Die Wahl der richtigen Motorradbekleidung ist entscheidend für Sicherheit und Komfort. Dabei stehen Motorradfahrer oft vor der Frage: Leder oder Textil? Beide Materialien haben ihre Vor- und Nachteile, die es abzuwägen gilt. Dieser Artikel beleuchtet die wichtigsten Aspekte, um eine fundierte Entscheidung zu treffen.
Materialien im Überblick
In den Anfängen des Motorradfahrens war die Ausrüstung eher rudimentär. Die ersten Motorradfahrer trugen oft ihre Alltagskleidung, ergänzt durch einfache Lederjacken und -hosen, die mehr als Wetterschutz denn als Sicherheitsausrüstung dienten. Mit der Zeit und der Entwicklung schnellerer Motorräder wurde jedoch schnell klar, dass eine bessere Schutzausrüstung benötigt wurde. Leder, mit seiner hohen Abriebfestigkeit wurde zum Material der Wahl. In den letzten Jahrzehnten hat sich zusätzlich ein neues Material auf dem Markt für Motorradausrüstung etabliert: Textil. Mit der Entwicklung von hochfesten synthetischen Fasern und modernen Herstellungstechniken können Textilien heute auch einen hervorragenden Schutz vor Abrieb und Stößen bieten. Interessant ist natürlich auch kombinierte Bekleidung, die sowohl auf Textil als auch Leder setzt.
Leder
Leder ist das älteste Material in der Geschichte der Motorradausrüstung und hat sich über die Jahre hinweg bewährt. Leder ist ein Naturprodukt, das aus der Haut von Tieren, meist Rindern, für Rennstrecken-Fahrer auch von Kängurus (leichter, geschmeidiger, aber auch teurer) gewonnen wird. Leder ist stark, langlebig und hat eine hohe Abriebfestigkeit, was es zu einer ausgezeichneten Wahl für den Schutz auf Straße und Rennstrecke macht. Leder übersteht in der Regel mehrere Stürze unversehrt mit kleinen Blessuren, die von den Fahrern gerne als sympathische Patina bezeichnet werden.
Textil
Textilbekleidung besteht aus synthetischen Fasern wie Nylon, Polyester oder Kevlar, die in verschiedenen Geweben und Strukturen verarbeitet werden können. Einer der größten Vorteile von Textilien ist ihre Vielseitigkeit. Sie können wasserdicht, winddicht und atmungsaktiv gemacht werden, was sie zu einer ausgezeichneten Wahl für alle Wetterbedingungen macht. Viele Textilien sind auch leichter und bequemer als Leder, was sie zu einer beliebten Wahl für lange Fahrten und Touren macht. In Bezug auf den Schutz haben Textilien in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Hochfeste synthetische Fasern können eine hohe Abriebfestigkeit bieten, und viele Textilien können mit zusätzlichen Protektoren für noch mehr Sicherheit ausgestattet werden. Dennoch sind sie in der Regel nicht so langlebig wie Leder und können oftmals bereits nach einem Sturz nicht mehr repariert werden.
Schutzwirkung im Vergleich
Wenn es um den bestmöglichen Schutz beim Sturz auf der Straße geht, hat Leder weiterhin deutlich die Nase vorn. Sollbruchstellen bleiben allerdings unzureichend gesicherte Nähte. Textilanzüge geraten im Vergleich zum Leder trotz hochgerüsteter Hightech-Zutaten immer noch sehr schnell ins Hintertreffen. Schnell klaffen große Löcher im Gewebe, ob einst 260 oder knapp 1900 Euro teuer. In Bezug auf die Abriebqualität steht dann eine 300-Euro-Lederkombi deutlich besser da als der mehr als sechsmal so teure Textilanzug.
Die Einschätzung, dass Leder - selbst in seiner günstigsten Ausführung - in puncto Abrieb weiterhin die Nase vorn hat? Okay, das ist nicht wirklich die Überraschung. Umso interessanter ist aber die Tatsache, dass man schon gigantisch viel (und teures) Zusatzmaterial in einer Synthetik-Kombi versenken muss, um sie auch nur annähernd auf das Niveau eines mehr oder minder organisch gewachsenen Anzugs zu bringen. Inwiefern das wiederum mit dem Komfort vereinbar ist, steht dabei auf einem ganz anderen Blatt. Zweifelsohne lässt sich das in Epoxidharz getauchte Superfabric-Gewebe kaum durch die rund 30 Meter lange Rutschpartie auf dem Asphalt beeindrucken.
Allerdings ist es kaum machbar, noch mehr dieser Verstärkungen auf der Textilkombi aufzubringen. Schon jetzt wiegt das gute Stück deutlich mehr als fünf Kilo - und einigermaßen beweglich soll die Motorradkombi ja auch noch sein.
Crashtest Ergebnisse
Ein Crashtest von MOTORRAD zeigt die Ergebnisse verschiedener Kombis nach einem Sturz bei Tempo 100. Hier eine Zusammenfassung:
- Einsteiger-Textilkombi (unter 300 Euro): Klaffende Löcher nach dem Sturz.
