Radtour durch die Rundlingsdörfer im Wendland

Nichts macht den Kopf so schnell frei wie eine Radtour. Das Wendland, eine Region im östlichen Niedersachsen, bietet abwechslungsreiche Natur, interessante Geschichte und bunte Alternativkultur - perfekt für einen Kurzurlaub auf dem Fahrrad an einem langen Wochenende.

Als Zielregion für dieses lange Radwochenende hat sich die Autorin Regine Gwinner mit ihrem Mann das Wendland ausgesucht. Das Wendland - diese seit über 300 Jahren so bezeichnete Landschaft im östlichen Niedersachsen - ist weitgehend deckungsgleich mit dem heutigen Landkreis Lüchow-Dannenberg. Die ehemalige Grenzregion zwischen Heide und Elbe reizt mit abwechslungsreicher Natur, interessanter Geschichte und bunter Alternativkultur.

Nichts fokussiert die Aufmerksamkeit aufs Hier und Jetzt so kompromisslos wie ein Tag auf Radtour: Räder rein in die Bahn und wieder raus, Weg finden, Störche beobachten, Berge bezwingen, Wetter im Blick behalten, staunen.

Mittendrin liegt einer der Pionierbetriebe des ökologischen Tourismus: das Biohotel Kenners Landlust, eine ideale Station für die Erkundung des Wendlands. Schon seit den 90er-Jahren machen Barbara und Kenny Kenner vor, wie Nachhaltigkeit im Hotelgewerbe umgesetzt werden kann. Ein wichtiger Aspekt für die beiden: Augenhöhe zwischen Gästen und Mitarbeitenden.

Die Küche nutzt fast ausschließlich frische lokale Produkte. „Wir haben von Anfang an Bioküche angeboten, obwohl es die Produzenten und Einkaufsstrukturen für Biolebensmittel damals gar nicht gab“, erinnert sich Barbara Kenner. Sie baute persönliche Beziehungen zu allen Bioproduzent*innen der Region auf und kochte flexibel mit dem, was die Höfe an Obst, Gemüse und Fleisch so lieferten. Diese gute Vernetzung ist eine absolute Stärke des Hauses.

Die Zielgruppe, die Kenny und Barbara mit den neuen Baumhäusern erreichen und fürs Wendland begeistern möchten, sind Singles oder Paare, die sich ein paar Tage Auszeit gönnen möchten - bei netten Gastgebern, mit guter Küche, mit Aktivität und Wellness und ganz viel Ruhe.

Die kleine Baumvillen-Siedlung neben dem Haupthaus ist das neueste Projekt der Kenners. Sie ermöglicht den Gästen noch mehr Privatsphäre und Naturnähe und gleichzeitig eine enge Anbindung an den Hotelservice. „Die Idee für die neuen Baumhäuser ist aus einem Projekt mit der Uni Lüneburg entstanden, an dem wir als Praxispartner teilnehmen konnten“, erzählt Barbara begeistert. „Es war so inspirierend, Nachhaltigkeit mal wieder ganz außerhalb der Alltagsaufgaben mit neuen Menschen und neuen Perspektiven zu denken.“

Touren und Aktivitäten im Wendland

Viele Informationen zu Aktivitäten, Unterkünften, Natur und Kultur gibt es beim Tourismusverband Wendland-Elbe und auf der Webseite der Region Wendland mit Radtouren-Tipps - von Drawehn bis zur Elbe.

Rundlings-Tour per Rad

Auf einer Rundtour von 22 Kilometern verbindet diese Strecke mehrere Rundlingsdörfer - unter anderem Satemin (das älteste) und Güstritz (das am besten erhaltene).

Großer Rundlingswanderweg

Der ca. 17 Kilometer lange Weg verbindet fünf historische Rundlingsdörfer inklusive des Freilichtmuseums Wendlandhof in Lübeln. Im Pförtnerhaus befindet sich das Biosphären-Zentrum mit Informationen und Naturerlebnisangeboten.

Die Landschaft des Wendlands

Das sanfte Auf und Ab der Landschaft geht in die Beine. Obwohl das Wendland offiziell zur norddeutschen Tiefebene gehört, ist es hier alles andere als flach. Auf der ersten Radtour muss man erkennen: Der Drawehn wird voll unterschätzt. Der scheinbar unspektakuläre Höhenzug konfrontiert einen mit knackigen Aufstiegen und Abfahrten. Obwohl er an seiner höchsten Stelle kaum 150 Höhenmeter misst, gewährt er weite Blicke übers Land.

