Die Geschichte der Familie Richheimer, aus der Lippmann Richheimer stammt, lässt sich bis ins 18. Jahrhundert nach Gemmingen zurückverfolgen, wo die Familie ansässig war. Genauer gesagt, am 26. Dezember 1848 wurde Lippmann Richheimer, ein Handelsmann (damals die übliche Bezeichnung für Viehhändler), und seiner Frau Sara, geborene Oppenheimer, der Sohn Wolf geboren, das älteste von drei Kindern. Zu dieser Zeit hatte Gemmingen etwa 1.300 Einwohner und eine jüdische Bevölkerung von etwa 200 Seelen.
Über Wolfs Zeit in Gemmingen ist wenig bekannt, aber es wird angenommen, dass er dort zur Schule ging und den Beruf des Metzgers erlernte, vermutlich bei einem Verwandten, und in diesem Beruf auch dort arbeitete. Dreißig Jahre nach seiner Geburt, 1878, zog er nach Karlsruhe, der aufstrebenden Landesmetropole. Hier hatte er am 4. August 1874 Therese Homburger, die Tochter des Karlsruher Metzgermeisters Maier Homburger und seiner Frau Karoline, geborene Oppenheimer, geheiratet, lebte aber bis zum Umzug weiter in Gemmingen.
Als er nach Karlsruhe kam, nannte er sich Adolf, und in allen amtlichen Publikationen ab 1890 wurde sein Name immer mit dem Zusatz „alt” geführt, weil es dann noch einen zweiten Adolf Richheimer gab, der den Zusatz „jung” erhielt. Er kam mit Frau und den beiden in Gemmingen geborenen Kindern Fauber (geboren 25. Juli 1875) und Sophie (geboren 18. August 1876, sie heiratete den bekannten Schriftsteller Simon Salomon - alias Siegbert Salte) sowie seinem Vater Lippmann Richheimer, 63 Jahre alt, die Mutter war schon 1871 gestorben, nach Karlsruhe, kaufte das Haus Durlacher Straße 9 (seit 1974 Brunnenstraße) von dem Rentier Jakob Hartmann und errichtete hier eine Metzgerei.
Wenige Wochen nach der Übersiedelung nach Karlsruhe starb hier am 19. Juni 1878 Lippmann Richheimer. Am 22. Dezember 1879 wurden die Tochter Johanna, am 4. Juli 1883 die Tochter Elsa und am 13. Dezember 1884 der Sohn Ludwig geboren. Im Jahre 1909 errichtete er noch eine Filiale in der dicht besiedelten Südstadt, wo auch viele Juden lebten, alles potentielle Kunden, und zwar in der Schützenstraße 39. Hauptgeschäft und Filiale behielt er bis zu seinem Tode am 21. Juni 1922 in Karlsruhe, da war er 74-jährig. Ob er allerdings den Metzgerberuf bis zum Tod selbst ausübte, ist nicht überliefert. Seine Frau Therese starb fünf Jahre später, am 14.
Am 11. Oktober 1869 wurde Adolph Richheimer als sechstes von insgesamt neun Kindern von Wolf Isaak Richheimer (geboren 1824 in Gemmingen) und seiner Frau Mina, geborene Menges (geboren 1829 in Michelfeld), in Gemmingen geboren. Mina starb am 11. September 1871, Wolf Isaak heiratete ein halbes Jahr später die aus dem Nachbardorf Berwangen stammende Babette Kirchheimer und hatte mit ihr noch zwei Kinder, von denen allerdings das erste wenige Tage nach der Geburt starb. Die verwandtschaftlichen Beziehungen zu dem zuvor beschriebenen Adolf (Wolf) Richheimer gehen weit ins 18. Jahrhundert zurück.
Auch Adolph Richheimer ging in Gemmingen zur Schule und lernte hier am Ort das Metzger-Handwerk. Auch ihn zog es nach Karlsruhe, 1890 finden wir ihn erstmals im Karlsruher Adressbuch in der Kronenstraße 16 mit einer Metzgerei, die ihm Heinrich Homburger, seines Zeichens ebenfalls Metzgermeister und Verwandter des oben erwähnten Maier Homburger vermietete. Ob sein Anverwandter Adolf (Wolf) den Anstoß dazu gegeben hatte oder die Initiative von ihm ausging, wer will das nach mehr als 100 Jahren noch sagen.
