TPU-Schläuche im Test: Die Revolution für Gravel Bikes?

TPU-Schläuche (thermoplastisches Polyurethan) erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Ein bewährtes Schlauch-Setup und Performance fast auf Tubeless-Niveau sind starke Argumente dafür. ROADBIKE-Umfragen zeigen: Eine Mehrheit der Leserinnen und Leser schwört noch immer auf einen Schlauch im Reifen. Grund dafür ist nicht zuletzt die wachsende Verbreitung von TPU-Schläuchen. Denn die "Plastikpellen" aus thermoplastischem Polyurethan rollen fast so schnell wie Tubeless-Set-ups und sind dabei in Kombination mit einem Faltreifen ("Tube Type") sogar leichter. Zudem verlangen sie kaum Umgewöhnung beim Montieren und ersparen das Hantieren mit Dichtmilch - für viele ein wichtiges Argument gegen Tubeless.

Was du über TPU-Schläuche wissen solltest

Um ihrer wachsenden Beliebtheit Rechnung zu tragen, haben wir neun aktuelle TPU-Schläuche im Labor getestet: sechs neue und drei aus dem letzten Test bekannte Modelle (RB 04/23). Das Testfeld lässt sich unterteilen: Da sind die etwas robusteren TPU-Schläuche, die als Allrounder für die Verwendung mit Scheiben- sowie mit Felgenbremsen freigegeben sind. Und es gibt Disc-only-Modelle. Die sind leichter, reizen die Möglichkeiten des Materials voll aus und sind so dünn, dass sie ausschließlich mit Scheibenbremsen genutzt werden dürfen. Die beim Bremsen auf der Felge entstehende Hitze könnte sie zum Platzen bringen.

Zur besseren Einordnung der Ergebnisse haben wir einen klassischen Butylschlauch mitgetestet: den Schwalbe SV 15. Größte Überraschung: Waren beim Test von 2023 noch mit einer Ausnahme alle TPU-Vertreter pannensicherer als der Referenz-Butylschlauch, lässt der diesmal gleich fünf TPU-Vertreter hinter sich - mit einer Ausnahme: die besonders leichten Disc-only-TPU-Schläuche. Erkenntnis: Der immer weiter auf die Spitze getriebene Leichtbau am Schlauch stößt selbst mit dem "Wundermaterial" TPU an technische Grenzen. Allein der Testsieger 2023 von Barbieri schafft es, auch mit seinem Disc-only-Modell pannensicherer als die Butylreferenz zu sein. Deshalb lautet die klare Empfehlung: Wer nicht das allerletzte Gramm herauskitzeln möchte und Wert auf bestmöglichen Pannenschutz legt, greift besser zu einem Allround-TPU-Schlauch.

Wichtige Botschaft an einige Hersteller: Der sicherheitsrelevante Hinweis, ob ein TPU-Schlauch für Felgenbremsen freigegeben ist oder nicht, gehört unmissverständlich auf die Verpackung und den Schlauch selbst. Taucht der Hinweis nur in der Bedienungsanleitung, versteckt in den FAQs auf der Hersteller-Homepage oder gar als missverständliches Piktogramm auf, kann das ins Auge gehen.

Weitere Erkenntnis: Trotz der fast immer gleichen Endnote "sehr gut" unterscheiden sich die Kandidaten nicht unwesentlich. Mal steht der Pannenschutz im Fokus, mal der Rollwiderstand, mal das Gewicht. Deshalb unbedingt mit Blick auf die eigenen Bedürfnisse auswählen! Oder zu den in allen Disziplinen punktenden Testsiegern greifen.

Beim Kauf sollte man auch das Kleingedruckte im Blick halten. Etwa die maximale Reifenbreite: Gleich vier TPU-Modelle sind nicht mit der beliebten Breite 32 kompatibel, sondern decken nur 30 oder gar 28 Millimeter ab. Positiv zu bewerten ist der Nachhaltigkeitsfaktor: TPU lässt sich stofflich recyceln, manche Hersteller bieten Rückgabeservices an. Zudem werden fast alle Testkandidaten in Europa produziert. Und: Defekte lassen sich reparieren, etliche Anbieter legen Flicken-Sets bei.

