Viele Rennradfahrer setzen Ganzjahresreifen nur als Winterreifen ein, aber sie sind wahre Alleskönner. Doch welcher ist der beste? Und wie schlagen sie sich im Vergleich zu Top-Reifen? ROADBIKE hat sieben Allrounder getestet - mit knappem Ergebnis.
Warum Winterreifen für Rennräder?
Im Auto sind Winterreifen Pflicht. Es gibt eigentlich jedes Jahr die Frage von Freunden und KollegInnen, ob sich Winterreifen für Radfahrer überhaupt lohnen. Lohnt es sich denn für Pkws, Busse und Lkws, oder dient das nur dazu, um die Wirtschaft anzukurbeln? Die Tests unserer Fahrrad-Winterreifen wurden mit der Zeit ein echtes Sicherheits-Plus, an das man sich gewöhnte.
Ein Autoreifen hat ungefähr die Aufstandsfläche einer Hand mal vier Räder - ein Fahrradreifen die eines Fingers - aber nur mal zwei Räder. Zwei Finger Aufstandsfläche sind aus meiner Sicht ziemlich dünnes Eis, wenn es im Winter mal etwas rutschig wird. Und wenn ich mit dem Rad im Winter längere Strecken fahre, oder im Berufsverkehr pendle, dann will ich das möglichst sicher tun.
Es ist kalt. Das Gummi von Sommerreifen wird hart. Es ist dunkel. Es ist oft nass. Meine Sommerreifen sind profillose Slicks (Schwalbe Kojak), die sehr leicht sind und extrem gut abrollen. Bei Nässe geht das noch erstaunlich gut, aber für feuchtes Herbstlaub, Streugut , Sand oder im Schneematsch sind diese Sommerreifen überhaupt nicht gemacht.
Hat man aber erstmal Winterreifen aufgezogen, fährt es sich auch psychologisch hervorragend rechts am morgendlichen Autostau vorbei! Denn der motorisierte Straßenverkehr steht sich im November und vor Weihnachten im Dauerstau erfahrungsgemäß die Räder eckig. Außerdem muss man das Velo beim ersten Neuschnee ja zumindest mal richtig ausprobieren oder? Denn auch in der kalten Jahreszeit macht das Radfahren große Freude, zumindest wenn die Kleidung stimmt.
Worauf es bei Winterreifen ankommt
Der Markt bietet eine Vielzahl an geeigneten Winterreifen für Straßenräder, die dafür sorgen sollten, ohne Panne durch die kalte und das Material herausfordernde Jahreszeit zu kommen. Viele Hersteller haben dies allerdings erkannt und liefern Reifen, die ein gutes Paket aus Pannensicherheit, Haltbarkeit, Grip und Abrollverhalten bieten, um gut durch den Winter zu kommen.
Die Modelle bestehen häufig aus ein einer Dual-Compound-Verbundkonstruktion in der eine langlebige Laufflächenmitte mit griffigen Reifenschultern und einem Pannenschutzgürtel vereint werden. Wichtig ist auch die Breite des Reifens - wir empfehlen für den Winter mindestens 25 mm. Empfehlenswert ist außerdem, den Reifen mit etwas weniger Luftdruck zu fahren.
Reifenbreite und Reifendruck
Breite Reifen rollen leichter und können mit geringerem Luftdruck gefahren werden. Damit sind sie komfortabler und griffiger. In Verbindung mit dem satten Fahrgefühl und der größeren Auflagefläche vermitteln sie somit insbesondere bei Nässe mehr Sicherheit. Breite Reifen am Rennrad: Der Trend ist nicht mehr ganz neu - und gerade im Winter eine sinnvolle Sache.
