Muskelschmerzen nach dem Training können auf eine muskuläre Dysbalance hinweisen. Ob du trainierst, um Muskeln aufzubauen, abzunehmen oder einfach nur fit zu bleiben: Mit Dysbalancen in der Muskulatur wirst du eher Schaden anrichten, als dass es dich voranbringt. Ich gebe dir zum Thema Muskelungleichgewicht das nötige Hintergrundwissen, sowie Tipps zur Vorbeugung und Selbsttherapie.
Was ist eine muskuläre Dysbalance?
Wenn funktionell gegenüberliegende Muskeln aus dem Gleichgewicht geraten sind, spricht die Medizin von einer muskulären Dysbalance. Für die Ausübung einer Bewegung braucht es immer zwei unterschiedliche Arbeitsgruppen. Die einen ziehen, die anderen werden gedehnt. Läuft alles normal, befinden sich, nach getaner Arbeit, beide Muskelgruppen wieder in ihrem Grundtonus.
Ein perfekter Körper ohne muskuläre Dysbalancen ist die absolute Ausnahme. Ein Muskelungleichgewicht entwickelt sich schleichend und wird von den Betroffenen erst wahrgenommen, wenn es zu schmerzhaften Ausprägungen und Bewegungseinschränkungen kommt.
Ursachen muskulärer Dysbalancen
Die möglichen Ursachen sind breit gefächert. Genetische Fehlbildungen kommen ebenso in Frage, wie erworbene Fehlhaltungen. Kompensationsmechanismen sind Begleiterscheinungen vieler Erkrankungen. Ebenso Erkrankungen des zentralen Nervensystems und des motorischen Nervengewebes.
Bewegungsarmut und Fehlhaltungen sind oft die Ursache dafür, dass manche Muskeln nicht mehr fähig sind, in ihren Ruhetonus zu gelangen oder erschlaffen. Langes Sitzen und monotone, unphysiologische Bewegungsabläufe bringen die Muskeln aus ihrem Gleichgewicht. Durch dieses Verhalten können auch Triggerpunkte (verhärtete Muskelknoten) entstehen.
Ein häufiger Auslöser muskulärer Dysbalancen ist die unsachgemäße Ausübung von Sportarten. Günstig sind Sportarten, die den Muskelapparat möglichst vollumfänglich arbeiten lassen, wie Schwimmen, Laufen oder Radfahren. Aber auch bei diesen Disziplinen kann es zu einer Dysbalance kommen. Zum Beispiel dann, wenn lediglich Brustschwimmen trainiert wird, wenn sich ein falscher Laufstil eingeschlichen hat oder der Fahrradsattel zu niedrig eingestellt ist.
Sportarten mit einer einseitigen Belastung, wie zum Beispiel Fußball, Golf und Tennis, benötigen ein Ausgleichstraining, um Dysbalancen zu vermeiden. Auch beim Bodybuilding und Krafttraining besteht eine große Gefahr, dass zu einseitig trainiert wird.
Anatomisch kommt es bei einem Beckenschiefstand, bei ungleichen Beinlängen, einem Schiefhals und Rundrücken zwangsläufig zu muskulären Dysbalancen. Egal, ob genetisch bedingt oder erworben. Auch rheumatische und nervale Erkrankungen wie Morbus Bechterew und Multiple Sklerose führen zu Störungen der muskulären Balance.
In allen Fällen ist es wichtig, die Ursache der Beschwerden zu finden. Beispiel: Unbehandelte rheumatische Gelenkschmerzen führen mit der Zeit zu Schonhaltungen und Kompensationsbewegungen und damit zu einem Muskelungleichgewicht. Verständlich, denn ein entzündetes, schmerzendes Gelenk wird vorzugsweise in einer nicht so stark schmerzenden Stellung ruhig gehalten.
Andersherum kann eine Dysbalance auf Dauer die Knorpel der Gelenke schädigen, da sie nicht mehr vollumfänglich und ausgeglichen bewegt werden. Häufige Muskelverspannungen und Gelenkbeschwerden können Anzeichen einer Störung des Gleichgewichts der Muskeln sein.
