Test: Niu M1 Pro Elektroroller im Stadtverkehr

Elektromobilität scheint langsam markttauglich zu werden. Immer mehr E-Modelle sind in Deutschland verfügbar. Wer nicht mindestens 30.000 Euro ausgeben will und trotzdem in den Genuss eines Elektrofahrzeuges kommen möchte, sollte sich den E-Roller NIU M1 Pro anschauen. BILD stromerte eine Woche lang mit dem Niu M1 durch die Stadt und checkte, ob der Tamagotchi-Roller mithalten kann. Wir sind mit dem kleinen Flitzer für zwei Wochen durch Berlin gefahren und verraten euch im Test, ob wir den kompakten Strom-Scooter weiterempfehlen können.

Das ist der Niu M1 Pro

Der M1 ist der Neue von Niu aus China (240 000 verkaufte E-Roller seit Juni 2015), das Einstiegsmodell für die Stadt. 59 Kilogramm leicht, schmal und knapp kürzer als ein Fahrrad. Damit man ihn trotzdem sieht, umfasst ein großer Leuchtring den LED-Scheinwerfer vorn, hinten leuchtet ein rotes Band auf Sattelbreite. Schnörkellos: der Look des M1Pro.

Per App und Cloud behält man am Handy Standort und Ladestand im Blick. Versucht jemand, den Roller zu klauen, poppt eine Alarm-Meldung auf. Im Pannenfall findet die App die nächste Werkstatt.

Ausstattung: Durchdachte Features in kompakter Bauform

Der NIU M1 (Pro) ist klein. Extrem klein! Mit einer Körpergröße von 1,94 Meter sind meine Beine während der Fahrt glücklicherweise noch nicht an den Lenker gestoßen, doch auf längeren Strecken bekam ich regelmäßig Rückenschmerzen. Das kleine Format des City-Rollers macht sich leider noch in anderen Bereichen negativ bemerkbar: Er bietet schlichtweg wenig Stauraum für Gepäck. Das typischerweise unter der Sitzbank platzierte Helmfach funktioniert NIU zu einem Akku-Fach um. Während der Fahrt finden neben der Batterie höchstens noch ein Paar Handschuhe oder eine kleine Tüte Chips dort Platz.

Wird der Akku zum Laden aus dem Roller genommen, passt selbst ein Halbschalenhelm nicht in das Fach, zu klein kalkuliert sind die Dimensionen des Stauraums. Andere Hersteller platzieren den (austauschbaren) Akku auch unter der Sitzbank, doch passt dort zusätzlich noch ein Helm oder weiteres Gepäck hinein. Praktischerweise kann das Akkufach per „Zentralverriegelung” aufgeschlossen werden. Dazu reicht es aus, den Schlüssel im “Zündschloss“ nach links zu drehen und schon entriegelt sich das Sitzbankschloss. Stellt man den NIU neben einen Roller der Konkurrenz, fallen seine geringen Ausmaße erst recht auf. Ein Coup-Roller oder eine klassische Vespa sind meist doppelt so breit wie der M1 - und bieten Platz für einen Sozius. Nicht so der NIU. Er ist ausschließlich für eine Person ausgelegt.

Glücklicherweise hat die Bauform des M1 auch Vorteile. Er kann ohne Probleme in einem normalen Aufzug transportiert werden - hilfreich für Bewohner eines Hauses mit einem zusätzlichen Fahrradkeller oder einem großzügigen Hausflur. Zudem findet sich auf der Straße immer eine Abstellmöglichkeit, mehr Platz als ein Fahrrad benötigt der Roller nicht, perfekt für ein Leben in der Innenstadt. Ferner ist das Zweirad mit 59 Kilogramm Gewicht besonders leicht. Zum Vergleich: Piaggios kleinste Vespa wiegt ungefähr 116 Kilo. Deswegen bietet sich der NIU allen voran für kleine Menschen an. Auch kurze Beine finden mit ihm sicheren Halt an der roten Ampel. Positiv hervorzuheben ist die Verarbeitung des Rollers. Die überwiegend aus Plastik gefertigten Bauteile machen einen stabilen Eindruck, zumindest auf intakten Asphalt-Straßen ruckelt nichts. Abgestellt wird der M1 ausschließlich auf einem Seitenständer, der stabilen Halt bietet, auch auf unebenen Flächen.