Das abwechslungsreiche Bild mit Höhenzügen, Tälern, lichtem Mischwald, kleinen Weilern und nicht zuletzt den angrenzenden Elbtalauen bietet die perfekte Kulisse für eine Tour. Man bestaunt bemooste Baumriesen, die zwischen jungen Birken emporragen, radelt durch blühende Wiesen und an Getreidefeldern vorbei, die von knallrotem Mohn und blauen Kornblumen eingerahmt sind. Das Wendland präsentiert sich einsam und zurückgezogen, ist aber landschaftlich sehr abwechslungsreich.

Die Rundlingsdörfer

Die Rundlinge sind typisch wendländische Dörfer. Ihre Struktur und Bauweise hat sich im Mittelalter unter slawischem Einfluss in der Region durchgesetzt. Herrschaftliche Backstein-Giebelhäuser sind kreisrund um das gemeinschaftlich genutzte Stück Land im Zentrum, die Allmende, angeordnet. Circa hundert dieser uralten Rundlingsdörfer gibt es noch - viele davon liegen so nah beeinander, dass man sie gut auf einer Wanderung oder Radtour verbinden und erkunden kann.

Die Fachwerkhäuser sind gut erhalten oder liebevoll wiederhergerichtet. Jedes für sich präsentiert sich als schmuckes Fotomotiv. Gut gepflegte Blumenrabatten, Kinderspielzeug und Rasenmäher im Garten zeigen, dass diese Dörfer belebt und lebendig sind. Einige der geräumigen Höfe beherbergen Ateliers oder Werkstätten. Tische und Schirme zeigen, wo man ein Hofcafé findet. Oft haben sich neben den Rundlingen auch neue Ortskerne gebildet, in denen es Läden, einen Gasthof und eine Dorfkirche gibt.

Als absolutes Muss fürs Ausflugsprogramm schickt Anni Hammer, die Organisationschefin von Kenners Landlust, einen auf eine Radtour entlang der berühmten Rundlingsdörfer der Region - inklusive Besichtigung des Rundlings-Museums in Lübeln.

Anreise und Nahverkehr

Im Nahverkehr der Deutschen Bahn DB können Fahrräder in der Regel problemlos und ohne Reservierung mitgenommen werden. Einige Verkehrsverbünde schließen die klassischen Pendlerzeiten aus. Das DB-Fahrrad-Tagesticket kostet 6,50 Euro und gilt verbund- und bundeslandübergreifend. Kostenlos ist die Fahrradmitnahme im Nahverkehr in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Baden-Württemberg sowie mit Einschränkungen in Bayern (auf ausgewählten Strecken) und Hamburg (nicht zu Pendlerzeiten).

Im Fernverkehr sind Radstellplätze rar, vor allem im ICE. Tickets zu Urlaubszeiten und an Wochenenden sollte man frühzeitig buchen. Sie kosten zwischen 7,50 und 12,90 Euro.

Tipps für den Ticketkauf

  • Bei der Online-Ticketsuche gleich am Anfang bei den „Reisenden“ das Fahrrad hinzufügen. Dann ist bei der Anzeige der Verbindungen über das Fahrrad-Icon direkt sichtbar, ob es noch Radplätze gibt oder nicht.
  • Dagegen werden bei der Aktivierung der Option „Fahrradmitnahme“ alle Züge angezeigt, die theoretisch ein Fahrrad mitnehmen, unabhängig von der tatsächlichen Verfügbarkeit.
  • Ein Fahrradticket für den Fernverkehr ist bis einen Tag vor der Reise kostenfrei stornierbar, wenn man es als Einzelticket kauft. Wird das Radticket zusammen mit der Fahrkarte gekauft, gelten die Stornierungsbedingungen der jeweiligen Fahrkarte.

Fahrradtransport

S-Pedelecs, Tandems, Liegeräder und Dreiräder dürfen nicht in die Züge, Fahrradanhänger nur in geklapptem Zustand. Letztere gelten - genau wie gefaltete Falträder - als Gepäckstücke und können kostenlos mitreisen. Wer sein Fahrrad mit einem Schloss sichert, kann auch dann entspannt reisen, wenn der Sitzplatz nicht in Sichtweite des Rades ist.

Noch bequemer, als das eigene Fahrrad mit in Zug oder Bus zu nehmen, ist es oft, ein Fahrrad vor Ort zu leihen.

Busse

Auch die meisten Flixbusse nehmen inzwischen Räder mit - entweder auf einem Fahrradträger am Heck oder in speziellen Fahrradhüllen im Gepäckraum des Busses. Die Kosten liegen zwischen 8 und 19 Euro. Nicht mitgenommen werden E-Bikes, Tandems und Dreiräder.

In einigen Reiseregionen bietet die DB während der Sommermonate temporäre Fahrradbusse an. Eine Übersicht für die beliebten Radregionen Nordrhein-Westfalens gibt es bei DB-Regiobus.

