Inzwischen sieht man nicht nur überall Fahrradhelme, die Teile sind auch auf dem besten Weg, zum Modeaccessoire zu werden.
Neulich auf dem Radweg an der Berliner Siegessäule rauscht ein junger Mann mit Vollbart auf einem Fixie vorbei. Ganz in Schwarz, und auf dem Kopf trägt er einen dieser Fahrradhelme, die wie eine Mischung aus Reitkappe und angeschnittenem Motorradhelm wirken.
Die Modelle heißen "Abus Metronaut" oder "Casco E. Motion Cruiser" und lassen selbst den biedersten Anzugträger mit Kindersitz hinten drauf aussehen, als käme er aus dem Cockpit eines Kampfflugzeugs.
Designer Guido Maria Kretschmer, bekannt aus Funk und Fernsehen, brachte Fahrradhelme bereits auf die Berliner Fashion Week. Da liefen dann die Models in rauschenden Abendkleidern über den Laufsteg, und auf den Hochsteckfrisuren saßen glitzernde Fahrradhelme, wie Kronen.
Die große Herausforderung sei es gewesen, Fahrradhelme zu schaffen, die man tragen kann, ohne dass man ein anderer Mensch wird, ließ Kretschmer verlauten, "Helme, die zum Look passen."
Es versteht sich von selbst, dass ein solcher Helm schon mal so viel kosten kann wie ein Smartphone. In einer Ausstellung im Wien-Museum der österreichischen Hauptstadt, die sich derzeit unter dem Titel "Chapeau!" mit der Sozialgeschichte der Kopfbedeckung beschäftigt, sieht man sogar das neueste Modell in Gold. Der Fahrradhelm als das Musthave 2016.
Die Entwicklung der Fahrradhelme
1968 beginnt die Geschichte der Fahrradhelme in Deutschland.
Wilfried Trott ist heute 71. Damals, in den 1960ern, war er junger Amateur-Radrennfahrer. Keiner trug einen Helm, allenfalls Sturzriemen aus Leder.
Trotts Vater aber, ein Polizeibeamter, hatte Angst, dass seinen Söhnen auf dem Rad etwas zustößt und entwickelte einen Helm. Das Prinzip: Baustellenhelm.
"Und da sind wir den gefahren als Pioniere. Anfangs wurden wir belächelt, aber ich hab dann viele Radrennen gewonnen und dann wurden die Stimmen leiser. Der Helm war cremeweiß mit einem gelb-roten Rennstreifen in der Mitte. Produziert wurde er bei den Trotts im Keller, und er erlangte sogar Serienreife. Die Hartschale kam vom örtlichen Spielwarenhersteller. Wer wollte, bohrte sich noch Luftlöcher rein. Es war der Beginn der Fahrradhelmgeschichte."
Durchgesetzt hat sich nicht die geschlossene Form des Trott-Helms, sondern sogenannte "In-Mold"-Helme aus Hartschaum, die sich wie ein Geschwulst-Netz um den Kopf legen. Wir kennen sie alle: Sie sind leicht und luftig, man spürt sie kaum.
Die verschiedenen Helmtypen im Überblick
- Hartschalenhelm: Die Helme von MSR und Bell waren diesen Typs. Sie hatten eine harte Kunststoffhülle, um gegen das Eindringen von harten Gegenständen wie Steinen, Ästen usw. gewappnet zu sein.
- Weichschalenhelm: Für eine kurze Zeit in den späten 1980er Jahren wurden Helme mit vergrößerter EPS-Hartschaumhülle hergestellt, die ausschließlich mit dünnem Gewebe überzogen waren. Der erste dieser Helme wurde von Jim Gentes, dem Gründer von Giro auf den Markt gebracht. Dieser entsprach den damaligen Sicherheitsstandards.
- Microschalenhelm: Über die ESP-Schicht wird ein extrem dünner Kunsttoffüberzug gezogen, der das Zerbrechen der Schaumhülle verhindert und eine glatte Oberfläche hat, die auch bei ruppigem Unergrund nicht hängen bleibt und Nackenverletzungen verhindert, da der Kopf bei kleineren Hindernissen nicht ruckartig abgebremst wird.
Fahrradhelme haben sich über die Jahre immer weiter entwickelt. Rennfahrer benutzen die sogenannten Sturzkappen bis es bessere Modelle mit optimiertem Aufprallschutz auf dem Markt erhältlich waren.