Testergebnisse im Überblick

Hier eine Zusammenfassung der Testergebnisse einiger Modelle:

Modell Typ Preis*/ Gewicht Reifenbreite** Note
Schwalbe SV 15 Butyl Referenz 9,90 Euro/ 108 g 18-28 mm OHNE WERTUNG
Barbieri NXT Road 65 TPU Allround 17 Euro/ 45 g 23-32 mm SEHR GUT / 82 Punkte
M-Wave Pur Ride TPU Allround 16,90 Euro/ 36 g 18-30 mm GUT / 66 Punkte
Schwalbe Aerothan 2.0 TPU Allround 31,90 Euro/ 52 g 23-32 mm SEHR GUT / 82 Punkte
Tubolito Tubo-Road TPU Allround 24,95 Euro/ 41 g 18-32 mm SEHR GUT/ 76 Punkte
Barbieri NXT Piuma Road 65 TPU Disc Only 18,72 Euro/ 30 g 23-32 mm SEHR GUT/ 86 Punkte
Continental TPU-Schlauch TPU Disc Only 30,95 Euro/ 35 g 25-35 mm SEHR GUT / 78 Punkte
Pirelli P Zero Smartube Evo TPU Disc Only 34,90 Euro/ 36 g 25-28 mm SEHR GUT / 74 Punkte
Revoloop Revo.Race TPU Disc Only 24,95 Euro/ 39 g 23-30 mm SEHR GUT / 80 Punkte
Vittoria Ultra Light Speed TPU Disc Only 29,95 Euro/ 30 g 25-30 mm SEHR GUT / 78 Punkte

* Stückpreis/ UVP des Herstellers
**weitere Größen erhältlich

TPU im Praxistest: Tubolito auf dem Trail

Den Fahrradschlauch getestet haben mein Kollege Michael und ich. Michael fährt gerne Cross Country und All Mountain und ist vom Körperbau mit 85 kg bei 1,94 m schlank und groß. Ich bin mit 1,84 m und 100 kg eher der Typ "Brocken" und bin gerne auf Enduro-Trails unterwegs. So decken wir mit unseren Testkandidaten eine große Bandbreite an MTB-Fahrern ab.

Michael ist die Schläuche mit 1,8-2,2 bar Druck viel auf Cross Country-Strecken gefahren. Ich selber fahre lieber Enduro und fahre deshalb weniger Druck. So war ich mit 1,4 bar Luftdruck vorn und mit 2,0 bar Druck am Hinterrad unterwegs. Auf dem Trail verhalten sich die Schläuche sehr unauffällig. Weder Michael noch ich hatten einen Platten während der insgesamt ca. 400 Testkilometer. In dieser Zeit wurden die Schläuche, in ihren Reifen, über alle möglichen Untergründe gejagt. Dabei waren wir nicht nur auf Feierabendrunden, sondern auf der Aachener Vereinsmeisterschaft im Bikepark und dem 4h Rennen im Hürtgenwald mit tubolitos unterwegs. Egal ob Wurzeln, Steine, Schotter oder sonstige Untergründe, die tubolitos haben die Luft gehalten.

Sind TPU-Schläuche besser als Butyl?

Thermoplastisches PU, das sich bei Hitze verformen lässt und aushärtet, wenn es abkühlt, hat gegenüber dem schwarzen Kautschuk einige Vorteile. Es vereint die Haltbarkeit von Kunststoffen mit der Elastizität von Gummi - was sich im Testlabor von Schwalbe, in dem wir unsere Labormessungen durchführen durften, vor allem im geringen Rollwiderstand niederschlägt. Aber auch das Gewicht spricht klar für TPU-Schläuche. Die leichtesten Exemplare wiegen gerade mal 43 Gramm - ein Hauch von Nichts. Selbst der schwere Aerothan-Schlauch ist noch immer knapp 100 Gramm leichter als ein Standard-Butyl-Schlauch - bei besserem Pannenschutz, wohlgemerkt.

Gerade beim Durchstich schneidet das elastische TPU gut ab. Zumindest in der Praxis schützen die Kunststoffpellen auch bei Durchschlägen besser, als die Laborwerte vermuten lassen. Im Gegensatz zu Butyl entwickelt der Reifen aufgrund der hohen Oberflächenspannung des Materials schon bei niedrigem Druck gute Stabilität. Im Blindversuch konnten zwei von drei Testern TPU-Schläuche nicht von Tubeless unterscheiden, was für den hohen Fahrkomfort dieser Schläuche spricht.

