Taube Finger beim Radfahren: Ursachen und Lösungen

Viele Freizeitradfahrer:innen kennen das Problem: Wenn man längere Zeit im Sattel sitzt, werden die Finger taub, die Hände schlafen ein. Der Grund dafür liegt in gereizten Nerven. Die Hände sind beim Radfahren einer von nur drei Kontaktpunkten zwischen Mensch und Fahrrad.

Je nach Rückenneigung und Trainingszustand des Fahrers stützen sie dabei einen großen Teil des Oberkörpergewichts auf dem Lenker. Der durchaus hohe, beständige Druck wird dabei auf eine geringe Fläche am Griff verteilt, die punktuelle Druckbelastung ist hoch. Anders als die Beine sind die Hände bei der Fahrt auch nicht in Bewegung. Ein suboptimaler Griff kombiniert mit einer falschen Griffhaltung sorgen insgesamt für eine falsche Sitzhaltung auf dem Rad. Das wirkt sich negativ auf das Gesamtgefühl aus. Die Nerven nicht nur in den Händen werden gereizt.

Ursachen für taube Finger und schlafende Hände

Schon auf kurzen Touren können als Folge Nackenverspannungen und Rückenschmerzen auftreten. Die häufigste Ursache ist hoher punktueller Druck auf deine Handinnenflächen und falsche Haltung des Handgelenks, meist ausgelöst durch unergonomische Griffe oder eine falsche Sitzhaltung. Durch den Druck werden der Medianus- und Ulnarnerv geklemmt, was zu tauben Fingern führen kann.

Der Ulnarnerv

Taubheitsgefühle in den Händen entstehen oft durch einen zu hohen Druck auf den empfindlichen Ulnarnerv. Der verläuft im Bereich des Kleinfingerballens knapp unterhalb der Hautoberfläche. Durch zu hohen Druck auf der Handaußenseite entwickeln sich auf die Dauer Taubheitssymptome an Ring- und kleinem Finger.

„Eine Lösung ist der Tausch des herkömmlichen Griffs gegen einen sogenannten Flügelgriff. Dadurch wird die Auflagefläche der Hand vergrößert und der Druck besser verteilt“, sagt Lothar Schiffner von Ergon, einem Hersteller für ergonomische Fahrradkomponenten.

Karpaltunnelsyndrom

Treten Schmerzen oder Taubheit an Zeige-, Mittelfinger oder Daumen auf, kann ein zu hoher Druck auf dem Ausgang des Karpaltunnels die Ursache sein. Hervorgerufen werden die Schmerzen meist durch ein zu starkes Abknicken des Handgelenks, was Nerven, Sehnen und Blutgefäße komprimiert. Die Folge ist ein verengter Karpaltunnel und ein beschädigter Mediannerv, was auch als Karpaltunnelsyndrom bezeichnet wird.

Laut den Experten der Aktion Gesunder Rücken müssen sich in Deutschland jährlich rund 300.000 Menschen deshalb einer Operation unterziehen. „Gerade auf längeren Fahrten mit zunehmender Ermüdung ist es schwierig, die ergonomisch korrekte Position der Hand zu gewährleisten. Ein korrekt eingestellter Flügelgriff kann auch hier unterstützen und das Handgelenk in der ergonomisch optimalen Position halten, ohne dass es abknickt“, sagt Schiffner.

Überstrecktes Handgelenk

Ein weiteres Problem kann ein seitlich überstrecktes Handgelenk sein, das ebenfalls zu tauben Fingern und Daumen führt, weil der Karpaltunnel eingeengt wird. Dieser Knick wird meist durch einen zu geraden Lenker hervorgerufen. „Die Lösung ist ein Lenker mit einer Biegung nach hinten. Das Handgelenk wird weniger überstreckt und der Karpaltunnel entlastet. Die Versorgung der Hand wird wieder verbessert“, erklärt Stephanie Römer vom Fahrradhersteller Tout Terrain.

Lenkerverlängerungen

Als hilfreich haben sich auch Barends, also Lenkerverlängerungen, erwiesen. Die „Hörnchen“ an der Lenkeraußenseite gibt es in unterschiedlichen Größen und auch direkt in Griffe integriert. Andere Varianten lassen sich auch weiter in Richtung Lenkermitte montieren. Beide ermöglichen es, die Griffposition während der Fahrt einfach zu verändern. Beim Bergauffahren hat das Vorteile, weil dadurch die komplette Position des Oberkörpers geändert und die Muskulatur entlastet wird.

Maßnahmen gegen taube Finger

Um zu verhindern, dass oben genannte Probleme auftreten, ist es notwendig, den punktuellen Druck, der während des Fahrens auf die Hände ausgeübt wird, besser zu verteilen. Hier sind einige Tipps und Maßnahmen, die helfen können:

Ergonomische Griffe

„Griffe sind ein wesentliches Thema beim Radfahren, die über wohl und wehe einer Tour entscheiden können. Deshalb ist es wichtig, bei Beschwerden sich Gedanken zu machen und bei Bedarf den Griff auszutauschen. Wenig Handgriffe, aber große Wirkung.“ Ergonomische Fahrradgriffe können mit ihrer großen und ergonomisch geformten Auflagefläche hier gute Abhilfe schaffen oder auch vorbeugen. Wie zum Beispiel der Flügelgriff Ergon-Griff GP1 Evo, der, ist er einmal optimal eingestellt, die Hand des Radlers in eine ergonomische Haltung bringt.

