Ein großer Teil der Rennradfahrer bevorzugt heutzutage Scheibenbremsen. Doch welches System ist das beste? Dieser Artikel vergleicht die wichtigsten Modelle von Shimano, Sram und Campagnolo, um Ihnen bei der Auswahl der optimalen Bremsscheibe zu helfen.
Testmethoden
Alle Bremsanlagen wurden auf einem Scheibenbremsenprüfstand des Schweizer Bremsenspezialisten Swiss Stop getestet. Dabei wurden Hebel, Bremssattel samt Belägen und Bremsscheibe "gruppenrein" montiert. Per Hydraulik wurde am Bremshebel gezogen und eine definierte Handkraft in Newton auf die Bremsanlage gegeben. Die Grundbelastung des Systems betrug einheitlich 100 Kilogramm. Vor jedem Testdurchlauf wurde die Bremsanlage mit einem standardisierten Verfahren eingebremst.
Besonders interessant waren die Bremskraft trocken und nass bei definierter Handkraft, Bremsweg und Hitzeresistenz bei einem Belastungstest sowie der Belagverschleiß. Alle Bremsanlagen durchliefen das identische Testprotokoll.
Bremskrafttest
Der Test ermittelt, wie viel Bremskraft die getesteten Bremsen bei identischer Handkraft entwickeln, sowohl bei trockenen als auch bei nassen Bedingungen. Der Test orientiert sich an der ISO-Norm 4210-2 Teil 4. Nach dem Einbremsen folgen sechs "trockene" Durchläufe, wobei die Handkraft jeweils gesteigert wird (20, 40, 60 Newton). Anschließend folgen drei Messungen, bei denen die Bremsanlage kontinuierlich mit Wasser benetzt wird. Auch hier steigert sich die Handkraft während aller drei Durchläufe, ist allerdings mit 12, 14 und 16 Newton geringer, um möglichst genaue Messergebnisse zu gewährleisten. Bei allen Tests beträgt die Prüfgeschwindigkeit 12,5 km/h.
Belastungstest
Der Test ermittelt, wie die verschiedenen Bremssysteme und ihre einzelnen Komponenten auf große Bremshitze reagieren. In drei Durchläufen wird jeweils viermal von 60 km/h bis zum Stillstand heruntergebremst. Die Handkraft beträgt dabei nacheinander 20, 40, 60 und 80 Newton. Gemessen wird die Strecke in Metern, die bis zum Stillstand benötigt werden. Anschließend werden die einzelnen Komponenten untersucht, insbesondere die Bremsscheiben und die Beläge.
Belagverschleiss
Durch Wiegen der Bremsbeläge wird erfasst, wie stark die einzelnen Tests die Beläge verschleißen. Dafür werden für die Bremskraft- und Belastungstests jeweils fabrikneue Beläge verwendet, die vorher und nachher gewogen werden. Der Masseverlust, der bei den Messungen festgestellt und in Prozent umgerechnet wird, beziffert ausschließlich den Belagverschleiß.
Wie realitätsnah sind die Tests?
Der Bremskrafttest folgt internationalen Prüfnormen. Die Handkraft von 20, 40 und 60 Newton trifft dabei eine goldene Mitte: Laut Swiss Stop wirken bei "normalen" Bremsmanövern 20 bis 30 Newton, 60 Newton simulieren ein starkes Verzögern. In Notsituationen bremst man schon mal mit bis zu 100 Newton. Beim Belastungstest entsteht sehr große Hitze im Bremssystem. Wer "richtig" bremst, also eher kurz und hart statt dauerhaft und schleifend, und der Bremse so immer wieder Zeit gibt, abzukühlen, dürfte solche Temperaturen in der Praxis nicht erreichen.
Ergebnisse im Detail
Bremskraft im Trockenen
Sowohl Shimanos Ultegra- als auch Srams Force- und Campagnolos Chorus-Scheibenbremsanlagen überzeugen im Trockenen. Mit vergleichsweise geringer Handkraft lässt sich eine starke Bremskraft aufbauen. Die Shimano-Disc liefert bei geringer Handkraft die größte Bremskraft, baut diese aber im Vergleich zur Konkurrenz weniger stark weiter auf. Bei Sram hingegen nimmt die Bremskraft deutlich stärker zu, je fester man am Bremshebel zieht und je wärmer die Bremsanlage wird. Das Campagnolo-Modell liegt zwischen den beiden Polen.
