Sahra Wagenknecht und ihre Leidenschaft für das Fahrrad

Sahra Wagenknecht, eine der bekanntesten und streitbarsten Politikerinnen Deutschlands, hat eine überraschende Leidenschaft: das Fahrradfahren. Wenn Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine abschalten wollen, fahren sie Fahrrad. So richtig weit, wie er mal verriet: „100 Kilometer lang, das glaubt uns keiner, aber es ist so.“ Glauben wir aber doch!

Die sportliche Seite einer Politikerin

Dieses BILD-Leser-Reporter-Foto von Bettina Elsen liefert den Beweis: Sahra Wagenknecht im Eiscafé „Cascata" in Saarburg, in voller Bike-Montur, den Helm noch auf dem Kopf, flotte 30 Kilometer vom Heimatort Merzig entfernt. Gatte Oskar Lafontaine sitzt zu diesem Zeitpunkt schon entspannt am Tisch.

Sahra Wagenknecht zu BILD: „Radfahren im Saarland ist immer eine wundervolle Erholung. Besonders, wenn das Wetter mitspielt."

Seitdem seine Frau mit dem Fahrradfahren begonnen hat, ist auch Oskar Lafontaine unter die Sportler gegangen. Er hat sich zuerst ein E-Bike gekauft, um mithalten zu können, und hat ihr dann so lange hinterhergeschwitzt, zweieinhalb Jahre lang, bis er auf ein normales Fahrrad ohne Elektroantrieb umsteigen konnte. Jetzt fahren sie zusammen, Seite an Seite, 100 Kilometer am Stück oder, wenn sie mehr Zeit haben, auch mal 120. Sie radeln dann fünfeinhalb Stunden nebeneinander und gönnen sich dabei genau eine Trinkpause.

Es ist ein gern gepflegtes Bild, dass Lafontaine sich seine Frau zum Untertan gemacht hat, dass sie als seine Marionette den Rachefeldzug gegen die SPD weiterführt. Was stimmt, ist, dass beide in der SPD den Feind erblickten. Für Lafontaine war es die Partei, die sich von seinem Kurs abgewendet und Gerhard Schröders angeblich unsozialer Agendapolitik unterworfen hatte. Für Wagenknecht war es die SPD, die mit anderen politischen Parteien des Westens ihre alte, vertraute Welt, die DDR, mit zum Einsturz gebracht hatte.

Ein paar Kilometer hinter dem Städtchen Konz, wo die Saar in die Mosel fließt, etwa 50 Kilometer von ihrem Haus in Merzig-Silwingen entfernt, steigt Sahra Wagenknecht zum ersten Mal von ihrem Fahrrad, um, wie sie es nennt, einen Moment innezuhalten. Sie schaut auf ihre Sportuhr, mit der sie Zeit und Kilometer misst, die zurückgelegte Strecke, die Durchschnittsgeschwindigkeit, die kalorische Leistung.

Einblicke in ihr Privatleben

Sie steht vor der Tür ihres Hauses in Merzig-Silwingen, pünktlich zur vereinbarten Zeit, in Turnschuhen, Radlerhose, einem T-Shirt von Nike und mit einem Sturzhelm, den sie schon festgezurrt hat; sie könnte losfahren, aber ausgerechnet jetzt beginnt es zu regnen."Wollt ihr heute wirklich 'ne große Runde fahren?", fragt Oskar Lafontaine.

Sahra Wagenknecht ist irritiert. Sie hatte eben noch ihre Wetter-App konsultiert, und so, wie sie es beurteilen konnte, sollte es eigentlich trocken bleiben. Die Regenwahrscheinlichkeit lag bei 30 Prozent, und 30 Prozent ist für sie keine Größe, die man ernst nehmen muss.Ihr Mann mustert den Himmel, der, wie er findet, schwer nach Gewitter aussieht. Er will eigentlich nicht, dass sie fährt. "Sie müssen wissen", sagt er, "meine Frau hat Angst vor Gewittern." Hat jemand noch eine andere App? Der Fotograf, der Wagenknecht für den SPIEGEL fotografieren soll, hat eine App mit minutengenau animiertem Regenradar.

