Scheide Schmerzt beim Radfahren: Ursachen und Lösungen

Viele Radfahrerinnen kennen das Problem: Schmerzen im Dammbereich, die das Radfahren zur Qual machen können. Die Ursachen hierfür sind vielfältig und reichen von unpassenden Sätteln über Verspannungen im Beckenboden bis hin zu spezifischen Erkrankungen wie der Vulvodynie. Dieser Artikel beleuchtet die häufigsten Ursachen für Schmerzen in der Scheide beim Radfahren und bietet Lösungsansätze, um die Beschwerden zu lindern und das Radfahren wieder schmerzfrei zu genießen.

Ursachen von Schmerzen in der Scheide beim Radfahren

Pudendusneuralgie

Immer mehr PatientInnen kommen zu einer Behandlung, nachdem sie die Diagnose Pudendusneuralgie erhalten haben. Der Begriff Pudendusneuralgie setzt sich zusammen aus Pudendus und Neuralgie. Pudendus bezieht sich auf den Pudendusnerv und der Wortteil Neuralgie bedeutet Nervenschmerzen. Bei der Pudendusneuralgie wird eine Irritation durch Druck oder Verletzung des Pudendusnervs angenommen, die Schmerzen und Funktionsstörungen auslösen kann.

Viel häufiger sind wahrscheinlich Irritationen durch mechanischen Druck auf den Nerv und seine Äste und zwar durch verhärtete Muskeln, die den Nerv auf seinem Weg durch den Körper einengen können. Denn wenn ein harter Muskelstrang Druck auf den Nerv ausübt, kann ihn dieser Druck irritieren und Schmerzreize auslösen. Außerdem kann natürlich der Muskelstrang selbst Schmerzen auslösen, weil er Triggerpunkte (kleine verhärtete Knötchen im verspannten Muskel) enthält.

Ein chronisch verspannter Piriformis-Muskel könnte auch eine Kompression des Pudendus-Nervs auslösen (Travell & Simons, 2000) (Roche, Dembe, Karenovics, Robert-Yap, & Cahana, 2005), da er unterhalb des Piriformis verläuft. Lange Meditationen oder ständiges Sitzen im Schneidersitz können Verspannungen im Piriformis auslösen (oder dem Obturatorius internus). Nach dem Verlauf des Muskels wäre es außerdem denkbar, dass eine Verspannung des Oburatorius internus, die Druck auf den Alcockkanal ausübt und die Faszie des Oburatorius internus verfestigt, sodass Druck und Minderdurchblutung im Bereich des Nervs entstehen könnte.

Unpassender Sattel

Zum Thema Radfahren kann man feststellen, dass viele mit einem unpassenden Sattel die Erfahrung haben, dass danach eine Taubheit oder andere Missempfindungen im Bereich des Damms entstehen. Diese lassen jedoch nach, sobald man den Druck wegnimmt. Bei chronischen Beschwerden ist es angeraten, auszuprobieren, ob ein passender Sattel das Problem behebt: Man kann sich im Fachgeschäft einen Sattel anmessen lassen, sodass der passende herausgesucht werden kann.

Verspannungen im Beckenboden

Schmerzt der Beckenboden, ist der Grund oftmals eine Verspannung des Beckenbodens. Auch beim Fahrradfahren kann der Beckenboden verspannen, da er stark beansprucht wird. Das wiederum hat oft Schmerzen zur Folge. Durch Spannung und Entspannung der Muskeln ist es uns möglich, Urin oder Stuhl bewusst zurückzuhalten und zu lösen. Ist der Beckenboden verspannt, sind Symptome wie eine häufige Folge, da die Muskeln nicht mehr so gut kontrollierbar sind.

Vulvodynie

Die Vulvodynie beschreibt Schmerzen im äußeren Intimbereich der Frau, der Vulva. Fünf bis zehn Prozent der Frauen sind während ihres Lebens von einer Vulvodynie betroffen. Häufig ist es eine Diagnose für Frauen "ohne Diagnose". Betroffene berichten häufig über brennende, juckende oder stechende Schmerzen sowie einer rauen Haut im äußeren Genitalbereich. Bei einigen sind die Schmerzen so stark, dass selbst das Tragen von Unterwäsche als schmerzhaft empfunden wird. Auch Fahrradfahren ist für manche Frauen nicht mehr möglich.

