraft nicht vollständig an die Bremskolben weitergeleitet werden. Entweder schwächt die Bremswirkung stark ab oder sie setzt komplett aus. Für den Fahrer besteht in diesem Moment Lebensgefahr.

Daher ist ein jährlicher Austausch ratsam, länger als zwei Jahre oder 20 000 Kilometer sollte die Flüssigkeit keinesfalls in der Bremsanlage verbleiben. Ist beim Öffnen des Ausgleichsbehälters nur noch eine milchig braune Brühe zu erkennen, ist ein sofortiger Wechsel angesagt. Manchmal sieht die Flüssigkeit im Ausgleichsbehälter noch recht klar aus, obwohl es im Inneren der Bremse bereits gammelt.

Gefährlich kann alte Bremsflüssigkeit dann werden, wenn sie aus der Luftfeuchtigkeit Wasser aufgenommen hat. Und das macht sie unglücklicherweise im Lauf der Zeit automatisch, da sie hygroskopisch (wasseranziehend) ist. Mehr Wasseranteil bedeutet niedrigerer Siedepunkt. Falls auf diese Art oder auch bei Arbeiten an der Bremsanlage Luft in das hydraulische System geraten ist, muss die Bremsanlage entlüftet werden. Das geht grundsätzlich genauso wie das hier gezeigte Wechseln der Flüssigkeit und muss so lange durchgeführt werden, bis die letzten Luftblasen herausgepumpt wurden.

Die extrem kleinen Bläschen können sich allerdings recht hartnäckig in verwinkelten Ecken festsetzen, so dass sie sich manchmal nur durch Abbau von Teilen wie etwa Radbremszylindern und Schwenken oder Schütteln beseitigen lassen. Letzte Rettung ist das "Abhängenlassen" der komplett abgebauten Anlagen mit dem Hauptbremszylinder nach oben, so dass mikroskopisch kleine Luftblasen langsam nach oben steigen können.

Kann ich die Bremsen selbst entlüften?

Generell ist es empfehlenswert, nur mit eingehenden Fachkenntnissen Arbeiten am Bremssystem vorzunehmen, schließlich ist die Arbeit der Bremsanlage lebenswichtig. Wer unsicher ist und kein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten hat, sollte die Arbeit unbedingt durch eine Fachwerkstatt durchführen lassen. Noch komplexer wird es bei Bremsanlagen mit ABS-Steuerung. Anders als die herkömmlichen Anlagen verfügen diese über zwei Bremskreise.

Auf der einen Seite steht der von der Bremspumpe angesteuerte Kreis, welcher den Sensor betätigt. Der Zweite Bremskreis nennt sich Regelkreislauf, welcher für die Ansteuerung eines Druckmodulators oder der Pumpe zuständig ist und letztlich die Bremskolben betätigt. Für geübte Schrauber ist das Entlüften keine große Herausforderung, unerfahrene Hobbybastler sollten jedoch mit Bedacht an die Sache herangehen.

Wie oft müssen die Bremsen beim Motorrad entlüftet werden?

Grundsätzlich lässt sich sagen: Spätestens nach der zweiten Saison ist Schluss.

Welche Bremsflüssigkeit ist geeignet?

Die Wahl der richtigen Bremsflüssigkeit ist entscheidend für die Bremswirkung des Fahrzeuges. Bei vielen Motorrädern ist die benötigte DOT-Klasse auf dem Bremsflüssigkeitsbehälter angegeben. Sollte dort nichts vermerkt sein, hilft ein Blick ins Handbuch. Bitte unbedingt darauf achten, dass die richtige DOT-Klasse verwendet wird, ansonsten ist eine sichere Bremsung nicht gewährleistet.

Die Bremsflüssigkeiten DOT 3 und DOT 4 basieren auf Glykol, wohingegen DOT 5 auf Silikonbasis aufbaut. Diese Flüssigkeiten kommen bei beinahe allen Motorrädern in den Bremsflüssigkeitsbehälter. Nein, mit steigender DOT-Klasse geht nicht automatisch eine steigende Bremswirkung einher. Wichtig ist, die richtige Flüssigkeit für das eigene Bremssystem zu nutzen.

Die Qualität der Bremsflüssigkeit muss den Vorgaben des Herstellers entsprechen. Bei DOT 4 kann man eigentlich (außer bei Harleys) nichts falsch machen, DOT 5.1 ist für extreme Belastungen.

Die DOT-Klassifizierung (DOT = Department of Transportation, US-Verkehrsministerium) bezieht sich auf den Siedepunkt von Bremsflüssigkeiten. Bei Zweirädern reichen die DOT-Klassen von 3 bis 5. Wobei DOT 3 einen Siedepunkt von 205 °C, DOT 4 von 230 °C sowie DOT 5 einen Siedepunkt von bis zu 260 °C aufweist. Welche Bremsflüssigkeit Du benötigst, zeigt das Bordbuch.

Vorbereitungen zum Motorrad-Bremse entlüften

Es gibt zwei verschiedene Möglichkeiten, die Motorrad-Bremse zu entlüften. Bei der ersten Möglichkeit wird die alte Flüssigkeit durch den aufkommenden Druck des Bremshebels in ein Auffanggefäß gepumpt. Unter Einsatz der Vakuumpumpe funktioniert das Entlüften einfacher als auf dem klassischen Wege. Idealerweise wird das Fahrzeug so aufgebockt, dass sich der geschlossene Bremsflüssigkeitsbehälter in einer waagerechten Position befindet.

