Shimano GRX 600 1x11: Die Gravel-Schaltgruppe im Test

Alle großen Sportrad-Hersteller haben inzwischen Gravelbikes im Programm. Die Breitreifen-Rennräder ermöglichen das Fahren auf Straße, Schotter und Waldwegen gleichermaßen und eröffnen damit völlig neue Möglichkeiten, sich auf dem Rad zu bewegen. Ausgestattet waren die Räder bis vor kurzem mit Rennrad-Schaltgruppen (Shimano 105, Tiagra, Ultegra) oder Mountainbike-Antrieben mit einem Kettenblatt (Sram Apex, Rival, Force). Beides nicht konsequent auf den Gravel-Einsatz ausgerichtet. Diese Lücke möchte Shimano mit seiner GRX-Familie schließen.

Übersicht: Shimano GRX

Folgende Ausführungen sind von der Shimano GRX erhältlich:

  • RX400 mit 2x10 Gängen
  • RX600 mit 2x11 Gängen oder 1x11 Gängen
  • RX810 mit 2x11 Gängen oder 1x11 Gängen
  • RX815 mit 2x11 Gängen oder 1x11 Gängen und elektronischer Schaltung (GRX Di2)

Hydraulische Scheibenbremsen sind bei allen Gruppen Standard.

Shimano kombiniert unter dem Label GRX bewährte Rennrad- und Mountainbike-Technologien zu spezifischen Gravelkomponenten. Erhältlich sind gleich mehrere Versionen: Die neue Shimano GRX kommt wahlweise als elektronische oder mechanische Ausführung, mit 1- oder 2-fach Kurbeln und 10- und 11-fach Schaltwerken. 600 liegen etwa auf Ultegra bzw. 105-Niveau, der 10-fach-Antrieb mit Kürzel 400 entspricht etwa der Shimano-Tiagra-Gruppe. 12-fach - wie die neuen MTB-Gruppen - gibt’s die GRX nicht.

Shimano GRX im Praxistest

Ist die GRX nun eine sinnvolle Ergänzung für die Anforderungen, die das Gravel-Profil stellt? Oder der Versuch, den Offroad-Trend auch mit einer weiteren Neuheit zu bedienen? Beim Losfahren macht sich zunächst das bemerkbar, was man in den Händen hält: die Brems- und Schaltgriffe. Diese unterscheiden sich spürbar von den bekannten Shimano-Griffen der 105er- oder Ultegra-Serie. Der Hebelpunkt liegt etwas versetzt, die Hebel sind leicht nach außen gestellt und ergonomischer geformt; der Bereich für die Handablage ist schön breit und rutschfest.

Das alles sorgt dafür, dass der erste Eindruck von der neuen GRX äußerst positiv ist und sich auch im weiteren Verlauf nicht wandelt. Der Druckpunkt ist hervorragend gewählt, die Bedienkraft ist genau richtig. Da stellt sich eigentlich nur noch die Frage, warum der japanische Hersteller dies nicht auf die Straßengruppen überträgt.

Die hydraulischen Scheibenbremsen - in puncto Performance nicht zu toppen - lassen sich über die Hebel butterweich ansteuern, auch Schaltwerk und Umwerfer führen klaglos alle Befehle von oben aus. Präzision und Performance der Schaltvorgänge liegen auf Niveau der Straßengruppe Shimano 105; mindestens. Wer das Maximum herausholen möchte, kann den Schaltwerk-Stabilisator (Shadow RD+) an- und ausschalten. Dies vermindert das Schlagen und Abfallen der Kette bei ruppigem Untergrund; man sollte nur nicht vergessen, die Funktion vor dem Laufrad-Ausbau wieder zu deaktivieren.

Einfach- oder Zweifach-Antrieb?

Alle, die überwiegend im Gelände unterwegs sind, könnten von der Einfach-Ausführung mit weit abgestufter Kassette profitieren. Wer indes auch auf der Straße und auf gemischten Untergründen unterwegs ist, fährt nach unserer Erfahrung besser mit einem Zweifach-Antrieb. Das Prinzip ist, grob gesagt: Auf der Straße kann man mit dem 46er-Blatt alle leichten An- und Abstiege bewältigen und in den größten Gängen auch mal Gas geben. Sobald man die befestigten Wege verlässt, lässt man die Kette aufs 30er-Blatt fallen und sucht sich den richtigen Gang für Schotter und Erde.

Weiterhin bedient die GRX eine bestimmte Gang-Bandbreite, die auf der Straße oder in besonders schwierigem Gelände an ihre Grenzen stößt.

Details zu den Komponenten

Shimano GRX Kurbel und Umwerfer für mehr Reifenfreiheit

Die Shimano GRX Kurbeln sind speziell für den Gravel-Einsatz konzipiert. Die Kurbel sind etwas breiter und die Kettenlinie wandert um 2,5mm nach außen, um für mehr Reifenfreiheit am Hinterrad zu sorgen. Bis zu 42mm Reifenbreite sind möglich.