Neben psychosozialen Stressfaktoren kann auch die jahrelange Einnahme von antiandrogen- und niedrig östrogenhaltigen Kontrazeptiva (Anti-Babypille) eine Vulvodynie begünstigen. Die Vulvahaut, hauptsächlich im Innenseitenbereich der kleinen Schamlippen, zwischen Kitzler und Harnröhrenöffnung, ist sehr empfindlich und mit vielen Nerven versorgt. Erst wenn ursächlich keine mögliche Krankheit ausfindig gemacht werden kann und die Beschwerden bereits länger als drei Monate andauern, spricht man von Vulvodynie.

Weitere Ursachen

  • Nervenverletzungen: Nervenverletzungen des Pudendusnervs dürften relativ selten sein. In der Literatur werden Verletzungen nach Bestrahlungen des Beckens (etwa im Rahmen einer Tumorbehandlung) oder durch Geburtsverletzungen erwähnt. Außerdem sind dauerhafte Läsionen (Verletzungen) durch Beckenfrakturen (Brüche) oder chirurgische Eingriffe erwähnt.
  • Chronische Verstopfung: Bei chronischer Verstopfung kann das Pressen und der damit verbundene Druck den Pudendusnerv reizen.
  • Narben: Schmerzen im Dammbereich haben oft Narben als Ursache. Eine schlecht verheilte Narbe von einem Dammriss oder Dammschnitt ist hart und berührungsempfindlich.
  • Hauterkrankungen: Hauterkrankungen im Intimbereich, wie Lichen Sclerosus, können ebenfalls Schmerzen verursachen.
  • Urologische Operationen: Bedingt durch urologische Operationen kann es notwendig sein, massive Entlastung in diesem Bereich sicherzustellen.

Lösungsansätze und Behandlungsmöglichkeiten

Pudendusneuralgie

  1. Beginnen Sie mit den Übungen aus dem Grundprogramm des Buchs „Unter der Gürtellinie“ oder des entsprechenden Onlinekurses und machen Sie diese konsequent täglich, vier Wochen lang.
  2. Lassen Sie sich körpertherapeutisch untersuchen, um abzuklären, ob auch Verspannungen die Ursache für Ihre Beschwerden sein können.
  3. Lesen Sie das Buch „Unter der Gürtellinie“, um dahinter zu kommen, ob Sie Fehlhaltungen oder Gewohnheiten haben, die Ihre Beschwerden auslösen oder verstärken, und gehen Sie diese mithilfe der Tipps dazu im Buch an.

Sattelwahl und Sitzposition

  • Sattel anpassen lassen: Man kann sich im Fachgeschäft einen Sattel anmessen lassen, sodass der passende herausgesucht werden kann.
  • Sitzposition optimieren: Der Winkel, in dem das Becken stehen soll, darf nicht zu "flach" werden, d.h. nicht zu weit nach "vorne" in Richtung Lenker abkippen.
  • Sattelbreite beachten: In unserem Kontext der Taubheitsgefühle im Dammbereich, sind, wenn es um Sattelbreite geht, immer zu geringe Breiten das Problem.
  • Polsterung wählen: In der Praxis machen wir die beste Erfahrung mit Systemen, die im Aufbau nicht zu "dick" sind und dafür etwas "straffer" in der Härte der Polsterung. Also Finger weg von "fetten" windelartigen Sitzpolstern und massiven, weich gepolsterten "Komfortsätteln". Weniger ist hier definitiv mehr.

Beckenbodentraining und Entspannung

  • Sport: Um gegen Verspannungen vorzugehen, hilft grundsätzlich Sport. Spazierengehen, mäßiges Joggen, Walken oder auch angepasstes Yoga und Pilates können die Verspannungen lösen.
  • Beckenbodentraining: Darüber hinaus kann Beckenbodentraining helfen, die nachhaltig zu stärken.
  • Sitzbäder: Zudem können regelmäßige warme Sitzbäder dafür sorgen, dass sich die Beckenbodenmuskulatur wieder entspannt.
  • Yoga: Yoga kann helfen, wieder zu lernen, sich zu entspannen und die Gedanken unter Kontrolle zu bringen, damit sie aus dem Teufelskreislauf Beschwerden - Gedanken - Anspannung herauskommen.

