Eigentlich sollte hinlänglich bekannt sein, wie wichtig das Tragen eines Helms beim Radfahren ist. Doch leider sind es immer wieder schwere Verkehrsunfälle, die es wieder in Erinnerung rufen. Fahrradfahren ohne Helm sollte keinesfalls leichtfertig behandelt werden.
Warum ein Helm beim Fahrradfahren wichtig ist
Kopfverletzungen sind keine Bagatellen: Der Kopf ist eines der empfindlichsten Organe des menschlichen Körpers. Selbst bei harmlosen Stürzen oder Unfällen kann es zu schweren Kopfverletzungen kommen, die das Leben nachhaltig beeinträchtigen können. Ein Fahrradhelm ist eine effektive Schutzmaßnahme, die die Wahrscheinlichkeit von Kopfverletzungen deutlich reduziert.
Schnelligkeit und Unvorhersehbarkeit im Straßenverkehr: Gerade wenn man sich im Straßenverkehr inmitten von verschiedenen Fahrzeugen und Fußgängern befindet, kann es zu unvorhersehbaren Ereignissen kommen und zu Stürzen führen. Ein Helm bietet einen wichtigen Schutz, insbesondere wenn es darum geht, Kopfverletzungen bei unerwarteten Situationen zu verhindern.
Ein Fallbeispiel
Das Tückische: Auch bei scheinbar harmlosen Fahrradstrecken kann es passieren - niemand ist davor gefeit. So auch Joachim Seiler. Der 76-Jährige ist ein erfahrener Rennradfahrer. Seiler erlitt bei einem Unfall an einer Kreuzung in Nienburg schwerwiegende Verletzungen. Ein Transporter, der unerlaubt und somit unvorhersehbar die Spur wechselte, erfasste sein Fahrrad. Der Aufprall war heftig: Seiler wurde über den Lenker geschleudert und prallte mit dem Kopf auf.
Dr. Seiler hatte Glück: Nach zwei Tagen auf der Intensivstation und weiterer stationärer Überwachung erholte er sich weitgehend. Seiler hat aus seinem Unfall gelernt: „Ich werde nun auch bei Stadtfahrten immer einen Helm tragen. Er vergleicht das Helmtragen mit der Anschnallpflicht im Auto: „Anfangs war es ungewohnt, heute ist es selbstverständlich.
Unfallstatistiken und ihre Bedeutung
Bernd Ritz von der Polizeiinspektion Nienburg/Schaumburg hat die Unfallzahlen der letzten vier Jahre analysiert: „Wir haben 1.435 Unfälle mit Fahrrädern und 271 mit Pedelecs in den Landkreisen Nienburg und Schaumburg verzeichnet. Die Unfälle mit schweren Verletzungen waren deutlich häufiger, wenn kein Helm getragen wurde. Stalp bestätigt diesen Trend: „Wir haben im vergangenen Jahr eine steigende Anzahl der Schwerverletzten mit Schädel-Hirn-Traumata durch Unfälle ohne Helm bei uns beobachtet.“ Und dabei ist es so einfach, sich zu schützen.
Werner Müller, Vorsitzender der Verkehrswacht Nienburg, warnt besonders vor den Risiken für unerfahrene Pedelec-Nutzer: „Pedelecs erreichen höhere Geschwindigkeiten als herkömmliche Fahrräder. Viele Fahrer sind sich dessen nicht bewusst und können auf plötzliche Bremsmanöver oder unerwartete Hindernisse nicht angemessen reagieren. Ohne Helm besteht ein hohes Risiko für schwere Kopfverletzungen.“ Daher bietet die Verkehrswacht regelmäßige Fahrtrainings für Pedelecs an.
„Das Fahren mit dem E-Scooter hat sich insgesamt vervielfacht. Die Zahl der Unfälle mit E-Scootern stieg von nur 7 im Jahr 2020 auf 62 Unfälle im Jahr 2024“, erläutert Ritz.
Unfallzahlen und Helmtragequote
70.903 von ihnen waren dabei auf einem nicht motorisierten Fahrrad, 23.658 Menschen mit dem Pedelec unterwegs gewesen. 444 Personen kamen ums Leben, davon 256 auf einem "normalen" Fahrrad und 188 auf dem Pedelec.
Die Helmtragequote lag 2022 bei 40,3 Prozent. Dabei war sie bei Pedelecfahrern mit 60,1 Prozent deutlich höher als bei konventionellen Radfahrerinnen und -fahrern (34 Prozent). Am höchsten - 81,3 Prozent - war sie 2022 bei den Jüngsten, nämlich bei Kindern von sechs bis zehn Jahren. Mit 31,2 Prozent liegt die Gruppe der 17- bis 21-Jährigen in der Statistik ganz hinten.
Der Radverkehr folgt leider nicht dem allgemein positiven Trend der Unfallstatistik. Unfälle mit Pedelecs gehen häufiger tödlich aus als solche mit Fahrrädern ohne Motor, wofür auch das Alter der Verunglückten ein Grund ist - bei älteren Menschen ist zudem die Wahrscheinlichkeit höher, sich bei einem Sturz schwer oder tödlich zu verletzen. Verletzte oder getötete Pedelec-Fahrende waren im Durchschnitt 53 Jahre alt, die auf einem nicht motorisierten Fahrrad 42.