Adolph Richheimer, wie oben schon erwähnt, in allen amtlichen Verzeichnissen mit dem Zusatz „jung“ vermerkt (die Schreibweise - Adolph/Adolf - wechselte immer wieder, wir benutzen die Schreibweise wie im Geburtsregister eingetragen), blieb hier zehn Jahre. Ende der 1880er Jahre heiratete er die am 8. August 1864 in Heidelberg geborene Eugenie Jeselsohn, Tochter des Kaufmanns Philip Jeselsohn und seiner Frau Babette geborene Mayer, die aus Neckarbischofsheim stammten. Die Heirat fand vermutlich in Lugano/Schweiz statt, da die Schwester Mathilde von Adolph Richheimer sich zuvor hier verheiratet hatte (die Heirat war jedoch durch das Standesamt Lugano nicht zu verifizieren).
Dem Paar wurden in Karlsruhe am 31. März 1890 der Sohn Julius und am 27. September 1891 der Sohn Siegfried geboren, über diesen wird noch ausführlich berichtet. Im Jahre 1900 verlegte Adolph Richheimer Wohnung und Geschäftsräume in die Zähringer Straße 53a und weitere fünf Jahre später, 1905, finden wir die Familie in der Markgrafenstraße 34. Das Haus, das übrigens heute noch, nach Renovierung nach dem Krieg, steht, kaufte er von dem Kaufmann Karl Krüger.
Hier wohnte die Familie, im Erdgeschoß befand sich der - kleine - Metzgerladen. Adolf und Eugenie betrieben das Geschäft gemeinsam - er den handwerklichen Part mit Hilfskräften, sie den Verkauf im Laden. Im Hof befand sich eine Art Schuppen für die Herstellung von Würsten und für das Räuchern sowie ein Stall für Schlachtgeflügel, Großvieh wurde im Schlachthof geschlachtet. Einige Jahre später schloß Adolph Richheimer mit der Israelitischen Religionsgesellschaft in Karlsruhe, der orthodoxen jüdischen Gemeinde, vertreten durch ihren Vorsitzenden Maier Altmann, einen Vertrag, in dem diese sich verpflichtete, für ihre Mitglieder höchstens zwei Metzgergeschäfte - tatsächlich war es aber nur die Metzgerei von Adolph Richheimer, wie die Fleischer-Innung 1951 bestätigte - in Karlsruhe ihre Aufsicht zu gewähren und damit ihren Mitgliedern ein streng rituelles Leben zu gewährleisten.
Adolph Richheimer verpflichtete sich, nur solche Waren zu führen, deren Herkunft ihrer Kontrolle unterlag. So war der Kundenkreis - die Israelitische Religionsgesellschaft hatte nur wenig mehr als 600 Mitglieder - zwar abgegrenzt, aber auch - quasi wie eine Monopolstellung - garantiert. Reichtümer konnte Adolph Richheimer damit zwar nicht erwerben, aber für ein sicheres, stetiges Einkommen reichte es, die Familie zu ernähren. Es versteht sich von selbst, dass Adolph Richheimer auch zur Israelitischen Religionsgesellschaft gehörte und Mitglied im Verein Dower Tow war.
1928 wurde der Metzgereibetrieb mit einem 20-jährigen Vertrag verpachtet an den in Frankfurt ansässigen Metzgermeister Herbert Hofmann, gebürtig in Thüngen bei Würzburg; gesundheitliche Gründe waren für die Verpachtung maßgeblich, ihm war die schwere körperliche Arbeit zuviel. Zugleich wurden auch die Geschäftsräume in der Markgrafenstraße 34 an Hofmann verpachtet. Hofmann zog auch mit seiner Frau Thekla und dem Sohn Alfred in das Haus ein. Hofmann übernahm von Adolf Richheimer den Vertrag mit der Israelitischen Religionsgesellschaft, er war also - wie Adolph Richheimer - hier Mitglied, andernfalls hätte er den Vertrag auch nicht übernehmen können.
1932 wurde mit Hofmann vereinbart, dass der Pachtzins aus dem Gewerbebetrieb ausschließlich Eugenie Richheimer für deren Alterssicherung zufließen sollte. Mit dem 1933 erlassenen Schächtverbot - vordergründig aus Tierschutzgründen, tatsächlich aber als Maßnahme, die sich ausschließlich gegen Juden richtete - kam auch der Anfang vom Ende für den Metzgereibetrieb von Pächter Hofmann: geschächtetes Fleisch gab es nicht mehr zu verkaufen, seine Kundschaft hätte jedoch aus religiösen Gründen anderes Fleisch nicht gekauft.