Medikamentöse Behandlung und weitere Maßnahmen

  • Medikamente: Wenn Sie Medikamente bekommen haben und feststellen, dass Sie Ihnen helfen, Ihre Beschwerden besser in den Griff zu bekommen, sollten Sie sie nehmen. Von wiederholten Antibiotika-Einsatz ohne eine nachweisbare Infektion ist abzuraten.
  • Verstopfung behandeln: Maßnahmen gegen Verstopfung sind genügend Bewegung, Wasser und Ballaststoffe. Auch eine Gabe von 400 mg Magnesium pro Tag kann gegen Verstopfung helfen.
  • Weiche Unterlage: Wenn Ihre Beschwerden im Sitzen schlimmer werden, sorgen Sie für eine weiche Unterlage (Kissen), auch ein Sitzring kann vorübergehend benutzt werden.
  • Bewegung: Bleiben Sie in Bewegung, so gut es geht. Zum Beispiel durch Körperübungen. Rollen Sie Ihre Oberschenkel mit einer Faszienrolle aus (zwei mal in der Woche jeweils einige Minuten langsam und in alle Richtungen) und machen Sie die Übungen aus dem Grundprogramm, um Ihre Beine zu entlasten.

Vulvodynie

Da bei einer definitionsgemäßen Vulvodynie aber keine spezifische Ursache ausfindig gemacht werden kann, wird sie mit einem sogenannten multimodalen Therapiekonzept behandelt. Multimodal bedeutet, dass sich die Behandlung aus vielen Einzelbausteinen zusammensetzen sollte. Neben einer Behandlung mit Medikamenten sollten auch Psychotherapeuten und gegebenenfalls Physiotherapeuten oder Osteopathen, beispielsweise bei einer Verkrampfung der Beckenmuskulatur, bei Bedarf in die Behandlung mit eingeschlossen werden.

Hautpflege und Hygiene

  • Haut trocken halten: Ein zentraler Faktor, den wir vor allem von unseren Langstrecklern kennen, ist, dass die Haut stabiler ist, wenn sie verhältnismäßig „trocken“ und „kühl“ ist.
  • Atmungsaktive Kleidung: Um die Haut „trockener“ und auch „kühler“ zu halten, hilft vor allem ein atmungsaktiver Sitzbereich.
  • Haarentfernung: Haarentfernungen sollten Sie so terminieren, dass Sie am nächsten oder auch darauffolgenden Tag nicht gleich einen „langen Kanten“ fahren. So hat die Haut genügend Zeit, zu heilen.
  • Reinigung: Wenn Du jetzt noch nach jeder Fahrt die Haut im Sitzbereich gut reinigst und ggf. mit hautpflegenden Produkten versorgst hast Du sehr gute Voraussetzungen für eine stabile und widerstandsfähige Haut im hochbelasteten Bereich der Sitzzone.

Bikefitting

Meiner Meinung nach sollte jeder ernsthaft Radsport Betreibende einmal im Leben eine professionelle Radvermessung durchführen lassen. Dabei reicht das Angebotsspektrum von modernsten technologischen Verfahren bis hin zur „oldschool“ -Vermessung mit Meterband durch erfahrene Radmechaniker. Bereits vor dem (teuren) Radkauf sollte man sich diesbezüglich gut beraten lassen, um Fehlkäufe zu vermeiden. Während einer Ausfahrt sollte regelmäßig die Sitzposition gewechselt werden, mal leicht weiter vorne sitzen, mal leicht weiter hinten, und regelmäßig z. B. alle zwei bis drei Minuten für einige Tretzyklen in den Wiegetritt gehen.

Allgemeine Tipps

  • Bleiben Sie in Bewegung, so gut es geht. Geeignete Möglichkeiten sind z. B.
  • Wenn man gerne Rad fährt, kann man einfach ausprobieren, wie lange es möglich ist zu fahren, ohne weitere Beschwerden zu bekommen.
  • Sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin, wenn Sie den Eindruck haben, dass die verordneten Medikament Ihnen nicht helfen.
  • Bei anhaltender Verstopfung auch Medikamente checken: Antidepressiva, Neuroleptika, Antiepileptika, Mittel gegen Bluthochdruck, Lipidsenker, Diuretika, Sedativa, Opiate können chronische Verstopfung auslösen. Dann sollten Sie ggf. die Dosis anpassen und probieren, ob es besser wird. Ansonst empfehlen wir Flohsamen oder andere Ballaststoffe zuführen.
  • Und schließlich bei Pudendudsneuralgie: Bleiben Sie dran.
  • Lassen Sie sich die Freude am Radfahren nicht durch Sitzprobleme verderben.

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