Die richtige Gummimischung
Die Reifenindustrie tut sich in Deutschland beim Thema Fahrrad-Winterreifen auch 2019 noch schwer. Nach meiner Erfahrung der letzten durchradelten Winter taugt ein glattes Sommer-Slick-Profil im Winter überhaupt nicht. Leider bringt aber auch ein grobes, offenes Profil von MTBs nicht den erwünschten Grip im Schnee und überhaupt nicht auf nassen Herbststraßen. Auch grobe Geländereifen werden bei tieferen Temperaturen hart und verzahnen sich nicht gut mit glattem Untergrund. Zudem rollen grobe Profile unterirdisch schlecht.
Wohnt man im Erzgebirge, im Sauerland oder in den Voralpen lohnt sich sicherlich die Anschaffung von echten Spike-Reifen für eine festgefahrene Schneedecke und eisige Untergründe, die eine gewisse Permafrost-Sicherheit bieten. Leider gibt es für Leute wie mich (Ostwestfälischer Flachlandtiroler) nur einen einzigen „echten Fahrrad-Winterreifen“ ohne Spikes, der für Berufspendler ernsthaft in Frage kommt: Den Continental TopContact Winter II Premium.
Ich will hier keine Werbung für Conti machen, aber diese Firma hat es als einzige begriffen, einen alltagstauglichen Winterreifen für Fahrräder zu entwickeln, der mit relativ wenig Gewicht komfortabel ist und sich auch auf trockener Straße noch relativ leicht fahren lässt. Dieser Reifen punktet neben einer weicheren Gummimischung mit tausenden von winzig kleinen Micro-Lamellen. Außerdem verzichtet das Reifen-Design auf hochgezogene Schulterstollen, die den Pneu optisch breiter wirken lassen, aber dafür in der Kurve extrem bremsen.
Dieser Fahrrad Winterreifen hat einen klassischen, runden Querschnitt, mit dem man sich eben zweiradtypisch auch mal richtig in die Kurve legen kann. Auf einer festgefahrenen Schneedecke sowie im losen Pulverschnee oder Schneematsch hinterlässt der Reifen wirklich einen überdurchschnittlich guten Eindruck. Kontrolliertes, zügiges Radfahren im Schnee oder auf einer festgefahrenen Schneedecke macht damit richtig Spaß.
Ihr echter Vorteil: Auf Eis und bei Glätte sind sie natürlich unschlagbar. Aber ich persönlich fahre bei Glatteis nicht Fahrrad, obwohl ich ein Zweirad-Nerd bin. Es ist meiner Ansicht nach einfach zu gefährlich. Deshalb brauche ich keine Spike-Reifen, sondern normale Winterreifen wie beim Auto, mit denen man auch mal 50 Kilometer auf trockener Straße abspulen kann, ohne gleich alle Nachteile eines Nagel-Reifens mit gehärteten Metallstiften in Kauf nehmen zu müssen.
Und der Winter ist lang: Von Dezember bis März will ich mich nicht vier Monate mit schwergängigen Pickel-Pneus rumquälen, aber ich möchte trotzdem sicher ankommen, auch wenns mal etwas rutschig wird. Aber mindestens dreißig Mal ist es bitterkalt, droht überfrierende Nässe, Schneeregen fällt und verwandelt den Rest vom Herbstlaub in eine glitschige Oberfläche. Aus diesem Grund fahre ich Winterreifen ohne Spikes, denn die laufen leicht und bieten mit ihrer weichen Gummimischung eine Menge passiver Sicherheit.
Getestete Reifenmodelle
Wir haben folgende Reifen getestet:
- Bontrager All Weather 3 28
- GP 4 Season 28 Black Edition
- Pirelli Cinturato 28 TLR
- Schwalbe Durano DD 28
- Vittoria Rubino Pro Endurance 28
- Vredestein Fortezza Senso Xtreme 28
Continental Grand Prix 4 Season
Contis Klassiker überzeugt mit satter Straßenlage, ausgewogenem Handling und dem besten Pannenschutz im Vergleich. Bei Gewicht und Rollwiderstand gilt inzwischen: Die Konkurrenz schläft nicht. Teuerster Reifen im Test.