Er versuchte sich mit dem Verkauf von Fisch und Geflügel über Wasser zu halten, aber das reichte zum Leben auf Dauer für die Familie - es waren noch vier Kinder in Karlsruhe geboren worden - nicht. 1935 wurde der Betrieb der Metzgerei eingestellt. Das war nicht nur ein Desaster für die Familie Hofmann, sondern auch für Adolph und Eugenie Richheimer von einschneidender finanzieller Tragweite, denn sie erhielten keine Pacht mehr für den Metzgereibetrieb und für den Laden, Hofmann hatte keine Einnahmen mehr und konnte somit nicht mehr zahlen. Ob er noch die Miete für die angemieteten Wohnräume zahlte, ist nicht überliefert. Am 2. Juni 1938 starb Adolph Richheimer in Karlsruhe an den Folgen eines Schlaganfalls, ihm blieb so Schlimmes, was alsbald folgte, erspart.
Die Witwe Eugenie konnte im Frühsommer 1939 in die Schweiz auswandern, dank der Hilfe ihrer Schweizer Verwandten, um in einem jüdischen Altersheim in Lengnau im Aargau zu leben. Am 6. Geradezu absurd mutet im Zusammenhang mit der Familie Richheimer das Schicksal des Hauses Markgrafenstraße 34 an: auf Betreiben der Stadthauptkasse Karlsruhe wurde das Anwesen wegen rückständiger Grund- und Gebäudesteuern im Jahre 1942 zwangsversteigert - obwohl dem Amt bekannt war, dass Adolph Richheimer 1938 verstorben war, die Haupterbin, die Witwe, in der Schweiz in einem Altersheim lebte, von den beiden Miterben, den Söhnen Julius und Siegfried, der erstere 1936 nach Frankreich ausgewandert war, der andere Sohn im Oktober 1940 nach Gurs deportiert worden war.
Wenden wir uns nun Ferdinand Richheimer und seiner Familie zu. Wie oben erwähnt, wurde er am 25. Juli 1875 in Gemmingen mit dem Namen Fauber geboren; so hieß auch schon der Großvater. Als die Familie von Gemmingen nach Karlsruhe zog, war er noch nicht drei Jahre alt. Von 1893 bis 1895 machte er eine kaufmännische Lehre, mutmaßlich bei der bedeutendsten Ledergroßhandlung J. Weil & Cie. Von August 1895 bis September 1896 absolvierte er seinen Wehrdienst. Danach war er - bis 1900 - wieder in seiner Lehrfirma tätig, als „Kommis”, wie es hieß. 1901 machte er sich selbständig mit einem Ledergroßhandel, seine Geschäftsadresse war das väterliche Haus. Wen belieferte er? Schuh- oder Handschuhfabriken? Taschenhersteller? Industrie-Ausrüster?
Am 23. März 1905 heiratete er in Heilbronn die hier am 12. November 1884 geborene Frieda Richheimer, älteste Tochter von Ferdinand Richheimer (ebenfalls als Fauber in Gemmingen geboren) und Bertha Strauß. Frieda Richheimer war eine entfernt verwandte Cousine von Ferdinand Richheimer. Am 9. August 1907 wurden der Sohn Fritz und am 24. April 1909 die Tochter Ilse in Karlsruhe geboren. Die junge Familie lebte im Hause von Ferdinand Richheimers Eltern in der Durlacher Straße.
Als der Krieg ausbrach, wurde Ferdinand Richheimer sofort eingezogen und machte auch den ganzen Krieg mit. Frieda Richheimer stellte sich aus patriotischer Überzeugung, wie der Sohn Fritz bekundete, als Arzt-Assistentin - gemeint ist wohl als Hilfskraft, denn sie hatte keine medizinische Ausbildung - dem Großherzoglisch-Badichen Roten Kreuz zur Verfügung und wurde in einem Lazarett eingesetzt; wo dies war, ist nicht dokumentiert. Infolge dessen war sie nicht in der Lage, sich um ihre Kinder zu kümmern. Diese kamen in Internate, Fritz nach Waldkirch bei Freiburg, der Aufenthalt von Ilse ist nicht nachweisbar.
