Shimano 3x10 auf 1x12 Umrüsten – Eine Anleitung

Aktuelle Mountainbikes sind nahezu alle für 1x12-Schaltungen ausgelegt, aber auch an betagteren Modellen lassen sich die aktuellen Schaltgruppen nachrüsten. So oder so sollten Sie aber ein paar Dinge beachten.

Warum 1x12 Gänge?

Als US-Gigant Sram mit seiner "One-by-Philosophie" und ursprünglich nur 1x11 Gängen marktschreierisch das Ende des Umwerfers einläutete, ließ MOUNTAINBIKE keine Gelegenheit aus, die fehlende Gangbandbreite zu monieren. Dem Gros unserer Leser empfahlen wir lieber Shimanos 2x11-Gängemenü. Erst mit Einführung von Srams Eagle-Gruppen mit 1x12 Gängen wendete sich buchstäblich das Blatt. Deren 10-52-Zähne-Kassetten bieten seitdem genug Bandbreite für jeden Biker: vom Einsteiger bis zum Olympiasieger.

Inzwischen hat Shimano nachgezogen. Die drei Topgruppen SLX, XT und XTR offerieren nun auch 12 Ritzel an der Kassette, und das mit 10-51 Zähnen. Auch die günstigeren Schaltgruppen SLX und Deore sind nun mit 1x12-Technologie zu haben. Um die Tradition zu bewahren, bieten die Japaner zwar auch 2x12-Varianten an, die Nachfrage bei den Erstausrüstern, also den Bike-Herstellern, ist jedoch gleich null.

Kein Wunder, seit zwei, drei Jahren werden neue Bikes konsequent auf 1-fach-Kurbeln hin entwickelt. Der Wegfall des Umwerfers erlaubt mehr Spielraum in jeglicher Hinsicht: für eine optimierte Kinematik, für mehr Reifenfreiheit und/oder kürzere Kettenstreben, für eine organischere Optik.

Reicht die Bandbreite an 1x12-Schaltungen?

Srams Eagle-Gruppen ab GX aufwärts bieten bis zu 520 Prozent Bandbreite, Shimanos 1x12-Gruppen 510 Prozent. Das entspricht in etwa einer Shimano-2x11-Gruppe mit 36/26er-Kettenblatt und 11-40er-Kassette (503 Prozent) und übertrifft die ersten Sram-1x11-Gruppen um Welten (420 Prozent). Absolut top wäre eine - quasi nie verbaute - 3x11-Gruppe mit 661 Prozent.

Alles von 500 Prozent Bandbreite ausgehend reicht für nahezu jede erdenkliche Art seriösen Geländeradsports aus! Das heißt, dass der kleinste Gang klein genug für Klettereien ist, der größte dick genug fürs Tempobolzen in der Ebene. Die Feinabstimmung ist bei 1-fach-Antrieben abhängig von der Kettenblattgröße.

Welches Kettenblatt brauche ich?

Das kommt auf die Topografie des "Heimatgeländes" und die eigene Fitness an. Motto: Je steiler die Umgebung und/oder je dünner die Wadeln, desto kleiner das Kettenblatt. Unsere Empfehlung für durchschnittlich trainierte Biker: im Flachland 34er- oder 36er-Blatt, im Mittelgebirge 32er oder 34er, in den Alpen 30er oder 32er.

Die Vorteile von 1x12-Schaltungen

  • Es fallen bei 1x12 zwei große Bauteile weg, der Umwerfer und der linke Schalthebel. Dazu der Innen- und Außenzug.
  • Alles, was nicht am Bike ist, wiegt nix, das kostet nix, das verschleißt nicht, das geht nicht kaputt und das kann nicht falsch bedient werden.
  • Gewichtsersparnis, aber auch eine simplere, logischere Bedienung.
  • Verschalter, Kettenklemmer und -abwürfe gibt es mit einer gut eingestellten 1x12-Schaltung schlicht nicht.
  • Die aufgeräumtere Optik durch den Wegfall des zweiten Schaltzuges.
  • Geringerer Verschleiß.

Muss man bei 2x11 im Mittel nach 1500 km die Kette wechseln, hält eine hochwertige Kette im 1x12-Betrieb mindestens doppelt so lange! Kassetten und Kettenblätter fahren wir an unseren 1x12-Dauertest-Bikes sogar inzwischen mit fast 10 000 km - früher undenkbar! Das liegt daran, dass die größten Stressoren des Antriebs wegfallen: keine Verschalter, keine (extrem belastenden!) Bewegungen der Kette via Umwerfer, weniger Dreck im System.

Kann ich auch ein altes (26"-) Bike umrüsten? Wie war das mit dem Freilauf?

Es lässt sich prinzipiell jedes Bike ab Anfang/Mitte der 90er Jahre umrüsten! Voraussetzung ist nur ein BSA-Tretlagergehäuse (Pressfit, BB30 etc. bei neueren Bikes gehen natürlich auch), damit die aktuellen Innenlager passen und im Idealfall ein aktueller Standardfreilauf.