Auswirkungen einer muskulären Dysbalance
Ein unbemerktes Muskelungleichgewicht kann mit der Zeit zu einem ausgewachsenen Problem werden. Eine länger andauernde Dysbalance bringt auch benachbarte Muskelgruppen aus dem Gleichgewicht. Die dazugehörigen Gelenke, werden nicht mehr physiologisch korrekt bewegt. Dadurch fehlt dem Gelenk die Schmiere und die Knochen reiben schmerzhaft gegeneinander. Es kommt zu einer Muskel-Gelenk Dysbalance und im weiteren Verlauf zur Arthrose.
Beispiele für muskuläre Dysbalancen
- Eine muskuläre Dysbalance im Schulterbereich entsteht meistens unter Beteiligung des aktiven Deltamuskels, der Brustmuskulatur und den eher unbeanspruchten Außenrotatoren der Schulterrückseite. Besonders bei Überkopfsportarten (Tennis, Volleyball) und beim Krafttraining, kann es hier zu einem Muskelungleichgewicht kommen.
- Die Hauptdarsteller einer muskulären Dysbalance im Rücken sind der große Brustmuskel (tonisch) und der Kapuzenmuskel (phasisch). In vielen Fällen sind Haltungsschäden die Auslöser dieser Dysbalancen.
- Muskuläre Dysbalancen im unteren Rücken entstehen oft zwischen den geraden, schrägen Bauchmuskeln (phasisch) und dem unteren Rückenstrecker (tonisch). Weitere beteiligte Muskeln können die Hüftlendenmuskeln, die Gesäßmuskulatur sowie die Oberschenkelmuskeln sein. Ein langgestrecktes Hohlkreuz ist ein äußerliches Zeichen für dieses Ungleichgewicht.
- Bei den Beinen sind es vor allem die tonischen Wadenmuskeln, die sich im Ungleichgewicht zu den phasischen Schienbeinmuskeln befinden.
Vorbeugung muskulärer Dysbalancen
Die besten Maßnahmen zur Vorbeugung lassen sich aus den häufigsten Ursachen für ein Muskelungleichgewicht ableiten. Wenn du diesen Artikel liest, wird Sport für dich kein Fremdwort sein.
Regelmäßige Bewegung und Forderung aller Muskelgruppen sind die besten Maßnahmen zur Vorbeugung. Es gibt Sportarten, die nahezu sämtliche Muskeln fordern, wie Schwimmen oder ein ausgewogenes Krafttraining, und es gibt einseitig fordernde Sportarten. Bei diesen Sportarten musst du unbedingt für einen muskulären Ausgleich sorgen.
Es ist egal, welche Sportart du ausübst, ob du läufst, Yoga machst oder Bodybuilding. Wenn die Haltungen und Bewegungsabläufe nicht physiologisch korrekt durchgeführt werden, schadest du deinen Muskeln mehr, als dass sie davon profitieren. Es lohnt sich immer, als Anfänger einer neuen Sportart, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Dies ist besonders bei Kraftsportarten Pflicht!
In Fachkreisen werden die Vor- und Nachteile seit Jahren kontrovers diskutiert. Ebenso, ob Dehnen vor oder nach einem Kraft- oder Ausdauertraining Sinn macht. Unstrittig ist, dass ein Auf- und Abwärmen der Muskeln bei jedem Training wichtig ist.
Diese beiden Faktoren dürfen nicht unerwähnt bleiben, weil sie einen großen Einfluss auf die Muskelgesundheit haben, daher: Nimm dein Umfeld aus Sicht einer physiologisch gesunden Körperhaltung kritisch unter die Lupe. Besonders den Arbeitsplatz sowie die Sitz- und Schlafmöbel. Gestalte deinen Lebensstil so aktiv wie möglich.
Selbsttherapie bei muskulären Dysbalancen
Wenn du aufgrund der Symptome oder durch Hinweise von außen, muskuläre Dysbalancen bei dir vermutest, wird es höchste Zeit zu handeln. Bis zu einem gewissen Grad kannst du durchaus selbst etwas dagegen tun. Sobald du ausfindig gemacht hast, welche Muskelgruppen von einem Ungleichgewicht betroffen sind, solltest du dich an die Arbeit machen.
