Der Starnberger See begeistert jeden Besucher auf seine persönliche Art. Für die einen ist er ein schönes, weitläufiges Gewässer im Alpenvorland mit etlichen bezaubernden Badestellen, die wegen ihrer schönen Ausblicke im Herbst genauso reizvoll zum Verweilen sind wie im Sommer. Für die anderen ist er eigentlich gar kein See, sondern ein kunsthistorisches und architektonisches Phänomen mit unzähligen Burgen, Museen und herrschaftlichen Villen. Manche sehen in ihm eine alles überragende Societydestination, wo sich Promis vom Fußballprofi bis zum weltberühmten Schriftsteller hingezogen fühlten und fühlen (und die Immobilienpreise längst ins Astronomische abgehoben sind). Schon allein die Geschichten der Bewohner bürgen für einen außergewöhnlichen Unterhaltungswert.
Um diese multiple Persönlichkeit, den Starnberger See, näher kennenzulernen, gibt es kein besseres Transportmittel als das Fahrrad. Gute 50 Kilometer misst der offizielle Radweg rund um den See. Denn hier gibt es so viele Orte und Attraktionen - von der romantischen Insel bis zu feudalen Burgen und einem avantgardistischen Museum -, die einen Stopp wert sind, dass man sich für die Runde mindestens ein Wochenende Zeit nehmen sollte.
Unterwegs laden außerdem viele hübsche Badebuchten mit Aussicht über den See zu einer Picknick-Pause ein, dazu Biergärten und lauschige Lokale, in denen die Beute der lokalen Fischer frisch und schmackhaft zubereitet serviert wird. Wer kann, sollte die Tour unter der Woche unternehmen, denn an Wochenenden tummelt sich reichlich Münchner Publikum auf den Radwegen und in den Biergärten.
Die Route im Detail
Die ersten Fahrminuten vom Bahnhof Starnberg ist man noch vom Stadtverkehr abgelenkt. Aber spätestens auf der Possenhofener Straße südwärts am Westufer legt sich das rasch, fixiert sich der Blick links zu den feudalen Villen mit Privatufer, die wie Perlen an einer Kette aneinander gereiht sind.
Kurz vor Possenhofen führt der Weg dann in eine weitläufige Parkanlage direkt am Ufer, vorbei am Schloss, wo einst Sisi aufgewachsen ist und heute private Luxuswohnungen mit Seeblick eingerichtet sind. Weiter geht es am Rande des Golfclubs in Feldafing entlang zur Anlegestelle, wo man sich mit historischen Booten zur winzigen Roseninsel chauffieren lassen kann, wo sich einst Sisi und Ludwig II. heimlich trafen. Ein längeres Stück führt der Weg durch den dunklen Park, der heute noch dem ehemaligen Königshaus der Wittelsbacher gehört und erst vor Garatshausen endet.
Wenige Meter vom Radweg und direkt am See fristet die einstige Villa von Hans Albers ein kümmerliches Dasein, weil der Eigentümer, der Freistaat Bayern, wenig Interesse an einer Restaurierung hat. Nebenan wohnte einst Ernst Henne, legendärer Motorradrennfahrer, nach dem ebenso wie Hans Albers die angrenzende Straße benannt ist.
Erste Pause in Tutzing
Langsam wird es Zeit für eine erste Pause, und da passt es gut, dass in Tutzing das „Midgardhaus“ direkt am Weg steht. Zu der eleganten Villa mit Restaurant direkt am Ufer gehört auch ein typisch bayerischer Biergarten. In Tutzing wechselt die Route auf die Hauptstraße, radelt man an der Residenz des thailändischen Königs vorbei, die man leicht übersieht, weil sie zwar herrschaftlich wirkt, aber sonst nichts auf den ungewöhnlichen und umstrittenen Bewohner hinweist.