Intelligente Beleuchtung, die mitdenkt

Ebenso gut umgesetzt ist die Beleuchtung. Die LED-Frontscheinwerfer erhellen effektiv die Umgebung, ebenso ist das Rücklicht ausreichend sichtbar. Aufgrund der durchdachten Platzierung der Scheinwerfer entsteht eine Art “Heiligenschein” rund um den Roller, der die allgemeine Sichtbarkeit des Zweirades drastisch erhöht. Eine eigentlich unwichtige Kleinigkeit habe ich dennoch zu kritisieren: Der Blinker wird neben zwei LEDs am Lenker noch von einem Signalton begleitet. Leider sind diese Indikatoren nicht untereinander synchronisiert. Ertönt der Signalton, leuchtet der Blinker erst kurze Zeit später auf, erscheint das Symbol, hört man den Signalton noch nicht. Diese Banalität ist allerdings nach dem ersten Abbiegen vergessen, da der Blinker sich überraschenderweise automatisch abschaltet, ein erfreuliches Novum in der Rollerwelt.

Genauso ungewöhnlich für ein Zweirad ist der Tempomat, dank dessen der Gasgriff nicht ständig betätigt werden muss - gerade auf längeren Strecken eine bequeme Funktion. Statt eines analogen Armaturenbretts ist der M1 Pro ausschließlich mit einem ausladendem LC-Display ausgestattet, auf dem alle wichtigen Informationen gut lesbar dargestellt werden. Besonders prominent platziert sind der Ladezustand des Akkus und das digitale Tachometer. Einziger Kritikpunkt ist die Helligkeit des Displays. Tagsüber ist es nicht zu dunkel, in Abendstunden kann es jedoch schnell blenden. Eine Option, die die Bildschirmhelligkeit regelt, war nicht zu finden.

So fährt er

Ein Knopf am Schlüssel entschärft die Alarmanlage. Der M1 piept eine kurze Sequenz, Licht und Blinker leuchten auf. Startknopf drücken, im Display steht „ready“, es kann losgehen. Der Roller (1,6 PS starker Bosch-Motor im Hinterrad) zieht lautlos und kräftig an, lässt an der Ampel die meisten Autos hinter sich. Komfortabel: Trotz seiner geringen Größe federt er Rillen und Schäden in der Straße locker weg und es klappert nichts. Sogar auf Kopfsteinpflaster ist’s ok.

Der M1 fährt in zwei Stufen (Klickschalter für den rechten Daumen): Die schnelle Stufe beschleunigt flott bis 48 km/h, die langsame zieht behäbig bis 17 km/h an. Das ist praktisch bei langsamen Manövern, Ampelstau und Stop&Go, wenn der Roller nicht schon auf das kleinste Drehen am rechten Griff lossprinten soll. Toll: Ein Tempomat hält auf Knopfdruck die Geschwindigkeit - Vollgas ist bei so einem Roller ja ehrlicherweise die Regel. So kann man den Griff auch mal lockern und ist ohne umzugreifen immer bremsbereit.

Der M1 ist klein und leise, mit ein paar Knöpfchen zu bedienen, erfordert (weil Fußgänger ihn nicht kommen hören) viel Aufmerksamkeit - wie einst das Tamagotchi. Womit wir beim Füttern sind …

Fahrgefühl: Ein Hauch zu langsam

Angetrieben wird der M1 Pro von einem 1.200 Watt starken Bosch-Elektromotor, der in der Felge des 12-Zoll großen Vorderrades Platz findet. Der Motor gehört nicht zu den performantesten auf dem Markt und wirkt oftmals unterdimensioniert. Der Roller kann in zwei Fahrmodi betrieben werden. In dem “Eco”-Modus fährt der Roller maximal 25 Stundenkilometer, zudem ist die Beschleunigung drastisch reduziert. Durch diese Leistungseinschränkung kommt es zu einem Zuwachs an Reichweite. Im alltagstauglichen „Sport“-Modus wird der Roller quasi “offen” betrieben. Dabei fährt er maximal 47 Stundenkilometer laut Tacho. Die Beschleunigung ist etwas besser, der Durchzug leider nicht. Gerade zwischen 30 und 45 Stundenkilometern scheint es ein Leistungsloch zu geben. Insgesamt ist der M1Pro zu langsam, um im Stadtverkehr mithalten zu können.

Schafft es ein Coup oder Emmy beim Ampelstart, auch den dicksten BMW abzuziehen, hat der NIU hierbei das Nachsehen und ist immer der Letzte in der Fahrzeugreihe, zumal sich die Konkurrenzmodelle mit Höchstgeschwindigkeiten von circa 55 Stundenkilometern besser in den fließenden Verkehr einfügen. Wer häufig über Kopfsteinpflaster fährt, sollte sich den Kauf des NIU ebenso überlegen, da der Fahrer bei einer Spritztour über den unebenen Untergrund ordentlich durchgeschüttelt wird. Ansonsten ist über das Fahrverhalten des M1 Pro nichts Negatives zu berichten. Aufgrund der stabilen Straßenlage vergisst man häufig, wie klein der Roller tatsächlich ist. Kurven lassen sich mit ihm sicher durchqueren. Des Weiteren bieten die Scheibenbremsen genügend Bremskraft. Typisch für einen Elektroroller fallen die Fahrgeräusche äußerst leise aus. Das Rauschen des Windes überdeckt fast alle Abrollgeräusche. Einzig ein futuristisches Surren ist wahrzunehmen.

