Fahrradfahren bedeutet Unabhängigkeit, Selbstständigkeit und Mobilität. Das macht das Radeln natürlich auch für Menschen mit Behinderung attraktiv. Fahrradfahren mit Beeinträchtigung - Die Natur und unsere Städte bieten schier unendliche Möglichkeiten Neues zu entdecken. Auf dem Fahrrad macht das Erkunden noch mehr Spaß und auch Menschen mit einer Behinderung möchten dies gerne wahrnehmen und erleben. Fahrradfahren ist Lebensqualität.
Ist Radfahren mit Behinderung möglich?
Nicht jede Behinderung hält Menschen davon ab, auf ein Fahrrad zu steigen, oft sind es nur Teileinschränkungen, die dafür sorgen, dass der gesamte Bewegungsablauf auf dem Fahrrad nicht korrekt funktioniert. Doch auch Hobbyradlern mit körperlichen oder geistigen Besonderheiten können unter verschiedenen Möglichkeiten, sich per Fahrrad fortzubewegen, wählen. Wer aufgrund einer Krankheit oder eines Unfalls nicht mehr in der Lage ist auf das Rad zu steigen und zuvor eigenständig und ohne fremde Hilfe mit dem Fahrrad oder E-Bike in der Freizeit unterwegs war, der büßt in unseren Augen Lebensqualität ein. Der Verlust von Mobilität kann dabei durchaus weiterführende Beeinträchtigungen mit sich bringen. Sowohl körperliche als auch psychische. Für Menschen mit Behinderung kann sich der soziale Kontakt und die Integration in einen Fahrrad-Alltag ebenfalls positiv auf das Selbstwertgefühl ausüben.
Spezielle Fahrradtypen für Menschen mit Behinderung
Für Personen mit körperlichen Einschränkungen, sei es aufgrund einer Krankheit oder durch einen Unfall, ist normales Radfahren oft nicht (mehr) möglich. Es muss nicht immer ein extrem aufwändiges Fahrrad sein. Je nach Einschränkung reicht es aus, wenn zum Beispiel der Rahmen eine andere Geometrie hat oder der Lenker anders aufgebaut ist. Gerade bei Einschränkungen in der Körpergröße können Anpassungen bereits helfen. Es gibt auch spezielle Fahrräder und E-Bikes für kleinwüchsige Menschen. Aktuell leben in Deutschland rund 100.000 Menschen die von Kleinwuchs betroffen sind (bkmf.de).
Es gibt eine Vielzahl von speziell entwickelten Dreirad-Typen, die nicht nur die Mobilität verbessern, sondern auch mehr Freiheit und Unabhängigkeit bieten. Diese Dreiräder sind auf die unterschiedlichen Bedürfnisse und Anforderungen von Personen mit diversen Beeinträchtigungen zugeschnitten und ermöglichen eine sichere und komfortable Fortbewegung. Hier sind einige Beispiele:
Dreiräder
Das Dreirad eignet sich für Menschen mit einer Einschränkung im Bereich Gleichgewicht. Dies kann durch eine Behinderung oder einer Erkrankung bedingt sein. Zum Beispiel Schlaganfall-Patienten können nach einem solchen Ereignis das Gleichgewicht nicht mehr so gut oder gar nicht mehr halten. Hier entsteht auf dem normalen Fahrrad oder E-Bike eine hohe Unsicherheit, dass dies aus Angst lieber nicht mehr genutzt wird oder werden kann.
Vierräder
Das Vierrad basiert auf vier Reifen die alle den Boden berühren und so einen noch sicheren Stand geben. Das Fahrverhalten vom Vierrad ist noch stabiler als vom Dreirad für Erwachsene. Die ganz Kleinen unter uns kennen ein Vierrad zum Beispiel aus dem Laufrad-Bereich, wenn Kinder noch dabei sind das Gleichgewicht zu halten.
