England bietet eine Vielzahl an Radwegen, die sowohl für entspannte Freizeittouren als auch für anspruchsvolle Fernreisen geeignet sind. Die Organisation Sustrans, die sich dem nachhaltigen Transport verschrieben hat, spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie versteht sich als Hüter und Förderer des National Cycle Network und hat den Anspruch, Radfahrer möglichst abseits des Verkehrs voranzubringen.
Das National Cycle Network
Das National Cycle Network (NCN) ist ein Projekt der britischen NGO-Initiative Sustrans, das ein Netz von acht nationalen Radrouten (eine neunte in Nord-Irland ist in Vorbereitung) und mehreren regionalen Radrouten ausgehend von der jeweiligen nationalen Route aus entwickelt hat. Die Routen sind in der Regel mit der jeweiligen Ziffer auf rotem Grund auf einem blauen Schild beschildert.
Viele Routenabschnitte werden von ehrenamtlichen Rangern von Sustrans betreut, welche die Radwege regelmäßig kontrollieren, Müll beseitigen, Schäden beheben oder melden und ggf. Umleitungen ausschildern.
Die Beschilderung ist überwiegend gut, könnte aber an einigen Stellen durchaus mehr Wartung vertragen, und sei es auch nur mithilfe einer Heckenschere, die die blau hinterlegten Routen-Nummern in Büschen und Bäumen vom Blattwerk befreit.
Das ist lobenswert und funktioniert auch über weite Strecken ausgezeichnet. Natürlich muss man hin und wieder breite Straßen kreuzen oder sich über einige Meilen hinweg Landstraßen mit dem Kraftverkehr teilen. Doch den allergrößten Teil unserer Reise konnten wir nahezu autofrei (oder wenigstens autoarm) verbringen.
Bahnradwege
Leichter voran geht es auf den Bahnradwegen. Nur wenige sind besonders gekennzeichnet oder als solche angekündigt, aber immer wieder stoßen wir auf gut befahrbare Steckenabschnitte, die eindeutig als ehemalige Bahntrasse zu identifizieren sind. Manchmal nur kurz, als Schotterweg über ein, zwei Kilometer, dann aber auch wieder asphaltiert oder mit gepflegter Feinkiesdecke über längere Distanzen.
Beim Aufbau des National Cycle Network NCN, dem zurzeit etwa 12.000 Meilen umfassenden nationalen Radfernwegenetz in Großbritannien, wird nach Möglichkeit auf konvertierte Bahnstrecken zurückgegriffen. Wegebau und Vermarktung werden von Sustrans koordiniert.
Wir können George Stephenson, dem Pionier des Eisenbahnwesens, bis heute dankbar sein für sein Engagement im Bahnbau. Eine ehemalige Bahnstrecke führt direkt an seinem Geburtshaus in der Nähe von Newcastle vorbei - heute ist auf der Trasse ein Fahrradweg angelegt.
Die Bahnradwege geben bereits einen Hinweis auf das industrielle Erbe des Vereinigten Königreichs, wie auch die vielen Eisenbahnvereine, die auf nicht mehr genutzten Gleisstrecken ihrem Hobby mit Dampf und Diesel nachgehen. England gilt als die Wiege der frühkapitalistischen Industrialisierung, und Spuren davon finden sich überall.
Herausforderungen und Besonderheiten
Viele der Radstrecken verlaufen auf schmalen, einspurigen Sträßchen, oft gesäumt von hohen Hecken. Die schützen vor Wind, schränken aber auch den Blick ins Land ein. Doch da Landwirte hin und wieder auf ihre Felder oder zu den weidenden Kühen oder Schafen wollen, gibt es in regelmäßigen Abständen breite Gattertore in den Hecken.
„Die führen die Radrouten möglichst abseits vom Verkehr, nehmen dabei aber jeden, wirklich jeden Hügel mit.“ Von Besserung also keine Spur, denn das Land ist hügelig! Die Berge sind nicht hoch, die Radwege aber finden meist auf geradem, steilen Weg den höchsten Punkt, bevor sie sich genauso steil wieder ins nächste Tal hinabsenken.
