Wer Motorrad fährt, muss vor allem richtig bremsen können. Training und technisches Verständnis helfen bei diesem schwierigen Fahrmanöver. Das starke und effektive Abbremsen zur Unfallvermeidung zählt zu den schwierigsten Fahrmanövern auf dem Motorrad. Unvorhersehbare Ereignisse können jede Bikerin und jeden Biker in Sekundenbruchteilen zu einer Notbremsung zwingen.
Grundlagen der Bremsentechnik
Das Verständnis von Fahrbetrieb, Fahrphysik und Fahrtechnik ist essenziell für die sichere Teilnahme am Straßenverkehr. Wer die technischen und physikalischen Grundlagen kennt und eine vorausschauende Fahrweise praktiziert, minimiert Risiken und erhöht den Fahrkomfort.
- Bremsweg: Der Bremsweg hängt von der Geschwindigkeit und dem Zustand der Fahrbahn ab.
- Reibung: Die Haftung zwischen Reifen und Straße ist entscheidend für die Fahrstabilität.
Eine gute Fahrtechnik sorgt für Sicherheit, Komfort und Effizienz.
Bremsen in zwei Schritten
Den Bremshebel sollten Sie auch in Paniksituationen nicht schlagartig ziehen, sondern anfangs gefühlvoll, aber dennoch zügig betätigen. Andernfalls besteht die Gefahr, das unbelastete Vorderrad zu überbremsen, bevor es überhaupt hohe Bremskräfte übertragen kann.
Erst wenn sich die Bremsbeläge voll angelegt haben, der Druckpunkt am Bremshebel klar zu spüren ist und die erhöhte Vorderradlast den Reifen satt auf den Untergrund drückt, kann der Bremsdruck gesteigert werden. Dieses Vorgehen gilt genauso für Maschinen mit ABS.
Die Rolle der Hinterradbremse
Ein blockierendes Hinterrad trägt meist wenig zur Gesamtverzögerung bei, führt andererseits jedoch zur Instabilität des Motorrads und zu erhöhtem Reifenverschleiß. Bei Maschinen mit ABS kann die Hinterradbremse durchgängig betätigt werden. Bei einigen Modellen mit Kombibremse wird die Hinterradbremse ohnehin auch über den Vorderradbremshebel angesteuert.
Außerdem wird die Hinterrad-Abhebe-Erkennung bei älteren Maschinen ohne Sensoren, die die Drehrate um die Querachse erkennen, erst voll wirksam, wenn auch die Hinterradbremse angesteuert wird.
Die Hinterradbremse können Sie bei Kurvenfahrt hervorragend nutzen, um die Schräglage des Motorrads zu steuern und den Kurvenradius zu korrigieren. Voraussetzung für eine schnelle Reaktion ist dabei, dass der Fuß auf dem Bremshebel bereitsteht. Wenn die Schräglagenreserven des Reifens bereits voll ausgenutzt sind, sind die Bremsen tabu.
Sichere Gefahrenbremsung
Bei einer Voll- beziehungsweise Gefahrenbremsung wird zeitgleich mit beiden Bremsen die Kupplung voll gezogen. Das soll das Verzögern des Hinterrads durch das Motorbremsmoment und das Abwürgen des Motors bei niedriger Geschwindigkeit verhindern.
Während der eigentlichen Bremsphase mit hohen Verzögerungen können Reifenreaktionen wie Profilgeräusche oder Kratzgeräusche auf Schotter wichtige Informationen über die Haftgrenze geben. Bereits bei den geringsten Anzeichen eines blockierenden Rades müssen Sie den Bremsdruck reduzieren. Nur auf rutschigem Untergrund sollten Sie die Bremse vollständig öffnen.
Die Bremsen von ABS-Maschinen können in dieser Phase geschlossen bleiben, da der Reifenschlupf geregelt und eine Blockade der Räder verhindert wird. Trotzdem müssen Sie die Fahrzeugreaktionen beachten.