Sind Muskeln dauerhaft verkürzt, gilt es in erster Linie, Entspannungs- und Dehnungsübungen zu absolvieren. Abgeschwächte Muskeln müssen dagegen gestärkt werden. Grundsätzlich raten Orthopäden zunächst Verkürzungen (Verspannungen) zu behandeln, bevor die abgeschwächten Muskeln aufgebaut werden.
Gegen abgeschwächte Muskeln hilft ein gezielt auf diese Muskeln ausgerichtetes Krafttraining. Hier solltest du professionelle Unterstützung, zum Beispiel in deinem Fitnessstudio, in Anspruch nehmen.
Für die Diagnose einer muskulären Dysbalance stehen den Physiotherapeuten und Orthopäden diverse Messmethoden zur Verfügung. Scheue dich nicht, bei hartnäckigen Beschwerden über einen längeren Zeitraum, diese Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Knieschmerzen beim Radfahren
Das Kniegelenk ist beim Fahrradfahren einer konstanten Belastung ausgesetzt. Viele Menschen, die unter Knieproblemen leiden, stellen sich die Frage, ob Fahrradfahren ihre Beschwerden verschlimmern oder sogar lindern kann. Knieprobleme entstehen häufig durch Überbelastung, Fehlstellungen, frühere Verletzungen oder degenerative Erkrankungen wie Arthrose. Typische Symptome sind Schmerzen an der Kniescheibe, am Innen- oder Außenband sowie Entzündungen oder Schwellungen.
Fahrradfahren wird grundsätzlich als gelenkschonende Sportart betrachtet, da das Körpergewicht größtenteils vom Sattel getragen wird und das Knie keine Stoßbelastungen wie beim Laufen erfährt. Dennoch kann falsches Training oder eine unpassende Fahrrad-Ergonomie das Risiko für Knieprobleme erhöhen. Unter optimalen Bedingungen kann Radfahren sogar ein therapeutischer Ansatz bei Kniebeschwerden sein. Moderate Bewegungsabläufe fördern die Durchblutung, stärken die Muskulatur rund ums Knie und unterstützen den Erhalt der Beweglichkeit. Richtig ausgeübt, kann Fahrradfahren bei Knieproblemen sogar zur Verbesserung der Beschwerden beitragen. Entscheidend sind eine individuelle Anpassung des Fahrrads, das Beachten der eigenen Belastungsgrenzen und präventive Maßnahmen.
Rad-spezifische Fehleinstellungen, die zu Knieschmerzen während des Radfahrens führen können
Als erste Ursache für Knieschmerzen beim Radfahren lassen sich oft falsch eingestellte Cleats nennen. Ein zu weit nach vorn gestelltes Cleat bringt das Knie am oberen Wendepunkt höher und führt damit zu einem spitzen Kniewinkel beim Einstieg in die Druckphase. Sehr ungünstig, da dies zu ungünstigen Kraftverhältnissen rund um die Kniescheibe (sog. retro-patellarem Druck) führen kann. Gleiches gilt im übrigen auch für eine zu lange Kurbellänge! Im Zweifelsfall also das Cleat nach hinten nehmen (und eventuell die Kurbellänge verkürzen)! Ebenso kann ein Cleat mit falsch eingestellter Rotation zu Rotationsbewegungen und damit Scherkräften über die Knieachse führen. Hier sollte man darauf achten, dass man (pauschal betrachtet) das Cleat so einstellt, dass die Ferse des Fußes leicht nach innen rotiert.
Wirklich einer der häufigsten Verursacher von Knieschmerzen beim Radfahren ist eine schlecht eingestellte Sitzhöhe. Ein zu tief eingestellter Sattel führt zu einem spitzen Kniewinkel beim Einstieg in die Druckphase und damit zu ungünstigen Kraftverhältnissen rund um die Kniescheibe. Ein zu hoch eingestellter Sattel hingegen bringt oft eine Überstreckung des Knies mit sich und reizt dabei gerne Ansätze der hinteren Muskulatur und vor allem des Tractus Iliotibialis.
