Die Geschichte des Motorrads mit Boxermotor

Wenn der Motor das Herz des Autos ist, dann ist der Boxermotor das Herz eines Kämpfers. Wie die Fäuste im namensgebenden Boxkampf rasen hier die gegenüberliegenden Kolben ständig aufeinander zu und entfernen sich auch genauso schnell wieder voneinander. Ausgedacht hat sich diesen Aufbau der Auto-Erfinder schlechthin.

Die Anfänge des Boxermotors

Und alles begann - mal wieder - in der Werkstatt eines gewissen Carl Benz. Da Carl Benz ein Mann der Tat war, setzte er bereits 1897 den etwas sonderbaren Motor mit den zwei gegenüberliegenden Zylindern in die Realität um. Und schon 1898 trieb dieser auf den Namen "Contra-Motor" getaufte Zweizylinder mit 4,2 l Hubraum einen Omnibus an, kleinere 1,7- und 2,7-l-Varianten (5 PS/3,7 kW, 8 PS/5,9 kW) brachten ab 1899 den Benz Dos-à-Dos in Bewegung - den ersten Pkw mit einem Boxermotor.

Der Dos-à-Dos war wie alle "Personenkraftwagen" dieser Zeit mehr Kutsche als Auto - nur ohne Pferde und ohne einen echten Motorraum. Das machte die Unterbringung einer Hubkolbenmaschine irgendwo zwischen Aufbau und Achse gar nicht so leicht. Der flach bauende Boxermotor (oder "Contra"-Motor) ließ sich hier besser integrieren als die bislang gebräuchlicheren Reihenmotoren. Diese hatten aber auch noch einen weiteren Nachteil: Der rüttelnde Motorlauf ließ nicht nur die Personen an Bord erzittern.

Nicht selten entledigten sich Motor und Kutsche wegen der Vibrationen der einen oder anderen lebenswichtigen Verschraubung - in Zeiten ohne Pannendienst war Ankommen also oft Glücksache beziehungsweise an das Reparaturgeschick der Fahrzeugbesatzung geknüpft. Der Boxermotor brachte da mit seiner Laufruhe einen großen Fortschritt.

Funktionsweise und Vorteile

Wie schon in den ersten Entwurfzeichnungen zu sehen, erkannte Carl Benz in diesem Aufbau den Vorteil des Massenausgleichs. Weil die beiden Pleuel der gegenüberliegenden Zylinder nicht - wie bei einem V-Motor - auf einem gemeinsamen Hubzapfen sitzen, sondern auf der Kurbelwelle versetzt gelagert sind und um 180 Grad auseinanderliegen, bewegen sich die beiden Kolben mit ihren Pleueln stets gegenläufig zueinander und sorgen somit für einen nahezu perfekten Ausgleich der durch die Hubbewegung erzeugten Schwingungen.

Dadurch bewegen sich die Kolben der gegenüberliegenden Zylinder stets gegenläufig und erreichen zur selben Zeit jeweils den oberen und unteren Totpunkt. Daraus ergibt sich ein nahezu perfekter Ausgleich der hin- und herschwingenden Massen, der einen gleichförmigen, vibrationsarmen Motorlauf zur Folge hat.

Durch die getrennte Pleuel-Lagerung sitzen auch die gegenüberliegenden Zylinder nicht ganz auf gleicher Höhe, sondern sind leicht versetzt. Das kann man sich seit 1923 bis heute noch an jeder BMW aus der R-Reihe verdeutlichen, wenn man von oben auf die beiden nach links und rechts herausragenden Zylinder schaut.

Der Aufbau des Boxermotors funktioniert jedoch nicht nur als Zweizylinder vibrationsarm, sondern im Grunde mit jeder geraden Anzahl an Zylindern, weil sich immer ein Zylinderpaar leicht versetzt einander gegenüberliegt.

Der Boxermotor im VW Käfer und Porsche

Undenkbar wären die famosen Porsche-Sportwagen ohne den VW Käfer, ursprünglich eine Entwicklung von Ferdinand Porsche, der die Motorisierung in Deutschland prägte wie kein anderes Modell. Der 911-Vorgänger Porsche 356 (1950 bis 1965) bestand anfangs aus Käfer-Elementen, wozu auch der luftgekühlte Vierzylinder-Boxermotor gehörte.