Für alten Geldadel steht kurz danach links die Kustermann-Villa inmitten eines weitläufigen und akkurat gepflegten Parks. Die neoklassizistische Villa ließ sich der Eisenhändler Max Kustermann vor rund 150 Jahren bauen. Heute gehört sie der Gemeinde Tutzing. Kurz danach könnte man beim Kaffeehaus in dem Museumsschiff auf einen Espresso einkehren. Ausnahmsweise mal nichts Mondänes. In Unterzeismering geht‘s wieder ein Stück auf der Straße, dann folgt der Weg direkt zu der weitläufigen Anlage der Klinik Höhenried, auf deren Gelände das Schloss Höhenried steht. Auch wieder ein Ort mit glamouröser Geschichte. Schloss und Park gehörten früher Wilhelmina Busch, was irreführenderweise nach dem zeichnenden Dichter klingt, es handelte sich aber um eine Erbin des amerikanischen Braukonzerns Anheuser-Busch. Heute ist das riesige Anwesen im Besitz der Deutschen Rentenversicherung. Manchmal ist das Leben eben ziemlich unromantisch. Aber das ist schnell vergessen, denn das Nachbaranwesen ist wieder voller Fantasie. Das Buchheim Museum direkt am See empfängt Besucher mit kuriosen Plastiken, einem poppig bemalten Hubschrauber und einem grotesk verfremdeten alten BMW.
Kloster Bernried und Seeshaupt
Hier zeigt sich wieder, wie wichtig es ist, dass man Zeit und gelassene Neugier für diese Tour mitbringt. Man begegnet einer solchen Anhäufung von Kostbarkeiten und Anekdoten, dass ein zügiger Fahrstil ohne Pausen eine echte Sünde wäre. Denn nach dem Museum sind es nur wenige Minuten zum Kloster Bernried, wo man übrigens auch direkt am See in standesgemäßer Bescheidenheit logieren kann. In dem ehemaligen Augustiner-Chorherrenstift sind heute Missions-Benediktinerinnen zu Hause, und dort werden auch Seminare und Tagungen durchgeführt. Wer möchte, kann sich in eines der zahlreichen Zimmer zurückziehen und entschleunigte Tage verbringen. TV, Telefon und Internet sind in den Unterkünften bewusst nicht vorhanden.
Nach einer Passage über grüne Auwiesen und vorbei an einsamen Villen sticht kurz vor Seeshaupt ein selbst für hiesige Verhältnisse feudales Anwesen ins Auge. Schloss Seeseiten gehörte früher einem Mitbegründer der BASF-Werke in Ludwigshafen und ist heute im Besitz des milliardenschweren Barons von Finck. Gediegene Landhäuser begleiten die Fahrt hinein nach Seeshaupt, wo einige hundert Meter über Straßen führen, bevor der offizielle Radweg wieder das Ufer begleitet. Danach macht der Weg eine Linkskurve zum Ostufer hin und nimmt Kurs Richtung Norden - durch schattige Waldpassagen vorbei an lauschigen Badeplätzen bis zum „Buchscharner Seewirt“, einem klassisch bayerischen Wirtshaus inklusive Biergarten.
Das exklusive Ostufer
Auch auf der Ostseite wird der Starnberger See seinem exklusiven Ruf gerecht und unterstreicht das mit der Ambacher Seestraße, die so etwas wie das zeitgemäße Promiviertel ist. Hier radelt es sich außerdem ganz entspannt, da der Autoverkehr auf Anlieger beschränkt ist. Direkt gegenüber dem Schiffsanlegesteg Ambach steht das Gasthaus „Zum Fischmeister“, dessen Besitzer der Schauspieler Josef Bierbichler ist. Das Lokal ist eine beliebte Schickeria-Location und die ganze Straße eine Ansammlung von teuren Villen von nostalgisch bis modern.
Dazwischen zwängen sich die kleinen Biergärten der Fischereibetriebe wie die „Fischhalle“ zur Linken und kurz danach „Sebald“ rechts an der Straße. Frisch geräucherte Renken und Saibling oder ein Steckerlfisch direkt aus dem See sind die Klassiker für einen Stopp. Für den etwas anspruchsvolleren Appetit können es auch ein Räucheraal oder eine Fischsuppe sein. Die kleinen Familienbetriebe sind da gut sortiert. Und wer sich auch beim Durst an regionalen Produkten orientieren will, sollte sich das Bier vom nahen Kloster Andechs, vom Karg in Murnau oder vom Kloster Reutberg bei Bad Tölz gönnen, allesamt kleine feine Landbrauereien mit viel Tradition.