Er zeigt Wagenknecht, wie der blau eingefärbte Regen an Merzig-Silwingen vorbeizieht. Kein Regen mehr, kein Gewitter, ganz sicher, zu 100 Prozent. Das ist es, was sie braucht: Sicherheit, Perfektion.

Der Regen hat tatsächlich aufgehört, aber bevor es endgültig losgehen kann, will Sahra Wagenknecht erst noch die Sache mit den Fotos hinter sich bringen, die im SPIEGEL von ihr erscheinen sollen. Sie will die Fotos machen lassen, bevor sie zu schwitzen beginnt. Es kann ein paar Minuten dauern, Lafontaine bittet unterdessen auf seine Terrasse zum Small Talk.

Er fragt, welchen Sport man betreibe. Er möchte abschätzen, wie fit man ist, mit wem es da seine Frau gleich zu tun haben wird. Einem Sonntagsfahrer? Oder einem, der vor Ehrgeiz brennt, der gekommen ist, um es seiner Frau zu zeigen, der schneller und weiter fahren will als sie? Lafontaine prüft mit seinem Blick alles, von Kopf bis Fuß, vor allem die Beine.

Seit fünf Jahren wohnen sie hier oben zusammen, Sahra und er, im letzten Haus in Merzig-Silwingen, ganz oben am Berg, gegenüber dem Friedhof einer kleinen Bergkapelle. Sie haben nur eine Nachbarin, eine Witwe, die nicht mehr Auto fahren kann, weshalb Lafontaine ihr manchmal ein Baguette vom Bäcker mitbringt. Es gibt hier oben kein Handynetz, manchmal kommt eine SMS durch, aber das ist schon alles.

Man ist hier oben sehr weit weg vom Rest Deutschlands.

Sahra Wagenknecht liebt Berechenbarkeit, die strenge Ordnung des Tages; was diese Ordnung durcheinanderbringt, verunsichert sie mehr als andere Menschen. Wenn sie am Flughafen Tegel eine Schlange vor der Sicherheitskontrolle sieht, erschrickt sie, obwohl sie selbst von der Kontrolle ausgenommen ist und an der Schlange vorbeigehen kann. Sie weiß, dass die Leute dann zu pöbeln beginnen.

Sie kann es nicht leiden, wenn man Dinge nur halbherzig tut. Wenn man zum Beispiel Musik beim Fahrradfahren hört. Das würde sie nie machen. "Da würde man gar nicht mehr die Vögel singen hören", sagt sie.

Die politische Karriere im Blick

Sahra Wagenknecht ist 48, sie ist Fraktionsvorsitzende und Spitzenkandidatin ihrer Partei im Bundestagswahlkampf. Es ist ihre Chance. Politisch, aber auch ganz persönlich. Wagenknecht braucht die SPD, um weiterzukommen, um nicht auf Ewigkeit stecken zu bleiben in der Opposition. Aber ist Sahra Wagenknecht in der Lage, auf andere zuzugehen?

Auf ihrem Parteitag wollte sich die Linke fit machen für den Bundestagswahlkampf. Tatsächlich hat sie gezeigt, wie unfit sie fürs Regieren ist. Sahra Wagenknecht hat rot-rot-grünen Träumereien einen Dämpfer verpasst.

Die Partei hat Wagenknechts Aufstieg stets mit Skepsis begleitet, für viele ist sie bis heute nur die Vertreterin eines Flügels geblieben, des linken, radikalen in der Partei, aber keine, die alle repräsentieren kann. Ihre Ämter hat sie deshalb nur unter Vorbehalt bekommen, mit halbierter Macht, erst als Ko-Fraktionsvorsitzende im Deutschen Bundestag an der Seite von Dietmar Bartsch und nun auch als Ko-Spitzenkandidatin, ebenfalls neben Bartsch.

Zwei Monate vor der Fahrradtour, am letzten Freitag vor der saarländischen Landtagswahl, hat Sahra Wagenknecht zu einem Ortstermin nach Saarbrücken eingeladen. Ein Fernsehteam ist gekommen und eine Dokumentarfilmerin, die Sahra Wagenknecht ins Kino bringen soll.

Am Abend redet sie auf der Abschlusskundgebung im Volkshochschulzentrum von Saarbrücken, als Vorrednerin ihres Mannes Oskar Lafontaine. Aber der eigentliche Höhepunkt ist ein ganz anderer Termin: "Eisessen zusammen mit Oskar Lafontaine am Marktplatz in Saarbrücken".