Auch die Wahl des richtigen Sattels, vor allem aber auch dessen Lage (in Vor- Rückrichtung) und Neigung beeinflussen stark die Belastung des Knies. Ein extrem nach vorne gestellter, sowie nach vorne geneigter Sattel verlagern den Körperschwerpunkt nach vorne und erzeugen eine Art „Drehmoment“ auf dem Rad. Der Körper „Kippt“ nach vorne. Dies, gepaart mit etwas schwacher Körperhaltemuskulatur führt oft zu einer Kompensation im Tritt. Es wird im Einstieg der Druckphase etwas gegen das Pedal „gestemmt“ um sich quasi auf dem Sattel stabil zu halten. Hier wird erneut viel Kraft bei spitzem Kniewinkel erzeugt, was zu Überlastung führen kann.
Auch die Lage des Cockpits beeinflusst die Belastung des Knies. Ähnlich wie ein schlecht eingestellter Sattel beeinflusst auch das Cockpit die Lage des Körperschwerpunkts auf dem Rad. Ein zu weit entferntes Cockpit „zieht“ den Körper sozusagen nach vorne auf dem Rad.
Was tun, wenn das Rad ok eingestellt ist und ich trotzdem Knieschmerzen beim Radfahren habe?
Sehr viel häufiger tauchen allerdings Knieschmerzen beim Radfahren auf OHNE offensichtlichen Fehler in der Radeinstellung gibt. Warum?
Schmerzen haben meistens etwas mit fehlerhafter bzw. nicht adäquater Muskelbeanspruchung zu tun. Viele Muskeln machen nicht wirklich das „wofür sie vorbereitet bzw. gemacht wurden“. Oft auch einfach aus dem Grund, weil andere Muskeln nicht das tun was sie sollen und andere Muskeln entsprechend deren „Aufgaben übernehmen“. Dies gilt sowohl für alle Muskel, die direkt Kraft auf das Pedal bringen, wie auch Muskeln, die den Körper fixieren und halten während Kraft übertragen wird.
Eines der größten und gängigsten Probleme in Relation zu Knieschmerzen beim Fahrradfahren sind Dysbalancen und Schwächen hüftumliegender Muskulatur. Hüftbeugende Muskeln, die für die Pedalbewegung essenziell sind, werden permanent verkürzt. Die gluteale Muskulatur (Gesäßmuskeln), die bei der Pedalbewegung kraftvoll nach hinten unten strecken könn(t)en werden quasi permanent „ausgeschaltet“.
Körperstatik: Wie sehr nimmt sie Einfluss auf sportlichen Erfolg?
Angesichts immer weiter verfeinerter Trainingsmethoden, optimierter Ernährungsstrategien und scheinbar grenzenlosem Materialtuning: Bleibt da möglicherweise ein wesentlicher Bereich unberücksichtigt - eben die Körperstatik des Radsportlers?
“Das Zusammenspiel von Muskeln, Sehnen, Faszien und dem Skelett mit seinen Gelenken ist maßgebend für unsere Körperstatik”, sagt Dr. Oliver Ludwig von der Technischen Universität in Kaiserslautern. Der Diplom-Biologe ist Experte für Sportbiomechanik mit den Schwerpunkten der Haltungs- und Bewegungsanalyse.
“Die Körperstatik, umgangssprachlich die Körperhaltung, passt sich immer wieder den Anforderungen des Alltags, des Sporttreibens und den durch Verletzungen provozierten Abweichungen im Körper an.” Radsportler seien hier besonders anfällig für Defizite und daraus resultierende Probleme, unabhängig davon, ob ein angeborener Rechts-Links-Unterschied oder muskuläre Ungleichgewichte vorliegen.
“Der Radsport ist eine der wenigen Sportarten, bei denen sich ein sehr flexibles System, der Mensch, an ein sehr starres System, das Rad, ankoppelt. Durch diese mechanische Koppelung können zum einen muskuläre Dysbalancen entstehen, zum anderen wirken sich anatomische Asymmetrien, zum Beispiel ein zu kurzes Bein, stark auf die Bewegung des Beckens und damit der Lendenwirbelsäule aus”, erklärt Dr. Ludwig.
