Das Thema Schräglage beim Motorradfahren ist oft Gegenstand von Diskussionen und Heldengeschichten. Doch was steckt wirklich dahinter? Dieser Artikel beleuchtet die physikalischen Grundlagen und praktischen Aspekte der Schräglage, um ein besseres Verständnis für dieses faszinierende Element des Motorradfahrens zu ermöglichen.
Wozu Schräglage?
Bei Kurvenfahrten entstehen Fliehkräfte (Zentrifugalkräfte), die ein Einspurfahrzeug ohne Schräglage nach außen umkippen lassen würden. In Schräglage wirkt die nach innen verlagerte Gewichtskraft von Pilot und Maschine den Fliehkräften entgegen. Je kleiner der Kurvenradius und/oder je schneller die Fahrt, desto größere Schräglagen sind nötig.
Wie viel Schräglage ist möglich?
Bei sportlichen Motorrädern mit viel Schräglagenfreiheit hängt das maßgeblich von der Haftreibung zwischen Reifen und Asphalt ab. Die Höhe der Haftreibung wird mit dem Reibungskoeffizient µ bezeichnet. Bei ordentlichen Reifen auf guten Landstraßen entspricht µ = 1. Bei diesem Wert begrenzt die Physik die theoretische Schräglage auf 45 Grad. Wer schräger fährt, Gas gibt oder bremst, rutscht garantiert ins Off. Dennoch sind auch größere Schräglagen möglich, da sich sehr griffige Reifen mit sehr rauem Asphalt stark verzahnen, was den Grip erhöht. MotoGP-Piloten erreichen bis zu 62 Grad Fahrzeugschräglage.
Verschiedene Schräglagen
Grundsätzlich unterscheidet man zwischen drei Schräglagen:
- Effektive Schräglage: Ein theoretischer Wert, der sich aus der Kurvengeschwindigkeit und dem Kurvenradius errechnet.
- Fahrzeugschräglage: Der Winkel zwischen einer senkrechten Linie durch den Schwerpunkt des Motorrads und der tatsächlichen Position des Motorrads in der Kurve.
- Kombinierte Schräglage: Bezieht die Schwerpunktlage des Fahrers mit ein, besonders relevant beim Hanging-off.
Was schaffen Serienbikes?
Um das zu klären, wurden vier Maschinen aus unterschiedlichen Gattungen - Supermoto, Naked Bike, Cruiser und Superbike - um eine Kreisbahn gescheucht; haben gemessen, geprüft und uns zusätzlich bei Experten umgehört.
Schräglage mit der Husqvarna 701
Beim Drücken der Husqvarna 701 im typischen Sumo-Stil in Schräglage beträgt die Fahrzeugschräglage 57 Grad und der Speed 62 km/h. Die kombinierte Schräglage aus Fahrzeug und Pilot beträgt 51 Grad. Beim Hanging-off liegen die Geschwindigkeit und die kombinierte Schräglage exakt auf gleichem Niveau wie beim Drücken: 62 km/h, 51 Grad. Da der Pilot in diesem Fall weit unterhalb der Husqvarna 701 kauert, fällt die reine Fahrzeugschräglage mit 46 Grad folgerichtig geringer aus.
Sonderfall Ducati Diavel, Cruiser & Co.
Bei der Ducati Diavel schleifen die Fußrasten bei rund 41 Grad über den Asphalt. Beim Hanging-off sitzt der Schwerpunkt am tiefsten, wodurch günstigere Hebel wirken, die höhere Tempi ermöglichen: 53 km/h.
Schräglage mit der Honda Fireblade
Die Honda bietet zwar reichlich Bodenfreiheit (Angstnippel der Fußrasten entfernen!), kann aber logischerweise nicht mit den erwähnten Vorteilen einer Supermoto aufwarten: zweckmäßige Ergonomie, geringes Gewicht, schmale Bauform. Mit Hanging-off liefert sie ihren höchsten Kurvenspeed: 61 km/h. Die Fahrzeugschräglage beträgt 48 Grad, die kombinierte deren 51.
Schräglage mit der BMW S 1000 R
Mit ihren sportlichen Pellen (Pirelli Diablo Rosso Corsa) zieht sie sich mit 59 km/h im Hanging-off-Stil und 47 respektive 50 Grad Schräglage blendend aus der Affäre.
Einflussfaktoren auf die Schräglage
- Reifenbreite: Breitere Reifen benötigen mehr Schräglage für den gleichen Kurvenradius.
- Schwerpunktlage: Ein hoher Schwerpunkt macht das Motorrad kippeliger.
- Reifendruck: Zu geringer Reifendruck verschlechtert die Lenkpräzision.
- Fahrstil: Aufrecht, Drücken oder Hanging-off beeinflussen die Schwerpunktlage und somit die erreichbare Schräglage.
Schräglagenangst
Viele Motorradfahrer haben eine "Schräglagenschwelle", d.h. sie lehnen sich nur bis zu einem bestimmten Neigungswinkel in die Kurve. Studien zeigen, dass viele Unfälle passieren, weil die Fahrer in Schrecksituationen nicht genügend Schräglage einnehmen. Fahrtrainings können helfen, diese Angst zu überwinden und die eigenen Grenzen besser kennenzulernen.
Tabelle: Schräglagen und Geschwindigkeiten verschiedener Motorräder im Test
| Motorrad | Fahrstil | Fahrzeugschräglage | Kombinierte Schräglage | Geschwindigkeit |
|---|---|---|---|---|
| Husqvarna 701 | Aufrecht sitzend | 47° | 47° | 57 km/h |
| Husqvarna 701 | Drücken | 57° | 51° | 62 km/h |
| Husqvarna 701 | Hanging-off | 46° | 51° | 62 km/h |
| Ducati Diavel | Aufrecht sitzend | ca. 41° | ca. 41° | 50 km/h |
| Ducati Diavel | Drücken | ca. 41° | ca. 41° | 47 km/h |
| Ducati Diavel | Hanging-off | ca. 41° | ca. 41° | 53 km/h |
| Honda Fireblade | Hanging-off | 48° | 51° | 61 km/h |
| BMW S 1000 R | Hanging-off | 47° | 50° | 59 km/h |
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