Am 24. Juni 1920 starb Frieda Richheimer, 35-jährig, in Karlsruhe. Ferdinand Richheimer heiratete noch im gleichen Jahr - am 29. Dezember 1920 - in Steinsfurt die hier am 27. September 1895 geborene Johanna Weil, zweitälteste Tochter von insgesamt sechs Kindern des Kaufmanns Gustav Weil und seiner Frau Mathilde Menges. Nach seiner Heirat finden wir die Familie in Karlsruhe am Haydnplatz 2, 1925 in der Baischstraße 5 und in den Jahren 1926 bis 1930 in der Hirschstraße 62 und Geschäftsräumen in der Rüppurrerstraße 2a, 1931 und 1932 in der Tullastraße 69. Am 3. Dezember 1928 wurde der Sohn Adolf in Karlsruhe geboren. Im Oktober 1929 ging die Firma - wohl im Sog der Weltwirtschaftskrise - in Konkurs.
Fritz Richheimer besuchte von 1919 bis 1922 das Humboldt-Realgymnasium. Seine schulischen Leistungen waren allerdings ,mäßig’, sodass er die Quinta zweimal wiederholen musste, nicht versetzt wurde und dann die Schule verlassen musste. Vermutlich hat er danach noch ein Jahr eine andere Schule besucht. Danach absolvierte er von 1923 bis 1926 eine kaufmännische Lehre bei der Ledergroßhandlung J. Es war vorgesehen, dass er im väterlichen Geschäft mitarbeiten und dieses eines Tages übernehmen sollte. In den folgenden drei Jahren war er bei der Rheinischen Kreditbank in Karlsruhe tätig. Nachdem er seinem Vater kurzzeitig in dessen Firma half, den Konkurs konnte er allerdings nicht abwenden, war er als selbständiger Handelsvertreter tätig. Er versuchte, wie er selbst schrieb, mit allem, was ihm unter die Hände kam, Geld zu verdienen - er verkaufte Verpackungsmaterial, Zellstoffe, Kraftpapiere, Toilettenpapier, Servietten u.ä. Sein Hauptlieferant war eine Karlsruher Papiergroßhandlung. Er handelte aber auch mit Schuhen, Leder und Rohhäuten sowie Ziegen- und Hasenfellen.
Ilse Richheimer besuchte ab Schuljahr 1918/19 das Lessing-Gymnasium in Karlsruhe und legte hier 1925 die Mittlere Reife ab. Nach der Schule absolvierte sie eine Ausbildung als Konzert-Pianistin am Karlsruher Konservatorium und hatte auch schon Auftritte in Karlsruhe, Stuttgart und anderen Orten. 1932 lebte die jetzt fünfköpfige Familie in der Melanchthonstraße 3 in Karlsruhe in einer gut eingerichteten 5-Zimmer-Wohnung. Ende 1933 floh die gesamte Familie nach Frankreich unter Zurücklassung der gesamten Wohnungseinrichtung. War es Panik nach der Machtübernahme Hitlers? War es weitsichtige Vorausahnung der kommenden Ereignisse? Ihr Weg führte sie zunächst nach nach Straßburg, von da nach Colmar.
Hier wurden sie von der Jüdischen Gemeinde aufgenommen und unterstützt. Als ihnen dort 1934 die Aufenthaltserlaubnis entzogen wurde, gingen sie nach Spanien und lebten in Barcelona. Nach Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges 1936 finden wir die Familie - nach einer abenteuerlichen Flucht mit einem vor Barcelona liegenden britischen Kriegsschiff, zusammen mit anderen Flüchtlingen in Marseille. Von dort aus ging die Familie direkt nach Paris, Ilse Richheimer blieb jedoch in Marseille und heiratete hier am 4. Mai 1937 Maurice Malicet, geboren am 11. Juni 1898 in Issi-Les-Moulineaux (Departement Seine), drei Monate später, am 3. Ferdinand Richheimer konnte in Frankreich beruflich nicht mehr Fuß fassen; wovon die Familie lebte, bleibt ungeklärt.
Mit Ausbruch des Krieges wurde Fritz Richheimer interniert, und im Wege der ‘Zwangswerbung’ bei den wehrdienstfähigen Männern in den französischen Internierungslagern gelangte er in die Fremdenlegion und kam zur Ausbildung nach Marokko. Nach dem Waffenstillstand mit Deutschland wurde er - wie alle anderen Zwangslegionäre auch - demobilisiert und aus der Legion entlassen. Er entschied sich, in Marokko zu bleiben, was ihm vielleicht das Leben rettete, und nahm Wohnsitz in Casablanca. Unter sehr schwierigen Bedingungen versuchte er mit allen möglichen Gelegenheitsarbeiten seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Anfang Oktober 1944 startete er eine Hosenträger-Fabrikation, die er in mühseliger Kleinarbeit ausbaute und schließlich, nach vielen Jahre...
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