Rollstuhlfahrräder
Hierbei handelt es sich um ein Fahrrad, auf dem vorne entweder ein Stuhl bzw. ein Sitz montiert ist, der dem eines Rollstuhls gleicht kommt oder um ein Fahrrad, dass eine Fläche hat, auf dem ein normaler Rollstuhl abgestellt werden kann. Die zweite Variante ist multifunktionaler, hier wird der vorhandene Rollstuhl auf das Rollstuhlrad gefahren und mit Gurten befestigt. Ein besonders innovativer Typ ist das Rollstuhldreirad, das es ermöglicht, einen Rollstuhl direkt auf das Dreirad zu montieren oder die Person auf den Sitz zu heben und mit entsprechenden Sicherheitsgurten festzuschnallen. Diese Lösung bietet eine hohe Flexibilität und ist ideal für Menschen, die nicht in der Lage sind, selbstständig zu fahren, aber dennoch von den Vorteilen eines Dreirads profitieren möchten.
Rischka-Dreiräder
Ein weiteres bemerkenswertes Modell ist das Rischka-Dreirad, das es zwei Personen ermöglicht, nebeneinander zu sitzen und sich von einer weiteren Person fahren zu lassen. Dieses Modell wird häufig in Altenheimen, Reha-Einrichtungen und anderen sozialen oder therapeutischen Einrichtungen genutzt, da es eine ideale Lösung für die gemeinsame Aktivität und Betreuung bietet.
Tandems
Ein Tandem eignet sich immer dann, wenn der hintere Fahrer körperlich gar nicht bis kaum eingeschränkt ist, aber bei der Orientierung und Koordinierung Probleme hat. Der Vordermann kann als Steuermann den Kurs angeben und beide haben ein tolles Pedal-Erlebnis. Zusätzlich zu den genannten Modellen gibt es auch Tandem-Dreiräder, die eine großartige Möglichkeit für Menschen mit körperlichen Einschränkungen bieten, in Begleitung zu fahren. Bei diesen Fahrzeugen sitzen zwei Personen nebeneinander, wobei eine Person das Dreirad fährt, während die andere entweder unterstützend mittritt oder sich einfach entspannen kann.
Handbikes
Im Falle einer starken Arthrose, Amputation oder Querschnittslähmung sind Handbikes eine gute Wahl. Hierbei handelt es sich entweder um eigens konstruierte Spezial-Fahrräder oder um spezielle Fahrradanbausätze, die an Rollstühle montiert werden können.
Liegedreiräder (Trikes)
Menschen mit Rücken- oder Gleichgewichtsproblemen fühlen sich auf normalen Fahrrädern oft unsicher. Liegedreiräder (Trikes) gelten als kippsichere Behindertenfahrräder, die sowohl Radlern mit Gleichgewichtsproblemen als auch Nutzern mit anderen körperlichen Einschränkungen sicheren Fahrspaß garantieren. Darüber hinaus kann der Fahrer jederzeit anhalten und wieder losfahren, ohne umzukippen.
E-Bikes und Elektrounterstützung
Ob handelsübliches E-Bike, Handbike mit Elektromotor oder das mit Motorunterstützung betriebene Trike: Solche Räder eröffnen sowohl älteren Personen als auch Menschen mit Handicap oftmals ungeahnte Möglichkeiten. Sind die körperliche Schwächen oder Muskelprobleme vorhanden, kann der E-Bike Antrieb fehlende Kraft ausgleichen. Mit einem E-Bike Antrieb versehen, kann auch das Elektro Dreirad durchaus ein gutes Therapierad für Senioren sein. Eine große Unterstützung bieten gerade bei Menschen mit Behinderung auch Fahrräder oder Handbikes mit Elektromotor. Ob Scooter, Fahrrad oder der Einbau eines externen Motors mit Akku - der Vielseitigkeit eines unterstützenden Elektroantriebs sind heutzutage fast keine Grenzen mehr gesetzt. Selbst längere Radtouren oder hügelige Steigungen werden somit zu einem zu bewältigenden Hindernis. Entscheidend beim Kauf ist, auf die Akkuleistung und Akkulaufzeit zu achten.
Anpassungen und Zubehör
Es muss nicht immer ein „Kassenmodell“ sein, verschiedene Hersteller bieten moderne und optisch ansprechende Liegeräder oder Dreiräder an. Diese gibt es auch mit einem E-Bike Antrieb, zum Beispiel als Elektro-Dreirad. Durch den steigenden Abverkauf werden diese Art von Fahrrad weiter auf den Straßen verbreitet und immer normaler für andere Verkehrsteilnehmer.