Überschlag vermeiden
Auf trockenem, griffigem Straßenbelag und vor allem bei abschüssigem Straßenverlauf wird meist gegen Ende der Bremsung bei niedrigen Geschwindigkeiten das Hinterrad "sehr leicht" - bis es abhebt. Mit ansteigendem Hinterrad ändert sich auch der Schwerpunkt des Motorrads, was eine mögliche Überschlagtendenz zusätzlich verstärkt. Je früher Sie dem steigenden Hinterrad entgegenwirken, desto unkritischer bleibt die Situation.
Achten Sie während der gesamten Bremsung auf eine straffe, leicht gespannte Körperhaltung. Diese erleichtert es, die Fahrzeugreaktionen schnell zu erkennen und ohne Verkrampfung gegenzusteuern. Vermeiden Sie es, mit dem Becken unkontrolliert nach vorn auf den Tank zu rutschen. Diese Bewegung verstärkt die Abhebetendenz des Hinterrads.
Motorräder mit ABS haben überwiegend eine fein abgestimmte und wirksame Hinterrad-Abhebe-Verhinderung (Rear Wheel Lift Off Protection, RLP). Durch leichtes Absenken der Verzögerung - ob durch Fahrer oder ABS-Steuerung - kann das Hinterrad am Boden gehalten werden, wodurch die Bremsdynamik um die Hochachse (Schlingertendenz) gezügelt wird.
Achtung: Da nicht alle ABS-Systeme das Abheben des Hinterrads erkennen und entsprechend reagieren, sollten auch Maschinen mit ABS besonders bei guten Gripverhältnissen und hohen Verzögerungen mit dem nötigen Respekt gebremst werden.
Bremsen in Kurven
Stellen Sie sich beim Anbremsen von Kurven darauf ein, dass die Lenkkräfte bei betätigter Vorderradbremse und zunehmender Schräglage sehr hoch werden können. Steigern Sie bei unvermeidlichen Bremsungen den Bremsdruck sanft und fangen Sie den Lenkimpuls durch bewusstes Festhalten des Lenkers oder sogar durch Gegenlenken (entgegen der Kurvenrichtung) ab.
Bewahren Sie auch bei dynamischer Fahrweise genügend Schräglagenreserven, um bei sich zuziehenden Kurven möglichst ohne Bremsung den Kurvenbogen mit etwas mehr Schräglage sauber fahren zu können.
Um auch in Schräglage das Optimum aus den Gegebenheiten herauszuholen, wurde das Standard-ABS auf Kurventauglichkeit getrimmt.
Weitere Tipps zum Bremsen
- Auf den ersten Metern jeder Fahrt sollten Sie durch einen kurzen, prüfenden Griff beziehungsweise Tritt die "Tagesform" der Bremsen checken.
- Nehmen Sie vor Vollbremsungen möglichst eine gerade Sitzhaltung ein.
- Beginnen Sie die Bremsung selbst möglichst mit der Fußbremse.
- Der Blick sollte prinzipiell geradeaus und nicht direkt vor das Vorderrad gerichtet sein.
ABS-Systeme
Ein Antiblockiersystem (ABS) verhindert nicht nur den Stillstand der Räder, es erlaubt auch ein kontrolliertes Bremsen. Damit können Sie brenzlige Situationen besser beherrschen. ABS-Maschinen werden wie Motorräder ohne ABS in mindestens zwei Schritten gebremst.
Bei Geradeaus-Notbremsungen sollte in den ABS-Regelbereich hineingebremst werden. Trotzdem gilt: kein Klammergriff am Vorderradbremshebel. Gegen Ende der Bremsung auf das Motorradheck achten und ein Ansteigen möglichst früh durch leichtes Reduzieren des Bremsdrucks abfangen.
Ein Motorrad mit Antiblockiersystem (ABS) lässt sich auch unter extremen Bedingungen wie beispielsweise einer Schreckbremsung viel sicherer verzögern als eines ohne.