Welchen Anteil Kopfverletzungen an diesen Zahlen haben, ist nicht bekannt, weil die amtliche Statistik bei einem Fahrradunfall nicht unterscheidet, welche Körperregion betroffen ist.
Gesetzliche Aspekte und Versicherungsschutz
In vielen Ländern und Regionen ist das Tragen eines Helms beim Fahrradfahren gesetzlich vorgeschrieben. Zuwiderhandlungen können nicht nur zu Bußgeldern führen, sondern auch den Versicherungsschutz beeinträchtigen. Es ist wichtig, die gesetzlichen Vorschriften zu beachten und einen Helm zu tragen, um rechtliche Konsequenzen zu vermeiden.
Keine gesetzliche Helmpflicht besteht auch für Pedelecs bis 25 km/h. Schnelle Pedelecs bis 45 km/h gelten als Kraftfahrzeuge und dürfen nur mit einem geeigneten Helm gefahren werden. Auch für E-Bikes, die ohne Tretunterstützung diese Geschwindigkeiten erreichen können, gilt eine gesetzliche Helmpflicht.
Für verunfallte Fahrradfahrer ist eine Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH) aus dem Jahr 2014 wichtig: Wenn sie unverschuldet in einen Unfall verwickelt sind, haften sie nicht für ihre Verletzungen - egal, ob ein Helm getragen wurde oder nicht.
Helmpflicht im Ausland
Nur in einer Handvoll Staaten weltweit existiert eine Helmpflicht für Radfahrende jeden Alters, die auch kontrolliert wird. In Spanien besteht sie außerhalb geschlossener Ortschaften für alle. In weiteren Ländern, darunter Österreich, Tschechien, Kroatien und Schweden, müssen Kinder und Jugendliche grundsätzlich einen Fahrradhelm tragen. Dabei variiert die Altersgrenze von Land zu Land.
Danach ging nach einer Studie im International Journal of Epidemiology von 2019 die Zahl tödlicher Unfälle von Radfahrern deutlich zurück.
Wie ein Fahrradhelm schützt
Bei einem Verkehrsunfall erleiden viele Radfahrende schwere Kopf- und Hirnverletzungen. Ein Helm lässt diese deutlich weniger schwer ausfallen: Ohne Helm trifft die Aufprallkraft konzentriert auf eine kleine Fläche und kommt dadurch mit großem Druck zur Wirkung. Mit Helm aber verteilt sich die Kraft auf eine viel größere Fläche, im Optimalfall auf die gesamte Helmauflagefläche.
Sehr anschaulich wird dies beim sogenannten Melonentest: Wenn die Frucht ungeschützt aus 1,50 Metern fällt, zerbricht sie. In einen - ausgemusterten - Fahrradhelm gelegt, richtig befestigt und aus der gleichen Höhe fallen gelassen, bleibt sie unbeschädigt.
Nach dieser Studie war bei einem Viertel aller Fahrradunfälle der Kopf betroffen, und Helme konnten 20 Prozent der leichten und 80 Prozent der schweren Kopfverletzungen verhindern.
Als Fazit der zahlreichen Crashversuche stellte sie fest, dass richtig getragene Fahrradhelme das Risiko schwerer Kopfverletzungen bei einem Unfall - sowohl mit einem Unfallgegner als auch bei einem Sturz ohne Fremdbeteiligung - deutlich reduzieren. Die ADAC Unfallforschung belegt, dass ein Helm beim Sturz effektiv vor vielen Kopfverletzungen schützen kann. Eines der Resultate: Sogar ein schlechter Helm kann im Ernstfall Leben retten, wenn er richtig getragen wird.
Tipps zum Helmkauf und zum Tragen
Die wichtigste Empfehlung ist, auch für jede noch so kurze Strecke auf dem Rad einen Helm zu tragen. Vor dem Kauf sollte man ihn unbedingt anprobieren. Dass der Helm den geltenden Anforderungen genügt, zeigt das CE-Kennzeichen als Mindestanforderung.
Der Helm sollte mit einer LED-Beleuchtung und reflektierenden Elementen an der gesamten Helmschale sowie im Kinnriemen ausgestattet sein. Noch besser wird die Sichtbarkeit mit einem hellen Design in auffälligen Farben.
Vor dem Aufsetzen ist darauf zu achten, dass die Riemen nicht verdreht sind. Beim aufgesetzten Helm sollen sie vor und hinter dem Ohr vorbeilaufen. Das Kinnriemenschloss darf bei straff gespanntem Riemen nicht direkt auf dem Unterkieferknochen aufliegen, sondern unter dem Kinn.
Der Helm soll mittig auf dem Kopf sitzen und die Hälfte der Stirn bedecken. Bei geschlossenem Kinnriemen darf er sich nicht verschieben lassen. Der TÜV empfiehlt ebenso wie der ADAC, einen Helm nach fünf Jahren auszumustern. Nach einem Sturz ist der Helm zu entsorgen und zu ersetzen.