Apropos Freilauf:

Auf den Standardfreilauf, der einst für 8-fach entwickelt wurde, passen keine 12-fach-Kassetten mit kleinem 10er-Ritzel. Um diese Kassetten (Shimano SLX, XT, SLX; Sram GX Eagle, X01 Eagle, XX1 Eagle) zu nutzen, müssen Sie das Laufrad auf den "XD-Body" (Sram) oder den "Micro-Spline"-Freilauf (Shimano) umrüsten. Ist dies nicht möglich oder zu teuer, gibt es auch Lösungen, perfekt bei Sram: Die Kassetten der preiswerten NX- und SX-Eagle-Gruppen passen auf den alten Freilauf! Dafür bieten sie als kleinstes Ritzel "nur" ein 11er, und sie sind relativ schwer. Dazu gibt es noch Fremdanbieter wie Sunrace oder Now8, die 12-fach-Kassetten für den Standardfreilauf anbieten. Diese funktionieren mit Shimano wie mit Sram, bieten aber unter Umständen nicht die optimale Schaltqualität und Haltbarkeit.

Shimano Micro Spline: Der noch junge Shimano-Standard ist einzig für die Shimano-12-fach-Kassetten der Güteklassen Deore, SLX, XT und XTR. (Noch) nicht alle Naben-Hersteller bieten Micro Spline an

Sram XD-Body: Den XD-Freilauf brachte Sram zu 1x11-Zeiten, um Platz für das 10er-Ritzel zu schaffen. Da Sram den Standard „offen“ ließ, gibt es eine riesige Auswahl. Auch Dritthersteller von Kassetten nutzen XD.

Standardfreilauf: Der auch auf dem Bild in die Jahre gekommene Standardfreilauf (ab 8-fach) nimmt dennoch 12-fach-Kassetten auf. Etwa von Sram (SX/NX) und Drittanbietern. Das kleinste Ritzel ist auf 11 Zähne beschränkt.

Kann ich meine alte Kurbel weiter nutzen?

Wer ein älteres Bike auf 1x12 umrüsten will, kann unter Umständen ein paar Euro sparen. Nämlich dann, wenn der Umstieg von einer betagteren Sram-Gruppe auf neue Sram-Eagle-Parts erfolgen soll. So besitzt etwa die 2-fach-Kurbel auf dem Bild (X0 Carbon) denselben Kettenblatt-Montagestandard wie die aktuellen Modelle. In so einem Fall können Sie einfach den alten Spider mit 2-fach-Kettenblatt demontieren und durch ein Eagle-Blatt ersetzen. Netter Nebeneffekt: Die alten Kurbeln sind teils sogar etwas eleganter, schlanker gebaut als neuere Modelle. Achten Sie aber auf den korrekten Versatz des Kettenblattes.

Boost

Erst hatten die Hinterbauten bzw. die Achsen 135 mm Einbaubreite, dann 142 mm, jetzt 148 mm. Letzteres ist als "Boost"-Standard bekannt ( "Super Boost" mit 157 mm gibt es auch schon). Da diese zusätzlichen Millimeter der Antriebsseite aufgeschlagen wurden, steht die Kassette und damit die Kettenlinie weiter rechts als früher. Was bedeutet, dass die Kurbel dazu passen muss. Sram und viele Dritthersteller regeln das über den Versatz des Kettenblatts: Das Boost-konforme Blatt hat einen Offset von 3 mm, das Non-BoostBlatt 6 mm. Shimano bietet hingegen diverse Kurbeln an. Die Modelle mit einer "2" als dritter Ziffer (z. B. FC-M6120 bei der neuen Deore) haben eine Kettenlinie von 52 mm und passen laut Shimano für 142-mm- wie für Boost-Hinterbauten. Die Modelle mit einer "0" mit 55-mm-Kettenlinie sind nur für Boost.

Sowohl Sram-Eagle-Schaltwerke als auch die neuen 12-fach-Modelle von Shimano benötigen zur Befestigung ein normales Schaltauge, Shimanos erst vor wenigen Jahren eingeführter "Direct-Mount"-Standard hat bereits wieder ausgedient.

Darf ich SRAM und Shimano vermischen?

Srams Schalthebel steuern das Schaltwerk mit 1:1-Übersetzung des Hebelweges an, bei Shimano gilt 2:1. Hebel und Schaltwerk müssen also zusammenpassen! Auf den Sram-"X-Sync-2"-Blättern findet zudem nur eine Sram-12-fach-Kette ihren Sitz. Umgekehrt würde eine Sram-Kette auf einer Shimano-Kurbel funktionieren, auch die Kassetten wären in der Theorie kompatibel. In der Praxis macht das keinen Sinn: Schaltqualität und die Haltbarkeit leiden unter so einem Mix spürbar.