Regelmäßige Wartung und Prüfung der Bremsen
Jede Bremsung dient auch als Funktionsprüfung der Bremsanlage. Man sollte die Anlage checken, wenn sie sich bei einer starken Bremsung ungewohnt verhalten hat. Besonders beim Aufziehen der Reifen kann Montagepaste auf die Scheiben gelangt sein. Beide Seiten der Bremsscheiben sollten auch im Rahmen der Fahrzeugwäsche regelmäßig mit Bremsenreiniger abgewischt werden.
Bremsflüssigkeit
Prüfen Sie regelmäßig den Stand der Bremsflüssigkeit in den Ausgleichsbehältern. Ein Absinken ist meist ein deutlicher Hinweis auf fortgeschrittenen Verschleiß der Bremsbeläge. Bremsflüssigkeit nimmt Feuchtigkeit auf und muss deshalb alle zwei Jahre gewechselt werden.
Bremsbeläge
Prüfen Sie regelmäßig den Verschleißzustand der Bremsbeläge, zum Beispiel bei der Radmontage im Zusammenhang mit Reifenwechseln. Bis zu welchen Verschleißmarkierungen der Belag genutzt werden darf, ist in der Bedienungsanleitung Ihrer Maschine beschrieben.
Bremsscheibe
Prüfen Sie den Verschleißzustand der Bremsscheibe. Starke Riefenbildung und Einlaufkanten an den Scheibenrändern deuten auf fortgeschrittene Abnutzung hin. Auf den Bremsscheiben ist auch das Mindestmaß für die Stärke der Scheibe eingestanzt.
Beste Übung: Sicherheitstraining
Regelmäßiges, konsequentes Üben hilft Motorradfahrern, in Gefahrensituationen richtig zu bremsen. Diese Übungen sollen natürlich nicht auf öffentlichem Gelände durchgeführt werden, sondern idealerweise im Rahmen eines Fahrsicherheitstrainings. Dabei beginnt man mit niedrigen Verzögerungen, die nach und nach gesteigert werden.
Die Komplexität der Zusammenhänge beim Bremsen können Sie am einfachsten im Rahmen eines Sicherheitstrainings auf abgesperrter Strecke erfahren und verstehen. Ziel der Fahrübungen ist es, die Koordination der Wahrnehmungen und des eigenen Handelns so weit zu optimieren, dass ein echtes Sicherheitsgefühl entsteht.
Fahrerinnen und Fahrer sollen erleben, welche hohen Verzögerungen unter optimalen Bedingungen möglich sind. In extremen Verkehrssituationen können sie dann das gesamte Potenzial moderner Bremsen optimal ausschöpfen.
Straßenoberflächen, Grip und Bremswege
Der Bremsweg hängt auch ab vom Reibbeiwert der Straßenoberfläche. Ein extrem griffiger Belag mit Reibbeiwert µ=1,2, auf dem sich der Reifen sehr gut verzahnen kann, findet sich fast nur auf Test- oder Rennstrecken. Auf Landstraßen schwankt die Griffigkeit von µ=0,9 bis 0,7.
Je geringer der Reibbeiwert und die mögliche Verzögerung, desto mehr Bremskraft kann prozentual über das Hinterrad übertragen werden. Deshalb gerade bei Nässe oder glattem Belag zusätzlich zu vorn auch hinten mitbremsen.
| Straßenoberfläche | Reibbeiwert | Bremsweg aus 100 km/h |
|---|---|---|
| Asphalt rau | 1,2 | 32,8 m |
| Asphalt normal | 0,9 | 43,7 m |
| Asphalt glatt | 0,7 | 56,1 m |
| Kopfsteinpflaster | 0,5 | 78,6 m |
| Nasser Staub | 0,3 | 131,0 m |
| Eis | 0,08 | 491,3 m |
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