Außerdem haben die GRX-Kurbeln eine größeren Übersetzungs-Bandbreite. Die 2-fach GRX Kurbel kommt mit 48-31 Kettenblättern (11-fach) bzw. 46-30 Kettenblättern (10-fach). Das ist ein Unterschied von 17 (bzw. 16) Zähnen zwischen den beiden Kettenblättern.

Shimano GRX Schaltwerk mit verschiedenen Käfiglängen

Um auch hinten an der Kassette möglichst viele Übersetzungen abzudecken, gibt es die elektronischen und mechanischen GRX-Schaltwerke in zwei Käfiglängen. Bis 34 Zähne gibt es ein Schaltwerk mit kurzem Käfig. Wer bis zu 42 Zähne auf dem größten Ritzel nutzen möchte, sollte das GRX Schaltwerk mit langem Käfig wählen.

Die GRX Gruppe kommt übrigens ohne eigenen Kassette und Kette. Stattdessen ist die GRX Schaltung mit Rennrad- und MTB-Kassetten kompatibel. Wer 11-fach schalten möchte, kann Ultegra oder 105er Rennradkassetten oder Deore XT oder SLX MTB-Kassetten verwenden. Die 10-fach GRX-Schaltwerke funktionieren mit Tiagra und Deore Kassetten.

Shimano GRX Schalthebel

Auch die Schalthebel unterscheiden sich in einigen Details von den Brems-Schalthebeln der Rennrad-Gruppen. Um für mehr Bremskraft auf Schotterabfahrten zu sorgen, wurde der Drehpunkt der Bremshebel nach oben versetzt. So erhöht sich die Hebelkraft des Bremshebels.

Außerdem gibt es trotz hydraulischer Bremsleitungen wieder die Möglichkeit, zusätzliche Bremshebel am Oberlenker zu montieren. So kann auch in der Oberlenkerposition gebremst werden. Dies war bisher nur mit mechanischen Bowdenzug-Bremsen möglich.

Für den 1-fach Betrieb gibt es auch spezielle linke Schalthebel - entweder mit starrem Bremshebel ohne interne Mechanik oder, wie bekannt, mit nach innen schwenkendem Bremshebel, an dem ein Zug für eine absenkbare Sattelstütze eingehängt werden kann.

Shimano GRX Bremsen und Laufräder

Die GRX Gruppe gibt es nur mit hydraulischen Scheibenbremsen geben. Wie alle anderen Rennrad-Scheibenbremsen von Shimano werden diese per Flatmount-Standard montiert.

Komplettiert wird das Shimano GRX-Sortiment mit zwei Alu-Laufradsätzen. Die GRX-Laufräder sind Tubeless ready, kommen mit 21,6mm Maulweite und in den Größen 28 Zoll und 650B.

Die mechanische Shimano GRX im Praxistest

ROADBIKE stand ein Testrad mit Shimanos GRX-Schaltgruppe zur Verfügung, die Komponenten aller drei Preisklassen mischt - Schaltwerk auf 800er-Ebene, Kurbel und Bremsschaltgriffe auf 600er-Niveau und Scheibenbremsen aus der 400er-Linie, dazu die MTB-Kassette der SLX-Gruppe und gruppen-übergreifende Kette, Innenlager, Bremsscheiben und Züge/Leitungen. Hier zeigt sich: Wie von den Straßengruppen bekannt, sind viele Teile untereinander kompatibel, sodass sich die eigene Gruppe gemäß individuellen Präferenzen, Fahrerprofil und Brieftaschengröße zusammenzustellen lässt.

Im Fahreindruck überzeugte die mechanische Gruppe: Im Praxistest gab es kein Kettenschlagen, keine -abwürfe, -klemmer oder anderen Probleme. Im Gegenteil: Der Antrieb arbeitete präzise, geräuscharm - und schaltete etwas knackiger als die gewohnten Straßenkomponenten. Was die Übersetzung angeht, fühlt sich die Einfach-GRX "offroad" wohler, da dort die teils großen Gangsprünge weniger stören und auch die Bandbreite ausreicht. Auf Asphalt müssen die Beine bei einer 40/11-Übersetzung ab ca. 45 km/h schon ganz schön wirbeln … 12-fach-Antriebe, wie sie Shimanos Mitbewerber für Straße und/oder MTB anbieten, haben hier etwas mehr zu bieten.

Gut dosierbar, auf Schotter aber fast etwas bissig zeigten sich die hydraulischen Bremsen. Sehr positiv fielen die Schaltbremsgriffe auf: Sie sind deutlich breiter und bieten mehr Auflagefläche für die Finger. Zudem wurde die Oberfläche der Hebel leicht "gummiert", um ein Abrutschen zu vermeiden - sinnvoll, um kontrolliertes Bremsen auf holprigem Untergrund zu erleichtern, da waren sich alle RB-Tester einig.