Um 1973 herum brachte eine Firma aus Seattle (USA) namens Mountain Safety Research einen modifizierten Bergsporthelm auf den Markt, der ein Stoffnetz an acht verformbaren Klemmen hatte, die Aufpralllschutz versprachen. MSR ergänzte später eine EPS (Expandierter PolyStyrol) Schaumhülle, die zwischen den Netzstreifen verlief. Im Jahr darauf brachte Bell den Bell Biker Helm auf den Markt, der als erster Helm speziell von Grund auf nur für das Fahrradfahren ausgelegt war.
Sicherheitsstandards und Tests
Standards und Testmethoden für Fahrradhelme wurden in den USA durch die American National Standards Institute (ANSI), die Snell Memorial Foundation, die American Society for Testing and Materials (ASTM) un aktuell von der United States consumer Product Safety Commission (CPSC) erstellt.
Statistiken zufolge lassen sich ein Viertel aller Unfallverletzungen bei Radlern vermeiden, wenn sie mit Helm unterwegs sind, besonders die schweren und oft tödlichen Kopfverletzungen.
Die Kontroverse um Helmgesetze und -benutzung
Es gibt eine überhitzte Kontroverse (Helmdiskussion) zwischen Fahrradfahrern und Fahrradanwälten über Helmgesetze und -benutzung. Helmskeptiker sind hauptsächlich Freidenker, die sich gegen Helmgesetze stemmen, und Fahrradfahrer, die Helmgesetzgebungen für gedankenlosen Protektionismus halten. Obwohl Ihre Zahl recht klein ist, fluten sie unerbittlich Blogs und Foren mit Anti-Helm-Botschaften.
Einige Studien zeigen, dass die Fahrradnutzung zurückggeht sobald Helmpflicht gesetzlich eingeführt wird. Weitere Studien zeigen auf, dass auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet, Todesfallraten trotz Helmpflicht nicht zurückgehen.
Man kann feststellen, dass die gesundheitliche Vorteile des Fahrradfahrens diejenigen ausstechen, die durch das Nichttragen eines Helms entstehen. Die Popularität von Fahrradhelmen unterscheidet sich von Land zu Land, je nach Fahrradfahrertypen und Fahrtarten.
Sofern Helmeinsatz nicht weitestgehend üblich und nachhaltig durchgesetzt wird, sind Gesetze weniger erfolgreich als Werbung und Überzeugungsarbeit für das Helmtragen. Deutliche Unterstützung für diese Art Gesetz kommt im wesentlichen von außerhalb der Fahrradgemeinschaft.
Ein Fahrradfahrer, der im Falle eines Unfalls keinen Helm getragen hat, sollte auf keinen Fall vor Gericht eine Teilschuld zugesprochen bekommen.
Helme retten Leben: Eine persönliche Geschichte
Am Wegesrand steht eine weiße Säule, sie wirkt wie eine Installation aus einem Museum. Vor allem Radfahrer halten an und werfen einen Blick auf das vermeintliche Kunstwerk. Was aussieht wie Kunst, ist bei näherem Betrachten jedoch erschreckend: Ausgestellt ist ein zertrümmerter Fahrradhelm. Die linke Seite ist zerbrochen, die Front von Schrammen übersäht.
Verwundert und erschrocken stehen Radfahrer vor der Installation und lesen die Erklärtafel. Der Text darauf erzählt die Geschichte des Helmes, der Stefan Teschke, einem Radfahrer aus Bremen, das Leben rettete.
Stefan war auf dem Rad unterwegs als er von einem Fahrzeug angefahren wurde. Der Unfallhergang ist nicht genau bekannt, da der Fahrer oder die Fahrerin flüchtete. Zwar kann sich der Bremer nicht an den Tag des Unfalls erinnern und auch nicht an die Tage danach.
Eine Aussage macht ihm jedoch klar, was er seinem Lebensretter Fahrradhelm zu verdanken hat. „Der Arzt hat zu mir gesagt: ,Hätten Sie an dem Tag nicht den Helm aufgehabt, wären sie sofort gestorben‘.“
Stefan weiß das wie kaum ein anderer. Das zeigt sich auch an den Reaktionen der Bremer Passanten. Sie merken: Er verkörpert die Botschaft, dass Helme Leben retten können, vollkommen authentisch.
Er ist dankbar, „dass der Helm da war, dass er funktioniert hat und dass ich meine Kinder erleben darf und meine Frau“.
Tabelle: Verkehrsunfälle mit Todesfolge von Radfahrern in Deutschland
| Jahr | Todesfälle | Veränderung zum Vorjahr |
|---|---|---|
| 2018 | 445 | +16,5% |
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