Radfahren in der Erfurter Innenstadt: Vorteile und Herausforderungen

Erfurt, die Landeshauptstadt Thüringens, steht vor der Herausforderung, den Radverkehr in der Innenstadt attraktiver und sicherer zu gestalten. Der ADFC-Fahrradklima-Test 2024 zeigt, dass Erfurt mit einer Bewertung von 4,2 im unteren Mittelfeld der fahrradfreundlichen Städte liegt. Trotz einiger Fortschritte ist die Stadt noch weit von einer idealen Fahrradstadt entfernt.

ADFC-Fahrradklima-Test 2024: Ergebnisse für Erfurt

Beim ADFC-Fahrradklima-Test 2024 landete Erfurt hinsichtlich der Fahrradfreundlichkeit mit einer Bewertung von 4,2 erneut im unteren Mittelfeld unter den Städten in seiner Größe. 818 Erfurter hatten im Herbst letzten Jahres an der bundesweiten Befragung teilgenommen. Im Ergebnis liegt Erfurt bundesweit auf Platz 19 in der Kategorie der Städte mit 200.000 - 500.000 Einwohnern. Im Durchschnitt wurde die Fahrradfreundlichkeit mit „ausreichend“ bewertet. Gegenüber dem letzten Test im Jahr 2022 ist damit keine Veränderung zu verzeichnen (2022: 4,1).

Unzufriedenheit und positive Entwicklungen

Unzufrieden sind die Erfurter Radfahrerinnen und Radfahrer vor allem mit dem Miteinander im Verkehr - und mit der Führung an Baustellen, der Breite der Radwege und den Falschparkerkontrollen auf Radwegen. Fast 90% der Befragten empfinden die fürs Radfahren vorgesehenen Wege als zu schmal. Mehr als 80% sind unzufrieden mit der Führung an Baustellen. Fast ebenso viele finden, dass zu großzügig geduldet wird, wenn Radwege als Parkstreifen genutzt werden.

Vergleichsweise gut bewertet wurden hingegen die Öffnung von Einbahnstraßen für den Radverkehr in Gegenrichtung, die Möglichkeit, mit dem Rad zügig Ziele zu erreichen, und die Tatsache, dass Jung und Alt gleichermaßen mit dem Rad unterwegs sind. Es gibt aber auch positive Entwicklungen, wie Ralf Henning betont: „Der Verzicht auf Stellplätze am Hirschgarten macht das Radfahren dort bereits sicherer. Wir sind gespannt, ob sich mit der Eröffnung des Radweges neben dem SWE-Hotel eine weitere Verbesserung der Radführung ergibt. Damit sich die Studenten der Fachhochschule zwischen dem Hauptgebäude und dem Standort in der Schlüterstraße regelkonform mit dem Fahrrad bewegen können, soll in der Schlüterstraße ein Fußweg für den Radverkehr freigegeben werden. Auch das ist positiv zu bewerten. Die Verbindung zwischen Innenstadt und Universität wird weiterhin problematisch sein, allerdings soll es nördlich der Universität in der Nordhäuser Straße bald einen Radweg geben.“

Forderungen des ADFC Erfurt

In Anbetracht dessen fordert der ADFC Erfurt die konsequente Umsetzung des Radentscheids mit einem flächendeckenden Ausbau des Radwegenetzes.

Der Erfurter ADFC-Vorsitzende Ralf Henning sagt: „Die Unzufriedenheit der Radfahrenden resultiert aus Sicht des ADFC trotz kleiner Verbesserungen in der Radinfrastruktur aus enttäuschten Erwartungen und dem Vergleich mit den Entwicklungen des Radverkehrs in vergleichbaren Städten. Das breit diskutierte und vom Stadtrat einstimmig beschlossene Radverkehrskonzept wird nur dann umgesetzt, wenn es keine Einschränkungen für andere Verkehrsteilnehmer, insbesondere Autofahrer, oder den Wegfall von Parkplätzen bedeutet. Der Stadtrat hat die Ziele des Radentscheides zwar auf dem Papier übernommen - der jährliche Statusbericht zeigt aber, dass wir von der Erreichung der gesteckten Ziele weit entfernt sind. Das frustriert, und die Ergebnisse des Fahrradklima-Tests mahnen an, die vielen Radfahrenden in unserer Stadt ernster zu nehmen.“

