Marcel Wüst, der in den 90er-Jahren als Radprofi Etappen bei allen drei großen Rundfahrten gewann - dem Giro d’Italia, der Tour de France und der Vuelta (Spanien-Rundfahrt).
Für Weltenbummler Wüst, der seit Beginn seiner Profilaufbahn nur im Ausland unter Vertrag war, hat sich die Tour 2000 trotzdem gelohnt: "Ich habe eine Woche lang im Rampenlicht gestanden, unser Sponsor ist hochzufrieden, und in Deutschland weiß man nun auch besser, was ich kann." Dennoch: In Spanien und Frankreich ist der "Rheinländer mit Herz und Seele" weitaus populärer als zu Hause.
Mit seinem beherzten Auftritt mit und ohne Rad hatte er sich besonders in die Herzen der Franzosen katapultiert. Vor allem, weil er der Landessprache wie ein Einheimischer mächtig ist. "Die Intelligenz an der Macht", titelte die Lokalzeitung "Ouest France" nach dem Tagessieg von Wüst. Die Pariser "Le Monde" hatte ihn in der vergangenen Woche auf einer Seite gewürdigt. "Ich habe mich schon immer für mehr als nur Fußball, Fahrrad und Playboy interessiert", sagt Wüst.
Die Spanien-Rundfahrt (26. August bis 17. September) ist in diesem Jahr sein nächstes großes Ziel. Danach würde sich Wüst sehr für einen Olympia-Start in Sydney interessieren. Die Chancen sind aber gleich Null, wie Telekom-Pressesprecher Olaf Ludwig, gleichzeitig Vize-Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), in seiner Funktion als Verbandsvertreter bestätigte.
"Anfang des Jahres haben wir für den fünfköpfigen Olympia-Kader neun Kandidaten aufgestellt, in dem Wüst nicht dabei war. Vor allem, weil es natürlich einfacher ist, auf diese Art eine Touretappe zu gewinnen. Einen Gesamtsieg gab es für Deutschland in 113 Jahren nur einmal. Sie verdienen die meiste Anerkennung."
In den ersten zehn Tagen jeder Tour müssen Sprinter Vollgas fahren, volle Pulle, jeden Tag. Und die Fahrer für das Gesamtklassement gucken, dass sie an den Hinterrädern ihrer Teamkollegen so wenig Kraft wie möglich verlieren. Dann kommen wir in die Berge, jetzt müssen die Sprinter etwas tun, wofür sie vom Körperbau her gar nicht prädestiniert sind. Da sind die schon müde und haben schon zehn Tage Feuer gefahren. Und dann kommen die anderen, die nur gelutscht haben und fahren ihnen in den Bergen um die Ohren.
Die Sprinter rasen mit bis zu 60 Stundenkilometern durch das Ziel. Noch schneller werden Radsportler nur bei Abfahrten. Beim Giro sollte dazu eine eigene Wertung eingeführt werden, die nach Protesten aus dem Fahrerlager wegen des hohen Verletzungsrisikos zurückgezogen wurde.
Der schwere Unfall und seine Folgen
Als Marcel Wüst beim Kriterium d'Issoire bei Tempo 60 im Peloton mit dem Franzosen Jean-Michel Thilloy zusammenstieß und nach dem Aufprall kurz das Bewusstsein verlor, hielten die Fans den Atem an. Viel hatte an jenem 11. August 2000 nicht gefehlt, und der damalige Festina-Fahrer hätte sogar sein Leben verloren - sein rechtes Augenlicht aber konnte nicht gerettet werden.
Wüst, für den der folgenschwere Sturz das Karriereende bedeutete, ist heute "mit so viel Demut und Dankbarkeit erfüllt, dass ich überhaupt noch am Leben bin. Jeder Tag, an dem ich am Morgen aufstehe, ist ein Geschenk", sagte er.
Trotzdem sei dieser Tag "mein zweiter Geburtstag", sagte Wüst vor knapp einem Jahr der "Abendzeitung": "Das ist ein spezieller Tag für mich. Mir wurde eine zweite Chance, ein zweites Leben geschenkt. Ich bin unendlich dankbar, dass ich damals nicht zu den Engeln gekommen bin." Mein Unfall war eine Verkettung unglücklicher Umstände. Das hat damit nichts zu tun.
Das war wie bei dem Gerüstbauer, der in einer Riesenhöhe ein Gerüst aufbaut und dem nichts passiert. Der geht dann mit dem Wäschekorb die Treppe runter, fällt auf den Rücken und ist querschnittsgelähmt. Nein, ehrlich gesagt war mein erster Gedanke, dass so eine Abfahrtswertung was für mich gewesen wäre. Ich sehe das nicht so negativ. Die Entscheidung, bei so was mitzumachen, liegt bei jedem Sportler selbst.
Ob man solche Anreize setzen muss, ist sicherlich umstritten. Aber es gibt ja bereits ähnliche Aktionen. Das ist ganz klar. Ein Kollege von mir musste dieser Tage ins Krankenhaus, weil ihm ein Auto die Vorfahrt genommen hat. Michele Scarponi (ehemaliger Giro-Sieger), Nicky Hayden (ehemaliger Motorrad-Champion) , Julia Viellehner (Triathlon) - alle starben in den vergangenen Wochen bei Radunfällen. Wir haben halt keine sichere Arena da draußen.
Engagement im Radsport nach der aktiven Karriere
Als TV-Kommentator begleitete er danach die Tour de France, ehe die ARD 2007 die Live-Übertragungen wegen mehrerer Dopingfälle abbrach. Inzwischen gehört der selbstständige Promoter und Moderator zum Präsidium des Bundes Deutscher Radfahrer.