Klassische eigene Wege wie bei uns gibt es selten, eher ist man auf Nebenstraßen unterwegs. Doch auch schmale Schotterstreifen auf kleinen Wegen ohne gemähte Seiten sind keine Seltenheit, sodass mehr Zeit eingeplant werden sollte. Manchmal kommen auch Sperrungen, durch die das Fahrrad nur ohne Gepäck durchgehoben werden kann.
Die Topographie
Gerade auf den kleineren Straßen muss man sich auf der gesamten Insel auf häufige kurze und knackige Steigungen gefasst machen. Dies gilt vor allem für den Südwesten (Cornwall, Devon) und für den Lake District und die North York Moors.
Der Unterschied zwischen typischen englischen Straßen (verschlungene Führung, starke Steigungen selbst in nur mäßig welligem Gelände) und typisch schottischen Straßen (eher geradlinig, eher fahrradfreundlich trassiert) hat historische Gründe: Die meisten Straßen in England wurden von der Selbstverwaltung der Pfarrbezirke angelegt, nach den Interessen der örtlichen Gentry (Kleinadelige und bürgerliche Führungsschicht). Das Ergebnis ist ähnlich wie bei deutschen Radwanderwegen.
Radfahren in Städten
Bristol wirbt mit dem Slogan: „Bristol is the UK’s first Cycling City, a symbol of the city’s status as one of Europe’s most bike-friendly destinations.“ Und wirklich sind überall rote Radstreifen zu sehen, einige baulich separierte Radwege nehmen dem Autoverkehr Raum weg, blaue Schildchen mit Zielangaben sorgen für Orientierung.
Wir fahren auf einer verkehrsfreien Strecke (auch hier eine ehemaligen Bahnlinie) bis mitten ins Zentrum der Stadt, in der überall Radfahrende unterwegs sind. Junge Leute zumeist (Bristol ist Universitätsstadt), die sich über die Topographie hinwegsetzen und trotz der vielen Hügel beim Rad bleiben.
Das ist alles sehr schön, halbwegs komfortabel, aber von Frankfurter Verhältnissen noch weit entfernt. Wie überhaupt die britische Radwege-Infrastruktur noch Nachholbedarf hat.
In den Städten teilt man sich oft mit den Fußgängern schmale Gehwege, auch rechtsseitig mit vielen Ampeln. An Ampeln hält im UK kaum ein Fußgänger oder Radfahrer an, weil diese so ineffizient sind.
Kulinarische Genüsse
Tee ist weiterhin allgegenwärtig in England. Schwarzer Tee mit Milch, zum Frühstück, mittags, nachmittags. Zum „Fully cooked breakfast“ mit Speck, Würstchen, Spiegelei, gegrillter Tomate gebackenen Pilzen und Kartoffelecken genauso wie zum deftigen Sandwich zur Lunchtime oder zum „Afternoon Tea“ mit Scones, clotted Cream und Marmelade.
In jedem Zimmer, egal ob im einfachen Hotel oder im schicken Bed & Breakfast, erwarten uns ein Wasserkocher, zwei Tassen, einige Teebeutel und etwas Milch, manchmal sogar ein paar Kekse. Doch der Kaffee holt auf. In den Cafés stehen moderne Espressomaschinen, überall wird hervorragender „Americano“ gebraut. Für uns etwas ungewohnt läuft jedoch zuerst heißes Wasser aus der Maschine in die Tasse, dem erst zum Schluss ein Schuss Espresso beigegeben wird.
Über das „Fully cooked breakfast“ hatten wir schon gesprochen, danach erübrigt sich eigentlich eine Debatte über weitere Mahlzeiten. Wer morgens schon ein paar Cereals (Cornflakes oder Müsli), gefolgt von oben erwähnter warmer Mahlzeit und einem Toast mit Marmelade mit reichlich Tee herunterspült, hat den Kalorien-Tagesbedarf eines Urlaubers eigentlich gedeckt.
Doch da sich, Rad fahrend, nach einigen steilen Pisten bald wieder Appetit einstellt, müssen wir über Lunch nachdenken. Fish & Chips aus dem Schnellimbiss? Ein „Pasty“, die besonders im Süden überall erhältliche Teigtasche mit Fleisch- und Gemüsefüllung? Ein leckerer Kuchen zum Americano im Café? Brot, Käse und Obst aus der Fahrradtasche, auf einer Wiese am Wegesrand? Die Möglichkeiten sind unendlich, Geschäfte reichlich vorhanden, selbst weit ab auf dem Land finden sich kleine Dorfläden, die oft auch sonntags geöffnet sind. Hungrig bleibt niemand an einer Steigung hängen.