Die Bremsflüssigkeit kann an lackierten Teilen Schaden anrichten. Bevor es an das Entlüften der Motorrad-Bremse geht, sollten die lackierten Fahrzeugteile sorgfältig abgeklebt werden. Die Entlüftung wird an der Vorder- und Hinterradbremse separat vorgenommen. Beginne mit der Entlüftungsschraube, welche den weitesten Weg zum Bremsflüssigkeitsbehälter aufweist. Die Schraube lässt sich mithilfe eines Ringschlüssels lösen.

Mithilfe eines Kreuzschlitz Schraubendrehers können jetzt die Schrauben des Deckels gelöst werden. Im sechsten Schritt kannst Du die Entlüftungsschraube mithilfe eines Ringschlüssels um eine halbe Umdrehung öffnen. Meistens sitzen diese Schrauben relativ fest, da sie nur marginal geöffnet werden. Bei dieser Variante ist Vorsicht geboten. Wird der Bremshebel bzw.

Während eine Hand den Bremshebel zieht, wird der Entlüftungsnippel etwas geöffnet, so dass Bremsflüssigkeit herausgedrückt wird. Dann zuerst Nippel zudrehen, danach Bremshebel lösen. Beim Lösen des Nippels keinen Gabelschlüssel benutzen, da der Sechskant empfindlich ist. Extrem fest sitzende Nippel mit einem Sechskant-Steckschlüssel lockern, dann Ringschlüssel benutzen. Jeder Radbremszylinder hat eine Entlüftungsnippel, der immer mit einer Gummikappe abgedeckt sein sollte.

DOT-Klasse Siedepunkt
DOT 3 205 °C
DOT 4 230 °C
DOT 5 260 °C

Der Entlüftungsvorgang

Wichtig ist hierbei, ständig den Füllstand im Auge zu behalten und ggf. Flüssigkeit nachzufüllen. Wenn oben mehrfach frische Bremsflüssigkeit nachgefüllt wurde, gelangt diese dann auch allmählich nach unten in die Radbremszylinder. Im klaren Schlauch ist gut zu erkennen, wann statt brauner Soße klare Flüssigkeit ankommt. Jetzt heißt es Pumpen, bis ausschließlich neue und blasenfreie Flüssigkeit im Schlauch sichtbar ist. Anstelle des klassischen Auspumpens kann die Bremsflüssigkeit auch mit einer Vakuumpumpe herausgesaugt werden.

Mit dem letzten Pumpstoß muss die Entlüftungsschraube wieder geschlossen werden. Bei Doppelscheibenbremsen muss auch der zweite Bremssattel des Systems entlüftet werden. Sobald das System vollständig entlüftet ist, kann der Bremsflüssigkeitsbehälter bis zur Markierung der maximalen Füllhöhe wieder aufgefüllt werden. Zum Schluß Entlüftungsschrauben mit Gefühl festziehen und Gummikappe aufsetzen. Dann Flüssigkeitsstand auf Maximum befüllen und Membran korrekt zusammengefaltet aufsetzen, Deckel aufschrauben.

Nach Abschluss aller vorheriger Schritte gilt es, durch mehrmaliges Betätigen des Bremshebels bzw. Bremspedals genügend Druck im System aufzubauen. Der Bremshebel darf sich nicht bis zum Griff ziehen lassen oder über unzureichenden Widerstand verfügen. Ein unzureichender Druckpunkt im Bremshebel oder Bremspedal wäre ein Zeichen für verbliebene Luft im System.

Bremse am Motorrad entlüftet und trotzdem kein Druck drauf?

Du hast zum wiederholten Mal mit aller Sorgfalt die Luft aus dem System gelassen, doch von Druck fehlt jede Spur? Eine mögliche Ursache kann sein, dass während des Vorgangs erneut Luft in das Bremssystem gelangt ist.

Tipps und Tricks

  • Bremsflüssigkeit ist ätzend. Wer seine Haut schonen will, sollte anders als im Bild bei Arbeiten an der Bremse Handschuhe benutzen. Fast ebenso ärgerlich wie Hautschäden sind Lackschäden, daher Spritzer auf Tank oder anderen Lackflächen umgehend beseitigen.
  • Wenn mit der Bremsflüssigkeit Blasen aufsteigen, ist Luft ins System geraten. Dann muss so lange durchgespült werden, bis die Luft entwichen ist.
  • Hilft, die Entlüfterschraube mit Teflonband abzudichten.

Bremshebel über Nacht fixieren

Bei geschlossener Entlüftungsschraube den Bremshebel auf Druck pumpen und in dieser Stellung mit einem Kabelbinder fixieren. Danach das System über Nacht stehen lassen. Nach einigen Stunden sollten sich normalerweise alle versteckten Luftbläschen in Luft aufgelöst haben.

Entsorgung der alten Bremsflüssigkeit

Bei der Entsorgung der alten Bremsflüssigkeit schadet die Nachfrage beim Händler nicht. Oftmals verkaufen Händler nicht nur Bremsflüssigkeiten für Zweiräder, sondern nehmen diese auch wieder zurück.

Besonderheiten bei ABS-Systemen

Motorräder mit ABS haben in der Regel zwei Bremskreise: Den Steuerkreis, der von der Bremspumpe angesteuert wird und den Regelkreis, der über einen Druckmodulator den Bremskolben betätigt. Auch können die Bremsen wie zum Beispiel bei BMW oder Motto Guzzi vorne und hinten miteinander gekoppelt sein (Stichwort: Integralbremse bzw. Verbundbremse).

TuneECU steuert automatisch mehrfach hintereinander den ABS-Modulator an. Das ist zu hören und auch im Display vom TuneECU zu sehen. Genau in dem Moment der Ansteuerung muss der jeweilige Bremshebel betätigt und am Bremskolben das Ventil geöffnet werden, damit die frische Bremsflüssigkeit aus dem Vorratsbehälter auch durch den ABS-Modulator nachläuft.

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