Sie sind seit einigen Monaten Vizepräsident Marketing und Kommunikation im Präsidium des Bundes Deutscher Radfahrer. Wenn ich für den Bund Deutscher Radfahrer durch meine offene, geradlinige, kommunikative Art und durch Kontakte helfen kann, dann mache ich das sehr gerne. Ich würde mir einfach wünschen, dass es uns gelingt, wieder mehr Nachwuchs zu bekommen, indem man vielleicht die eine oder andere Struktur verändert. Es gibt ja auch noch zum einen diese boomenden Jedermannrennen, unter denen der Vereinssport auch zu leiden scheint, weil keiner mehr in einen Verein geht. Aber wie kann man Vereine auch wieder attraktiv machen?
Der 51-Jährige, der das Amt im Frühjahr 2017 übernommen hatte, begründete seinen Entschluss mit Zeitmangel. Er habe seine eigenen Erwartungen wegen zu starker beruflicher Auslastung nicht erfüllen können.
In den letzten Monaten habe er gesehen, "wie viele Aufgaben der BDR mit der Geschäftsstelle und den Ehrenamtlichen umsetzt", sagte Wüst, der bei der Tour de France, dem Giro d'Italia und der Vuelta insgesamt 14 Etappen gewann: "Das konnte ich leider aus zeitlichen Gründen nicht umsetzen. Mein Lebensmotto lautet: Ganz oder gar nicht."
Marcel Wüst als Trainer und Experte
Der Kurs Technik für mehr Spaß am Fahren klingt ein wenig nach dem Slogan eines bayerischen Automobilherstellers: erweist sich aber für mich als Hobby-Rennradlerin als eine ausgesprochene Bereicherung. Ich nehme an Kursen innerhalb der Rennradwochen RAD-MARATHON Tannheimer Tal teil, um vom Profi Marcel Wüst Tipps zu erhalten. Dazu gehört neben den Ausfahrten unter anderem der Technik-Kurs.
Einige Skills sollten alle unserer 20köpfigen Gruppe schlichtweg beherrschen, das macht das Leben einfacher. Nicht nur bei Pannen, sondern auch bei Gruppenausfahrten und Massenstart wie beim RAD-MARATHON Tannheimer Tal.
Und vier Frauen nimmt Marcel insbesondere ins Gebet: frau sollte das Rad auch kennen und nicht alles der Werkstatt oder dem Mann überlassen. Marcel empfiehlt, die Bremse weicher einzustellen. So wird eine Überreaktion verhindert und die Hände werden entlastet: Die Position der Bremse kommt der natürlichen Handkrümmung entgegen und die Hände verkrampfen nicht so schnell bei längeren Abfahrten.
Eigentlich gut nachvollziehbar: Marcel fordert uns auf, die Hände am Körper fallen zu lassen und die Hand- und Fingerhaltung anzuschauen. Die Männer in der Gruppe fragen nach Ernährung, nach dem besten Ketten-Öl, den Laufrädern, Schläuchen und Werkzeugen.
Was die Ernährung angeht: Vor einem Marathon mit 214 km und 3.500 Höhenmetern sollten wir das essen, was wir gewohnt sind. Sonst hat der Körper mit noch mehr als der körperlichen Herausforderung zu kämpfen. Magnesium klar, aber bitte auch vorher. Muskelkrämpfe verhindern könne man am besten mit regelmäßigem Training.
Marcel macht deutlich, dass man auch mit normalem Material bestens auskommt. „Ich bin auch nicht der Beste, da brauche ich auch nicht das teuerste Öl“. Und überhaupt, 5 Kg abnehmen ist billiger und gesünder als teuerstes Material.
Sein Tipp: Liebere teurere Laufräder als teurere Schaltung, lieber Felgen- als Scheibenbremsen - warum genau? Marcel als Profi hat so viel Erfahrung, die er gerne teilt.
Eigentlich, so Marcel, taugt ihm das Wetter hier nicht: Über die Hälfte seiner hier verbrachten Zeit sei´s verregnet. Da fühlt er sich auf Mallorca, wo er sein Casa Ciclista betreibt, wesentlich wohler. Insbesondere Kölner folgen ihm gerne - ob nach Spanien oder ins Tannheimer Tal. Was mich persönlich gar nicht wundert. Marcel sprüht vor Energie, ist witzig, kennt die Menschen, geht auf sie bereits nach dem ersten Kennenlernen ein. Egal ob es, wie in der Gruppe Franzosen sind, ob Oberbayern oder Niederländer.
Nach unserem Technik-Kurs im Tannheimer Tal kommen Schüler und Schülerinnen der 7. Klasse. Sie dürfen bei Marcel hinter die Kulissen schauen. Zum Thema Veranstaltungsmanagement oder Sponsoring und natürlich wie man Profi wird.
Klar kennt er das Allgäu: Nicht nur weil er 1987 schon am Alpsee seinen Urlaub verbrachte, sondern auch weil er 2007 am Allgäu-Triathlon teilnahm. „Ich musste vier Minuten in die Penalty-Box, weil ich Windschatten gefahren sei. Morgens um 6 Uhr ging´s los. Und um 15:54 Uhr war ich nach 214 km und 3500 Höhenmeter wieder im Ziel. Ein tolles Gefühl!
Verwandte Beiträge:
- Radfahrerinnenbeine: Training, Pflege & die schönsten Looks
- Verkehrszeichen für Radfahrer: Übersicht & Erklärungen
- Radfahrer Jacke Herren: Test, Vergleich & Kaufberatung für Fahrradjacken
- Radtouren Südheide Gifhorn: Strecken, Tipps & Highlights
- Elektro-Roller mit Solar-Ladefunktion: Test & Kaufberatung
Kommentar schreiben