Radfahren in Marokko: Tipps für unvergessliche Touren

Marokko ist für Fahrradfahrer ein hervorragendes und gleichsam auch herausforderndes Reiseziel. Das Fahrrad ist nicht unbedingt das erste Verkehrsmittel, das man mit Marokko assoziiert. Doch unter eingefleischten Rad(fern)reisenden erfreut sich das Land großer Beliebtheit - zurecht, wie man mit Blick auf zahlreiche Reiseberichte und eine stetig wachsende Internetgemeinschaft für Fahrradtouren in Marokko erkennen kann.

Herausforderungen und Reize des Radfahrens in Marokko

Einerseits gibt es so gut wie keine Fahrradwege, andererseits setzt die herausfordernde Topographie des Landes eine gute Grundkondition und die Bereitschaft zur Überwindung zahlreicher Höhenmeter voraus. Der raue Asphalt vieler Straßen kostet zudem ungewöhnlich viel Kraft und häufig ist mit Schlaglöchern, Bodenwellen oder plötzlich fehlendem Straßenbelag zu rechnen. In größeren Städten ist der Verkehr hektisch und nervig, es wird gehupt und gestikuliert, es riecht nach Abgas und Benzin und auf den ersten Blick muss man befürchten, dass auf der Straße am Ende des Tages das Recht des Stärkeren zählt. Außerhalb der Ballungsräume hält sich der Autoverkehr jedoch in Grenzen. In abgelegenen Regionen oder auf Pisten begegnet man relativ selten Autos und kann ungestört die spektakulären Aussichten genießen.

Reisezeit und Routenplanung

Die meisten mit Reiseberichten dokumentierten Fahrradtouren wurden in Südmarokko durchgeführt. Je nach Streckenlänge und Fitness der Teilnehmer bewegte sich die Reisezeit dabei in der Regel zwischen acht Tagen und vier Wochen. Was die Reisezeit angeht, so gibt es eigentlich fast keine Einschränkungen. Zwar sollte man auf eine Tour in die Sahara im Hochsommer verzichten, aber wie man den weiter unten verlinkten Reiseberichten entnehmen kann, ist selbst das möglich. In den heißen Sommermonaten sollte man sich meiner Meinung nach allerdings eher für Regionen an der Küste entscheiden. Für viele Wiederholungstäter sind die Frühjahrsmonate zwischen Januar und März aufgrund der einsetzenden Blüteperiode die beliebteste Reisezeit.

Routenempfehlungen

  • Tangier - Tétouan - Qued Laou - Chefchaouen: Diese Strecke ist lohnender als die direkte Verbindung Tangier - Chefchaouen.
  • RN 16 von Ceuta nach Tetouan: Hat abschnittsweise sogar einen Radstreifen und wird hauptsächlich von Lokalverkehr genutzt, da die Autobahn parallel verläuft.
  • Küstenstraße nach Al Hoceima: Die ausgebaute Küstenstraße ist schön zu fahren, auch wenn sie mit Steigungen verbunden ist.
  • Fès und Azrou Richtung Süden: Eine weitere empfehlenswerte Route.

Ausrüstung und Vorbereitung

Grundsätzlich unterscheidet sich die Ausrüstung für Fahrradtouren gar nicht so wesentlich von dem Equipment, das man bei anderen Outdoor-Aktivitäten nutzt. Obwohl es in den meisten Gegenden viele einfache Unterkünfte gibt, würde ich dazu raten, ein eigenes Zelt und rudimentäre Campingausrüstung wie Kocher, Schlafsack und Isomatte mitzunehmen einfach, um flexibler zu sein. Hinzu kommen natürlich noch einige Dinge rund ums Fahrrad. Jan Cramer (Marokko per Rad), der seit 1995 insgesamt 18 Radtouren in Marokko gemacht hat, empfiehlt ein 26-Zoll-Rad mit Untersetzung und robuster Bereifung ohne all zu viel Profil sowie die Mitnahme von Ersatzteilen und Werkzeug. Beides ist oft nur in den größeren Städten Marokkos zu bekommen: „Lieber ein Teil zu viel, als das Entscheidende zu wenig. Schlauch und Ventile stehen (Auszug Packliste Marokko per Rad).