Dass die Radroute in Bodmin direkt den dortigen Sainsbury’s streift, in Holsworthy am Coop vorbei führt und es der Tesco-Markt in Worcester sogar als Ziel auf einen der blauen Radwegweiser geschafft hat, vereinfacht die Versorgung erheblich. Und Dinner? Chinesisch, indisch, arabisch, englisch - auch in kleineren Städtchen ist das Angebot an Restaurants, Pubs, Inns oder Fast Food ausreichend. Wer jemals Lästerliches über die englische Kochkunst verbreitet hat, sollte sich wieder einmal im Land umschauen.
Unterkünfte
Hotel, Guest House, Bed & Breakfast - alles gibt es in vielen Qualitäts- und Preisstufen. Das Preisniveau liegt etwas über dem, der Zimmerstandard etwas unter dem, den deutsche Gasthöfe bieten. Die Zimmer sind in einfachen Häusern oft sehr klein, so dass kaum Platz bleibt für Fahrradtaschen und deren Inhalte. Und ein als „Deluxe Zimmer mit Kingsize-Bett“ angekündigtes Quartier bietet zwar mehr Platz, aber weder Schrank noch Kleiderhaken.
Andererseits gibt es auch pittoreske Häuser mit breitem Himmelbett in altenglischen Ambiente (plus Schrank!) oder moderne Hotelketten im Business-Stil, die mit „bike friendly“ werben: „Whether you want to keep your bike in your room or have it stored away safely, the choice is completely yours.“ So übernachten die Räder mal im Wäscheraum des Hotels, mal in einem Abstellkämmerchen, einmal sogar im Büro des Hotelmanagers. Wir hatten die Wahl. „Self catering“-Apartments sind auch für nur ein oder zwei Übernachtungen buchbar. Für alle Quartiere aber gilt: Rechtzeitig buchen!
Unabhängig vom Standard des Hauses wurden wir nahezu überall ausgesprochen freundlich empfangen, wurde uns jegliche Hilfe, falls notwendig, angeboten.
Wichtige Hinweise
- Währung: Pfund Sterling (£)
- Einreise: Gültiger Reisepass erforderlich (Personalausweis reicht seit dem Brexit nicht mehr aus). Ab April 2025 ist eine elektronische Reisegenehmigung (ETA) nötig.
- Klima: Grundsätzlich nasser und kälter als in Mitteleuropa. Im Westen und in Schottland ist häufig mit unbeständigem Wetter und starkem Wind zu rechnen.
- Gesundheitswesen: Staatliches Gesundheitswesen (National Health System, NHS) steht jedem Einwohner zur Verfügung.
- Zahlungsverkehr: Ohne Credit Card geht fast nichts in England. Nahezu alle Einkäufe, auch kleinste, werden mit Karte (oder Smartphone) bezahlt. Barzahlung wird zwar akzeptiert, ist aber meist unüblich.
Einige ausgewählte Bahnradwege in England
| Region | Name des Radwegs | Länge (ca.) | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| Nordengland | Bowes Railway Path | Südl. ca. Sunniside Kibblesworth nördl. ca. | Ursprünglicher Güterverkehr (Eisenerz, Kohle), Personenverkehr seit 1. Durham |
| Yorkshire | Nidd Valley Railway | Harrogate Wetherby Church Fenton | 31. März 1950 (Pv); 30. ca. Januar 1964 (Pv auf beiden Strecken) |
| Derbyshire | High Peak Trail | Parsley Hay (SO Buxton) ehem. ca. Unstone (nördl. ca. | Ehemalige Bahnstrecke |
| Cornwall | Camel Trail | Padstow Wadebridge Bodmin (18,8 km) | 1834 (Wadebridge Poley's Bridge); 1899 (Padstow Wadebridge) |
| Somerset | Colliers Way | Bristol St Philips Road (nördl. ca. | Teil der NCN-Route 25 bzw. |
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