Bremskraft bei Nässe
Bei Nässe bietet Shimano bei geringen Handkräften deutlich die höchste Bremsleistung. Sram lässt beim Nässetest insbesondere bei der ersten Messung mit zwölf Newton Federn, aufgrund der starken Zunahme der Bremskraft lässt sich aber auch hier ein deutlich progressiverer Anstieg erwarten. Campagnolo überrascht mit vergleichsweise schwachen Werten und verlangt zum Verzögern im Nassen deutlich mehr Handkraft als die Modelle der Konkurrenz.
Bremsweg von 60 km/h auf 0
Campagnolo und Sram liegen quasi gleichauf und bremsen auch bei zunehmender Hitze im System verlässlich. Anders die Ultegra-Bremsanlage von Shimano: Bei 20 Newton Handkraft noch Primus mit dem kürzesten Bremsweg, kann das System die Performance nicht über alle Testbremsungen hinweg halten. Zwischenzeitlich wird der Bremsweg sogar wieder länger. Im Umkehrschluss bedeutet das: Die Shimano-Anlage bremst zwar unmittelbar am stärksten, verlangt aber zwischen starken Bremsungen am meisten Zeit zum Abkühlen.
Belastungstests
Die Bremsscheiben von Sram verkraften die Belastungstests am besten. Nicht nur, dass die Bremsen der US-Amerikaner in der Addition aller vier Testbremsungen den kürzesten Bremsweg aufweisen - bei Testende stehen auch die Bremsscheiben, die phasenweise rot glühten, wie eine Eins und könnten problemlos weiterverwendet werden. Auch beim Belagverschleiß braucht sich Sram im Vergleich nicht zu verstecken. Mit gewissen Abstrichen gilt das auch für Campagnolo. Hier trägt die Bremsscheibe bei großer Hitze einen leichten Höhenschlag davon, bleibt aber nutzbar. Das größte Sorgenkind ist Shimanos IceTech-Scheibe: Deren Aluminiumkern schmolz beim (extremen) Belastungstest, die Bremsbeläge sind danach vollständig verschlissen.
Die gute Nachricht: Auch hier kommt das Rennrad jederzeit sicher zum Stehen, und in der Praxis müssten Shimano-Nutzer für ein solches Schadensbild ungünstige Voraussetzungen mit Fehlbedienung kombinieren - zum Beispiel bei hohem Systemgewicht aus Mensch, Rad, Ausrüstung/Beladung auf steiler Abfahrt hinter einem langsam fahrenden "Hindernis" und mit dauerhaft schleifenden Bremsen.
Belagverschleiss
Shimanos organische Resin-Beläge L03A verschleißen im Vergleich zur Konkurrenz schneller. Am deutlichsten zeigte sich dies bei den Belastungstests: Während man mit den ebenfalls organischen Disc-Belägen von Sram und Campagnolo trotz großer Belastung noch problemlos weiterfahren könnte, sind die Shimano-Beläge vollständig runtergebremst - bis auf die Trägerplatte. Aber auch im "Normalbetrieb" zeigen die Shimano-Beläge den höchsten Verschleiß. Interessant: Srams Beläge stecken die zahlreichen Bremsungen des simulierten "Normalbetriebs" am besten weg, bei den harten Bremsmanövern des Belastungstests steigt der Verschleiß hingegen deutlich an. Bei Campagnolo ist es genau umgekehrt.
Übertragbarkeit auf andere Modelle
Bis zu einem gewissen Maß sind die Ergebnisse übertragbar. Bei Sram basieren die aktuellen Bremssättel von Red und Force eTap AXS sowie dem S-900 Aero HRD-Modell auf dem identischen, zweiteiligen Körper. Bei Shimano unterscheiden sich Dura-Ace und Ultegra-Bremsen geringfügig. Die Beläge sind sogar auch bei Shimanos 105 Standard. Noch einfacher lassen sich die vorliegenden Testergebnisse bei Campagnolo übertragen, denn laut Aussage der Italiener teilen sich weiterhin alle Gruppen von Ekar über Chorus bis hinauf zur Super Record die identische Bremsanlage.