Seit dreieinhalb Jahren ist sie mit Oskar Lafontaine verheiratet, dem Mann, der wie kaum ein anderer für die Unversöhnlichkeit zwischen Linken und SPD steht.

Wenn Wagenknecht eines Tages in die Regierung einrücken will, dann nur unter einem sozialdemokratischen Kanzler. Es geht auch um ihre persönliche Perspektive. Und da ist Lafontaine der Letzte, der ihr im Weg stehen will. Mit ihrer zugeknöpften, makellosen Art, aber auch mit ihrer Bildung, ihrem Doktortitel, den sie mit einem magna cum laude verliehen bekam, gewinnt sie auch die Sympathien konservativer Wähler.

Sie hasst Termine wie den an diesem kühlen Märztag, bei dem sie fürs Fernsehen mit ihrem Mann Eis essen soll. Sie geht vom Landtag zum Saarbrücker Marktplatz, aber schon nach ein paar Metern wendet sie sich den Kameraleuten zu und sagt: "Sie müssen mir jetzt schon sagen, was ich machen soll."

Als sie am Marktplatz ankommt, empfängt sie erst einmal Dietmar Bartsch. Bartsch ist der Mann, mit dem sich Wagenknecht arrangieren muss, ihr Ko-Vorsitzender in der Fraktion und Ko-Spitzenkandidat im Bundestagswahlkampf.

Oskar Lafontaine selbst ist noch nicht da. Bartsch und Wagenknecht setzen sich schon einmal ins Café am Marktplatz. Wagenknecht bestellt einen "Flavored Latte Macchiato mit Karamell". Bartsch einen normalen Milchkaffee. Für Eis ist es noch zu kalt.

Die beiden flaxen ein bisschen über den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz, der gerade zusammen mit Heiko Maas auf der anderen Seite des Platzes einen Currywurststand besucht. Aber bald erstirbt das Gespräch, und sie sind froh, als Lafontaine endlich kommt und das Schweigen bricht.

"Na, habt ihr alles geklärt?", fragt Lafontaine.

"Wir sitzen hier gerade einmal drei Minuten", verteidigt sich Bartsch.

"Drei Minuten", schulmeistert Lafontaine, "reichen für 'nen guten Mann."

Dann schaut Lafontaine seine Frau an, die im Schatten sitzt und friert.

"Warum sitzt ihr im Schatten?"

"Als wir uns gesetzt haben", verteidigt sich Wagenknecht, "war da noch Sonne."

Alle Augen sind jetzt auf Lafontaine gerichtet, er ist der Saarländer, er hat hier Heimrecht, er ist Teil der Geschichte, vor allem auf diesem Platz.

Weitere Facetten ihrer Persönlichkeit

Es ist nicht so, dass Sahra Wagenknecht kein gefühlvoller Mensch wäre. Sie kann, wenn sie im Winter auf dem Heimtrainer trainiert, keine Filme schauen, die sie emotional mitnehmen, ein Antikriegsfilm wie "Die Brücke" etwa treibe ihr die Tränen in die Augen. "Da ist es bei mir sofort vorbei mit dem Sport", sagt Wagenknecht. Sie schaut deshalb nur Krimis wie den "Tatort", leichte Unterhaltung, die keine großen Gefühle weckt.

"Und", fragt Sahra Wagenknecht, "was machen wir jetzt?"

Sie erklärt kurz, welche Optionen es gibt: einmal die, wie sie findet, besonders bequeme Variante, wenden und zurück an der Saar, "ganz leicht, ganz flach", oder aber die "sportlichere Variante", die zurück über die Berge führt.

"Sie macht eine kurze Pause. Man kann jetzt also wählen zwischen sehr lange, sehr, sehr lange und wahnsinnig lange. "Für alles andere ist es jetzt zu spät. Also, wenn es wirklich gar nicht mehr geht", sagt Wagenknecht, "hätten wir zu Hause auch einen Anhänger und könnten Sie abholen."