Oftmals sind Pedalverbreiterungen erforderlich, die in denselben Größen wie die Fußfixierungen angeboten werden, um eine optimale Anpassung zu gewährleisten. Balance-Pedale mit Riemen erleichtern das Einsteigen, da die Pedale stets waagrecht ausgerichtet sind und der Riemen zusätzlichen Halt bietet, was einen sicheren Ein- und Ausstieg ermöglicht, ohne Einschränkungen. Für die Gangwahl sorgt ein spezieller Schaltknüppel, der auch bei eingeschränkter Hand- und Armgelenkfunktion eine mühelose Bedienung ermöglicht, unterstützt durch kurze Schaltwege und eine besonders leichte Gängigkeit.
Einige können mit besonderen Zubehörteilen minimiert oder verhindert werden. Das fixieren der Füße mittels Klettverschluss an der Fahrradpedale (bei Dreirädern) oder der Fahrradhelm können zusätzlichen Schutz bieten.
Sicherheit im Straßenverkehr
Im Straßenverkehr sind behinderte Menschen oftmals mehr gefährdet. Als Radfahrer mit Behinderung kommen weitere potentielle Gefahren dazu. Das Einschätzen anderer Verkehrsteilnehmer oder von Bremswegen können falsch vorgenommen werden. Andere Verkehrsteilnehmer sollten in jedem Fall besondere Aufmerksamkeit walten lassen, wenn ein Radfahrer mit Behinderung bzw. Einschränkungen wahrgenommen wird.
Sicherheit im Straßenverkehr spielt eine entscheidende Rolle. Insbesondere bei der Nutzung eines Elektro-Dreirads, das sich durch seine erhöhte Geschwindigkeit und spezielle Bauweise von herkömmlichen Fahrrädern unterscheidet. Ein zentraler Punkt ist das Tragen der richtigen Schutzausrüstung. Hierzu gehört nicht nur ein Helm, der im Falle eines Sturzes den Kopf schützt, sondern auch geeignete Kleidung, die Verletzungen minimiert und den Fahrenden bei schlechten Witterungsbedingungen schützt. Weiterhin wird auf die Bedeutung einer guten Beleuchtung des Fahrzeugs hingewiesen. Die richtige Beleuchtung ist nicht nur gesetzlich vorgeschrieben, sondern auch entscheidend für die Sichtbarkeit im Straßenverkehr, vor allem bei Dämmerung oder Dunkelheit. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die regelmäßige Wartung und Pflege des Dreirads. Nur durch eine sorgfältige Kontrolle von Bremsen, Reifen und dem Elektromotor kann die Sicherheit während der Fahrt gewährleistet werden.
Förderung und Finanzierung
Fahrräder und Fahrzeuge für Beeinträchtige bekommt man nicht bei jedem Fahrradhändler an der Ecke. Die Bauweisen aber auch die therapeutischen Wirkungsweisen lassen sich die Hersteller gut bezahlen. Grundsätzlich kann man bei der Krankenkasse anfragen, ob diese einen Zuschuss bei der Anschaffung eines Dreirads oder Elektro Dreirad beisteuern. Dabei kommt es ganz auf die jeweilige Situation des eingeschränkten Menschen an. Dennoch bleibt es oftmals eine Einzelfallentscheidung. Wie die Höhe der aktuellen Zuzahlungen für Therapiedreirad bzw. Behindertendreirad ist, erfragen Sie bei ihrer Krankenkassen. Wer sich ein gebrauchtes Dreirad kaufen möchte, der kann auch in bekannten Kleinanzeiger-Portalen suchen und durchaus fündig werden. Wie bei einem normalen Fahrrad auch, es muss nicht immer ein neues Fahrrad gekauft werden. Neufahrzeuge kosten durchaus bis zu 10 000 Euro.
Bei Kindern ist die Erstattung eines Therapierads durch die Krankenkasse in der Regel leichter als bei Erwachsenen. Erwachsene bekommen die Förderung vielmals mit der Begründung verweigert, das Radfahren sei kein Grundbedürfnis. Der VdK etwa nennt das Beispiel einer Frau, die seit ihrer Geburt an einer Tetraspastik leidet. Für die Ersatzbeschaffung eines Dreirads beantragte sie die Kostenübernahme bei ihrer Krankenkasse. Die lehnte ab, die Frau zog vor Gericht. Sie bekam Recht. In diesem Einzelfall aber sahen die Richter das Fahrrad als medizinische Rehabilitation, die bei der Frau dafür sorgt, einen drohenden Verlust der Gehfähigkeit zu verhindern.