Die Rundlingsdörfer im Detail

Die meisten Rundlinge liegen verträumt und abgeschieden im Wendland. In Lübeln dagegen ist immer etwas los, was auch auf dem gut genutzten Parkplatz am Dorfeingang zu sehen ist. Stattliche 100 Meter misst der Dorfplatz an der weitesten Stelle, damit zählt das Runddorf zu den größten seiner Art. Auf dem Anwesen Nr. Das Freilichtmuseum Wendlandhof lockt viele Besucher nach Lübeln. Informieren Sie sich vorab im Museum über die Besonderheiten und Geschichte der Rundlingsdörfer. Außer den tollen Fachwerkhäusern rund um den Dorfplatz bietet Lübeln noch eine hübsche Kapelle. Gehen Sie ein Stück auf dem Weg neben dem Rundlingsmuseum, rechts versteckt sich die kleine Fachwerkkirche unter Eichen. Für eine romantische Trauung ist das Kirchlein perfekt, standesamtlich geheiratet wird im Freilichtmuseum. Für Feier und Hochzeitsnacht bietet sich das schöne Ambiente des 1.

Das Dorf Gühlitz hat seine ursprüngliche Struktur gut erhalten. Grundriss und Zufahrtswege sind auf dem Stand von 1450, als Gühlitz erstmals schriftlich erwähnt wurde. Verändert haben sich Straßenbelag und Häuser. Wie in den anderen Rundlingen auch, prägen niederdeutsche Hallenhäuser das Bild. Vor allem das Vierständerhaus Nr. 1 fällt mit aufwendig gestaltetem Fachwerkgiebel auf. Lavendelblauer Anstrich macht ein Dreiständerhaus zum Blickfang im Häuserrund. In Gühlitz 9 lebt und wirkt der Künstler Jörg Sonntag. Der Bildhauer und Holzschnitzer restauriert das betagte Fachwerkhaus. Übrigens, Gühlitz liegt an der Deutschen Mühlenstraße. Vielleicht machen Sie noch einen Abstecher zur nahegelegenen Gühlitzer Wassermühle.

Laut Mecklenburgischem Urkundenbuch existiert der ovale Rundling Meuchefitz seit 1191. Der Sage nach, gab es zuvor schon das Dorf Alt-Naulitz, das jedoch im Moor versunken ist. Im Laufe der Jahrhunderte wurden Häuser abgerissen oder neue gebaut, Höfe aufgegeben oder geteilt. Solch ein Abriss machte 1890 endlich den Straßenbau nach Gühlitz möglich. Beachten Sie das Haus Nr. 5. Vor Jahrzehnten war sein Giebel schon einmal mit Eternitplatten verkleidet. Doch das Ehepaar Gisela und Reinhold Korth entfernten die Platten wieder und sanierten das Gebäude liebevoll. Passend zum Thema Rundling, steht an der Bushaltestelle ein hübsches rundes Wartehäuschen.

Der Gasthof Meuchefitz spielt eine zentrale Rolle im Widerstand gegen das Atomprojekt Gorleben. Er ist Treffpunkt, Kommunikationszentrum und Widerstandscafé. Allerdings öffnet der Gasthof für Besucher nur zu besonderen Zeiten und bei Veranstaltungen. Besonders beliebt ist die Donnerstagskneipe. Meuchefitz beherbergt eine der ältesten Kirchen im Wendland. In den rund angelegten Dörfern war ursprünglich kein Platz für ein Gotteshaus vorgesehen. Also kamen die Dorfkirchen später an den Dorfrand, wobei nicht jedes Rundlingsdorf eine eigene Kirche baute. So kamen die Gläubigen der Umgebung in die Feldsteinkirche Meuchefitz und begruben ihre Toten auf dem zugehörigen Friedhof.

Das Dorf Köhlen ist nicht mehr ganz rund, aber am westlichen Teil ist der Hofbogen gut erhalten. Übrigens, Köhlen 13 ist das Domizil der Bildhauerin Doris Keßner. Sie freut sich über Besucher und gibt auch Bildhauerkurse. Wenn Sie auf der L 261 in Richtung Steine weiterfahren, kommen Sie an dem schönen Fachwerkgebäude der Köhlener Wassermühle vorbei.

Auf den Luftbildern von Alexander Neureuter können Sie das Dorfrund Mammoißels mit den Wäldchen hinter den Höfen gut erkennen. Die Dorfeiche hat es zu einer beachtlichen Größe gebracht und verbirgt die alte Milchbank vor den Blicken aus der Luft. Bis heute zeigen die Häuser mit ihren Fachwerkgiebeln und der „Grot Dör“ zur Dorfmitte. Der Hof Mammoißel 12 wird übrigens von den Biobauern Ulrich und Annette Quis bewirtschaftet, die auch einen Hofladen betreiben.