Miteinander im Verkehr

In fünf Zusatzfragen, die das Miteinander im Verkehr in den Blick nahmen, beurteilten mehr als drei Viertel dieses als eher schlecht. Statt Rücksichtnahme herrscht Aggressivität vor. Etwa 80% gaben an, häufig zu eng überholt zu werden. Das Handeln von Politik und Verwaltung orientiert sich nach Auffassung der meisten Befragten zu wenig an dem Grundsatz der Vision Zero (keine Toten und Schwerverletzten im Straßenverkehr), und es wird zu wenig für ein rücksichtsvolles Miteinander geworben. Vergleichsweise am besten bewertet wurde das Miteinander von Radfahrenden.

RADSAM Kampagne

Die Kampagne „RADSAM - achtsam mit dem Rad fahr´n!“ war Teil des Projektes „Mit dem Rad zum Einkauf in die Innenstadt - Konflikte und Potenziale bei der Öffnung von Fußgängerzonen für den Radverkehr“. Das Projekt wurde durch das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) aus Mitteln zur Umsetzung des Nationalen Radverkehrsplans (NRVP) 2020 sowie durch das Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft (TMIL) gefördert. Die inhaltliche Bearbeitung erfolgte durch die Fachhochschule Erfurt.

Im Fokus des Projektes stand insbesondere die Er­stel­lung und Durchführung der Low-Budget-Image-Kam­pag­ne RADSAM - achtsam mit dem Rad fahr´n mit dem Ziel der Information und Sensibilisierung bezüglich gegenseitiger Rücksichtnahme von Radfahrern und Fuß­gängern in innerstädtischen Fußgän­ger­zonen. Die Kampagne wurde modellhaft ent­wi­ckelt, um eine Übertrag­barkeit auf andere Kom­mu­nen mit ähnlichen Problemen zu ermöglichen. Mit geringen finanziellen Mitteln soll dabei eine breite Wirkung erzielt werden.

Ziel der Kampagne

Ziel des Projektes war daher die Entspannung des Konflikt­fel­des zwischen Fußgängern und Radfahrern bei der gemeinsamen Nutzung von inner­städ­tischen Fußgängerzonen. Hinzu kommt die Sensibilisierung des Einzelhandels, der Gas­tro­no­mie und von Freizeiteinrichtungen für radfahrende Kunden in der Innenstadt, um ins­ge­samt eine Akzeptanz­steigerung des Radverkehrs in innerstädtischen Fußgängerzonen zu er­reichen. So sollen ein möglichst entspannter und gefahrloser Aufenthalt, Einkauf oder eine Durch­querung der Innenstädte zu Fuß oder mit dem Rad ggf. in Kombination mit dem ÖPNV für jegliche Art von Verkehrsteilnehmern ermöglicht werden.

ADAC Test: Radwege in Erfurt

Immer mehr Menschen sind im Straßenverkehr mit Fahrrad, E-Bike oder Lastenrad unterwegs. Ein Grund für den ADAC, die bestehenden Radwege in Erfurt und neun weiteren Landeshauptstädten zu überprüfen.

In Erfurt wurden insgesamt zehn Testrouten zwischen 2,2 und 7,7 Kilometer Länge, die typische Wege von Radfahrern nachbilden sollen, abgefahren. Strecken zu alltäglichen Zielen wie von zu Hause zur Arbeit, Universität oder Schule, zum Hauptbahnhof oder in die Innenstadt. Die Gesamtlänge der Routen entsprach einer Länge von 38,7 Kilometern. Bewertet wurden nur die Routenabschnitte, die eine gesonderte Radverkehrsführung in Fahrtrichtung aufwiesen.