Innerhalb der US- und Japan-12-fach-Welten ist aber alles auf- und abwärtskompatibel. Zwar rät Shimano traditionell dazu, die Komponenten "gruppenrein" ans Bike zu schrauben, da diese aufeinander abgestimmt seien - in der Praxis ist das aber nicht spürbar. Sram hingegen propagiert den Mix ausdrücklich und preist sein "Eagle-Ecosystem" an.

Was kostet SRAM und Shimano?

Srams Einstiegsgruppe NX Eagle gibt es komplett im Internet schon ab rund 270 Euro. Für die wertigere, leichtere GX-Eagle-Gruppe sind 100 Euro mehr fällig, dazu kommt ggf. der Umbau auf den XD-Freilauf, den die GX-Kassette benötigt. Der für uns von Sram zusammengestellte "Ideal-Mix" für ältere Bikes würde im Onlineshop rund 410 Euro kosten.

Mit der eleganten SLX-1x12-Gruppe glückt der Einstieg bei Shimano auch schon ab circa 275 Euro im Internet-Handel. Dazu kommt der benötigte Micro-Spline-Freilaufkörper, der für eine DT-Swiss-Nabe zum Beispiel rund 50 Euro kostet.

Gibt es alternativen zu Shimano und SRAM?

Zwar hat die Newcomer-Firma Box ihr 12-fach-Projekt eingestellt und bietet stattdessen nun eine 1x9-Gruppe mit 455 Prozent Band- breite an, dafür gibt es ein spannendes Upgrade-Kit von E*thirteen. Das kostet online schlanke 250 Euro und wartet mit einer 9-46er-Kassette mit satten 511 Prozent Bandbreite auf. Benötigt wird eine "alte" Sram-1x11-Schaltung, die mit Hilfe diverser Schräubchen passend umgebaut wird. Dazu gibt es, wie bereits geschrieben, diverse Anbieter für Ketten und Kassetten, aber auch für Kurbeln und Kettenblätter.

Anleitung zur Umrüstung

Im Folgenden wird eine detaillierte Anleitung zur Umrüstung auf eine 1x12 Schaltung gegeben:

1. Komponentenwahl

  • Schalthebel: Um die optimale Schaltperformance zu erreichen, sollte der gleiche Hersteller gewählt werden, wie beim Schaltwerk.
  • Schaltwerk: Je nach Bandbreite der gewählte Kassette ist darauf zu achten, die richtige Länge des Schaltwerkskäfigs (bei Shimano meist SGS) zu wählen. Das Schaltwerk sollte vom gleichen Hersteller sein, wie der Schalthebel.
  • Kassette: Die Wahl der richtigen Kassette hängt bei Umbauten auf 1x12 hauptsächlich vom vorhandenen Freilauf ab.
  • Kette: Wichtig ist, auf die Bezeichnung 12-Fach zu achten. Den gleichen Hersteller wie bei der Kassette zu wählen ist empfehlenswert, aber kein Muss.
  • Kettenblatt: Die eleganteste Lösung bietet ein Kettenblatt mit der sogenannten Narrow-Wide-Verzahnung. Diese gibt es in Rund oder Oval und es wird kein Kettenspanner benötigt.

2. Demontage der alten Komponenten

  • Entfernen Sie die alte Kette.
  • Demontieren Sie die Kurbel.
  • Entfernen Sie den vorderen Umwerfer und den Schalthebel.
  • Bauen Sie das Laufrad aus dem Rahmen aus.
  • Entfernen Sie den alten Zahnkranz.

3. Montage der neuen Komponenten

  • Montieren Sie das neue Kettenblatt an der Kurbel.
  • Bauen Sie die Kurbel wieder ein.
  • Montieren Sie den neuen Zahnkranz.
  • Ziehen Sie die neue Kette auf und passen Sie die Länge an.

4. Einstellung der Schaltung

  • Stellen Sie die äußeren und inneren Anschläge ein.
  • Passen Sie die Zugspannung an.

Vor- und Nachteile der Umrüstung

Vorteile:

  • Weniger Gewicht.
  • Aufgeräumtes Cockpit.
  • Sportlicheres Schaltverhalten.
  • Einfachere Bedienung.

Nachteile:

  • Kostenfaktor (Verschleißteile sind teurer).
  • Empfindlicher gegen Schmutz.

Zusätzliche Tipps

  • Achten Sie auf die Kompatibilität der Komponenten.
  • Verwenden Sie das richtige Werkzeug.
  • Reinigen und fetten Sie die Komponenten vor der Montage.

Tabelle der Komponenten und Preise

Komponente SRAM (NX Eagle) Shimano (SLX) E*thirteen Upgrade-Kit
Komplette Gruppe ~270 Euro ~275 Euro ~250 Euro
Freilaufkörper XD-Freilauf (optional) Micro-Spline (optional) -
Zusätzliche Kosten Umbau auf XD-Freilauf Micro-Spline Freilaufkörper -

Verwandte Beiträge:

Kommentar schreiben

Kommentare: 0