- Mittelklasse-Textilkombi (über 500 Euro): Besser als Einsteiger, aber Reißverschluss fast aufgegangen.
- Oberklasse-Textilkombi (über 1500 Euro): Superfabric-Verstärkungen reißen neben normalem Gewebe.
- Einsteiger-Lederkombi (unter 300 Euro): Hält zwei Stürze aus.
- Mittelklasse-Lederkombi (über 500 Euro): Unbeeindruckt vom Asphaltkontakt, aber offene Wunden an Nahtstellen.
- Oberklasse-Ledereinteiler (über 1000 Euro): Keine Probleme an den Nähten nach dem Sturz.
- Renn-Ledereinteiler (über 1500 Euro): Kleine Löcher, aber Kevlarfilz und Schaumprotektoren schützen.
Komfort und Passform
Egal, ob Leder oder Textil, die Ausrüstung muss richtig sitzen, um optimalen Schutz zu bieten. Eine zu lockere Passform kann dazu führen, dass Protektoren verrutschen und im Falle eines Sturzes nicht mehr an der richtigen Stelle sitzen. Eine zu enge Passform hingegen kann deine Bewegungsfreiheit einschränken und somit deine Fahrsicherheit beeinträchtigen. Wenn du dich in deiner Ausrüstung nicht wohl fühlst, kann das deine Konzentration auf der Straße beeinträchtigen.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Passform von Marke zu Marke und sogar von Modell zu Modell variieren kann. Vergiss nicht, die Ausrüstung in der Sitzposition zu testen, die du auf deinem Motorrad einnimmst, nicht nur im Stehen! Viele moderne Motorradjacken und -hosen verfügen über verstellbare Riemen und Einsätze, die eine individuelle Anpassung ermöglichen.
Wettertauglichkeit
Die Standardkombi besteht immer noch aus Rindsleder, Känguru wird meist nur in höheren Preisregionen (ab 1000 Euro) eingesetzt - und selbst dann auch noch lange nicht flächendeckend. Meist geht es bei 30 bis 40 Prozent los. Nur im High-End-Sektor jenseits von 1500 Euro findet man reine Känguru-Lederkombis. Was ist der wesentliche Unterschied zwischen Rinds- und Känguruleder? Grundsätzlich ist die Faserstruktur beim Känguruleder enger verwoben bzw. in sich verflochten und verzahnt. Das bleibt auch bei intensiver Beanspruchung so - wogegen sich die Faserstruktur von Rindsleder bei Gebrauch zunehmend lockert. So lassen sich bei geringerer Dicke (1,0 bis 1,1 mm) im Vergleich zum Rindsleder (1,3 bis 1,5 mm) bessere Abriebwerte bei gleichzeitig geringerem Gewicht erzielen. Gleichzeitig hat Känguruleder nicht die Eigenschaft wie die Rinderpelle, dass es durch die Einwirkung von Nässe und Schweiß hart und brüchig wird bzw. schrumpft. Aufgrund der künstlich aufgebrachten Prägung (ein mechanischer Prozess beim sogenannten Zurichten des Leders) fällt es aber selbst Fachleuten schwer, nach dem Finishing inklusive Lackierung Rinds- und Känguruleder sauber voneinander zu unterscheiden.
Textilbekleidung besteht inzwischen aus reinen Kunstfasern, wobei Polyamid in der Regel als Gewebe für die Außenhaut verwendet wird. Polyamid hat die Eigenschaft, kaum Wasser aufzunehmen, sowie scheuer- und reißfest zu sein. Eine weitere Form ist Nylon, das aus einer Polyamid-Endlosfaser hergestellt wird. Das Problem von Polyamid: Der vergleichsweise geringe Schmelzpunkt von 250 Grad Celsius kann durch die Reibungsenergie beim Motorradsturz schnell erreicht werden. Cordura ist eine besondere Variante von Polyamid und wird unter diesem Markennamen von der Chemiefirma Invista (ursprünglich DuPont) vertrieben. Das Gewebe aus geschnittenen und versponnenen Fasern ist gegenüber herkömmlichem Polyamid oder Nylon nochmals deutlich abriebfester. Knackpunkt bleibt aber auch hier der weiterhin geringe Schmelzpunkt.
Polyester ist vom Einsatzzweck Polyamid sehr ähnlich, ist aber weniger reißfest und schwerer. Meist das Universalgewebe für die Innenausstattung (Thermo-/Futterstoffe). Denier wird mit D abgekürzt und bezeichnet das Fadengewicht pro 9000 Meter Länge in Gramm. Im Motorradbereich gilt 500D als Standard, 1000D wird meist als Verstärkung eingesetzt (was übersetzt heißt, dass aus 500 bzw. 1000 Gramm Ausgangsmaterial ein 9000 Meter langer Faden hergestellt wurde). Aramid ist schließlich die unverzichtbare Kunstfaser, um das Gewebe mit einem Schmelzpunkt von 370 Grad hochtemperaturbeständig zu machen. Problematisch ist aber die UV-Beständigkeit. Aramid ist die Basis für Markengarne/-gewebe wie Kevlar, Armacor oder Keprotec.