54 Prozent der gemeinsam genutzten Geh- und Radwege liegen weit über den empfohlenen Mindestbreiten wie der Gera-Radweg, nur 19 Prozent sind schmaler. 25 Prozent der Radwege - dazu gehören bauliche Radwege, Radfahr- und Schutzstreifen - sind schmaler als die empfohlenen Radwegbreiten, so beispielsweise die Mainzer Straße zwischen Riethstraße und Essener Straße. Zudem stellten die Tester auf den Wegen viele Engstellen und Hindernisse durch Bäume, Hecken oder Büsche, die auf die Fahrbahn ragen, Masten oder schlecht angebrachte Verkehrsschilder fest.

„Für die Verbesserung des Radwegenetzes gibt es in Erfurt sicher noch Handlungsbedarf“, sagt Wolfgang Herda, Verkehrsexperte des ADAC Hessen-Thüringen.“ Die meisten Radwege seien schmaler als die in den Richtlinien empfohlenen Mindestbreiten. „Trotz der festgestellten Defizite ist Erfurt aber auf einem guten Weg. Mit dem Radverkehrskonzept von 2016 wurden die richtigen Weichen gestellt, um das Wegenetz auszubauen und zu verbessern.“

Empfehlungen des ADAC

Sichere Mobilität erfordert eine umfassende Konzeption Der ADAC empfiehlt angesichts knapper Verkehrsflächen in Städten, die Planung von Radwegen auf Basis ganzheitlicher Mobilitätskonzepte vorzunehmen.

„Für die Lösung von Flächenkonkurrenzen sind immer die aktuellen und künftigen Bedarfe aller Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger, Rad- und Autofahrer zu berücksichtigen“, so Wolfgang Herda. Die Umwandlung von Fahr- und Parkstreifen in Radfahrstreifen bleibt immer problematisch, wenn keine Alternativangebote geschaffen werden.

Besteht nicht genug Raum für den Radverkehr, ist zu prüfen, ob er im näheren Umfeld oder parallel zu Hauptverkehrsstraßen geführt werden kann. Entfallen Anwohnerstellplätze, sind Alternativen in Parkhäusern, Quartiers- und Tiefgaragen zu schaffen. Ebenso sind sinnvolle Vorschläge für den Lieferverkehr vorzusehen, zum Beispiel Lieferzonen.

Tipps vom ADAC

  • Erhöhte Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer bringen die auffällige Markierung von Radwegen und ausreichender Sicherheitsabstand zum fließenden Verkehr und zu parkenden Fahrzeugen.
  • Grundsätzlich ist darauf zu achten, dass Radwege frei sind von baulichen Hindernissen und parkenden Autos.
  • „Genauso wichtig wie solche Maßnahmen bleibt nach wie vor ein faires Verhalten der Verkehrsteilnehmer untereinander“ sagt Verkehrsexperte Herda.
  • „Das können schon Kleinigkeiten sein wie der ‚Holländische Griff‘ beim Öffnen der Fahrertür. Die Autofahrer öffnen die Tür von innen mit der rechten Hand, sodass sich der Oberkörper automatisch in die Richtung des nachfolgenden Verkehrs dreht und sie die Radler besser sehen können.“

ADFC-Fahrradklima-Test bundesweit

Der ADFC-Fahrradklima-Test ist eine der größten Befragungen zur Zufriedenheit der Radfahrenden weltweit. Er wird vom Fahrradclub ADFC alle zwei Jahre mit Unterstützung des Bundesverkehrsministeriums durchgeführt und fand 2024 zum elften Mal statt. Rund 213.000 Radfahrerinnen und Radfahrer haben bei diesem Durchgang abgestimmt, 21 % davon ADFC-Mitglieder. 1.047 Städte kamen in die Wertung. Bei den 27 Fragen ging es darum, ob man sich auf dem Rad sicher fühlt, wie gut die Radwege sind und wie man das Miteinander im Verkehr empfindet. Damit fundierte Ergebnisse erzielt werden, müssen pro Kommune mindestens 50, bei größeren Städten mindestens 75 beziehungsweise 100 Abstimmungsergebnisse vorliegen.

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