Michelin Power All Season
Licht und Schatten: Kein Reifen bietet mehr Schutz vor spitzen Durchstichen, größeren Kalibern hat Michelins Pneu aber weniger entgegenzusetzen als mancher Konkurrent. Höchster Rollwiderstand, dafür leichte Montage.
Pirelli P Zero Velo 4S
Leicht, schnell, auffällig agil und recht komfortabel: Pirellis P Zero Velo 4S gefällt als sportliche Interpretation eines Allrounders, erkauft sich seinen lebhaften Charakter allerdings mit Abstrichen in puncto Pannenschutz.
Schwalbe Durano DD
Geringster Rollwiderstand, Top-Pannenschutz, toller Grip, und das alles zu einem attraktiven Preis: Der Schwalbe sichert sich mit einer sehr ausgewogenen Performance knapp den Testsieg. Beim Gewicht sind andere besser.
Specialized All Condition Armadillo Elite
Solide Performance von Specializeds Armadillo: Rollwiderstand und Pannenschutz liegen auf gutem Niveau, das höchste Gewicht im Testfeld bremst den Reifen jedoch spürbar aus. Positiv: Komfort und Preis.
Vittoria Rubino Pro Control
Vittorias Rubino punktet mit attraktivem Preis und unaufgeregtem Handling, markiert aber bei zwei Pannenschutzmessungen das Schlusslicht und lässt auch bei Gewicht und Rollwiderstand Punkte für eine bessere Note liegen.
Vredestein Fortezza All Weather
Keiner ist leichter als Vredesteins Fortezza All Weather! Das Gewicht hat aber seinen Preis, kostet Punkte beim Pannenschutz. Der Fahreindruck: sehr sportlich und agil, leider etwas hart. Top: der geringe Rollwiderstand.
Die beste Mischung aus allen Eigenschaften gelingt Vredestein und Schwalbe.
Ganzjahresreifen als Alternative?
Viele Rennradfahrer setzen sie nur als Winterreifen ein, aber Ganzjahresreifen sind wahre Alleskönner. Denn während Letztere den bestmöglichen Mix aus Fliegengewicht, geringem Rollwiderstand und hohem Pannenschutz anstreben, legen Ganzjahresreifen ihren Schwerpunkt auf Pannenschutz, Grip und lange Haltbarkeit. Dafür gilt es, etwas mehr Gewicht und höheren Rollwiderstand in Kauf zu nehmen.
Wofür man sich entscheidet, ist letztlich auch eine Frage des persönlichen Geschmacks: So mancher Rennradler setzt dauerhaft auf Ganzjahresreifen am Renner, andere montieren diese nur für die Herbst- und Wintermonate. Denn gerade bei Nässe und Kälte sind Defekte besonders unangenehm, wenn man am Straßenrand frierend mit Ersatzschlauch, Pumpe und Reifenheber hantieren muss. Da Steinchen, Dornen und Scherben an nassen Reifen länger haften und sich mit jeder Umdrehung tiefer in die Karkasse drücken, nimmt zudem die Gefahr eines Defektes in der kühlen Jahreshälfte deutlich zu.
Tipps gegen platte Reifen
- Reifendruck: Sind Ihre Reifen zu wenig aufgepumpt, steigt das Risiko eines Durchschlags ("Snake Bite"), maximal pralle Pneus hingegen sind schneller durchstochen.
- Augen auf!: Vorausschauendes Fahren dient nicht nur der eigenen Sicherheit, es schützt auch vor Pannen.
- Fahrweise: Manchmal kann man einfach nicht mehr ausweichen, dann heißt es: Reifen entlasten, damit er nicht mit voller Wucht auf das Hindernis trifft.
- Reifen reinigen: Legen Sie für ein paar Radumdrehungen vorsichtig Ihre behandschuhte Hand auf den sich drehenden Reifen - mögliche Defektverursacher werden abgestreift.
- Verschleiß prüfen: Checken Sie regelmäßig die Lauffläche Ihrer Reifen, entfernen Sie auch kleinste Fremdkörper.
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