Weitere Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit
Um die Verkehrssicherheit für Radfahrer zu erhöhen, müssen die Kommunen, Landkreise und Bundesländer für sichere Radverkehrsanlagen sorgen. Dazu gehört - auch wegen der starken Zunahme von Pedelecs - die Realisierung durchgängiger Radverkehrsnetze mit ausreichend breiten Radwegen und sicheren Führungen über Knotenpunkte und Einmündungen. Auch Radschnellwege und Fahrradstraßen sind hilfreiche Maßnahmen.
Wichtig ist mehr Aufklärungsarbeit, damit alle Verkehrsteilnehmenden, also Auto- und Radfahrende, Fußgänger und Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel, mehr Verständnis füreinander entwickeln. Gefordert sind mehr gegenseitige Rücksichtnahme und die Einhaltung der Verkehrsregeln.
Die Perspektive eines Neurochirurgen
In der Neurochirurgie des Klinikums Ingolstadt zeigt Professor Siamak Asgari die CT-Aufnahme des Schädels einer 66-Jährigen. Die Frau war mit einem E-Bike ohne Helm unterwegs und ist auf die linke Kopfseite gestürzt. Im Falle des Tragens eines Helmes wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit dieses Ausmaß der Einblutung nicht aufgetreten", so Professor Asgari.
Was der Frau passiert ist: Das Gehirn schwimmt beim Menschen in Flüssigkeit im Schädel. Trifft der Schädel wie bei einem Sturz hart auf, schwappt es im Knochen hin und her - Verletzungen können deshalb auch auf der dem Aufprall gegenüberliegenden Seite auftreten.
Aus seiner Erfahrung als Neurochirurg fordert Professor Asgari dringend vor allem bei E-Bikes die Fahrer und Fahrerinnen auf, einen Helm zu tragen. Der Helm dämpft den Aufprall. Asgari schätzt, dass Unfälle mit Helm die Wahrscheinlichkeit, bei einem Fahrradunfall zu sterben, um 80 Prozent reduziert, gefährdet sind besonders die 60- bis 80-Jährigen.
Forderungen der Unfallforschung
Kirstin Zeidler, Leiterin der Unfallforschung der Versicherer, fordert alle Radfahrer auf: keinen Meter ohne Helm.
Sie schildert zwei besonders häufige Arten von Fahrradunfällen: Die häufigste Unfallart ist der Abbiegeunfall, also die Kollision mit einem Fahrzeug; ein Drittel der Fahrradfahrer stürzt aber von ganz allein, ohne Fremdeinwirkung. Zeidler: "Unsere Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass gerade bei den schweren Kopfverletzungen ganz häufig der Helm eben nicht getragen wurde".
Wie der Helm richtig sitzt
Beim Aufsetzen muss der Helm so auf dem Kopf sitzen, dass er nicht rutscht, wenn man sich nach vorn beugt - das kann man mit einem Einstellrädchen anpassen. Der Riemen unterm Kinn darf einen Finger breit Luft haben, der Helm sollte über den Augenbrauen etwa zwei Finger breit frei lassen, und er sollte waagrecht sitzen.
Wichtig, so Husemann-Roew, ist auch, den Helm regelmäßig zu tauschen: etwa alle fünf bis sieben Jahre, denn Kunststoff altert, die Schutzwirkung lässt nach. Und: Nach jedem Ereignis, also wenn man auf den Helm gestürzt oder der hart heruntergefallen ist, sollte man ihn ebenfalls wechseln - denn dann können feine Haarrisse auftreten, die die Schutzwirkung ebenfalls mindern.
Einblick in die Notaufnahme
Täglich werden Fälle wie Irmgard P. ins ukb eingeliefert: Radfahrer, die ohne Helm einen Verkehrsunfall hatten. Meistens die ohne Helm. Genau wie Irmgard P., um die sich jetzt Unfallchirurgin Anika Wichmann kümmert, die heute als Einsatzleiterin Dienst tut.
Immer wieder unter den Verunglückten: Radfahrer. Meistens die ohne Helm.
Selbst harmlose Zusammenstöße können für Radfahrer gravierende Folgen haben.
Nach einer Untersuchung im Computertomografen und beim Röntgen steht fest: kein Blutgerinnsel. Aber eine schwere Gehirnerschütterung, ein Schädel-Hirn-Trauma und eine Mittelgesichtsfraktur, die aber nicht operiert werden muss. „Mit Helm wäre ihr das ziemlich sicher erspart geblieben“, sagt Karsten Lesemann.
Vergesslichkeit, Eitelkeit und Sorglosigkeit: Es gibt viele Ursachen, warum Radfahrer auf den Kopfschutz verzichten. „Bei Kindern denken die Eltern häufig nicht daran. Und Teenager finden, dass sie mit Helm furchtbar aussehen, oder dass es die Frisur kaputt macht. Ältere Menschen denken oft, früher gab es gar keine Helme und mir ist auch nichts passiert“, sagt Wichmann.
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