Tragischer Tod von Gino Mäder bei der Tour de Suisse

Es war eine Schocknachricht, die nicht nur die Sportwelt erschütterte: Der Schweizer Radprofi Gino Mäder ist tot.

Am 15. Juni 2023, während der 5. Etappe der Tour de Suisse, stürzte Gino Mäder schwer und erlag später seinen Verletzungen. Der 26-Jährige war auf der Abfahrt vom Albula-Pass zum Zielort La Punt von der Straße abgekommen und in einer Schlucht gelandet.

Vor Ort konnte er noch reanimiert werden, aber am Morgen darauf folgte die traurige Gewissheit: Mäder erlag seinen Verletzungen einige Stunden später im Krankenhaus. Er wurde nur 26 Jahre alt.

Die Reaktion der Familie und der Radsportwelt

Nun sprach erstmals Mäders Mutter Sandra über die schlimmsten Stunden ihres Lebens. Sie sei am besagten Tag bei einem Geschäftsessen gewesen und habe die Etappe deshalb nicht vor Ort verfolgt, erzählte sie dem Südkurier.

Später machte die Nachricht des Sturzes die Runde. Noch bevor Sandra Mäder über die Schwere des Unfalls Bescheid wusste, erkundigte sich jemand in einer Nachricht bei ihr, wie es Gino gehe. Kurze Zeit später rief ihr Ex-Mann, Ginos Vater Andreas, bei ihr an. Auch Ginos Freundin Meret habe sich gemeldet.

Als sich die Ärzte des Krankenhauses in Chur, in das Gino eingeliefert worden war, kurze Zeit später bei der Familie meldeten, wurde für die Mutter immer klarer, dass es um ihren 26-jährigen Sohn sehr schlecht gestanden habe. Die Familie solle schnellstmöglich ins Spital kommen, so die Nachricht der Mediziner.

„Da war mir klar, dass es nur noch darum ging, ob die Maschinen abgestellt werden oder nicht“, berichtete die 51-Jährige der Zeitung unter Tränen.

Der Sturz, das sah die Familie an seinem Krankenhaus-Bett, habe äußerlich nur einen Schnitt in der Wange hinterlassen. Innerlich aber hatte er schwere Verletzungen am Gehirn verursacht.

„Der Arzt sagte mir, dass Gino nie mehr ‚Mami‘ sagen wird können, dass er so wie in dem Moment für immer im Bett liegen bleiben würde, dass er nie mehr sprechen oder laufen wird können“, blickte Mäder zurück.

Noch am selben Abend wurden die Medikamente abgesetzt, am folgenden Tag um 11.24 Uhr wurde Gino für tot erklärt. Die Nachricht machte auch bei den anderen Fahrern der Tour de Suisse - und in der ganzen Welt die Runde.

Ginos Organe wurden gespendet - „das wollte Gino so“, erzählte seine Mutter - und so konnte er anderen Menschen noch das Leben retten, wodurch „zumindest noch etwas Sinn in seinem Sterben liegt“, sagte sie.

„Wir sind durch den Verlust unseres außergewöhnlichen Fahrers, Gino Mäder, am Boden zerstört. Sein Talent, seine Hingabe und sein Enthusiasmus waren eine Inspiration für uns alle“, sagte Milan Erzen, Manager vom Team Bahrain-Victorious: „Er war nicht nur ein extrem talentierter Fahrer, sondern auch eine großartige Person abseits des Rads.“ Das Team werde ihm zu Ehren fahren.

Nach dem Sturz am Donnerstag war Mäder nicht ansprechbar und musste an der Unfallstelle zunächst wiederbelebt werden, ehe er per Helikopter ins Krankenhaus transportiert werden konnte. Von seinen schweren Verletzungen erholen konnte er sich nicht mehr.

Kritik an der Streckenführung und die Reaktion der Organisatoren

Zu den Fahrern, die wegen der Streckenführung Kritik an den Organisatoren übten, zählte auch Weltmeister Remco Evenepoel aus Belgien. Es sei keine schlaue Idee gewesen, das Ziel einer solchen Etappe nach einer Abfahrt zu platzieren, sagte der 23-Jährige nach Angaben der Schweizer Zeitung Blick. „Aber man braucht offenbar immer noch mehr Spektakel.

Fabian Wegmann, der bei Deutschland Tour und anderen Rennen selbst für die Streckenplanung zuständig ist, teilt diese Kritik nicht. "Ob man so kurz vor dem Ziel eine Abfahrt braucht, kann man natürlich diskutieren. Das birgt schon ein Risiko", so der 42-Jährige: "Ich kenne die Organisatoren und kann ausschließen, dass sie um jeden Preis Spektakel wollten - nach dem Motto 'Höher, schneller, weiter'. Sie schauen schon sehr auf das Risiko."

Zudem habe es die Stelle schon des Öfteren bei der Tour des Suisse gegeben, sie sei also nicht neu gewesen. Auch hätte es keine vorherigen Beschwerden von Fahrern gegeben.

"Wenn das Ziel ein bisschen weiter von der Abfahrt entfernt gewesen wäre, wären die Fahrer dort möglicherweise nicht so risikoreich hinuntergefahren. Aber auch dann kann so etwas passieren", erklärt Wegmann.