Der Fuß als Fundament
Die Füße als das Fundament des Menschen haben entscheidenden Einfluss auf die Körperstatik. Auf diesen wenige Quadratzentimeter großen Flächen lastet das komplette Körpergewicht, Tausende Schritte werden täglich zurückgelegt. “Der Fuß ist beim Radfahren das Bindeglied zwischen Sportler und Material, durch ihn wird die Kraft auf das Rad übertragen”, weist Bikefitting-Experte Jens Machacek auf die Bedeutung der Füße hin, die seiner Meinung nach zu wenig beachtet wird.
“Probleme in den Gelenkebenen Knie, Becken und Rücken resultieren meiner Erfahrung nach sehr oft aus einer mangelnden oder falschen Torsion des Fußes. Diese Verdrehung ist aber entscheidend für den Leistungs-Output auf dem Rad”, meint er. Aus dieser Erkenntnis heraus hat Machacek eine spezielle orthopädische Einlegesohle für Radschuhe entwickelt. “Damit lässt sich nicht nur die Druckverteilung im Schuh optimieren, auch die Unterschenkelrotation und die Kniestabilität profitieren von der individuellen Fußbettung”, beschreibt er das Wirkungsprinzip der Einlagen.
Zudem lasse sich der Leistungsgewinn, gemessen in Watt, mit diesem Hilfsmittel erhöhen. “Fehlhaltungen und Ausweichbewegungen bedeuten automatisch immer Kraftverlust, einhergehend mit Einbußen in der Wattabgabe”, so Machacek.
Körperstatik: Knie dicht ans Oberrohr?
Da der Körper eine Kette von Gelenken beschreibt, beeinflusst die Fußstellung zwangsläufig auch die Haltung der Knie. Und wird ein Gelenk in seiner Stellung verändert, hat das Auswirkungen auf andere Gelenke. “Früher hat man Radsportler dazu angehalten, die Knie möglichst aerodynamisch nahe ans Oberrohr zu schieben. Heutzutage ist die Wissenschaft weiter und hat erkannt, dass es biomechanisch günstiger ist, Knie und Fußspitze beim Treten in einer Linie verlaufen zu lassen”, sagt Machacek.
Kommt es im Alltag oder beim Radfahren immer wieder zu Knieschmerzen, empfiehlt Dr. Ludwig zunächst zur Abklärung der Beschwerden eine ärztliche Diagnose. Gravierende Knieerkrankungen können dabei erkannt beziehungsweise auch ausgeschlossen werden. Sollten Physiotherapie und gezielte Übungen keine dauerhafte Linderung herbeiführen, rät er zu einer Haltungs- und Bewegungsanalyse.
“Diese Abweichungen der natürlichen Beinachse können durch gezieltes Kraft- und Mobilitätstraining kompensiert werden”, empfiehlt der Analytiker. “Die kostengünstigste Analyse ist übrigens das eigene Auge”, meint Ludwig.
Die wichtige Mitte für die Körperstatik: Das Becken
Hinsichtlich einer Gesetzmäßigkeit sind sich die Experten einig: Im Zentrum des Körpers, im Beckenbereich, lässt sich ein Großteil der Ursachen für Schmerzen beim Pedalieren ausfindig machen. Ein Beckenschiefstand, ein zu kurzes Bein aufgrund einer Beinlängendifferenz; diese Auffälligkeiten wirken sich stark auf die Bewegung des Beckens und damit auch auf die Lendenwirbelsäule aus. “Eine ungünstige Sattelpositionierung bei Beinlängendifferenz führt immer wieder zu Schmerzen im Lendenwirbelbereich aufgrund einer starken einseitigen Kippbewegung des Beckens”, erklärt Dr. Ludwig.
Machacek hat beobachtet, dass zunehmend öfter Muskelverkürzungen auftreten und interpretiert das als Folgeerscheinung der Corona-Jahre: “Von mir betreute Sportler haben aktuell mehr Verkürzungen in der hinteren Oberschenkel-, Gesäß- und unteren Rückenmuskulatur. Vermutlich durch vermehrtes Sitzen während Covid. Das schränkt die Beweglichkeit des Beckens erheblich ein.” Für diese Muskelpartien empfiehlt er regelmäßiges Dehnen, denn ohne eine vernünftige Beckenkippung müsse es zwangsläufig zu Problemen auf dem Sattel und im Schulter-Nacken-Bereich kommen.