Es ist einem ein wenig unangenehm, dass man die "sportlichere" Strecke nicht schafft, die sie eigentlich gern gefahren wäre, aber über die Berge zurück ist undenkbar in diesem Moment. Man entschuldigt sich, dass sie jetzt die "Omastrecke" zurückfahren muss.

Wagenknecht schaut einen ein.

Sie könnte jetzt sagen: "Macht nichts, die Strecke an der Saar finde ich sowieso die schönste."

Aber Wagenknecht sagt: "Macht nichts. Morgen kann ich wieder mit Oskar fahren."

Im Café Fährhaus in Saarburg macht sie dann eine Pause, die sie dort auch immer mit Oskar macht. Sie bestellt wie immer eine Flasche Fachinger und eine "große Apfelschorle", trinkt...

Topthemen im Wahlkampf sind nach Mohamed Alis Einschätzung die Meinungsfreiheit, Ängste um Arbeitsplätze, Verunsicherung wegen Klimaschutzauflagen beim Heizen oder Autofahren, sowie der Wunsch nach Frieden und Entspannungspolitik. Sie sieht dabei Zuspruch „aus allen Lagern - auch von Menschen, die aus Frust die AfD wählen wollen“, wie sie unserer Redaktion sagt.

Denn es sei „sehr offensichtlich, dass die AfD jetzt auch noch andere Interessen im Hintergrund hat, die verfolgt werden“, fügt sie mit Blick auf die Korruptions- und Spionageaffäre um den AfD-Spitzenkandidaten hinzu. Es gebe zugleich viele Leute, die vorher die Ampel-Parteien gewählt hätten, „die sagen okay, das wollen wir jetzt nicht mehr“.

Auch „viele Menschen, die vorher politisch noch nie aktiv waren und vielleicht auch nicht wählen gegangen sind“, hätten wegen des Bündnisses Sahra Wagenknecht die Hoffnung, dass sie etwas verändern könnten.

Sahra Wagenknecht zählt zu den bekanntesten Politikern der Republik - und zu den streitbarsten. Selbst in der Partei „Die Linke“ wurde sie verehrt oder gehasst. Für Ihre Direktheit, Ihre Konsequenz und Unverblümtheit, aber auch für ihre Ruhe, die sie bei jeder noch so hitzigen Debatte bewahrte. Wie beharrlich sie sein kann, hat sie bereits im zarten Alter von zwei Jahren bewiesen. Sie weigerte sich so vehement, in den Kinderhort zu gehen, bis ihre Mutter nachgab. Sahra konnte laut ihrer Mutter ein „kleiner Terrorist“ sein, wenn etwas nicht nach ihren Willen ging, gab Wagenknecht gegenüber der taz zu.

Wagenknecht wurde als Tochter einer Deutschen und eines Iraners am 16. Juli 1969 in Jena geboren. Die um die 1,75 Meter große Frau musste schon früh den Verlust ihres iranischen Vaters verkraften. Der Westberliner Student musste in seine Heimat zurückkehren - eine Trennung für immer.

Die kleine Sahra war ein verschlossenes Kind. Ende der 1980er-Jahre durfte sie nicht studieren - trotz eines sehr guten Abiturs. Der Grund war ihre Verschlossenheit gegenüber dem Kollektiv, so die Begründung damals.

Sie wurde in einen Sekretärinnenjob gesteckt, den sie nicht ausführen wollte. Erst nach der Wende durfte die ruhige Intellektuelle Philosophie und Neuere Deutsche Literatur in Jena, Berlin und Groningen studieren.

Wagenknecht ist hochbegabt, hat als Kind wenig Freunde. Bereits als Vierjährige brachte sie sich das Lesen bei. Als junge Frau las sie die Werke von Marx, Hegel und Goethe - bis zu 15 Stunden am Tag.

Wagenknecht war 16 Jahre lang mit dem Westdeutschen Ralph T. Niemeyer verheiratet, mit dem sie ein Haus in Irland besaß. 2014 heiratete sie ihren Politiker-Kollegen Oskar Lafontaine, über den sie in einem Interview mit der Gala gesagt hat: „Oskar ist mein bester Freund.“

Das Ehepaar liebt gutes Essen und Fahrradtouren, die über hundert Kilometer lang sein können. „Durch die Weinberge zu radeln oder an der Saarschleife und der Mosel, das ist wunderschön“, schwärmte Wagenknecht ungewohnt emotional gegenüber t-online .