Ähnlich sieht es Ralph Denk. "Der Unfall hat nichts damit zu tun, dass das Ziel kurz danach kam. Der Pass war der erste des Tages. Die Fahrer hinten gehen oft größeres Risiko als die, die um den Sieg fahren. Und für Gino ging es um nichts mehr, weder in der Tages-, noch der Gesamtwertung. Das macht es noch tragischer", so der Teamchef des deutschen Topteams Bora-hansgrohe zu "Bild".

"Meines Erachtens kann man von der Organisation her nichts vorwerfen, denn die Stelle war gut abgesperrt und dort stand beispielsweise kein Auto oder Zuschauer waren zu nah an der Strecke. Man kann eine hundert Kilometer lange Strecke leider nicht komplett absperren und an jeder Kurve Fangnetze aufbauen", so Wegmann weiter.

Er sei sich sicher, dass Mäder die Abfahrt gekannt habe. Doch "weil man die Kurve schon zehnmal gefahren ist, heißt das aber nicht, das man dort nicht stürzen kann." Die Fahrer schauten sich die Abfahrten mittlerweile vorab im Internet an, aber deswegen sei man nicht vor einem Fahrfehler gefeit. "Das Risiko hat schon immer dazugehört, so tragisch es ist. Radsport ist ein gefährlicher Sport, der nun einmal auf der Straße stattfindet", so Wegmann.

Den Veranstaltern macht Sandra Mäder keine Vorwürfe. Schnelle und gefährliche Abfahrten gehörten zum Radrennen dazu. Das Risiko, zu verunglücken, sei im Training größer.

Streckenänderungen nach dem Unglück

Eine ähnliche Konstellation wie am Donnerstag mit einer Abfahrt relativ kurz vor dem Ziel vermeiden die Veranstalter allerdings. "Bei der Bergetappe nach Winterberg im Sauerland haben wir beispielsweise am Ende eine Runde eingebaut, damit das Ziel direkt nicht aus einer Abfahrt angesteuert wird", erklärt Wegmann.

Ermittlungen und Abschluss des Strafverfahrens

Nach dem tödlichen Unfall des Radprofis Gino Mäder hat die Staatsanwaltschaft Graubünden das Strafverfahren eingestellt. Die Ermittler kamen zu dem Ergebnis, dass weder bei den Organisatoren der Tour de Suisse noch beim ebenfalls gestürzten Magnus Sheffield ein Verschulden vorlag.

Dass die Rennleitung die Kurve in der Abfahrt vom Albulapass, in der Mäder stürzte, nicht als «warn-erforderlich» eingestuft hatte, sei laut Staatsanwaltschaft nicht zu beanstanden. Die Behörde teilte mit, dass der Entscheid noch nichts rechtskräftig sei.

Mäder war am 15. Juni auf der fünften Etappe der Tour de Suisse gestürzt und am Tag darauf seinen schweren Kopfverletzungen im Alter von 26 Jahren erlegen. Die Staatsanwaltschaft hatte unmittelbar nach dem Unfall ein Verfahren eingeleitet, in dessen Folge Mäders Leichnam und sein Rad untersucht sowie mehrere Personen befragt wurden.

Sheffield hatte sich in einer anderen Fahrergruppe befunden und war vor Mäder an derselben Stelle gestürzt. Der 21-Jährige erlitt dabei Prellungen und eine Kopfverletzung. Anfang September kehrte er bei der Tour of Britain ins Renngeschehen zurück.

Gedenken an Gino Mäder

Die für den heutigen Freitag geplante 6. Etappe der Rundfahrt wurde zu einer rund 20 Kilometer langen Gedenkfahrt des Feldes zu Ehren Mäders ins Tagesziel umgewidmet, bei der die Fahrer mit Trauerflor ihrem Kollegen eine letzte Ehre wiesen. Zuvor war sie schon vor der Todesnachricht wegen einer Felslawine verkürzt worden, ausgerechnet die geplante erneute Passage des Albulapasses wurde durch den Bergsturz unmöglich.

Mäder hatte seine Profikarriere 2019 im Rennstall Dimension Data begonnen und sich schnell als kletterstarker Etappenjäger und Rundfahrer einen Namen gemacht. Sein erfolgreichstes Jahr war die Saison 2021, als er Etappen bei Giro d'Italia und Tour de Suisse gewann und in der Gesamtwertung der Vuelta a Espana Fünfter geworden war.

Doch auch abseits der Rennstrecken engagierte sich Mäder, machte sich stark vor allem für klimapolitische Themen und nutzte seine Popularität in den Sozialen Netzwerken, um Spendengelder zu sammeln.

Die Mannschaft, sagte Teamchef Erzen nun, werde zu Mäders Ehren "Rennen fahren und sein Andenken auf jeder Straße bewahren, auf der wir fahren".

Im Jahr 2019 gehörte Mäder zum Starterfeld der Polen-Rundfahrt, als dort der junge Belgier Bjorg Lambrecht durch einen Sturz ums Leben kam - dies war der bislang letzte tödliche Rennunfall in der WorldTour gewesen.

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