Um eine Förderung zu beantragen, bedarf es eines Rezepts. Das stellt der behandelnde Arzt aus. Auch eine Stellungnahme des Arztes und des Therapeuten könne hilfreich sein. Dieses Maß zu finden, ist gar nicht so leicht. Daher empfiehlt Van Raam, einen Förderantrag für Spezialräder akribisch vorzubereiten. Beim Händler der Wahl sollte frühzeitig eine Beratung erfolgen, welches Rad überhaupt in Frage kommt. Wichtig hierbei: Viele Therapieräder haben eine Hilfsmittelnummer. Ebenso können auch die Kosten von Rädern übernommen werden, die keine Hilfsmittelnummer haben. Auch auf dem Rezept sollte möglichst genau vermerkt sein, wofür das Rad benötigt wird und welchen medizinischen und therapeutischen Zweck es erfüllt. Fotos und Videos mit und ohne Therapierad helfen ebenso, den tatsächlichen Bedarf zu belegen. Denn auch wenn die Beratung bei einem Händler für Spezialräder oft der erste Schritt ist, sollte das Rezept für ein solches Fahrzeug immer das älteste der eingereichten Dokumente sein.
Infrastruktur und gesellschaftliche Aspekte
Ein Fahrrad für Behinderte bringt dem eingeschränktem Menschen nichts, wenn er damit nirgendwo fahren kann. Die Infrastruktur muss auch für solche Spezialfahrräder ausgebaut und vorgesehen sein. Die Novelle der StVO im Jahr 2020 hat in Sachen Abstand beim Überholen als auch in Punkto Stellplatz für Lastenfahrräder die richtigen Weichen gestellt. Auch ist die Regelung, dass Personen transportiert werden dürfen, sofern das Fahrrad dafür vorgesehen ist, ein weiterer, richtiger Schritt. Leider werden auch Fahrräder gestohlen, die für bestimmte Menschen die einzige, unabhängige Mobilität darstellen.
Hersteller von Spezialfahrrädern
Viele Jahre produzierte HP Velotechnik vor allem sportliche und Touren-Räder. Anfangs schleichend, inzwischen mit viel Eifer nimmt die Sparte der Reha-Bikes immer mehr Platz in der Produktion ein. Seitdem ist enorm viel passiert in Gütersloh. Handbike-Rennen sind heute paralympische Sportart und Teil einer jeden großen Marathon-Veranstaltung. Der Spezialradhersteller Van Raam gilt seit Jahrzehnten als Experte für angepasste Dreiräder. Dabei stetig weiterentwickelt haben die Niederländer ihren Easy Rider. Am Anfang steht ein „Versehrtenrad“. Karl Wulfhorst.
Mit breiter Modellpalette deckt Draisin einen großen Anteil des Bedarfs auf dem Spezialfahrrad-Markt ab. Eines der 30 Modelle ist das Komfort-Dreirad Malta. Hase Bikes sind Pioniere der deutschen Liegerad-Szene. Inzwischen machen die Waltroper fast 70 Prozent ihres Umsatzes mit Spezialrädern für Menschen mit Handicap.
Beispiele und Erfolgsgeschichten
Herzerwärmend ist etwa die Geschichte von Nikki und Kevin Garwood aus Johannesburg. Vater Kevin zog seinen an zerebraler Kinderlähmung leidenden Sohn beim 3,8 Kilometer langen Schwimmen in einem Boot hinter sich her, schob ihn beim abschließenden Marathonlauf in einem speziellen Buggy.
Eingefleischte ElektroRad-Leser kennen sie: Ida aus Regensburg. Liebevolle Sticheleien ihrer beiden Brüder waren deshalb an der Tagesordnung. Bis ihre Mutter eines Tages das Stufentandem Pino von Hase entdeckte. Treten können beide, wie jedes Tandem hat das Pino zwei Kurbeln. Und weil Ida mitten im Wachstum steckt, wächst auch das Pino mit.
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