Kinder hat die Politikerin keine. „Irgendwann war es leider zu spät. Und vorher ging es mir wie vermutlich vielen Frauen, die im Beruf sehr eingespannt sind: Man denkt, man hat noch viel Zeit“, so ihr Resümee im Interview mit t-online . Doch Zeit schreitet voran „und plötzlich stellt man fest: Es ist vorbei. Ich hätte gern ein Kind gehabt, diese Leerstelle bleibt“.

Zu ihrem Freundeskreis zählt unter anderem ein prominenter Modedesigner: „Wolfgang Joop und ich haben viele Gemeinsamkeiten. Er schickt mir handschriftliche Briefe“, so Wagenknecht im Interview mit der Superillu . Kennengelernt haben sich beide bei einer Talkshow. „Die Begegnung mit Wolfgang Joop ist für mich wirklich eine Bereicherung.“

Immer wieder ein beliebtes Thema ist Wagenknechts akkurat sitzende Frisur. Gegenüber der faz verriet sie, warum sie ihre schwarzen Haare nie offen trägt: „Weil ich mich dann mehrmals am Tag neu föhnen müsste […] im Politalltag finde ich es viel zu mühsam, mir morgens auch noch eine aufwendige Frisur zu föhnen - wo man eh so wenig Schlaf hat.“ Ihre markante Hochsteckfrisur trägt sie seit ihrem 16. Lebensjahr. „Aus dem Zopfalter war ich irgendwann raus, und dann hatte ich die Idee, einen französischen Zopf zu flechten und ihn hinten hochzuziehen“, erklärt die Politikerin im Interview.

Immer wieder Thema waren in der Vergangenheit auch ihre schönen Beine. So titelte der Merkur 2011 etwas kitschig: „Im kurzen, schwarzen Kleid, die 42-Jährige lässig auf den Treppenstufen und gibt den Blick frei auf ihre schönen Beine - sie scheint von innen zu strahlen. So glücklich und entspannt lächeln kann nur eine verliebte Frau.“

Im selben Jahr kam eine weitere, bizarre Debatte auf: Dürfen Links-Politiker Porsche fahren? „Ich habe keinen Führerschein und stehe deshalb nicht in der Versuchung, mir einen zu kaufen. Aber ich fand die Debatte absurd. Darf ein Linker Porsche fahren? Oder wie bei mir: Darf eine Linke Hummer essen?“, fragt Wagenknecht in der Morgenpost und schiebt eine Antwort gleich hinterher:

„Inakzeptabel ist es, wenn ein Linker Hummer isst oder Porsche fährt und das Geld dafür dadurch erwirbt, dass er seine Überzeugungen verkauft. Etwa, weil er sich von der Finanzlobby aushalten lässt wie Riester oder von Energiekonzernen wie Schröder und Fischer.“

Ihr Arbeitseifer hat sich ausgezahlt. Seit 2009 ist die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin Mitglied des Deutschen Bundestages, war 2004 bis 2009 Mitglied des Europaparlaments und bekleidete bis 2019 den Posten der Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei.

Ihre politische Haltung ist rigoros. Immer wieder fordert Wagenknecht mehr soziale Gerechtigkeit. „Ich wünsche mir, dass unser Land wieder sozialer wird“, sagte sie gegenüber dem Playboy . Im selben Interview gab sie auch zu, dass Äußerlichkeiten in der Politik ebenfalls eine gewisse Rolle spielen.

„Man muss Robert Habeck nicht mögen, aber er sieht nach Ansicht vieler gefällig aus. Das ist auch bei Männern ein Vorteil“, so die Politikerin und fügte nüchtern hinzu: „Wenn man sich etwa das Personal anguckt, das aktuell in der Bundesregierung sitzt, ich will da jetzt nicht persönlich werden - aber ich zumindest habe auf der Regierungsbank noch keinen Sex-Appeal entdeckt.“

Offenheit und Ehrlichkeit lebt Wagenknecht auch bei ihrem Gehalt vor. Auf ihrer Internetseite ist ihre Abgeordnetenentschädigung angegeben, die aktuell bei 10.083,47 Euro im Monat liegt (Stand September 2020).