Auch in Püggen erleben Sie einen gut erhaltenen Rundling und können einem Künstler bei der Arbeit zusehen. Seit den 80er Jahren lebt und arbeitet in dem Anwesen Püggen 8 Johann-Reimer Schulz. Der Maler, Grafiker und Bildhauer ist für seine „wendländischen Hausgeister“ bekannt. Durch Püggen führt übrigens die Deutsche Storchenstraße, das Storchennest auf dem Dorfplatz können Sie nicht übersehen.

Nur eine schmale Zufahrt führt in den kleinen Rundling Bussau hinein, dessen Häuser eng beisammen stehen. Vorher kommen Sie an einer, für die Gegend, untypischen Hausfassade vorbei. Es ist die „Kleine Kneipe“. Achten Sie im Rundling auf den Hausbaum des Vierständerhauses Nr. 8, er ist schon mit dem Haus verwurzelt. Liebevoll wird das Gehöft in der Region „Kulke-Haus“ genannt, nach seinem Bewohner Dr. Erich Kulke.

Das älteste Fachwerkhaus am Dorfplatz von Granstedt stammt aus dem Jahr 1877 und wurde von dem Ehepaar Weber erbaut, wie Sie auf der Balkeninschrift nachlesen können. In Diahren erinnert auf den ersten Blick nur der grüne Dorfplatz mit Baum an einen Rundling. Nach einem großen Dorfbrand wurden die meisten Häuser in gerader Reihe wieder aufgebaut. In dem Anwesen Nr. 10 betreibt Giselher Kühn einen Milchschafhof. Er beliefert unter anderem den „Dorfladen“ in Lübeln mit seinen Produkten. Übrigens, von dort kommt leckere White Wendish Likör, den Sie in unserem Kartoffelrestaurant probieren sollten.

Das Rundlingsdorf Küsten beeindruckt am Südrand mit ausgeprägter Rundlingsform und der etwa 500 Jahre alten Eich auf dem Dorfplatz. Wer hat wohl die Milchkannen auf der Milchbank vergessen? Übrigens, die Friedenskirche in Küsten ist eine „Radfahrerkirche“ und meist geöffnet.

Elf Vierständer Hallenhäuser bilden das Dorfrund von Reetze, es gibt einige schöne Fachwerkgiebel zu bestaunen.

Auf den ersten Blick wirkt Jeetzel wie ein gewöhnliches Straßendorf mit giebelständigen Häusern. Der Rundling ist eher eine lang gestreckte Ellipse und der Dorfplatz wird von einer Straße in zwei Hälften geteilt. Hübsch anzuschauen ist die mittelalterliche Kapelle. Wie bei Rundlingen üblich steht auch hier die kleine Kirche abseits vom Dorfkern. Der Holzturm ist aus handgesägten Eichenbrettern gebaut und trägt eine Glocke aus dem 13.

Hübsch anzuschauen ist die wendlandblaue Grot Dör am Haus Dorfstraße 8 in Neritz. Das Gebäude daneben fällt wiederum mit den dichtstehenden Hausbäumen auf.

In Klennow treffen Sie wieder auf die typische Rundlingsform mit echter Sackgasse und großem baumbestandenen Dorfplatz. Abschnittsweise stehen die Vierständer noch eng beieinander und bilden eine beeindruckende Platzwand. Doch modernisierte Gebäude stören den beschaulichen Eindruck. So passen die weiß geklinkerten Giebel irgendwie nicht ins Bild, das blau gestrichene, offensichtlich alte Dielentor schon.

Interessant ist die Inschrift am Haus 5 aus dem Jahr 1813 in Dolgow. Achten Sie speziell auf die Nachnamen der Eheleute, der Mann hieß Schulze, die Frau Schulzen. Zu früherer Zeit war diese Ansprache des weiblichen Ehepartners üblich, und ist auf vielen Spruchbalken älterer Hallenhäuser noch zu lesen.

In Güstritz steht das vielleicht kleinste Hallenhaus des Wendlandes. Der Dreiständer ist bereits 1716 erbaut, mit seinem weiß-blauen Anstrich fällt er Ihnen sicher auf. Auf dem Dorfplatz ist ein schöner Spielplatz eingerichtet, außerdem beherbergt der Ort eine Fahrradstube. Zwischen die niederdeutschen Hallenhäuser hat sich ein untypisches, zweistöckiges Gebäude gemogelt, auch Rübenburg genannt. Übrigens teilten sich die Güstritzer vor Jahrhunderten Ihr Dorf mit heimatlosgewordenen Bewohnern des aufgegebenen Dörfchens Breese.

In Satemin werden Sie vielen Besuchern begegnen. Ein Grund dafür ist sicher das überregional bekannte Wendlandcafé mit Töpferei, aber auch das Atelier des Malers Helion.

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