Das doppelte S: Die Wirbelsäule
Viele Radsportler, insbesondere wenn sie mit dem Rennradfahren beginnen, klagen über Schmerzen in Schultern und Nacken. “Das ist erst einmal nicht ungewöhnlich”, konstatiert Machacek. “Die Position auf einem Rennrad ist eine ganz andere als auf einem City- oder Trekkingrad. Wir müssen durch die Krümmung des Rennlenkers deutlich weiter nach vorne greifen, sitzen dadurch gestreckter auf dem Rad. Hinzu kommt, dass der Sattel höher als der Lenker steht, um eine aerodynamische Position einnehmen zu können. An diese sogenannte Überhöhung müssen sich unsere Statik und vor allem die Wirbelsäule erst gewöhnen.”
Ein seitlicher Blick auf die Wirbelsäule des Menschen lässt sofort erkennen, dass diese in ihrem Verlauf einem doppelten S gleicht. Diese S-Form kann von Geburt an oder durch einseitiges Verhalten von der Norm abweichen. Schmerzen in der Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule sind dann nicht selten. Da die Wirbelsäule an ihren jeweiligen Enden mit Kopf und Becken verbunden ist, kann es auch in diesen Körperebenen zu Problemen kommen.
Piriformis Syndrom
Das Piriformis-Syndrom kann durch Radfahren ausgelöst werden und zu schmerzhaften Beschwerden führen. Diese Schmerzen können - ähnlich wie bei einem Bandscheibenvorfall - vom Rücken bis in die Beine ausstrahlen. Der Piriformis-Muskel ist für das Heben und Drehen des Oberschenkels verantwortlich und wird daher beim Radfahren naturgemäß stark beansprucht. Durch den einseitigen Bewegungsablauf und die häufige Verkürzung der Muskulatur bei Radfahrern drückt der Muskel gerne auf den Ischiasnerv. Die Folge sind Schmerzen und die gefürchteten Taubheitsgefühle in den unteren Extremitäten. Vor allem bei längeren Fahrten in der gleichen Sitzposition können die Schmerzen extrem werden.
Rückenschmerzen auf dem Fahrrad
Grundsätzlich stärkt Radfahren die Rückenmuskulatur und stabilisiert die Wirbelsäule. Allerdings kann gerade die Rückenmuskulatur bei untrainierten Sportlern durch die nach vorne gebeugte Haltung schnell überlastet werden. Schmerzen in Rücken, Armen und Handgelenken sind die Folge. Je gestreckter die Haltung, desto stärker wird die Muskulatur belastet. Eine große Sattelüberhöhung verbessert zwar die Aerodynamik und die Krafteinleitung in die Pedale, allerdings muss dann auch die Rumpfmuskulatur entsprechend trainiert werden. Wer also mit Rückenschmerzen zu kämpfen hat, sollte auf eine aufrechtere Sitzposition setzen.
Nacken- und Schulterschmerzen
Durch die nach vorne gebeugte Haltung auf dem Fahrrad lastet natürlich ein gewisses Gewicht auf den Schultern. Je gestreckter die Sitzposition ist, desto stärker werden die Schultern belastet. Um die Schultern zu entlasten, reicht es oft schon aus, eine etwas aufrechtere Sitzposition einzunehmen. Hier kann man mit Sattel und Lenker experimentieren. Manchmal hilft auch ein schmalerer Lenker.
Häufig liegt die Ursache der Beschwerden nicht in der Einstellung des Fahrrades, sondern in der eigenen Körperhaltung. Radfahrer neigen dazu, die Arme durchzustrecken, so dass Stöße (z.B. durch Unebenheiten auf der Strecke) nahezu ungefedert auf die Schultern übertragen werden. Besonders auf Rennrädern und anderen ungefederten Fahrrädern kann dies zu starken Schmerzen führen. Deshalb sollten die Ellbogen immer leicht gebeugt sein, damit das Ellbogengelenk nicht blockiert und die Arme die Stöße abfedern können.