Überraschend: Nach der US-Wahl 2020 brach Wagenknecht eine Lanze für Trump , Zitat: „Biden steht für alte Politik“

10. April 2021: Wagenknecht ist trotz heftiger innerparteilicher Kritik an ihrem neuen Buch erneut zur Spitzenkandidatin der NRW-Linken für den Bundestag nominiert.

26. September 2021: Wagenknecht hat nach dem Fiasko bei der Bundestagswahl den Kurs ihrer Partei kritisiert. Deshalb solle man jetzt eigene Fehler auch wirklich offen eingestehen und diskutieren.

03. November 2021: Die Linken-Bundestagsabgeordnete Wagenknecht sieht sich in der Diskussion um Corona-Impfungen auch durch Kritiker in der eigenen Partei diffamiert. Wagenknecht sagte der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ): „Es sind immer die gleichen Leute, die mich schon seit Jahren bekämpfen und jetzt versuchen, mich öffentlich als Impfgegnerin zu diffamieren. Das ist völlig absurd.“

Die frühere Fraktionschefin hatte in der Talksendung „Anne Will“ gesagt, sie lasse sich nicht gegen das Coronavirus impfen, weil sie kein Vertrauen in die bislang zugelassenen Impfstoffe habe. Daraufhin waren auch etliche Linkenpolitiker auf Distanz gegangen.

Sie stehe dem Impfen nicht skeptisch gegenüber, erklärte Wagenknecht, „aber ich habe Bedenken angesichts völlig neuartiger genetischer Impfstoffe, deren Langzeitfolgen aktuell niemand kennt“.

12. November 2021: Wagenknecht hat ihre Aussagen zur Corona-Impfung verteidigt. Sie sehe sich nicht als Corona-Leugnerin, teilte sie dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“ auf Anfrage mit. „Ich halte es für unverantwortlich, die Gefahren von Covid-19 zu leugnen. Weltweit sind Millionen Menschen daran gestorben“, schrieb Wagenknecht.

In diesem Buch wird auffallend viel gegessen und getrunken. Christian Lindner bestellt eine doppelte Currywurst, Anton Hofreiter lässt sich zwei Spiegeleier mit Speck und eine große Orangensaftschorle bringen, und Christian Wulff freut sich, dass es bei Aldi jetzt von Frosta Hackbällchen mit Nudeln und Karotten gibt; bei Gerhard Schröder dreht sich viel ums Thema Weizenbier, Hofreiter trinkt sehr gern Kamillentee und Sahra Wagenknecht hat das Geld für eine Flasche Fachinger und eine große Apfelschorle stets genau abgezählt dabei.

Es geht also in diesem Buch um Politiker, die gerade mal keine Politiker sind, sondern so was ähnliches wie Privatmenschen. Der Spiegel -Redakteur Marc Hujer hat acht aktive und drei ehemalige Spitzenpolitiker getroffen und sich mit ihnen unterhalten über Themen abseits von Koalitionspoker, Gesetzesentwürfen und Wahlkreisarbeit.

Vor allem aber hat Hujer sich mit den privaten Hobbys und Leidenschaften dieser Politiker befasst - und bei vielen der meist sportlichen Betätigungen auch (mehr oder weniger geschickt) mitgemacht. Das Ziel: dem Menschen hinter der Profi-Politik-Fassade ein wenig näher zu kommen, und sei es um den Preis des Schweißes.

Die ehemalige Linken-Fraktionschefin Wagenknecht hingegen hat kein Problem damit, Hujer nach einer 50-Kilometer-Radtour mitzuteilen, er könne jetzt wählen: 50 Kilometer zurück oder zusätzlich 70 Kilometer über die Berge - oder sie könne auch ihren Mann, Oskar Lafontaine, anrufen, der hätte zu Hause einen Anhänger und könnte ihn mit dem Auto abholen.

Denn viele dieser Fotos (Wagenknecht im Fahrradoutfit, Hofreiter beim Herstellen von Weinbrandwürfeln, Lars Klingbeil beim Crossfit-Training oder Lindner ("Mein erstes Wort als Kleinkind war Auto") in seinem Porsche) lassen wirklich einen ganz anderen, ganz neuen Blick auf die Berliner Anzugs- und Kostümwelt zu.

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