Damit die ergonomischen Griffe ihr Potenzial entfalten können, ist die richtige Einstellung wichtig. „Die Griffe sollte man so einstellen, dass das Handgelenk nicht am Lenker abknickt, sondern in einer geraden Linie vom Handrücken zum Unterarm übergeht. Zudem sollten die Brems- und Schalthebel vom Griff aus leicht erreichbar sein“, rät Schiffner. Bei der Einstellung hilft der Fachhändler oder eine spezielle Fitting-Box.

Lenkerhöhe und -neigung

Ein zu niedriger Lenker führt dazu, dass mehr Gewicht auf die Hände und Handgelenke verlagert wird. Eine etwas höhere Position des Lenkers kann helfen, den Druck zu verringern. Hierzu kann oder muss eventuell der Vorbau eingestellt oder ausgetaucht werden. Auch der Backsweep (also die Biegung des Lenkers nach hinten zum Fahrer hin) kann eine Rolle spielen. Mit einem Lenker, der stärker nach hinten gebogen ist, wird oft die Gewichtsbelastung auf die Hände reduziert.

Fahrradhandschuhe

„Gut gepolsterte Handschuhe sind für viele Radfahrer:innen angenehm. Dank der verwendeten Schaumstoff- oder Gel-Polster werden die empfindlichen Bereiche auf der Handinnenseite zusätzlich gestützt und an die Ergonomie der Griffe angepasst“, erklärt Anna Rechtern vom Outdoor-Spezialisten Vaude. Handschuhe mit einer starken Polsterung verlieren jedoch an Taktilität. Wer eine sichere Lenkerkontrolle bevorzugt, wählt eher eine dünne Innenhandpolsterung. „Das ist vor allem für sportive Fahrer im MTB- und Rennradbereich zu empfehlen“, so Rechtern.

Regelmäßige Pausen und Positionswechsel

Wechsel die Handposition regelmäßig, um die Belastung auf die Hand und die Unterarmmuskulatur zu reduzieren. Achte bei der Auflage der Hände auf den Lenker, dass der Druck auf die Handflächen gleichmäßig verteilt ist. Mache regelmäßige Pausen, besonders auf langen Fahrten. Das hilft, die Belastung der Handgelenke zu verringern.

Weitere Tipps

  • Handgelenke neutral halten: Vermeide es, die Handgelenke zu stark zu beugen, während du den Lenker hältst.
  • Ellbogen leicht beugen: Die beste Armhaltung für langen Fahrspaß auf dem Rad ohne Kribbeln oder Taubheitsgefühle: die Ellbogen leicht beugen, ansonsten lastet das Körpergewicht zu stark auf dem Ellbogengelenk.
  • Hand ausschütteln: Bei den ersten Anzeichen von Beschwerden: Hand vom Lenker nehmen, ausschütteln, hängen lassen.

Karpaltunnelsyndrom: Diagnose und Behandlung

Wenn die Symptome nicht nur beim Radfahren, sondern vor allem auch nachts auftreten, können dies Anzeichen für das Karpaltunnelsyndrom sein: eine schwerwiegende Druckschädigung des Mittelnervs im Handgelenktunnel. Auch oder gerade bei E-Bike-Fahrern gäbe es Probleme mit dem Karpaltunnelsyndrom, weil hier mehr Gewicht auf den Händen laste, da durch die Motorunterstützung weniger Last von den Beinen übernommen werde.

Die Behandlungsmöglichkeiten der Beschwerden des Karpaltunnelsyndroms hängt vom Schweregrad der Symptome ab. In leichten Fällen kann eine konservative Behandlung helfen, während schwerere Fälle möglicherweise eine Operation erfordern.

Konservative Behandlung:

  • Handgelenkschienen: Diese helfen, das Handgelenk in einer neutralen Position zu halten und so den Druck auf den Medianusnerv zu reduzieren.
  • Medikamente: Wie Ibuprofen können helfen, Schmerzen und Entzündungen zu lindern.
  • Physiotherapie: Spezielle Übungen zur Stärkung der Hand- und Unterarmmuskulatur sowie Dehnungen können helfen, den Druck auf den Nerv zu verringern.
  • Kortison-Injektionen: In schweren Fällen kann eine Injektion von Kortikosteroiden die Entzündung und Schwellung im Karpaltunnel reduzieren.

Chirurgische Behandlung (Karpaltunnel OP):

Wenn die konservativen Maßnahmen nicht wirksam sind oder die Symptome schwerwiegend sind, kann eine Karpaltunneloperation notwendig sein. Die Heilungsdauer variiert je nach Schweregrad der Symptome und der gewählten Behandlungsmethode. Bei konservativer Behandlung können sich leichte bis mittelschwere Symptome in wenigen Wochen oder Monaten bessern. Nach einer Operation dauert die vollständige Heilung in der Regel mehrere Wochen bis Monate.

Zusammenfassung

Taube Finger beim Biken müssen nicht sein. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, nachträgliche Veränderungen zu schaffen, die das Problem beseitigen können. Unangenehmes Kribbeln, eingeschlafene Finger und schmerzhafter Druck in den Handinnenflächen gehören zu den häufigsten Beschwerden beim Radfahren und sind für viele Radfahrer das Nummer Eins Thema, wenn es um Fahrkomfort geht.

Achten Sie auf die Stellung Ihres Lenkers. Das Handgelenk knickt bei einer falschen Stellung auf den Lenkergriffen nach oben ab. Dadurch werden die Muskeln an der Unterseite des Handgelenks überdehnt, an der Oberseite der Hand die Blutgefäße gleichzeitig schlechter durchblutet - wodurch nach kurzer Zeit das unangenehme Kribbeln ausgelöst wird“, sagt Professor Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln.

Verwandte Beiträge:

Kommentar schreiben

Kommentare: 0