Die gemischte Testgruppe aus 800er, 600er, 400er und gruppen-unspezifischen Komponenten bringt es laut RB-Messung mit Einfach-Kurbel, 40er Kettenblatt, 11-40er-Kassette und 11-fach-Hebeln und -Schaltwerk auf 3034 Gramm. Addiert man alle Zirka-Preise des deutschen Importeurs, würde diese Zusammenstellung 979 Euro kosten.

Die elektrische GRX Di2 im Dauertest

Knapp 2500 Kilometer hat die GRX-Di2-Gruppe im RB-Dauertest abgespult, teils unter widrigsten Bedingungen. Und damit genug für einen Testbericht, der fast durchweg positiv ausfällt.

Die gute Nachricht für alle Traditionalisten vorab: Shimano bietet auch im Gravel-Segment weiterhin eine Zweifachkurbel an, mit Offroad-tauglicher Abstufung (48/31) und somit einem ungewöhnlich großen 17-Zähne-Sprung. Ob das funktioniert? Ja, und zwar absolut problemlos. Im Dauertest gab es nicht einen Kettenklemmer oder -abwurf! Mit stoischer Präzision wuchtet der Umwerfer die Kette hin- und her - maximal verlässlich, untermalt vom typischen Geräusch des E-Motors. Kein Grund also, auf "Zweifach" im Gelände zu verzichten.

Die Bandbreite im Zusammenspiel mit einer 11-34-Kassette überzeugte, die Abstufung ist feiner als bei jedem Einfach-Ensemble, obwohl Shimano noch immer auf elf Ritzel setzt und nicht, wie bei den MTB-Top-Gruppen, auf deren zwölf. Auch das Schaltwerk funktionierte stets geschmeidig und präzise, Kettenschlagen unterbindet es verlässlich. Zwei kapitale Stürze kratzten etwas am Lack von Hebel und Schaltwerk, der Funktion tat das keinen Abbruch.

Die Bremse lässt sich auch mit einem Finger bedienen, gerade wenn’s offroad mal ruppiger zur Sache geht, eine feine Sache - weil der Fahrer den Lenker fest im Griff behalten kann.

Der Verschleiß hält sich nach der relativ kurzen Laufzeit erwartungsgemäß in engen Grenzen: Die Bremsbeläge haben noch rund die Hälfte ihrer ursprünglichen Stärke, Kettenblätter und Kassette sehen noch sehr gut aus. Nur die Kette nähert sich der Verschleißgrenze und sollte getauscht werden. Eine Akkuladung hielt auch im Winter weit über 1000 Kilometer - genug selbst für ausgedehnte Gravel-Abenteuer.

Shimano GRX Di2 - Das Wichtigste in Kürze

Shimano macht mit der neuen GRX Di2 vieles richtig. Technisch ist sie auf der Höhe der Zeit und funktional ohne Tadel. Doch neue Akzente fürs Gravelbike, wie man sie von einem High-End-Produkt erwarten könnte, setzt die Gruppe nicht. Das schmale Angebot an Übersetzungen ist auf die breite Masse zugeschnitten, wird jedoch der wachsenden Vielfalt in der Gravel-Welt nicht gerecht. Vor allem die fehlende Option, mit nur einem Kettenblatt fahren zu können, dürfte viele Interessenten stören.

Konkurrenz durch SRAM und Campagnolo

Die Antriebe ohne Umwerfer wurden durch SRAM vor allem an Gravelrädern populär - die Amerikaner erreichten bei hochpreisigen Bikes eine beachtliche Marktpräsenz, die Shimano eigentlich stören müsste. Campagnolo setzte noch eins drauf und stellte 2020 die Ekar vor, die zwar nicht elektronisch schaltet, aber mit 13 Ritzeln das bislang kompletteste Einfach-Getriebe fürs Gelände darstellt. Da konnte Shimano nicht mithalten: Als 1x11-Gruppe war die GRX ein eher schlechter Kompromiss, als preiswerte 1x10 im Gelände annähernd unbrauchbar, weil die Übersetzungsbandbreite zu schmal ist.

Alternativen: Mullet-Schaltungen

Als Mullet-Schaltungen werden Schaltungskombinationen bezeichnet, die Road-Schalt-/Bremshebel mit MTB-Schaltkörpern kombinieren, um so die Übersetzungsbreite eines MTB zu nutzen, dabei aber ein „Breitreifen-Rennrad“ fahren zu können.

Bei Mullet steht man vor einer großen Herausforderung: Leider kann man bei 11fach und 12fach Schaltungen nicht mehr MTB-Gruppen mit Road-Gruppen eines Herstellers beliebig kombinieren. Das hat meist mit den jeweiligen Federweg Schaltzug-Längen zu tun.

Tabelle: Shimano GRX vs. SRAM Apex

Merkmal Shimano GRX SRAM Apex
Kurbel Zweifach-Kurbel Einfach-Kettenblatt
Schaltung Mechanisch Elektronisch (AXS) oder Mechanisch
Anzahl Ritzel 12 12
Bedienung Bowdenzüge Funk (AXS)
Zielgruppe Reiseradler, Pendler Gravelbike-Neulinge

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