Hüftschmerzen
Viele Radfahrer leiden unter Schmerzen im unteren Rückenbereich. Oft ist aber nicht die Rückenmuskulatur dafür verantwortlich, sondern der Iliopsoas. Dieser gehört zur inneren Hüftmuskulatur und sorgt für die Beugung der Hüfte. Er setzt am Oberschenkelknochen an und zieht bis zur Wirbelsäule. Ist dieser Muskel überlastet oder verkürzt, zum Beispiel durch eine zu starke Hüftbeugung, können Rückenschmerzen auftreten. Neben Kräftigungsübungen für den Musculus iliopsoas helfen in diesem Fall natürlich auch Dehnübungen.
Oberschenkelschmerzen
Schmerzen im Oberschenkel sind meist auf muskuläre Probleme zurückzuführen. Schließlich arbeiten im Oberschenkel sehr große und kräftige Muskeln wie der Quadrizeps. Ein Ungleichgewicht zwischen Streckern, Beugern und Adduktoren kann daher Schmerzen auslösen. Hier ist also auf ein abwechslungsreiches Training zu achten, das der einseitigen Belastung durch das Radfahren entgegenwirkt. Außerdem, und das wird der eine oder andere schon vermutet haben, sollte man auch die Oberschenkel gut dehnen.
Gesäßschmerzen beim Radfahren
Als einer der drei Kontaktpunkte zwischen Fahrrad und Fahrer ist der Sattel natürlich elementar für eine bequeme Sitzposition. Da jeder Radfahrer ein anderes Gesäß hat, sollte man sich hier genügend Zeit nehmen oder eine professionelle Beratung in Anspruch nehmen. Um den richtigen Sattel zu finden, wird in der Regel der Abstand zwischen den Sitzbeinhöckern gemessen. Dies geschieht meist mit einer einfachen Wellpappe, auf die man sich setzt. Hocker in der richtigen Höhe simulieren die Sitzposition auf dem Fahrrad. Wer sich also auf einen beliebigen Stuhl setzt, erhält unter Umständen kein genaues Ergebnis.
8 Tipps für mehr Körperstabilität
- Arztbesuch: Wer auch im Alltag immer wieder Probleme mit den Füßen, Knien oder dem Rücken hat, sollte sich auf Ursachenforschung begeben und zwecks Diagnose einen Orthopäden oder Sportmediziner aufsuchen.
- Haltungs- und Bewegungsanalyse: Ein Körperscreening liefert wichtige Erkenntnisse, an welchem Punkt des Körpers es anzusetzen gilt. Mit der App “myDartfish Express” lassen sich eigene Haltungs- und Bewegungsaufnahmen selbst analysieren.
- Bikefitting: Über eine Sitzpositionsanalyse mit Sattel- und Fußdruckmessung können durch Korrektur der Sitzhöhe und -länge Schmerzen beim Radfahren beseitigt werden.
- Regelmäßiges Dehnen: Die hintere Muskelkette (unterer Rücken, Gesäß und hinterer Oberschenkel) sollte regelmäßig gedehnt werden. Zwei- bis dreimal pro Woche in das Training einbauen, jeweils für acht Atemzüge in der Dehnung verweilen.
- Passende Komponenten: Mit einem Wechsel auf ergonomische Sättel oder Pedale lassen sich Achsabweichungen und Asymmetrien gut kompensieren.
- Functional Movement Screen (FMS): Dieser einfache Test wird in vielen Fitnessstudios angeboten. Der Screen besteht aus der Durchführung von sieben Bewegungsmustern. Private Versicherer zahlen gegebenenfalls auch Körperanalysen.
Verwandte Beiträge:
- Wadenkrämpfe beim Radfahren: Ursachen, Vorbeugung & Behandlung
- Schlafende Zehen beim Radfahren? Ursachen & Lösungen
- Ironman Radzeiten: Optimierung & Strategien für die perfekte Performance
- Leichte E-Bikes für Frauen im Test: Die besten Modelle & Kaufberatung entdecken!
- FollowMe Fahrrad Alternative: Entdecke die Top-Optionen für stressfreie Fahrradtouren mit Kindern!
Kommentar schreiben