Shimano Bremsscheiben im Vergleich (2025)
Hier ist eine Übersicht der besten Shimano-Bremsscheiben im Vergleich:
| Modell | Befestigung | Bremswirkung | Vorteile | Nachteile |
|---|---|---|---|---|
| Shimano SMRT70L | Centerlock | Besonders gut | Besonders leicht, starke Bremsleistung, bessere Wärmeabstrahlung | Laufen bei sehr hoher Belastung an |
| Shimano IRTMT800SI RT-MT800 | Centerlock | Sehr gut | Aus rostfreiem Edelstahl, Verschlussring: Innenverzahnung, besonders leicht | Keine besonders gute Bremswirkung |
| Shimano RT-EM600 | Centerlock | Sehr gut | Besonders einfache Montage, aus rostfreiem Edelstahl, mit Magnet für Shimano Steps Geschwindigkeitssensor | Hohes Eigengewicht, keine besonders gute Bremswirkung |
| Shimano RTMT900L | Centerlock | Sehr gut | Aus rostfreiem Edelstahl, einfache Montage | Hohes Eigengewicht, keine besonders gute Bremswirkung |
| Shimano SM-RT86M2 | 6-Loch | Sehr gut | Aus rostfreiem Edelstahl, besonders leicht | Kein Centerlock, keine besonders gute Bremswirkung |
| Shimano SMRT64M | Centerlock | Sehr gut | Aus rostfreiem Edelstahl, einfache Handhabung und Bedienung | Keine besonders gute Bremswirkung |
| Shimano SM-RT10M | Centerlock | Sehr gut | Besonders einfache Montage, aus rostfreiem Edelstahl | Hohes Eigengewicht, nicht mit Metallbelägen kompatibel |
| Shimano SM-RT56S | 6-Loch | - | - | - |
Die beiden am weitesten verbreiteten Montagestandards von Bremsscheiben sind 6-Loch und Center-Lock. Nahezu jeder Naben- und Bremsenhersteller bietet 6-Loch- und Center-Lock-Aufnahmen und -Bremsscheiben in allen Preissegmenten an. Bei Kompletträdern überwiegt im Rennrad- und Gravelbike-Bereich Center-Lock, im Mountainbike-Segment sind beide Standards häufig vertreten.
Die Systeme sind nicht per se miteinander kompatibel. An Deine 6-Loch-Nabe passt ohne weiteres nur eine 6-Loch-Bremsscheibe und an Deine Center-Lock-Nabe nur eine Center-Lock-Bremsscheibe. Allerdings gibt es Adapter, um 6-Loch-Scheiben an Center-Lock-Naben zu montieren. Die Montage eines solchen Adapters geht mit den erforderlichen Werkzeugen schnell und einfach. Umgekehrt, also von einer 6-Loch-Nabe auf eine Center-Lock-Bremsscheibe, gibt es keine einfache Lösung.
Sicherung der Bremsscheiben
Beide Systeme sind sehr gut gesichert: Die Schrauben einer 6-Loch-Scheibe werden über Schraubensicherung vor einem Herausdrehen geschützt. Bei Shimano gibt es sogar zusätzliche Sicherungsplättchen, die verhindern, dass sich die Schrauben durch Vibrationen lösen. Solltest Du die Bremsscheibe demontieren, zum Beispiel für eine Reise, empfehlen wir die Schraubensicherung zu erneuern, bevor Du die Bremsscheibe wieder montierst.
Bei Center-Lock gibt es direkt eingebaute, herstellerabhängige Sicherungsmechanismen. Damit diese funktionieren können, ist das korrekte Anzugsmoment unerlässlich. Tipp: Prüfe in regelmäßigen Abständen das korrekte Anzugsmoment Deines Lockrings oder Deiner Schrauben, damit alles dort bleibt, wo es sein soll.
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