Leder ist bekannt für seinen hervorragenden Abriebschutz. Es ist aber nicht wasserdicht und kann bei Regen schwer und unangenehm werden. Zwar gibt es auch wasserdichte Lederbekleidung, die ist aber richtig teuer. Außerdem kann Leder bei heißem Wetter sehr warm werden, obwohl viele Lederjacken und -hosen Belüftungsöffnungen haben, um die Luftzirkulation zu verbessern. Textil hingegen ist oft wasserdicht und atmungsaktiv, was es zu einer guten Wahl für wechselhaftes Wetter macht. Viele Textiljacken und -hosen haben auch herausnehmbare Thermofutter, so dass du dich an unterschiedliche Temperaturen anpassen kannst.
Weitere Vor- und Nachteile
- Leder:
- Vorteile: Hohe Abriebfestigkeit, gute Passform, langlebig.
- Nachteile: Weniger wetterfest, teurer, pflegeintensiver.
- Textil:
- Vorteile: Vielseitig, wasserdicht, atmungsaktiv, bequemer, günstiger.
- Nachteile: Geringere Abriebfestigkeit, weniger langlebig.
Protektoren
Den Namen "Protektor" dürfen streng genommen nur Schutzpolster tragen, die nach der europäischen Norm 1621-1, -2 und -3 geprüft sind. Beworben werden diese Protektoren als "CE-geprüfte Protektoren". Ihre Aufgabe: Beim Sturz die Aufprallenergie aufnehmen, auf eine größere Fläche verteilen und das Durchschlagen spitzer Gegenstände vermeiden. Ganz einfach: Je dicker ein Protektor ist und je größer die Fläche, die er abdeckt, desto höher die Sicherheit bei einem Unfall. Gut ausgerüstete Kombis müssen dabei keineswegs unbequem sein. Immer häufiger kommen Hightech-(PU-)Schaumstoffe zum Einsatz, die beim Tragen flexibel sind und sich erst beim Aufprall verhärten.
Vorsicht vor dünnen Rückenprotektoren in zweiteiligen Low-Cost-Kombis: Sie sind nicht selten aus billigem Schaumstoff gefertigt und decken wichtige Bereiche der unteren Wirbelsäule gar nicht ab. Hier hilft nur eines: Diese Pseudo-Schützer entfernen und einen separaten, hochwertigen Rückenprotektor unter der Kombi-Jacke tragen! Und wo sollte ein sicherer Motorradanzug Protektoren haben? Am besten an Schulter, Ellenbogen, Rücken, Hüfte, Gesäß, Knie, Schienbein und Fußknöchel.
Pflege und Wartung
Leder benötigt eine besondere Pflege, um es geschmeidig und widerstandsfähig zu halten. Es sollte regelmäßig mit einem geeigneten Lederpflegemittel behandelt werden, um es vor Austrocknung und Rissbildung zu schützen. Leder sollte auch vor extremen Temperaturen und Feuchtigkeit geschützt werden, da diese das Material beschädigen können. Wenn deine Lederbekleidung nass wird, lass sie natürlich trocknen und vermeide direkte Hitze. Auch der Wäschetrockner ist tabu. Textilbekleidung ist in der Regel pflegeleichter. Die meisten Textilien können in der Maschine gewaschen werden, wobei du immer die spezifischen Pflegehinweise des Herstellers beachten solltest. Einige Textilien haben eine wasserdichte Membran, die regelmäßig gereinigt und neu imprägniert werden muss, um ihre Wasserdichtigkeit zu erhalten.
Preisvergleich
Leder kann in der Anschaffung teurer sein als Textil, besonders wenn du dich für hochwertiges, vollnarbiges Leder entscheidest. Aber denke daran, dass Leder bei richtiger Pflege extrem langlebig ist und dir viele Jahre gute Dienste leisten kann. Lederbekleidung kann auch mehrere Stürze mit kleinen, die Sicherheit nicht beeinträchtigenden Blessuren wegstecken, während günstige Textilbekleidung sehr oft bereits nach einem Sturz komplett ausgetauscht werden muss. In diesem Sinne kann Leder- und hochwertige Textilbekleidung eine lohnende Investition sein, die sich über die Zeit amortisiert.
Fazit
Die Wahl zwischen Leder und Textil hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter Fahrstil, Wetterbedingungen, Budget und persönliche Vorlieben. Leder bietet einen hervorragenden Schutz, während Textil vielseitiger und komfortabler sein kann. Wichtig ist, dass die Ausrüstung richtig sitzt und CE-zertifizierte Protektoren vorhanden sind. Egal für welches Material du dich entscheidest, die Sicherheit sollte immer an erster Stelle stehen.
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