Stromversorgung unterwegs

Wenn du dich während deiner Radreise autonom mit Strom versorgen willst, gibt es dafür zwei relativ einfache Möglichkeiten. Wenn du einen Nabendynamo benutzt, so kannst du mit dem innovativen E-Werk (Review) beim Fahren Strom erzeugen und dein Smartphone oder deine Powerbank laden. Ich verwende ein faltbares Solarpanel von Anker, das ich während der Fahrt über meine Hinterradtaschen ausbreite. Von dort führt ein Kabel in eine der Gepäcktaschen und speist eine Powerbank. Das klappt richtig gut und auch an wechselhaft bewölkten Sommertagen in Dänemark ist die Powerbank abends geladen. Wenn ich länger bleibe, so kann ich das Panel auch einfach in die Sonne legen oder irgendwo aufhängen und Strom erzeugen.

Transport in Marokko

In Marokko sind alle größeren Städten mit einem Busunternehmen namens "Supratours" verbunden. Es gibt noch eine Busorganisation die das macht, aber da fällt mir gerade der Namen nicht ein. In jeder Stadt hat Supratours ein Büro, in dem du am besten ein oder zwei Tage vorher dein Ticket für den Bus kaufst und somit dein Platz sicher ist. Fahrradmitnahme hat bei mir immer (zweimal) geklappt, natürlich auch weil sich der Busfahrer über ein paar Dirham extra freut. Die Busse sind mit Sitzplatzreservierung, klimatisiert und bequem. Fahrrad in der Bahn geht nicht. 2019 durfte ich das Rad nicht mal in den Bahnhof mitnehmen. Busse sah ich einige, die im Bauch Räder mitgenommen haben.

Unterkünfte

Wir haben auch immer ein Zelt dabei, aber Unterkünfte gab es reichlich und überall zu moderaten Preisen. Da solltet Ihr nicht in Schwierigkeiten kommen. Wir buchen nie im Voraus ausser der ersten Übernachtung nach der Ankunft. Mit Zelt bist du auf der sicheren Seite. Unterkünfte je nach Anspruch ist aber auch weniger ein Problem. Bei der Suche nach Hotels / Campings in NICHT-Tourigebieten muss man genauer Hinschauen. Es gibt am Atlantik auch so Ferienanlagen von Staatsbetrieben, die als "Hotels" auftauchen.

Umgang mit Einheimischen

Die Freundlichkeit und das Interesse der (männlichen) Einheimischen ist zu 99 % nur vorgetäuscht, weil sie euch primär als wandelnde Tresore sehen, denen man irgendetwas (Waren oder Dienstleistungen) verkaufen möchte. Das kann schon an der Grenze anfangen, wo ich jemand beim Ausfüllen des Einreiseformulars helfen möchte (natürlich gegen Trinkgeld). Sobald ihr das merkt, nicht vollkommen unfreundlich aber bestimmt ablehnen und weitergehen/fahren. Ist anfangs vielleicht ungewohnt oder lästig, aber man gewöhnt sich schnell daran, ist halt Nordafrika.

Tipps für den Umgang mit Einheimischen

Wenn eine oder mehrere Bedingungen vorliegen:

  • Männer unter 40J
  • irgendwie touristische Gegend (nicht nur in einer Stadt, aber sicher im Raum Tangier/Tetouan!)
  • Ansprache auf Englisch oder Deutsch

dann würde ich bei einem spontanen Hilfsangebot Deines Gegenübers von einer Dienstleistung ausgehen.