Bis zu seiner Einstellung behielt der VW Käfer, der zuletzt bis 2003 in Mexiko vom Band lief, seinen luftgekühlten Vierzylinder-Boxer im Heck, der den typischen Stakkato-Klang erzeugte, mit dem die Nachkriegsgenerationen in Deutschland und Europa aufwuchsen. Einen Käfer - und seine komplette Boxer-Verwandtschaft wie Transporter, Bus, Karmann Ghia und so weiter - konnte und kann man stets am Klang erkennen. Übrigens genau wie den Citroën 2CV, besser bekannt als die "Ente".

Gebaut von 1948 bis 1990, arbeitete auch hier ein luftgekühlter Boxermotor, allerdings in eher schwindsüchtiger Ausführung als Zweizylinder an der Vorderachse - anfangs mit neun PS (6,6 kW) aus 0,375 Litern Hubraum, später dann ein wenig stärker, aber immer hart an der Grenze zur Untermotorisierung. Vor allem in Frankreich leistete die "Ente" mit dem unverwüstlichsten Boxer Historisches bei der Motorisierung sämtlicher Bevölkerungsschichten.

BMW und der Boxermotor

Den blubbernden Sound der Boxermotoren kennt man auch von BMW. Dafür muss man sich nur in die Zweiradabteilung begeben, wo bereits seit 1923 die Motorräder der R-Baureihe mit ihren typischen zwei nach links und rechts vor den Schienbeinen des Fahrers herausragenden Zylindern gebaut werden. Die treue einheimische Boxergemeinde macht BMW alljährlich zur erfolgreichsten Motorradmarke in Deutschland, allen voran mit den beliebten GS-Enduros.

Aller BMW-Boxer-Modelle Anfang: Am 28. September 1923 präsentiert BMW in Berlin die R 32. Premierenort ist die 15. Deutsche Automobilausstellung - die Geburtsstunde der BMW Motorradsparte. Bis dahin hatten sich die noch jungen Bayerischen Motoren Werke (Gründung 1916 als Bayrische Flugzeug-Werke AG) auf Flugzeug-, Boots- und Lkw-Motoren konzentriert. Die R 32, das erste von BMW selbst hergestellte Motorrad, zeigt bereits alle typischen Merkmale heutiger Boxermodelle: längs eingebauter Zweizylinder-Boxer, angeblocktes Getriebe und Kardanantrieb.

Innerhalb von drei Jahren entstehen 3.090 Einheiten der R 32, die BMW schon damals den Ruf eines Premiumherstellers einbringt - und jahrzehntelang das Design prägt.

Der Chef im Boxring ist jedoch seit 2019 die BMW R 18 mit einem der mächtigsten Motorrad-Zweizylinder: Achtzehnhundertundzwei Kubik, 91 PS (67 kW), 158 Newtonmeter. Der 1,8-Liter wird trotz seiner Größe sicherlich keine Karriere als Pkw-Antrieb machen. Anders war das bei der BMW R 67, deren Zweizylinder-Boxer in modifizierter Form ab 1959 den Kleinwagen BMW 700 antrieb. Ansonsten bleibt der Boxermotor mit seinem unpopulären Aufbau bei BMW den Zweiradfreund:innen vorbehalten.

BMW Boxer-Modelle im Überblick

Modell Baujahre Verkaufte Einheiten Leistung Hubraum
R 32 1923-1926 3.090 6,25 kW/8,5 PS 494 ccm
R 37 1925-1926 152 12 kW/16 PS 494 ccm
R 17/ R 12 1935-1942 36.000 22 kW/33 PS 736 ccm
R 5 1936-1937 2.652 18 kW/24 PS 494 ccm
R 68 1952-1954 1.452 26 kW/35 PS 594 ccm
R 75/5 1969-1973 38.370 37 kW/50 PS 745 ccm
R 80 G/S 1980-1987 21.864 37 kW/50 PS 798 ccm
R 100 GS 1987-1996 34.007 44 kW/60 PS 980 ccm
R 1100 GS 1993-1999 43.628 59 kW/80 PS 1.085 ccm
R 1150 GS 1999-2003 58.023 62,5 kW/85 PS 1.130 ccm
R 1200 GS (K25) 2004-2012 184.399 77 (81) kW/105 (110) PS 1.170 ccm

Subaru als erfolgreicher Boxermotor-Produzent

Nicht unerwähnt bleiben darf der größte und erfolgreichste Hersteller von Boxer-Fahrzeugen: Bereits seit 1966 baut Subaru mit diesem Motor seine Pkw, die in der Regel über alle vier Räder angetrieben werden - das macht inzwischen weit über 20 Millionen Boxermotoren, darunter auch der einzige Pkw-Turbodiesel-Boxer.