TPU-Schläuche - Schwachpunkte in einigen Punkten

Sind die Weichen für TPU-Schläuche also gestellt? Nicht ganz, denn es gibt auch Kritikpunkte. Das Material verlangt nach extrem hoher Fertigungsqualität. Unsere Messungen bescheinigen den meisten Testkandidaten zwar eine hohe Güte. Abweichungen in der Materialdicke können in der Praxis aber zu plötzlichem Luftverlust führen - auch wir hatten bereits derartige Probleme. Die Montage ist ebenfalls nicht ohne. Einmal zu fest angepumpt, und der Schlauch geht auf wie ein Hefeteig. Danach ist er reif für die Tonne. Was bei den aktuell noch aufgerufenen Preisen besonders schmerzhaft ist. Die aufwendige und kostenintensive Produktion dürfte im Moment wohl noch der Hauptgrund dafür sein, dass der TPU-Zug noch nicht so richtig in Fahrt gekommen ist.

Wie flickt man eigentlich einen TPU-Schlauch? Das alte Butyl-Flickset sollte man dafür auf jeden Fall nicht verwenden. In unserem Tech-Hack zeigen wir, wie die TPU-Reparatur funktioniert.

So haben wir die TPU-Schläuche getestet

Neben zehn TPU-Schläuchen haben wir zum Vergleich einen Latex- sowie einen Standard- und einen leichten Butyl-Schlauch durch das Labor von Ralf Bohle geschleust.

  • Gewicht (25 Prozent): Je geringer die rotierende Masse, desto besser. Gewichtsersparnis ist einer der Hauptgründe, auf Leichtschläuche zu wechseln. Deshalb messen wir diesem Kriterium 25 Prozent der Gesamtnote bei.
  • Rollwiderstand (25 Prozent): Damit der Fokus möglichst auf dem Schlauch liegt, messen wir mit dem leichten Schwalbe G-One Speed Evo ohne zusätzlichen Pannenschutz. Den Rollwiderstand ermitteln wir mit einem Reifendruck von 1,6 bar bei einer Geschwindigkeit von 20 km/h und 50 Kilo Last. Je geringer der Wert, desto besser. Auf zwei Reifen summiert liegen die Unterschiede innerhalb TPU bei rund 5 Watt, was in der Praxis deutlich spürbar ist. Je leichter und geschmeidiger das Material der TPU-Schläuche, desto schneller rollt der Schlauch in der Regel.
  • Pannenschutz (25/25 Prozent): Beim Durchschlagstest fällt ein 14 Kilo schwerer Amboss mit abgerundeter Kante auf den mit 1,6 bar gefüllten Reifen. Je größer die Fallhöhe, bis der Schlauch platzt, desto besser der Pannenschutz. Um den Schutz gegen Durchstiche zu testen, drückt ein Metalldorn mit einer 1‑mm-Spitze so lange gegen den Schlauch, bis ein Loch entsteht. Dabei werden die Kraft und der zurückgelegte Weg gemessen. Hier spielt nicht nur die Materialstärke eine Rolle, sondern auch seine Geschmeidigkeit. So können auch leichte Schläuche gute Werte beim Sticheltest erzielen - siehe Eclipse und Schwalbe.

Das sagen unsere Test-Experten

Peter Nilges, BIKE Test-Chef: Wenig Gewicht und ein hoher Schutz gegen Fremdkörper sprechen für TPU. Zudem haben unsere Fahrtests gezeigt, dass das Fahrgefühl der leichten Schläuche sehr dicht an einem Tubeless-Setup liegt. Und das ganz ohne Dichtmilchsauerei.

Jan Timmermann, BIKE-Testredakteur: Einen TPU-Schlauch nehme ich auf längeren Touren immer mit. In 99 Prozent der Fälle brauche ich ihn nicht und habe nur leichtes Gepäck zu tragen. Nach Hause komme ich damit zur Not immer, im Gelände ist die Haltbarkeit aber endlich.

Stefan Frey, BIKE-Testredakteur: Bis auf die hohen Kosten spricht alles für TPU. Butyl gehört für mich auf die Ersatzbank. Weil Tubeless dank moderner Reifen und Felgen heute aber unkompliziert ist, werde ich auch weiterhin das Schlauchlos-System dem Schlauch vorziehen.

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