Sehenswürdigkeiten in Berg
Kurz nach dem Münsinger Strand ragt rechts eine Burg wie aus alten Kostümfilmen in den Himmel. Das düstere Schloss Seeburg ist heute eine Stätte des christlichen Kinder- und Jugendwerks Wort des Lebens e.V., ebenso wie das Schloss Allmannshausen ein paar hundert Meter weiter nördlich. In der folgenden kleinen Ortschaft Leoni gibt es mit dem „Seehotel“ eines der wenigen Hotels in direkter Lage am Wasser. Schräg gegenüber kann man sich beim „Fischermeister Gastl“ mit Fischsemmeln, Kaffee und Kuchen stärken.
Kurz vor Berg ändert sich die Szenerie. Der Radweg taucht in ein Waldstück hinein und führt bergab direkt zum Ufer und zu der Attraktion schlechthin am Ostufer: Dort ragt das berühmte Kreuz aus dem Wasser, das an die Stelle erinnert, wo Ludwig II. der Legende nach ertrunken sein soll. Ob freiwillig oder unfreiwillig, das ist heute noch ein Mysterium. Direkt darüber steht die große Votivkapelle, seinerzeit im Gedenken an den unglücklichen Monarchen erbaut. Danach kurvt der Weg um das Schloss Berg herum, einst eines der Lieblingsorte von Ludwig II. und heute Privatresidenz der Wittelsbacher.
Auf den letzten Kilometern bis zum Zentrum von Starnberg passiert der Weg einige Werften und eine Tauchschule. Wenige Meter vom Ufer entfernt steht die einstige Privatklinik des Leibarztes von Franz Josef Strauß. Die im Barockstil gestaltete Villa de Osa wurde 1909 für die Witwe eines kolumbianischen Botschafters gebaut, 1951 fiel ihr Sohn samt Familie einem Gewaltverbrechen zum Opfer. Heute steht sie leer und wartet auf bessere Zeiten.
Solche Geschichten unterscheiden den Starnberger See von so ziemlich allen anderen deutschen Seen. Hinter jeder Ecke wartet eine ungewöhnliche Geschichte mit mehr oder weniger prominenten Menschen. Auch deshalb sollte man sich besonders viel Zeit nehmen für diese Runde.
Zusammenfassung der Tour
Die Radtour um den Starnberger See ist etwa 50 Kilometer lang und führt durch abwechslungsreiche Landschaften. Hier ist eine Übersicht der wichtigsten Punkte:
- Start/Ziel: Bahnhof Starnberg
- Länge: ca. 50 Kilometer
- Höhenunterschied: 250 Meter
- Empfohlene Dauer: Mindestens ein Wochenende
Die Strecke verläuft meist auf Uferpromenaden, kleinen Straßen sowie Feld- und Waldwegen. Besonders am Westufer können die Wege bei Nässe matschig sein. Die Beschilderung ist gut, die Radwege zwischen den Orten sind mit grünen Fahrradwegweisern versehen.
Alternativroute zum Kochelsee
Eine anspruchsvolle Alternative führt vom Starnberger See zum Kochelsee und zurück. Diese Route bietet zusätzliche landschaftliche Reize und kulturelle Sehenswürdigkeiten.
Wegbeschreibung:
Degerndorf - Achmühle - entlang der Loisach - Eurasburg - Nantesbuch - Bichl - Benediktbeuern - Kochel a. See - Schlehdorf - Sindelsdorf - Iffeldorf - St. Heinrich - Ambach - Holzhausen - Degerndorf
Empfohlene Unterkünfte
Für eine mehrtägige Tour bieten sich folgende Unterkünfte an:
- Hotel Fischerhaus: Zentral in Starnberg gelegen.
- Hotel Kaiserin Elisabeth: Historisches Hotel nahe dem Golfplatz in Feldafing.
- Kloster Bernried: Einfache Zimmer direkt am Seeufer.
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