Beste Reaktion: ignorieren

Zweitbeste Reaktion: freundlich, KURZ und bestimmt ablehnen

Dümmste Reaktion: Gespräch beginnen, langatmige Erklärungen, sich ärgern

FALLS Du wirklich Hilfe brauchst, würde ich mich an folgende, einfach verfügbare Bevölkerungsgruppe NICHT wenden:

  • Männer unter 40J
  • Leute die dich auf E oder D anquatschen
  • Kinder

Gute Optionen sind:

  • Familien mit Kindern beim Einkaufen
  • Mütter mit Kindern
  • generell Frauen
  • ältere Männer, die kein D und E sprechen UND offensichtlich einen NICHT - touristischen Beruf haben (z.B. Bäcker, Fahrradschlosser)

Diese Tips sparen Nerven und vermeiden, dass Du am Ende entrüstet von den 0,001% Glücksrittern in irgendeinem Touri-Hotspot auf den "bösen" Charakter von Ahmed-normal-Marokkaner schliesst ! Die restlichen 99,999% sind nämlich meist ganz normal und gastfreundlich.

Navigation und Kartenmaterial

Ich würde mir mapy.cz auf das Smartphone laden - funktioniert offline und du siehst auch die kleinsten Wege und Pfade, mit komoot habe ich persönlich keine wirkliche Erfahrung. Generell ist der Verkehr in Marokko nur ganz selten (in und um die größeren Städte) dicht, die Landstraßen jeglicher Ordnung sind gut beradelbar, auch weil die Autofahrer in der Regel recht rücksichtsvoll sind (ausgenommen die unter Zeitdruck stehenden Busfahrer). Schadet trotzdem nicht, wenn man auch für die Autofahrer mitdenkt - manche unangenehme Situation (zB Losfahren oder Autotür öffnen ohne zu Schauen) entsteht durch deren Unachtsamkeit.

Reiseberichte und Inspiration

Viele Fahrradtouren in Marokko wurden liebevoll dokumentiert. Die online veröffentlichten Reiseberichte können bei der Planung einer eigenen Tour sehr hilfreich sein, um zunächst einen allgemeinen Eindruck vom Radfahren in Marokko zu bekommen und die mögliche Route zu planen. Dennoch sind die Informationen mit Vorsicht zu genießen, denn viele Berichte sind schon etwas älter und in Marokko wird seit einigen Jahren massiv in die Infrastruktur investiert. Wo abgelegene Ortschaften damals stellenweise nur über Pisten erreichbar waren, führt heute oft eine frisch asphaltierte Straße zum Ziel.

Beispiele für dokumentierte Fahrradtouren

  • Fahrradrundreise von Fès über die Wüste und den Hohen Atlas: Im Jahr 2015 legten zwei deutsche Fahrradfahrer auf einer langen Rundreise mehr als 1600 Kilometer zurück.
  • Marrakesch über das Atlasgebirge bis zur Wüste nach M’Hamid: Diese Tour führte 2019 zwei Gravel-Biker von Marrakesch über das Atlasgebirge bis zur Wüste nach M’Hamid.
  • Von Agadir nach Zagora: Stephan und Thomas Korn radelten im Hochsommer 2001 die große Runde von Agadir bis nach Zagora und zurück.

Marrakesch und Umgebung mit dem Fahrrad erkunden

Marrakesch wird in Marokko auch die "City of Bikes" genannt. Nirgendwo sonst im Königreich sollen vor allem so viele Frauen auf den kleinen Motorrädern, Mopeds oder Rollern unterwegs sein. Die motorisierten Zweiräder sind jedenfalls fester Bestandteil des Stadtbildes und werden von groß und klein, alt und jung sowie von Frauen und Männern durch die kleinen Gassen der Stadt gesteuert. Medina Bike hat Fahrradständer an mehreren logistisch günstigen Stellen. Alternativ kann man auch eine Stadtführung per Fahrrad durch Marrakesch machen. Wir haben eine Radtour mit Pikala Bikes gemacht. Das Unternehmen wurde von einer Holländerin gegründet. junger Marokkaner und Marokkanerinnen. Entgegen unserer Erwartung haben die anderen Verkehrsteilnehmer übrigens gut auf uns aufgepasst. Und obwohl wir nun schon zum 5. Ich finde, das war ein tolles Erlebnis und kann es nur jedem empfehlen.

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