Seit 1966 hat Subaru weltweit deutlich über 20 Millionen Fahrzeuge abgesetzt - fast alle mit Allradantrieb und Boxermotor unter der Haube.

Weitere Anwendungen des Boxermotors

In der Historie der Boxermotoren gibt es natürlich noch mehr zu entdecken. In den USA setzte man schon früh auf den Boxer, wenn auch eher selten, etwa im Ford Model A. Unvergessen sind auch der Tucker Torpedo oder der Chevrolet Corvair. In Europa machte sich der Flachmann unter den Motoren auch in Italien verdient, zum Beispiel in diversen Lancia, im Alfasud sowie im Alfa 33, wogegen der zwölfzylindrige Ferrari 512 BB von 1976 zwar Berlinetta Boxer hieß, aber eigentlich einen 180-Grad-V-Motor hatte.

Der Porsche 911 und der Boxermotor

Besonders der kurzhubig ausgelegte und damit äußerst drehfreudige Boxermotor mit sechs Zylindern ist bis heute untrennbar mit der deutschen Sportwagenmarke schlechthin verbunden - Porsche. Und das bedeutet vor allem 911. Seit 1964 arbeitet im Heck der Sportwagen-Ikone ein Sechszylinder-Boxer, der durch sein niedrig und kurz bauendes Format das typische elegante 911-Design mit dem flach auslaufenden Heck erst ermöglicht. Hinzu kommt ein herrlich harmonischer Sechszylinder-Sound, der den Elfer bis heute prägt.

Im Ur-Elfer arbeitete ein 2,0-l-Sechszylinder-Boxer mit 130 PS (96 kW) und 174 Nm. Von Anfang an zählte die kurzhubige Auslegung mit großer Bohrung (damals bereits 80 Millimeter, später bis zu 100 mm im 911 Carrera) und großen Ventilquerschnitten zu den Grundeigenschaften des 911-Motors. Der flüssigkeitsgekühlte 3,0-l-Boxer im aktuellen Basis-Elfer ist - auch wegen der Biturboaufladung - deutlich stärker (385 PS/283 kW, 420 Nm) als das Ur-Modell. Weitere Merkmale: Gaswechselsteuerung mit variablen Steuerzeiten und Ventilhubumschaltung, präzises Direkt-Einspritzungssystem und aufwendige Abgasnachbehandlung.

Mit seinen 96 kW (130 PS) zählte der 911 beim Start 1963 nicht gerade zu den stärksten, dank seines Fahrverhaltens aber durchaus zu den schnellen und wettbewerbsfähigen Sportwagen. Im Lauf der Jahrzehnte wurde aber auch der Elfer durch die Verbesserung der Gaswechselsteuerung, Turboaufladung, Umstellung von Luft- auf Flüssigkeitskühlung und nicht zuletzt durch die aufwendige Abgasreinigung zu dem leistungsfähigen und hocheffizienten Sportgerät von heute - zum Beispiel der 911 GT3 RS, dessen Vierliter-Boxermotor ohne Aufladung stramme 525 PS (386 kW) leistet. Stärkster Serien-Elfer ist der 911 Turbo S mit 650 PS (478 kW).

Klar, dass sich die effizienten, kompakten Porsche Boxer-Antriebe auch im Motorsport bewährten, wo sie durch den flachen Aufbau zudem für einen niedrigen und fahrdynamisch günstigen Schwerpunkt sorgten. Bereits 1962 gewann Dan Gurney im Porsche 804 den Großen Preis von Frankreich. Im Heck des bis heute einzigen komplett von Porsche entwickelten und gebauten Formel 1-Autos arbeitete ein 185 PS (136 kW) starker 1,5-l-Achtzylinder-Boxermotor.

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