Was ist mit der Reichweite?

Faustregel: Jeder Kilometer reduziert den Ladestand um zwei Prozentpunkte, Ampelstarts und Steigungen kosten die meiste Kraft. Niu stellt im Prospekt 80 Kilometer in Aussicht, geht aber von leichtem Fahrer (65 kg) langsamer Fahrt (20 km/h) aus. Im BILD-Test reichte eine Akkuladung für 58 Kilometer - allerdings sprang der Roller nach 46 Kilometern beim Akkustand von knapp zehn Prozent auf die Sparstufe eins zurück (während der Fahrt). Dann reichte es zwar noch für zwölf Kilometer, aber nur mit 17 km/h, das ist gemächliches Radlertempo - trotzdem bleibt der Radweg tabu.

Man gerät in Versuchung, nebenbei eine SMS zu schreiben oder am Kiosk ein Bier für den Weg zu holen; beides nicht erlaubt, aber man hat eine Menge Zeit auf dem Heimweg zur Steckdose. Radfahrer überholen und gucken irritiert. Immerhin kommt man so wohl meistens noch nach Hause.

Schnell geladen, schnell wieder leer

Herzstück und zugleich Schwachstelle des M1 Pro ist der acht Kilogramm schwere Akku. Dieser ist entnehmbar und sieht aus wie ein kompakter Desktop-PC. Mit einer Kapazität von 32 Amperestunden beträgt die Reichweite laut Hersteller 80 Kilometer - aber nur, wenn man nicht schneller als 20 Stundenkilometer fährt. Wird das volle Geschwindigkeitspotenzial des Rollers ausgenutzt, reduziert sich die Reichweite laut NIU auf etwa 50 Kilometer. Im Test habe ich gar nicht erst versucht, die 80-Kilometer-Angabe nachzustellen, da ich mir nicht vorstellen kann, das ernsthaft jemand derart langsam fahren wird. Wo auch? Der sich anbietende Fahrradweg darf mit dem E-Roller nicht befahren werden, die dicht befahrene Stadtstraße bietet bereits bei 45 Stundenkilometern keinen Fahrspaß mehr. Bei halber Geschwindigkeit wäre ein Unfall bereits vorprogrammiert.

Vielmehr versuchte ich ein realistisches Fahrprofil nachzustellen, das heißt Höchstgeschwindigkeit gepaart mit regelmäßigem Stop-and-Go. Typischer Stadtverkehr. Bereits nach 15 Kilometern sank der Ladestand des Akkus auf 60 Prozent. Nach einer zweiwöchigen Testphase pendelte sich der Verbrauch ein, mit einer Akku-Ladung kam ich durchschnittlich 30 bis 40 Kilometer weit. Aufgeladen wird der Akku an einer normalen Schuko-Steckdose mit Hilfe eines recht sperrigen Netzteils. Ein kompletter Ladevorgang dauert ungefähr 6 Stunden. Praktisch ist die LED-Anzeige an der Oberseite des Akkus, die über den aktuellen Ladestand informiert. Laut NIU muss der Akku nach 600 Ladezyklen ausgetauscht werden. Rechnet man mit den von uns ermittelten Durchschnittswerten, ist nach 18.000 Kilometern ein neuer Akku von Nöten.

Das kostet er

Mit 32 Ah im Akku und 1200 Watt Motorleistung kostet der gefahrene M1 Pro 2300 Euro. Eine Akkuladung dauert sechs Stunden an der normalen Steckdose. Der Lithium-Ionen-Akku wiegt 8,3 Kilogramm und lässt sich einfach unter der Sitzbank herausziehen.

Der NIU M1 ist in zwei Versionen verfügbar. Die von uns getestet Pro-Version kostet 2.300 Euro.

Technische Daten NIU M1 Pro

Eigenschaft Wert
Länge 1.640 mm
Breite 657 mm
Höhe 1.099 mm
Bodenfreiheit 126 mm
Radstand 1.150 mm
Masse 59 Kg
Akku Zellentyp Lithium-Ionen-Akku
Ladezeit 6 Stunden
Reichweite laut Hersteller 50 bis 80 Kilometer
Höchstgeschwindigkeit 45 Stundenkilometer

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